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Release Gestöber 17 (Justin Townes Earle, Great Lake Swimmers, Xiu Xiu, Speech Debelle)

Manchmal erinnert mich die ganze Musikpromotion ein wenig an marketenderisches Geschrei, das die überreifeste Banane zur kostenlosen Verkostung feilbietet. Oder an nen Metzger, welcher für sein Qualitätswurst wirbt, indem er mit Wurstenden für die Delikatesse wirbt. So stellt sich mitunter der erste Vorgeschmack auf ein neues Album entweder als ganz nahe am Abfallprodukt vorbeischrammendes Etwas heraus oder entpuppt sich als auf der Zunge zergehendes Glanzlicht, das den Rest des Albums später recht mickrig aussehen lässt. Wenn wir uns also heute ein paar Hörproben gönnen, dann auch unter dem Vorbehalt, dass man daraus nicht zwangsläufig ein Urteil ableiten kann. Eher schon aus dem bisherigen Werk eines Künstlers oder einer Band. Denn die Liebe zu jenen erfährt mit jedem neuem Album, jeder Tour eine Bestätigung. Es scheint wie eine Ehe. Wenn die Schmetterlinge im Bauch vor den Traualtar flattern, auch nach all der anfänglichen Aufregung im Alltag weiter herumschwirren, dann sinkt mit jedem verstreichenden Lenz die Wahrscheinlichkeit, dass sich die bunten Falter vertschüssen. Wer also einen Musiker besonders mag, drückt auch schon mal ein Äuglein zu, wenn die Musikpromotion mal nicht die leckerste Schokoladenseite einer Band hervorkehrt. Noch mehr schätzt man freilich, wenn gleich zum Auftakt ein Leckerbissen gereicht wird.

Justin Townes Earle

Justin Townes Earle begleiten wir schon länger auf seinem musikalischen Weg. Uns ist durchaus bewusst, dass man mit Edel-Country und Americana in Deutschland nicht unbedingt die Massen hinter dem Ofen hervorlockt. Speziell dann nicht, wenn man noch in der Blüte seiner Jahre steht. Ein altersweise Stimme tut sich beim Country schon leichter. Americana wiederum wird von der Kritik wohlwollender aufgenommen, je stärker sie an den eigenen Wurzeln knabbert. Der Storyteller Earle dekonstruiert keine Genres, er erzählt seine Geschichten realitätsnah wie ungekünstelt, mit der Gabe einer Einfühlung. Ob Midnight at the Movies oder Harlem River Blues, allein diese zwei Platten brachten tolle Lieder hervor. Das in Amerika am 27.03.2012 auf Bloodshot Records erscheinende Nothing’s Gonna Change The Way You Feel About Me Now wird seinen Vorgängern in nichts nachstehen. Weil der Titelsong Nothing’s Gonna Change The Way You Feel About Me Now sehr gut klingt und Justin Townes Earle noch auf jeder Scheibe einige Highlights versammelt hatte. Auf seiner Homepage gibt es besagtes Lied derzeit als Gratis-Download. Wer sich gegen eine E-Mail-Registrierung sträubt, wird auch beim Rolling Stone fündig.

Great Lake Swimmers

Eine Herzensangelegenheit. Ein anderes Wort will mir nicht einfallen, wenn ich an das Wirken der Great Lake Swimmers denke. Wie Mastermind Tony Dekker zeitgemäßen Folk von höchster Eigenständigkeit ersinnt, das begeistert mich stets. Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult. Die Magie des neuen Albums New Wild Everywhere (VÖ: 30.03.2012 auf Nettwerk) will ich daher keine Sekunde lang anzweifeln. Als erste Single-Auskopplung erscheint am 17. Januar das ungewohnt rockige, deftig beschwingte Easy Come Easy Go. Ein wirklich guter Track, der die Neugier weiter anstachelt. Wird dem distinktive Sound der Great Lake Swimmers eine neue Facette beigefügt?

Great Lake Swimmers – Easy Come Easy Go (radio edit) by nettwerkmusicgroup

Xiu Xiu

Xiu Xiu ist stets für einen gepflegten Schockeffekt gut. Mastermind Jamie Stewart provoziert mit avantgardistischem Touch, schreckt auch vor ausgesprochener Weinerlichkeit nie zurück. Man denke nur an das Album Dear God, I Hate Myself, und speziell an das gleichnamige Titellied samt Video, zweifelsohne eines der Hightlights des Musikjahres 2010. Nun meldet sich Xiu Xiu mit dem Track Hi zurück, der die neue Platte Always ankündigt (VÖ: 27.02.2012 auf Bella Union). Hi ist ein starker Song, der die gewohnten Stärken einmal mehr hervorkehrt. Wie Xiu Xiu Pop-Melodien mit Beklemmung füllt, das ist nach wie vor nichts für zartbesaitete Gemüter.

Hi by Xiu Xiu

Speech Debelle

Mal ehrlich, man hatte die britische Rapperin Speech Debelle eigentlich schon wieder vergessen. Sie schien eine Eintagsfliege, die mit ihrem Debüt Speech Therapy zwar 2009 den Mercury Music Prize gewinnen konnte, danach aber nicht mehr wirklich in Erscheinung trat. Anfang Februar wird das Nachfolgealbum Freedom Of Speech in hiesigen Breiten veröffentlicht (VÖ: 10.02.2012 auf Big Dada). Soviel möchte ich schon verraten: Die Geschichte des Rap muss keinesfalls umgeschrieben werden, ein paar Titel sind mehr als nur ordentlich, der Rest tönt – euphemistisch ausgedrückt – eher unauffällig. Den Track Studio Backpack Rap gibt es hier als kostenlosen Download. Wer aufgrund dieses guten Titels dem Album voll Spannung harrt, dem sei gesagt, dass man hier einen der rar gesäten Höhepunkte serviert bekommen hat. Über den Rest breche ich zu gegebener Zeit mein Schweigen.

SomeVapourTrails

Lie In The Sound präsentiert: Die 10 besten Tracks 2010

Oft scheint ja der eigene Horizont nur eine iPod-Länge entfernt zu sein. Um diese Begrenztheit im Keim zu ersticken, höre ich mir vielerlei Musik an. Beherzige Empfehlungen von Freunden, notiere das Rauschen in meinem RSS-Feed, leihe den Tipps der Fachzeitschriften ein Ohr,  sogar den Mätzchen von Micky-Maus-Bloggern widme ich Aufmerksamkeit. Irgendwie will sich jedoch Angesagtheit partout nicht in meinen Gehörgängen verankern, verheddere ich mich ebensowenig in Geschmacksverpflichtungen. So sind es letztlich die Dauerbrenner und Underdogs, die die Liste meiner liebsten Songs pflastern. Obwohl ich mindestens 100 Lieder präsentieren könnte, die mich 2010 begeisterten, sollen heute zunächst 10 hervorgehoben werden. Weitere 40 werden im Laufe der Woche noch lobende Erwähnung finden. Diese 10 Tracks, welche nun den Anfang machen, sind fraglos edel und ohne Ablaufdatum.

01. Clem SnideI Got High

Begründung: Mastermind Eef Barzelay kreiert einen Song, der hymnische Momente in einen sanften Sound bindet und textlich am Gemächt der amerikanischen Jugend sägt.

02. GrasscutThe Tin Man

Begründung: Weil das vielschichtige Experimentieren unabdingbarer Bestandteil von Musik ist, muss man vor Grasscut den Hut ziehen. Sie schmiedeten viele Versatzstücke zu einem meisterhaft gänsehäuternen Track.

03. Xiu XiuDear God, I Hate Myself

Begründung: Eine derart larmoyant wie augenzwinkernde Electro-Pop-Hymne hat es 2010 kein zweites Mal gegeben.

04. Sharon Van EttenDon’t Do It

Begründung: Mit dem Album Epic stieg sie vom Singer-Songwriter-Talent zur Könnerin empor. Den eindringlichsten, eingängigsten, hintergründigsten Track der Platte bekommt man nicht mehr aus dem Ohr. Warum auch sollte man dies wollen?

05. Fang IslandLife Coach

Begründung: Ein Song, zu dem es sich prima grölen und Bierdosen werfen lässt. Dass ausgerechnet der Auftritt der Band beim diesjährigen Berlin Festival zu den schwächer besuchten geriet, bleibt unverständlich, da die Herren live die reinste Wonne darstellen.

06. Damien JuradoArkansas

Begründung: Jurado könnte spielend 4 Tracks in meinen Top 50 platzieren, bescherte dieses Jahr Momente bestechenster Liedkunst. Das Sahnehäubchen Arkansas überzeugt durch seine sofortige Überwältigung des Hörers.

07. Johnny CashAin’t No Grave

Begründung: Der Auferstehungsgesang einer Legende.

08. SeligVon Ewigkeit zu Ewigkeit

Begründung: Eine schönere Liebeserklärung in deutscher Sprache habe ich 2010 nirgendwo vernommen. Jan Plewka darf sich zumindest meiner ewigliche Verehrung gewiss sein.

09. Jaga JazzistOne-Armed Bandit

Begründung: Startet funkig-sirenesk, flirtet zwischendurch mehrmals heftig mit minimalistischen Motiven, um doch wieder und wieder das Hauptthema aufzugreifen und derart zu forcieren, dass man sich in eine Zeit zurückfühlt, als allein schon die Erkennungsmelodie von Die Straßen von San Francisco vor die Glotze lockte.

10. Justin Townes EarleHarlem River Blues

Begründung: Ein Hochkaräter des Country. Mit einem nicht minder hochkarätigen Song aus dem gleichnamigen Album. In deutschen Gefilden nahezu unbekannt, warum eigentlich?

Fortsetzung folgt…

SomeVapourTrails

Fast alle Tassen im Schrank – Xiu Xiu

Manchmal rankt sich Irritation zur Kunstform hoch, sodass die prosaische Regung des Rezipienten nur in einem ungläubigen Schlackern mit den Ohren besteht, einhergehend mit dem Zweifel, ob der Künstler noch alle Tassen im Schrank hat. Doch Provokation kann phantasielos plakativ meucheln, oder hingegen ungemein auf verstörende Weise liebenswert betören. Und in exakt dieser Manier hantelt sich Xiu Xiu mit Dear God, I Hate Myself ins Herz des Hörers. Mastermind Jamie Stewart bricht Konventionen, trotz avantgardistischen Zugangs sowie vehementer textlicher Überspitzung wird man nicht müde, der Faszination seines sperrigen Werks zu erliegen.

Despair will hold a place in my heart/ a bigger one than you do do do/ and I will always be nicer to the cat / than I am to you you you” stimmt Stewart das Lamento des Titeltracks an, um in dem poppigen Refrain von Dear God, I Hate Myself den überrumpelten Hörer zum Mitträllern zu bringen. Ehe man es sich versieht, bezichtigt man sich des Selbsthasses, johlt vergnügt. Fallstricke also, wohin das Auge auch reicht, und dennoch hängt man an Stewarts Lippen, dessen oft larmoyanter Singsang in seiner Intensität an die Zeiten von The Smiths erinnern. Dass das dazugehörige Video die sich voll Schönheit die Seele aus dem Leib kotzende Angela Seo, ihres Zeichens Bandmitglied, zeigt, darf als konsequente visuelle Umsetzung eines beunruhigend intensiven Liedes erachtet werden. Bereits jetzt ein heißer Kandidat für den Song des Jahres.

Xiu Xiu – Dear God, I Hate Myself from Kill Rock Stars on Vimeo.

Freilich existieren auf dem Album weitere Glanzlichter. Chocolate Makes You Happy schlägt in eine ähnliche Kerbe. „When you thrust two fingers down your throat/ and wash away what’s wrong“ kann wohl nur im musikalischen Universum eines Herrn Stewart Freude indizieren. Fast wünscht man sich, dass inmitten all der Verstörung ein Augenzwinkern die Ironie verrät. Am ehesten wird sie noch in der Lo-Fi-Darbietung deutlich, wenn Keyboards und Drum Machine den Song in die finstersten 80er beamen. House Sparrow mit dem Thema Pädophilie verschärft das Entsetzen, während Gray Death mit der Aufforderung „Beat, beat me to death“ nicht weniger unverdaulich scheint. Und natürlich muss der Hörer schon allein aus einem Selbstschutz heraus hinter all dem Übertreibung und kruden Humor vermuten, besonders wenn letztgenannter Track mit kräftiger Percussion und anspornender Gitarre zu einem winselnden Flehen verkommt. The Fabrizio Palumbo Retaliation gerät zu einer experimentell-kakofonischen Highlight, das mehr Haken schlägt als jedweder Hase und dennoch ungeheuer konsistent bleibt. Mitten in das elektronische Gedudel verirrt sich bei Cumberland Gap ein Banjo in die Szenerie, tanzt Folk wie die Faust vor dem geistigen Auge. Solch ein Stilbruch verschafft Erleichterung, weil man zu spüren vermag, dass Xiu Xiu eben nicht bierernst pathetisch agieren. Gegen Ende der CD erschallt mit This Too Shall Pass Away (For Freddy) eine ungemein schöne Retro-Ballade, die so klingt, wie die 80er hätten klingen sollen.

XIU XIU Dear God, I Hate Myself by killrockstars

Wer Dear God, I Hate Myself aufgrund meiner Worte als gallig einstuft, täuscht sich. Denn wenngleich man den Geisteszustand der Mitglieder von Xiu Xiu durchaus nicht nach der Maßgabe der Normalität beurteilen darf, bleibt unter dem Strich ein weiteres Werk, welches spannend und – so unglaublich es eben klingen mag – herzerwärmend gelingt. Jamie Stewart ist ein derart gewaltiger Songwriter, dass man jede Provokation genüsslich schluckt und nie der Bulimie anheim fällt.

Links:

Offizielle Webseite

MySpace-Auftritt

Kostenlose Downloads auf der Labelseite

Bericht zum Video auf spex.de

SomeVapourTrails

Free Mp3 + Video: Xiu Xiu – „Dear God, I Hate Myself“

Eines vorweg: Ich bin unglaublich empfindlich was üble Gerüche oder den Anblick von sich übergebenden Menschen betrifft. Da kommts mir schnell hoch. Ist also schon ziemlich zum Kotzen das Video, weil eben auch bildlich gezeigt. Da wird mir übel. Das ist Kunst und Xiu Xiu scheint dafür bekannt extrem zu sein. Nachdem Massive Attack die Titten- und Schwänze-Extremität nun schon für dieses Jahr, wenn nicht Jahrzehnt, verpulvert haben, folgt die Schockkur der anderen Art. Naja… manche machts schlank.

Musikalisch gesehen, sieht die Sache schon anders aus. Empfindliche Gemüter downloaden sich am besten die Mp3 ohne Sichtung des Videos. Harte Gesellen geben sich den ganzen Kunstgenuss.

Mp3:  Xiu Xiu Video – Dear God, I Hate Myself

Via Stereogum
Das Kotz/Brech/Würg-Video könnt ihr hier sehen.

Das Xiu Xiu-Album Dear God, I Hate Myself erscheint am 26.03.10 (Label: Kill Rock Stars/Cargo Records) und der liebste Co-Blogger hat schon verkündet, es besprechen zu wollen.

Tracklist:

01 Gray Death
02 Chocolate Makes You Happy
03 Apple for a Brain
04 House Sparrow
05 Hyunhye’s Theme
06 Dear God, I Hate Myself
07 Secret Motel
08 Falkland Rd.
09 The Fabrizio Palumbo Retaliation
10 Cumberland Gap
11 This Too Shall Pass Away (For Freddy)
12 Impossible Feeling

Link: MySpace

Soll ich jetzt wirklich schreiben… Viel Spaß damit?

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