Die großen Nullen – Auf den Spuren einer Indie-Musik-Verschwörung

Nullen

Das Ende des Jahres, ja mehr noch der Dekade, dämmert zum Greifen nah am Horizont heran und rundum sammeln sich die hippen Musikkritiker aller Länder gleich Zombies und werfen einen letzten glubschäugigen Blick zurück auf dahinsiechende, modrige Zeiten. Was haben sich die Herren und Damen Finger um Finger wund getippt, um denjenigen, die sich erfolgreich gegen das tückische Castingshow-Virus und den Glitter-Flitter-Mumpitz einer Beyoncé Knowles zu wappnen wussten, mit dem als Hochkultur getarnten Prädikat Indie zu täuschen und erst recht in eine Misere zu stürzen.

Denn Hand aufs Hirn, nicht alles, was messianisch besungen und lüstern begrabscht durch die Kulissen der Fachpresse hochnäsig stolziert und als neuester Trend durch die Redaktionen spukt, darf sich bei näherer Betrachtung als Emporkömmling ohne Seilschaften schimpfen. Inszenierte Revolutionen gaukeln Indie vor, wird den sich anspruchsvoll wähnenden Hörern gar ein Mitspracherecht an angehenden Hypes suggeriert. Und so wird in den Himmel gehoben, was doch nur den schalen Beigeschmack eines ausgeklügelten Businessplans hat. Allerorts scharen sich die vermeintlich cleveren Musikliebhaber und ergötzen sich an Sounds, die auf ambitioniert, komplex und wild getrimmt eine eigentlich musikalische Wüste als blühendes Blumenmeer verkaufen.

Stolz schreiten die Apostel feinsten Geschmacks durch die Straßen, tragen die wohlsortierte Plattensammlung gleich neuen Kleidern voll Pathos und Versnobtheit mit sich – und sind doch letztlich splitterfasernackt, wenn es darum geht,  Musik zu erfahren, die nicht im Feuilleton der eingebildeten Kritikerzunft Erwähnung findet. Der Kanon der besten Alben und Lieder eines jeden Jahres erschöpft im Boulevard auf das gebetsmühlenartige Wiederholen der Charts. Das ist zwar Müll, aber immerhin eine Scheiße, deren Gestank nicht als Eau de Parfum verkauft wird. Schlimmer geht da die ehrenwerte Garde der meinungsmachenden Musikjournalisten zu Werke, die Knäckebrot als Mousse au Chocolat verramscht.

Doch wer genau sind die Schurken, wer die Opfer? Fakt bleibt Fakt, dass die behübschte Reminiszenz an die unsäglichen 80er-Jahre im letzten Jahrzehnt als Haute Couture abgefeiert wurde und dieser Etikettenschwindel nie wirklich aufgedeckt wurde. Bands befeuerten die Hörer mit einem Klanggemisch, welches bereits 20 Jahre zuvor nervig war, und unterstützt von der Meute eitler Rezensenten entwickelte sich eine Bewegung, die irgendwann im Mainstream ankam. Plötzlich musste man so klingen, als hätte man aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt, wiederholte sie. Aus der Vorhölle, also den auf unabhängig geschminkten Sub-Labels der Branchenführer, wurden ungemein aufgeblasene musikalische Nichtigkeiten aufs Erdenrund hernieder gelassen. Bar jeder musikalischen Ästhetik und ohne Message oder Finesse wuchs ein mit viel Tand behangenes Nichts hervor, kroch der Dämon der Durchschnittlichkeit in die Köpfe vieler. Was man nicht versteht, das gibt man vor zu verstehen, findet sich irgendwann sogar damit ab, gewöhnt sich daran, gibt vor es zu begreifen und am Ende zu lieben, bis man das auch tut. Nach diesem Muster funktioniert die Infiltration von Schwachsinn. Zusammen mit dem arroganten, mitverschwörerischen Kritikerrudel schworen nihilistische Rädelsführer der Musikindustrie die auf Niveau beharrenden Konsumenten auf den gröbstmöglichen Unfug ein. Die großen Nullen wurden zu den tollsten Nummern hochgejubelt. Musiker, die das Schmierentheater nicht mitmachten, wurden ebenso überrollt wie unzeitgeistige Hörer.

Und so schlumpfen Jahr für Jahr neue Indie-Hypes durch den Äther, werden von der Fachpresse mit Heiligenscheinen bekränzt und von den sich selbst überschätzenden Musikfreunden mit staunenden Augen überschwänglich bewundert. Wer die von oben genannten Zombies erstellten Bestenlisten des Jahres 2009 näher und vor allem nüchtern betrachtet, vermag den Braten zu riechen. Manieriertheit wird zur Kunst erhoben. Und viele mündige, sich intelligent wähnende Menschen schlucken den Köder. Doch bietet das Dämmern einer neuen Dekade auch genug Licht für erhellende Gedanken. Nicht jede Aufregung ist ein Qualitätsmerkmal und nicht jede ungelenke Band ein Gewinn für die eigene Plattensammlung. Nicht jede Liste, die sich Pitchfork und Konsorten aus den Fingern saugen, enthält gute Musik. Man muss nicht allem auf den Leim gehen. Einfach mal nachdenken.

Als besonderen Service und zur Veranschaulichung der Schandtaten des Jahres 2009 habe ich zwecks Untermauerung meiner These die 10 überschätztesten Songs herausgesucht:

Phoenix1901
Grizzly BearTwo Weeks
Animal CollectiveMy Girls
La RouxIn For The Kill
St. VincentActor Out of Work
Wild BeastsHooting & Howling
Zoot WomanWe Won’t Break
GirlsLust For Life
Dirty ProjectorsStillness Is the Move
Passion PitSleepyhead

SomeVapourTrails

Musikalischer Quartalsbericht 2009 (III)

Alben09III

Löchriger als Schweizer Käse präsentierte sich zunächst das diesjährige musikalische Sommerloch. Der Überfluss des ersten Halbjahres verebbte schlagartig und wich einer kahlen Leere. Nur eine Handvoll Alben vermochten diesen tiefen Fall aus wohlklingender Fülle ein wenig abzufedern. Und genau diesen Rettungsankern, die uns vor den Sturz ins Nichts bewahrten, wollen wir in der Rückschau eine Lobhudelei angedeihen lassen. An prominenter Stelle seien die Soulsavers auf ein funkelndes Podest gestellt. Broken vermochte mit genialer Düsterkeit zu becircen und mit dem Lied You Will Miss Me When I Burn eine balladeske Heldentat zu vollbringen. Und der Balladen nicht genug, zauberte die Göttin des Dream Pop, Hope Sandoval, eine schon beinahe nicht mehr möglich gehaltene Verzückung in Form von Through The Devil Softly in die gut sortierten Plattensammlungen des Landes. Die werte Co-Bloggerin DifferentStars wird, sobald sie aus der Ehrfurchtsstarre erwacht ist, zu diesem Monument noch einige Worte andächtig verlieren. Ein ebenso perfektes sinnebeträufelndes Mirakel kredenzten The Low Anthem mit der Scheibe Oh My God, Charlie Darwin. Doch waren es nicht nur schönen melodischen Mätzchen vom Schlage eines The First Days Of Spring von den so talentreichen Noah and the Whale, die in den vergangenen Monaten zu Schwelgereien einluden.

Auch flockigeres Geträller mengte sich ins Flirren der Großstadthitze. Major Lazer sorgten mit ihrem Klebstoff-Raggamuffin für Ekstase. Guns Don’t Kill People… Lazers Do schob ein Sommerflair der Extraklasse vor sich her. Fast unbeachtet stiefelten Fat Freddy’s Drop im August durch die Lande und bestachen mit Dr Boondigga and the Big BW. Ein Geheimtipp des letzten Quartals. Abgerundet wird die Rhythmus-Sektion von Felix Da Housecat, dessen He Was King sein bisher größter Wurf ist. Dazu demnächst mehr…

Wie sah es in letzter Zeit mit deutschen Musikern und Bands aus? Trist möchte man bemerken. Denn Element Of Crime sind endgültig auf einem Schunkel-Niveau angelangt, das eine Musikantenstadl-Stimmung vor dem geistigen Auge als Schreckensszenario erstehen lässt. Und was an Jochen Distelmeyer heilsbringerisch sein soll, das verstehen wohl nur einen gestriegelten Schnurrbart tragende Hipster. Enttäuschungen, wohin das Ohr auch hört. Da lobe ich mir meine Lieblingsentdeckung des Jahres, die Berliner Band Mein Mio, welche Irgendwo in dieser großen Stadt Inspiration für unverschlumpften und gefühlsechten Deutschpop fanden. Natürlich darf auch Max Herre bei den Lichtblicken nicht fehlen, seine authentisch transportierten Stimmungen machten Ein geschenkter Tag zur idealen Entschädigung für die Geschädigten eines Sven Regener. Und sogar die englische Texte wurden hierzulande mal samten vorgebracht, wie es Timo Breker auf der EP Learn & Wait offerierte, oder tiefsinnig, was I Might Be Wrong auf Circle The Yes extraordinär meisterten.

Kommen wir zu Könnern aus Großbritannien. The Big Pink sind der Beluga unter dem Kaviar, der derzeit von Insel zu uns rüberschwappt. A Brief History of Love ist kein Hype, sondern Fakt. Ebenso durfte man Florence & the Machine dank Lungs als Schattenspender an hitzeverseuchten Tagen empfinden. Doch wurde auch ein Verbrechen in Form von Muse und dem neuen Alben The Resistance in unsere Breiten gebeamt.

Kurz noch will ich die geballte Faust höher wuchten und das Entsetzen ausdrücken, welches mich quält. Marit Larsen als Newcomerin der warmen Jahreszeit wäre nur dann zu verstehen, wenn die Schweinegrippe die glorreiche Gilde skandinavischer Songwriter gleich im Dutzend dahingerafft hätte. Beliebige Langeweile als Erfolgskonzept – unverständlich. Noch übler freilich scheint das Loben über jedweden grünen Klee, welches man diesen Sommer dem armseligen Achtziger-Jahre-Bockmist von Zoot Woman angedeihen ließ. Eine Unplatte.

All die Prunkstücke der letzten 3 Monate freilich werden noch in den Herbst hineinstrahlen und manch düstrem Tag die richtige Bleiche verleihen. Und einige frohe Songs werden die wenigen verbleibenden Sonnenstrahlen in Gold tauchen. Amen.

SomeVapourTrails

Berlin Festival – Viel Lärm um fast nichts

Meine Präferenzen werden wohl immer kleinen, intimen Club-Konzerten gelten, in welchen der Interaktion von Bands/Interpreten mit der leider zu oft überschaubaren Anzahl an Besuchern ein wichtiger Teil des Charmes innewohnt. Und trotz massiver Zweifel am Line-Up habe ich mich mit mindestmöglicher Unbefangenheit in die Sphären einer mittleren Großveranstaltung gewagt. Das Berlin Festival 2009 versuchte den Spagat zwischen angeberischem Pathos eines Events und dem Anspruch an einen imaginären Indie-Spirit. Das Ergebnis kann sich letztlich aus verschiedenen Gründen nicht sehen lassen. Und genau auf diesen Makeln will ich herumtrampeln, gleich den den Tempelhofer Beton malträtierenden Besuchern.

Geschichtsträchtige Atmosphäre, anreisegünstige Lage, dem Unbill des Wetters trotzend – es gäbe genügend handfeste Argumente für eben diesen Austragungsort, die allesamt kein Blabla darstellen. Doch blanke Theorie bastelt noch lange keine Realität. Was in der am Computer generierten 3-D-Animation schick und schlau aufgereiht, erwies sich in der Umsetzung als Blindgänger. Durch die charismatischen Hallen des ehemaligen Flughafens durfte man auf das Gelände schlurfen. Gleich beim Eingang – unter dem riesigen, halbkreisförmigen Vordach – war die Second Stage untergebracht. Links davon verlief die ebenso überdachte Verpflegungsmeile bis hin zu einem Hangar, welcher die Hauptbühne beherbergte. Bereits hier befiel mich eine Verwunderung. Warum zum Teufel wurde das Herzstück des Festival ins Abseits gestellt, in eine Halle gepfercht, welche zwar groß, aber dennoch räumlich begrenzt ist? Im Grunde ist ein Festival eine Freiluftveranstaltung. Und auch ich hänge der These an, dass diese Location genug Grünflachen für die Ausrichtung eines zünftigen Musikfestes vorrätig hätte. Die gen Wettergott ausgestreckte Zunge mag die Herzen der Veranstaltern betört haben, insgesamt freilich erwies sich die Konzeption als Stimmungstöter. Eine mit der Kulisse des Flughafengebäudes im Rücken gepflanzte Mainstage hätte mehr Flair und Platz geboten, der Hangar als Dancefloor für DJ-Kunststückchen besser getaugt.

BerlinFestival2009

Die Auswahl der Akteure mutete ebenso holprig an. Die Headliner Peter Doherty und Deichkind passten mehr schlecht als recht zu dem Electro-Pop-Schwerpunkt (wie durch Telepathe, Saint Etienne und Zoot Woman repräsentiert) und dem gerne mit bis zum Anschlag plärrenden Gitarren vorgebrachten Indie-Rock (zum Beispiel The Rifles oder The Thermals). Dazu holte man sich noch nervtötend experimentelle Acts wie These New Puritans oder die komplett schrecklichen 1000 Robota ins Boot. Was die hervorragenden Dear Reader in diesem für sie wenig geeigneten Umfeld zu schaffen hatten, blieb ein Mysterium. Ich komme nicht umhin, den Macher Inkonsequenz zu attestieren. Entweder engt man die Ausrichtung auf 2-3 Musikstile ein oder aber man agiert vielfältig – dann jedoch dürfte die Mischung ruhig wesentlich bunter ausfallen. Singer-Songwriter – wo waren sie abgesehen von Herrn Doherty? Hip-Hop und Rap (Dendemann, also wirklich!) lediglich aus deutschen Gefilden? Die derzeit zurecht angesagten folkigen Töne fehlten zur Gänze.

Kommen wir zu kleinen Ärgernissen. Warum das Wiederbetreten des Festivalgeländes mit der Begründung, dass die Auflagen der Flughafen-Verwaltung es untersagen, den denkmalgeschützten Platz der Luftbrücke und seine Anwohner durch abhängende Festivalbesucher zu stören, verweigert wird, mutet seltsam an. Bei ein paar Tausend Zusehern hätte ein auf selbigem Platz installierter Wachdienst und humanere Getränkepreise am Festivalgelände die Bedingung sicher erfüllt. Und auch ein vor allem in der Halle offenkundig grottenschlechter Sound kann und darf nicht hingenommen werden. Wer die an sich durchaus gute Band The Thermals gehört hat, wird mir zustimmen.

Das Berlin Festival 2009 bot ein paar gute bis sehr gute Auftritte,  vor allem die Show von Saint Etienne war zum Fingerschlecken. Nichtsdestotrotz bietet das Gesamtergebnis der beiden Abende Anrecht auf Enttäuschung. Uncharmant lässt sich bilanzieren: Viel Lärm um fast nichts.

SomeVapourTrails