Grace/Wastelands – dies ist nicht nur eine Review…

Das schwarze Schafsböckchen hüpft über die musikalische Spielwiese

Foto:  Kevin Westenberg


Jede Familie hat ihr schwarzes Schaf oder diesen weird Cousin. Eben genau diese Gesellen sind wunderbar zu betrachten, mit der Faszination, mit der auch Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche genossen werden. Dann eben, wenn man dies aus der aus der sicheren Distanz der heimischen Kuschelcouch tut. Und eben nur dann, wenn man nicht fürchten muss, dass das Klingeln der Wohnungstür das Einbrechen des Chaos in die eigenen 4 Wände einläutet.  Zwei Vertreter diese Spezies sind ohne Frage Amy Winehouse und Pete Doherty, deren CDs einfach in mein Regal gehören, persönlich treffen muss ich sie in diesem (und auch anderen Leben) eher nicht. Wer aber alles, was über die beiden geschrieben wird, bitterernst nimmt ist selber schuld. Gekonnt provoziert Mr. Doherty wirklich jeden Skandal, der bei 3 nicht auf den Bäumen ist. Wir erinnern uns an die knutschenden Fussballjungs. Blutspritzer aus der Heroinspritze auf die MTV Kamera waren früher…

Allein an dieser langen Einleitung eines Beitrages, der eigentlich eine Alben Rezension werden wollte, wird deutlich: Es wird viel über Pete Doherty gesagt und geschrieben – nur wenig jedoch über die Musik. NME hat dieses vermeintliche Enfant Terrible zur Zeit adoptiert und biegt und bricht aus jeder Silbe eine neue Meldung heraus. Eine Reunion der Libertines herumspuken zu lassen, ist so einfach wie ein Elfmeter ohne Torwart. Vorallem da schon der Nachfolgeartikel – das Dementi- den nächsten Zeilenfüller bringt.

Jetzt aber zu Grace/Wastelands. Das komplette Album kommt in wenigen Tagen in die Läden und kann jetzt komplett auf Myspace gestreamt werden. Hier erklärt sich auch der Untertitel dieses Blogbeitrages. Selbstironisch, verspielt rotzig – ohne richtige Wut, mehr mit Augenzwinkern hüpft Pete – hier und da – über eine facettenreiche musikalische Spielwiese. Immer klar erkennbar er – wildert Doherty bei den verschiedensten Genres. Swing mit einer Lässigkeit, die Robbie Williams‘ Swing when you are winning vor Neid erblassen lässt. Sweet By and By klingt dann auch wie eine Hymne an sich selbst – wie gesagt, wer sich selbst oder eben den Babyshambles Sänger zu ernst nimmt, ist selber schuld.
Im nächsten Moment finden wir uns mit Palace Of Bone schon im Movie der Rhythm ’n‘ Blues Ballade wieder. Sollte es irgendwann ne europäische Variante von From Dusk Till Dawn oder Natural Born Killers geben, dieser Song wär‘ perfekt.

Die ironische Distanz hinfällig wird dann aber auch bei mir und ich lasse mich fallen zu Broken Love Song. Hier wird macht die schmunzelnden Faszination meines intellektuellen Ichs Platz und weicht der Person in mir, die der Liebe zu Musik verfällt, Songs innig umschlingt wie die Geliebte den Geliebten. Liebeskummer könnte kaum schöner sein, als mit diesem Lied.

Süßlicher und kuschelig mutet das Duett Sheepskin Tearaway mit Dot Allison an. Hoffen wir nur, das dieses Lied nicht von der Vereinnahmung eines Kuschelrock- Samplers entwürdigt wird. Solange noch jemand auf die Lyrics achtet, besteht Hoffnung. Ein kleiner Wolf im Schafspelz.  😉

Wer sich ärgern will, darf dies mit 1939 Returning. Besonders wir Krauts 😀 Einem Traum entsprungen sei dieser Song, gab Pete bekannt. Andere lästerten sogleich, er habe wohl nur zuviel Radio gehört. Deuten wir es nun als Metapher oder dem Versuch der Provokation – oder lassen es einfach nur an uns vorbei ziehen.

Leise und zarter klingt Lady Don’t Fall Backwards, „fall nicht rückwärts, fall in meine Arme“. Eben diese Klänge, lassen den wilde Cousin auch zum geliebten werden. Dem, der selber immer Unsinn anstellt und genau deshalb, so schön trösten kann.

Poetisch bezaubert  I Am The Rain. Die Reduktion der Umsetzung bringt die wahre Schönheit zuvor und zeigt, dass bei dieser Platte der wahre Könner nicht nur Pete Doherty heißt – sondern mit Stephen Street (The Smiths, Blur) ein grandioser Producer am Werk war. Jedes Lied wird eigenständig interpretiert – das Potential aufs bestmögliche ausgeschöpft. Manchmal ist weniger mehr, dann wieder ist Cinemascope-Sound angebracht.

Grace/Wastelands verdient es auf jeden Fall seinen Weg raus aus der Yello-Press direkt auf den Kritiker-Thron!

Via Spin.com gibt’s „New Love Grows On Trees“ – DOWNLOAD MP3 (Rechtsklick/ speichern unter)

Tracklist:
Arcadie
Last Of The English Roses
1939 Returning
A Little Death Around The Eyes
Salome
Through The Looking Glass
Sweet By And By
Palace Of Bone
Sheepskin Tearaway
Broken Love Song
New Love Grows On Trees
Lady, Don’t Fall Backwards

Albumstream: Myspace

Ein Gedanke zu „Grace/Wastelands – dies ist nicht nur eine Review…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .