Song Kompost

Hand aufs Herz und Ohren zu – der Eurovision Song Contest bringt doch seit Jahren nur mehr einen Einheitsbrei hervor, der prima kompostierbar ist und sich jedes Jahr eines Recyclings erfreut. Dies ist auch nicht weiter schlimm, der Stellenwert des Grand Prix ist ohnehin nur noch bei den östlichen Nachbarn einigermaßen wahrnehmbar. Mediale Aufmerksamkeit wird in hiesigen Breiten doch nur noch mit Eklats und Skandälchen erreicht. Die ganze Schmierenkomödie um den Anti-Putin-Song verdient freilich besondere Beachtung – aus mehreren Gründen.

Wie bereits die Olympischen Spiele in Peking zeigten, sind für das TV aufbereitete Großereignisse in gewissen Ländern dadurch gekennzeichnet, dass die Machthaber jede Art der Meinungsfreiheit einschränken. Offiziell damit es keinerlei Trübung der Erbauung gibt und das Event in sterilst möglicher Atmosphäre über die Bühne geht. Die westliche Welt duldet dies aus hehren Gründen der Völkerverständigung und oft auch, weil der Rubel rollen muss. Dies wird beim Song Contest wohl nicht der Fall sein, aber das Ausmaß politischer Einflussnahme stößt dennoch sauer auf. Provokation hin oder her – eine in ein Wortspielchen gekleidete Kritik darf auch der Maximo Leader Russlands aushalten. Soviel Demokratie kann man einfordern.

Schlimmer hingegen ist die Reaktion der EBU, die in ihren Statuten doch tatsächlich das Verbot jedweder politischen Botschaft im Rahmen des Song Contests verankert hat und Georgien nun ein Ultimatum setzt. Politik als Teil unseres alltäglichen Lebens aus diesem internationalen Wettbewerb auszuklammern, das ist eine Beschneidung der künstlerischen Freiheit. Mir ist schon klar, dass die am Eurovision Song Contest teilnehmenden Komponisten, Musiker und Interpreten wohl nur selten zur Kaste gesellschaftskritiker Liedermacher gehören. Aber die Votingschlacht von Haus aus auf schwülstige Liebesballaden und Eurodance zu beschränken und alles auszublenden, was Ernsthaftigkeit in diese skurrile Veranstaltung bringt, das ist starker Tobak. Das Reglement sieht anscheinend eine Bevormundung des Zuschauers vor. Unterhaltung um jeden Preis, auch gern um den der Zensur. Unter dem Aspekt gerät das Spektakel vollends in Misskredit.

Ob die offensichtliche Provokation des georgischen Beitrags nun gegen jedweden Geschmack versößt, ist sekundär. Die Geschmacksnerven audiophiler Fetischisten werden am Abend der Ausstrahlung sicher etliche Beiträge strapazieren. Dass der Song Contest ohne kritische Zwischentöne über die Bühne gehen soll, streicht hervor, wie wenig die freie Welt zweifelhaften Demokratien Vorbild sein will.

SomeVapourTrails

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