Wollt Ihr das totale Filesharing? (Teil 1)

Zäumen wir das Pferd von vorne auf. Filesharing ist gut, so der Tenor einer Studie, die im Auftrag niederländischer Ministerien ausgearbeitet wurde. Ich bin vom Willen beseelt, mir demnächst die 128 Seiten starke Analyse einzuverleiben. Zu der nun im Netz grassierenden Rezeption möchte ich jedoch vorab bereits ein paar Gedanken absondern.

Zunächst einmal möchte ich meinen letzten Einkauf bei EDEKA Revue passieren lassen. Die Bananen sahen schön krumm aus, glitzerten in saftigem Gelb und rochen keinesfalls verdorben. Klar überkam mich die Lust zu kosten, den Geschmackstest durchzuführen, ehe ich welche in den Einkaufswagen zu legen willens war. Schöne Scheiße, darf man nicht! Holla die Waldfee, warum eigentlich nicht? Wenn Filesharing doch ohnehin nur ein Antesten ist, eine Art Qualitätskontrolle, welche mich dann zum Kauf animiert (oder auch nicht), dann will ich diese Test bei allen erwerbbaren Gütern als legitimes Recht in Anspruch nehmen. Und warum soll ausgerechnet die Musikbranche Filesharing-Downloads als Hörproben dulden, wenn hingegen der Buchhändler an der Ecke lauthals meckert, sollte ich ein Exemplar zwecks ausgiebiger Kaufentscheidungsfindung einfach so nachhause mitnehmen wollen?

In Zeiten von MySpace, YouTube, Last.fm, iLike sowie Labelseiten und Künstler-Homepages ist es wahrlich keine Hexerei ein neues Album per Stream zu erlauschen und sich dadurch ein finales Urteil zu bilden, ob das Machwerk auch den müden Heller, den man eventuell ausgeben will, wert ist. Warum also sollte die Ultima ratio im Download via P2p liegen? Warum sollte es legitim sein, etwas bereits vorab zu besitzen, um dann die Conclusio zu ziehen, ob ein Kauf in Frage kommt? Und wenn dies doch ein so feines Modell ist, dann möchte ich bitteschön den Ferrari monatelang probefahrend unter die Lupe nehmen, ehe ich über einen etwaigen Erwerb ernsthaft grüble.

Irgendwie lässt mich auch die laut Pressemeldungen aufgestellte Kosten-Nutzen-Rechnung ratlos zurück. Der Konsument erspart sich durch Filesharing weitaus mehr als die Industrie an Einbußen hinnehmen muss. Krise hin, Krise her – wenn etwas durch Diebstahl (aka Filesharing) erworben wird, dann wird der sogenannte Konsument immer sparen. Wenn ich ein nettes Opel-Wägelchen klaue und selbiges zur Gründung einer Fahrgemeinschaft nutze, dann werde ich und meine tagtäglichen Beifahrer im Jahre 2014 mehr Geld gespart haben als Opel an Materialwert und Herstellungskosten verloren hat. Soviel zum Thema Gemeinwohl. Klar habe ich durch den Diebstahl des Autos mehr Geld in der Tasche, aber ist das wirklich die beste Attitüde zur Ankurbelung der Wirtschaft?

Reden wir mal über die Musiker. Also die Typen, die sich Musik und Texte ausdenken und dann einer Plattenfirma ihres Vertrauen Produktion und Vertrieb überlassen. Wir sehen solche durch den täglichen Filesharing-Wahn reich geworden Schnösel und Schnöselinnen bei Nobel-Italiener dinieren, die sich wir Konsumenten ja nur leisten können, weil wir eben nicht alles einfach so kaufen, sondern eben vorab downloaden und richtig durchchecken. Dann kaufen wir richtig bewußt, keinen Ramsch, sondern das Beste vom Feinsten. Also de facto Biomusik! Und nicht nur Musik, wir besuchen auch Biokonzerte. Alles nur, da im Vorfeld die Leitungen vor Downloads glühen und dann kräftig aussortiert wird. Nix 08/15, nur für Geilheit pur wird die Geldbörse aus der Gesäßtasche der Jeans gekramt. Und weil das alles ja gut so ist – die Studie zeigt dies -, wird die ja auch den Musikern sicher nicht schaden. Sonst würden wir es ja nicht tun. Und die sind doch eh reich, wären sie sonst in Nobelrestaurants?

Ja, die in der Überschrift beinhaltete Frage, sie ist beantwortet. Geben wir der bösen Musikindustrie nur Zeit. Irgendwann kapieren es auch diese Halunken und sie werden von ihrem schlimmen Tun ablassen. Filesharing behindern, von wegen Gesetze und so, bah!

Schalten Sie demnächst wieder ein, wenn ich 128 Seiten Filesharing-Befürwortung durchgeschmöckert habe und als bekehrter Befürworter vom Paulus zum Saulus mutiert bin.


SomeVapourTrails

8 Gedanken zu „Wollt Ihr das totale Filesharing? (Teil 1)

  1. Schön geschrieben, gut erkannt. Ich kriege von diesen manischen Downloadern mit ihrem Realitätsverlust und ihrer kompletten Missachtung von geistigen Eigentum das große Kotzen.Aber das kann nicht mehr gestoppt werden. Ich seh`s an meiner Tochter. Die ist dreizehn, und hat null Unrechtsbewusstsein bezgl. Musik im Internet. Und so tickt die ganze Generation. Kürzlich traf ich einen stolzen Jungspund, der auf seinem Player 30 GB Musik hatte, aber in seinem ganzen Leben noch keine einzige CD (oder mp3) gekauft hatte. Der hielt mich mit meinem Regal, vollgestoppft mit Alben, für komplett bescheuert und von vorgestern.

  2. Die Diskussion scheint mal wieder an einem Tiefpunkt angekommen zu sein. Ich finde, daß mal wieder gnadenlos alles in einen Topf geworfen wird, ohne zu differenzieren. Natürlich ist es unschön, sich einer P2P- bzw. Filesharing-Kultur als Künstler gegenüber zu sehen, die sich einen feuchten Dreck um berechtigte Ansprüche schert. Aber deshalb die Evolution der Technik anhalten? Eine Industrie in ihrem Tun unterstützen, die sich ebenfalls in keinster Weise dafür interessierte, was die Leute im Internet umtreibt? Den guten alten Zeiten nachtrauern? Ich find all dies so ganz uns gar nicht erstrebenswert und mag aus eigener Erfahrung nachvollziehen können, daß die Nachteile des Filesharings zu einem großen Teil durch die weitere Verbreitung von Musik wettgemacht werden. Über den restlichen Verlust an Entlohnung mag ich gern diskutieren, sehe aber hier die Politik und die Gesellschaft in einer Verantwortung. Und diese wollen sich anscheinend eine breitgefächerte Kultur nicht mehr leisten…so schlimm, wie uns das als Musikliebhaber vorkommen mag, es sind Tatsachen, die nicht dadurch geändert werden, daß wir einen Status Quo versuchen zu retten.

    Und abschließend: Wenn ich mir mal die Ausgaben der Jugendlichen für Spiele, Musik etc. zusammennehme und dies dann über die letzten Jahre betrachte, hat sich das eher insgesamt nach oben entwickelt. Nur für Musik wird halt weniger Geld ausgegeben und der Wert auch von den Meisten eher gegen Null tendierend betrachtet. Allerdings finde ich nicht, daß dies die Technik und das Internet schuld sind…

  3. Sicher sind nicht nur die Technik und das Internet schuld… Es geht hier um einen Werteverfall. Über und um diese Werte lohnt sich zu diskutieren und zu kämpfen.

    Wie man ja auch an eurem Label af music sieht, gibt es genug Musiker/Label, die neue Wege gehen. Musiknutzer sollten jedoch akzeptieren, ob ein Musiker/ ein Label seine Musik freisetzen will oder nicht.

    Es gibt keine Freiheit ohne Freiwilligkeit. Nicht alle Alben können daheim am Laptop mit kleinem Budget verwirklicht werden – auch dies sollte jedem klar sein.

    Leider ist es so, dass viele P2P Befürworter damit argumentieren, dass Musiker es generell nicht verdient haben, von ihrer Kunst zu leben. Die tun sich selber so leid, weil sie einem beschissenen Job haben, die gönnen anderen nicht, dass sie mit „Kunst“ Geld verdienen. Solche Kommentare – schon zuhauf gelesen, machen mich wütend.

    DifferentStars

  4. Immerhin haben diejenigen, die dem Künstler das Geld nicht gönnen, sich wenigstens schonmal damit auseinandergesetzt, dass Künstler ihre Musik durchaus brauchen um zu (über)leben. Ich höre meistens nur „Der/die ist doch eh stinkreich und dem tuts nicht weh, wenn ich mir das runterlade.“ Und ich glaube, das ist auch generell das zentrale Argument der „kleinen Fische“ unter den Filesharern.
    Diejenigen, die über die Ausbeutung der Industrie und alles andere vermeintlich Böse klagen, sind eher die großen Wortführer und nicht die 13-jährigen, die den Großteil ihrer Musik illegal runterladen ohne groß darüber nachzudenken.

    Wenn einfach mal (grade unter Kindern und Jugendlichen) ein Bewusstsein dafür da wäre, dass nicht jeder der einen Plattenvertrag hat gleich Millionär ist und einige alles andere als im Luxus leben und das Geld aus den CD-Verkäufen wirklich gebrauchen könnten, dann wären wir schon einen guten Schritt weiter…

    Irgendwann erzählte Diane Weigmann mal (ich glaube in ihrem Blog oder einem Interview), dass eine Bekannte ihr ganz stolz erzählt habe, sie hätte sich ihre Alben extra illegal runtergeladen, damit ihre Plattenfirma da nichts dran verdient….
    Manche Leute wollen also wirklich nichts böses, sondern haben einfach keine Ahnung und anscheinend auch kein Hirn mit dem sie die einfachsten Zusammenhänge begreifen können…

  5. Musiknutzer sollten jedoch akzeptieren, ob ein Musiker/ ein Label seine Musik freisetzen will oder nicht.

    Ich seh das sogar als recht zentralen Punkt und genau darum ist für mich die Diskussion seit Jahren keinen Schritt weiter gekommen. Es sollte jeder frei darüber entscheiden dürfen, was mit seinen Werken getan wird oder aber für eine Nutzung, die ihm persönlich nicht gefällt, die aber aufgrund einer Technologie zu einem gesellschaftlichen Standard geworden ist, entlohnt bzw. entschädigt werden. Nur leider versinken solcherlei Ansätze immer in dem Graben zwischen Pro und Kontra Filesharing…

  6. Das Problem ist, dass zuwenig Musiker an dieser Diskussion teilnehmen. Es wird immer so getan, als gäbe es nur zwei Seiten. Auf der einen die Online-Piraten, auf der anderen GEMA (RIAA) + Majorlabel.

    Kaum ein Musiker, der bekannt ist, würde öffentlich zugeben, dass er Schwierigkeiten hat, seine 2 Zimmer-Mietwohnung zu bezahlen. Dies widerspricht dem zum Pop-/Rockstar nötigen Glamour-Faktor…

    Wichtig und richtig wäre, sich als Musiker mit dem Fan zu verbünden. Siehe auch die Aktie Angelika. Und eben mehr Statements von Musikern/ Urhebern. Auch dieses ewige Geheimnis um die realen Verkaufszahlen ist kontraproduktiv. Ich war auch entsetzt, als mir hinter der Hand mal ein paar ehrliche Fakten präsentiert wurden.

    DifferentStars

  7. ROFL 😀

    Hier wird das runterladen von mit dem Diebstahl eines Autos verglichen?!

    Ok damit nicht der Anschein erweckt wird, ich würde rum trollen hier meine Ausführung:

    „Raubkopie“: Raub setzt die Androhung von Gewalt gegen Leib und Leben vorraus zur durchführung eines gewaltsamen Besitzübergangs.
    1. Niemanden wird beim runterladen Gewalt angedroht
    2. Es findet kein Besitzübergang statt, da eine Digitale Kopie NICHT von dem _Orginal_ unterscheidbar ist. (PUNKT)

    Geistiges Eigentum ist seit Gutenberg gestorben! Problem nur, dass die Verwertungsrechteinhaber das nicht akzeptieren wollen und immer noch Information wie ein Ding/eine Sache behandeln. Im Zeitalter der digitalen Inforamtionsübertragung (willkommen in der Wirklichkeit, dass haben wir seit DREIZIG JAHREN!) ist dieses System schlicht weg veraltet.

    Mein Tipp: Wer am System des Geistigen Eigentums festhalten will kann auch gleich in Aktion von Eishäusern investieren!

  8. 1. Du schreibst von Raub. Da der Begriff „Raubkopie“ nicht zutreffend ist, habe ich ihn auch nicht verwendet.

    2. Geistiges Eigentum ist nicht gestorben. Im Fall von Patenten ist menschlicher Einfallsreichtum im Gegenteil sehr geschützt. Wo er hingegen eben nicht geschützt ist, ist in Teilen der Kunst. Ein Inhalt, der im Falle von Musik als Ware angeboten wird, kann sehr wohl gestohlen werden. Nur weil wir im digitalen Zeitalter leben bedeutet dies nicht, dass jede Information überall kostenfrei reproduziert werden kann.

    Geistiges Eigentum ist ein Wert und wir alle, die wir Musik hören, erkennen auch den Wert einer Komposition und deren Umsetzung. Aber zahlen, das wollen viele nicht. Und diese Leute sind Diebe, keine Räuber, keine Mörder, aber Diebe – nicht mehr und nicht weniger.

    SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .