Somnambule Klänge von der Insel: The Sons – “Visiting Hours”

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Vor 2 Wochen meldete sich das kleine deutsche Label popup-records bei uns und SomeVapourTrails fand sofort etwas, dass er gleich mit dem Prädikat „für dich“ auszeichnete. Das ist jetzt nicht unbedingt immer als Lob gemeint, seinerseits. Soll soviel heißen wie „Electropop oder Britpop… oder so was ähnliches… so Zeugs halt, das DifferentStars„. The Sons waren dann auch sehr was für mich, ich mochte kaum glauben, dass ich dieses famose Stück Indie-Rock bisher übersehen überhört hatte. Das Debüt-Album wurde schon im Februar veröffentlicht. Kein Grund jedoch nicht trotzdem noch darüber zu schreiben – insbesondere da die Jungs aus Derby bald unserem Land einen Besuch abstatten.

„So was für dich“ sollte mal als offizielles Genre eingeführt werden, The Sons springen erstmal aus allen Genreschubladen raus – was immer toll beim Hören und etwas anstrengend beim Rezensieren ist. Denn ist melodiöser Indie-Rock jetzt irgendwie auch schon Pop? Und nein Britpop ist das nicht, auch wenn das Wort die perfekte Symbiose aus britisch und Pop ist und sowieso fast alles was von der Insel kommt zur Zeit so getaggt wird.

Der Promotext spricht von zeitlosem Gitarrenpop mit New Wave-Einschlag (den ja im Moment fast jede irgendwie britisch klingende Band hat)… außerdem seien The Sons sehr „songorientiert„.

Wenn sie damit aussagen wollen, hier wird über mehr als  Love und Dubidu gesungen, dann haben sie recht. Sollten sie damit ausgefeilte Kompositionen und Arrangements meinen, dann auch. Das Kunststück dabei: The Sons klingen in jedem Moment echt und unangestrengt. Die Musik strahlt viel Atmosphäre und Wärme aus.

Der Rolling Stone nennt’s  „unbedingtes Bekenntnis zum somnambulen Pop„, lobt weiter:  „Übrigens nicht in der Art, wie er im England der letzten Jahre ebenso inflationär wie ideenlos reproduziert wird, sondern clever arrangiert, psychedelisch grundiert und hochinfektiös wie in „Safe“.“ Dem kann ich mich nur anschließen und kaum schönere Worte selbst erfinden.

„Somnambuler Pop“ wird sofort meinem Sprachschatz hinzugefügt und ich werde mich weiter auf der Jagd befinden nach Bands, die dieses Adjektiv auch verdienen. Tatsächlich war es der Song Safe, der mich an ihrer MySpace-Seite kleben lassen ließ. Passiert selten, da will ich ne Band mal schnell auschecken und komme Stunden lang nicht mehr weg, drücke immer wieder Play… vergesse meine wohlgeordnete Review-Liste und höre das, was gerade überhaupt nicht dran ist.

The Sons – Safe

Ein weiterer Favorit von mir auf Visiting Hours ist der ruhige Song Welcome Home Again.

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The Sons – Visiting Hours
Label: popup-records

Tracklist:
1.Welcome Home Again
2.Worry
3.Beside The Sea
4.Trying So Hard
5.Prime Of Life
6.Safe
7.Intermission
8.Kids With Knives
9.Nightshade
10.Real Life
11.Do What You Feel
12.Geraldine And Me
13.Heroes

Live erleben:

26.11 (CH) Bern – Musigbistrot
27.11 Stuttgart – Kellerklub
28.11 (CH) Winterthur – Gaswerk
30.11 Düsseldorf – Pretty Vacant
01.12 (B) Gent – Cafe Video
03.12 Hamburg – Astra Stube

Link: MySpace

DifferentStars

Das Imperium schlägt zurück… Coop mir gegens Schienbein

Der Jugendsender des Bayrischen Rundfunks hat jetzt einen Podcast online, der sich mit der aktuellen Abmahnwelle gegen deutsche Blogger beschäftigt:

Das Imperium schlägt zurück

History repeating: In den letzten Tagen wurde eine Reihe von Musikblogs von den großen Plattenfirmen abgemahnt. Auf der schwarzen Liste: Ein Mixtape mit einem Track von Curse und ein Song, der eigentlich legal im Netz war.

Link: on3-radio

In der Sendung geht es um die Abmahnung von Whitetapes und das Splash-Mixtape.

Wie wir selber erfahren mussten, ist die Frage, wer denn das Imperium überhaupt ist, alles andere als erwünscht. Zumindest wird man sehr schnell aus dem Coop-Presseverteiler geschmissen, wenn man deren Zugehörigkeit zur Universal Music Group erwähnt. Merkwürdig, da einer der Mitarbeiter von Cooperative Music Deutschland selber ein Label-Porträt online stellte, dass eben genau dieses aussagt:

Die deutsche Niederlassung des pan-europäischen Labelnetzwerks Cooperative Music wurde Mitte 2005 gegründet. Nach der Schließung der Firma V2 Records, die das Labelnetzwerk ursprünglich ins Leben gerufen hatte, wurde Cooperative Music Ende 2007 bei Universal Music angedockt ( mehr dazu hier.)

Mir wurde jedoch unterstellt, ich habe in meinem Beitrag Viele Köche verderben den Brei angeführt und in meinen Kommentaren auf anderen Blogs falsche Aussagen gemacht, ein Auszug aus der Mail, die ich von Coop bekam:

Cooperative Music gehört in keinster Weise zu der Universal Music Group, sondern ist ein eigenständiges, europäisches Labelnetzwerk und weist als Vertriebspartner Universal Music vor.

Den Link zum entsprechenden Wikipedia-Artikel über die Universal Music Group hatte ich schon im Originalpost zum Thema:

Mehr dazu: Wikipedia V2 Records/Cooperative Music (engl.) , Wikipedia Universal Music Group (engl.)

Auf der Seite von Cooperative Music findet sich auch ein Beitrag zur nun zurück gezogenen Abmahnung. Irgendjemand sollte ihnen auch mal sagen, dass auf ihrer Seite das Impressum fehlt.

Ich wundere mich derweil sehr. Cooperative Music haben tolle Künstler in ihrem Roster, die wir oft über den Klee hinaus gelobt haben. Mir ist es generell auch egal, ob ein Künstler bei einem Major oder Indie-Label unter Vertrag steht. Hauptsache, die Musik ist gut. Auch ohne Promomails und Promo-CDs werden wir sicher das ein oder andere Mal noch über die Soulsavers, Eels, Brett Dennen, u.a. berichten. Einen Maulkorb lassen wir uns jedoch von niemandem verpassen, um in den Genuss von Gästelistenplätzen und Bemusterung zu kommen.

DifferentStars

Blogs zum Thema Abmahnung von Whitetapes:

Schallgrenzen, Stylespion, Venue, Nicorola, Spex, Heytube, Stay Indie Don’t Be A Hater, I♥Pluto

Was Musik (nicht) leisten kann

Kunst als Bereicherung des gesellschaftlichen Lebens, mit einem Anspruch der über schiere Unterhaltung hinausgehend eine Quer- und Vordenkerschaft propagiert. All dies wird ins Kalkül gezogen, wenn die Rechte der Urheber unterstrichen werden. Kunst darf sich nie allein auf staatliche Förderungen verlassen und ebensowenig eine Gewichtung nach Verkaufszahlen erfahren. Sie lebt davon Träume, Grundängste und Realitäten poetisch in eine Essenz zu kleiden – und tut dies unter der Prämisse bestens, wenn wir alle mit unseren verschiedensten Lebenserfahrungen, Geschmäckern und Ansichten ihre Vielfalt unterstützen. Erbaulichkeit und Denkanstösse dankbar annehmen und honorieren. Aus eben jener Motivation heraus, habe ich mehrfach auf diesem Blog grundsätzliche Überlegungen zum Thema Urheberrecht angestellt.

Dieses Mal freilich soll der forschende Blick die Frage filetieren, was uns Kunst in Zeiten der Krise eigentlich vermittelt. Im konkreten Fall die Musik. Schenkt sie mehr als kollektive Weltflucht? Oder umkreist sie lediglich die Nabelbeschaulichkeit eines verklärten Individualismus? Fristet sie ihre Daseinsberechtigung als Feel-Good-Soundtrack für unsere gegenwärtige Raserei auf der holprigen Straße des Fortschritts? Meine Antworten entbehren nicht einer gewissen Bitterkeit.

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Foto von Jean-Luc (Creative Commons-Lizenz Attribution ShareAlike 2.0)

Auch im Internet-Zeitalter mit dem prinzipiell freien Zugang zu nahezu jedweder Information und allen Spiel- und Denkarten von Kultur verlässt sich das Gros der Menschen auf die verfestigen Filter, die eifrig aussortieren und uns dann beschnittene Endprodukte präsentieren, welche kaum ideologisch anecken und auf maximalen Profit ausgerichtet sind. Musikkonzerne und Medien servieren ihre Vorstellung von Musik als das Nonplusultra, kredenzen Fast-Food und verkaufen es als Schlemmer-Mahlzeit. Dauerpenetriert nicken wir die Chose ab, geben uns mit den Krümel zufrieden, selbsttäuschen Sattheit vor, obwohl der Magen weiter knurrt. Ein auf stabile Perpetuierung des Erfolgs ausgerichteter Konzern ist ein Koloss, dessen Wohlergehen Zahlen definieren: Umsätze, Börsenkurse. Mitarbeiter, Manager und Anleger sind austauschbar und als Menschen ohne Bedeutung. Das ist doch der Aktien-Kapitalismus, dessen Krise leider noch nicht in den Untergang mündet. Und eben jene auf Mathematik reduzierte Wirtschaft, die nur dann funktioniert, wenn Leichen den Weg pflastern – wie Erich Fromm bereits vor Jahrzehnten bekrittelt hat, eben dieses System definiert auch Kunst. EMI und Warner dominieren die Musikbranche, bestimmen die Charts, polieren Musik glatt. Pure Unterhaltung auf dem niedrigst-erträglichen Level – nur unter diesem Aspekt sind die Bekanntheit und Plattenverkäufe einer Mariah Carey zu erklären. Ab und an bedecken die Macher mit Feigenblättern ihre Scham, dürfen auch engagierte Künstler wie The Flaming Lips ins Rampenlicht. Aber auch hier dominiert das Kalkül.

Wundert sich denn niemand, dass die Krise und ihre Folgen in den letzten 12 Monaten kaum musikalische Resonanz gefunden hat? Dass kein Lied eine friedliche Revolte herbeisingt? So mutet es fast schon als Trauerspiel an, wenn Bob Dylan als Ikone der Gegenworte ein Weihnachtsalbum in Angriff nimmt. Wo zum Teufel bleibt die Relevanz, der stochernde Finger in der Wunde? Handzahm getrimmt wabbert Mainstream und etablierter Indie auf einer Retro-Woge daher. Oder verengt das Sehen auf den erwähnten Individualismus, huldigt biedermeiern dem eigenen Schicksal, dimmt die soziale Komponente auf Mosaiksteinchen persönlicher Erfahrungen.

Es gibt Dinge, die Musik kaum oder gar nicht leisten kann. Sie kann AIDS nicht besiegen, die Klimaveränderung stoppen oder ein Erdbeben verhindern. Aber das Potential die Herzen zu öffnen, Scheuklappen zu entfernen und gesellschaftliche Hoffnung zu entfalten – all dies wäre möglich. Eine diesbezüglich mögliche wirtschaftliche Rendite erscheint keinesfalls sicher. Und eben darum werden Herr Universal und Frau Sony auch weiterhin mit den Reizen großer Töne geizen.

SomeVapourTrails