Stippvisite – 13/06/10

Und wieder Empfehlungen und Hinweise. Wohl bekomm’s!

Streamtipp:

Hjaltalín – was so klingt, als wäre es nur auf Rezept erhältlich, ist eine isländische Band, die mit Terminal ihr zweites Album vorlegt und zwar um kein Experiment verlegen scheint, himmelhochjauchzend schräg anmutet – zumindest für meine Ohren nicht typisch isländisch klingt. Die Schräge der Platte ist manchmal hart an der Grenze zur Hörbarkeit, meist aber famos. Die Times hat das Album vor wenigen Wochen zur CD der Woche gekürt. Zum Stream geht es hier.

Videotipp:

Ich habe Saint Bartlett von Damien Jurado mit jede Menge Lob geadelt. Nun gibt es zu dem Song Arkansas ein stimmungsvolles Video zu sehen. (via nicorola)

Geheimtipp:

World Atlas nennt sich ein Brooklyner Ensemble, welches eine zeitlose Leichtigkeit in verspieltem Pop repräsentiert. Sollte man unbedingt anhören. Einen kostenlosen Download des netten Titels The Winter Stories findet man hier.

NYC Popfest 2010: World Atlas performs at The Bell House from BlearyEyedBrooklyn.com on Vimeo.

Albumtipp:

Andreya Triana hat dieses Jahr bereits auf hervorragende Art und Weise Bonobos neueste Scheibe mit einer sehr gefühlvollen Aura versehen. Im August wird ihr Debüt Lost Where I Belong bei dem Bonobo ordentlich Hand angelegt hat, auf Ninja Tune erscheinen. Erste Vorboten versprechen viel, so zum Beispiel der Track A Town Called Obsolete. Souliger Flair mit ergötzlichen Beats – das riecht nach einer der Überraschungen des Sommers. (gefunden bei New Urban Music Blog)

Videotipp:

Mensch, was für ein Schrott, dachte ich so bei mir. Und war überrascht letztlich, dass es sich bei dem Untrack Alejandro um die neue Single von Lady Gaga handelte. Das dazugehörige Video ist zwar weit weniger desaströs als der Clip zu Telephone, aber einmal mehr mit einer Provokationsmasche versehen, die längst ausgelutscht ist. Lady Gaga macht nichts anderes als Madonna einst gemacht hat. Nur eben 20 Jahre zu spät. Das eigentliche Problem jedoch habe ich damit, dass Madonna richtig tolle Lieder anzubieten hatte, während Frau Gaga einfach nur Trash in die Auslage stellt. Das mag das eine oder andere Jahr Erfolg generieren, im Endeffekt wird die werte Dame jedoch keine bleibenden Spuren hinterlassen. Bad Romance oder Alejandro sind ohne Pomp oder Ironie schlicht und ergreifend völlig vergessenswert. Meine These lässt sich hier nachprüfen. Wie man aus solch Material doch noch etwas erfrischendes zu zaubern vermag, diesen Belegt wiederum kann man dort bestaunen. Unbedingt ansehen!

SomeVapourTrails

When You’re Strange – The Doors

Braucht es noch einen Film über The Doors? Ob Biopic oder Doku, man kennt Jim Morrison und Konsorten inzwischen hinreichend, so zumindest die vorherrschende Meinung. Und wenngleich am ikonischen Status der Band längst kein Zweifel besteht, höchstens die beiläufig eingestreute  Frage nach wie vor kursiert, ob sich der Kult nicht hauptsächlich auf die Exaltiertheit des Frontmannes stützt, wird der am 1. Juli in deutschen Kinos startende, von Tom DiCillo gestaltete Dokumentarfilm When You’re Strange (A Film About The Doors) mit Johnny Depp als Erzähler aufgemotzt. Natürlich wurde auch unveröffentlichtes Filmmaterial ausgegraben, welches einen neuen Blickwinkel auf die Band erlaubt. Kein Portrait darf heutzutage ohne jene Prämisse an den Start gehen. Nicht wieder und wieder gekaute Archivaufnahmen garantieren den Erfolg, es braucht stets neue Erkenntnisse und Bilder.

Meine Skepsis bezüglich dieser Doku vermag sich als berechtigt erweisen – oder einer Faszination weichen. Das wird ein Kinobesuch entscheiden. Zu dem vorliegenden Soundtrack hingegen möchte ich gerne einige Wort verlieren. Es besteht ja wahrlich kein Mangel an den Studioalben (selbstredend remastered), diversen Best-Of-Zusammenstellungen und vielen herausragenden Konzertmitschnitten. Unter diesem Aspekt durfte man durchaus gespannt sein, wie die Produzenten des Soundtracks das Dilemma lösen, dem geneigten Konsumenten eine weitere CD unterzujubeln ohne unveröffentlichte Songs im Köcher zu haben. Denn wenn dem so gewesen wäre, hätte man diese Jubelmeldung bereits vor Monaten in allen Gazetten vernommen.

Der Soundtrack hingegen geht auf Nummer sicher. Die exotischen, nicht in aller Ohren beheimateten Titel fehlen, dazu wurden nur wenige Live-Tracks eingepflegt, die eher durch den Kontext glänzen, in welchem sie entstanden, als durch eine besonders gedenkwürdige Performance der Formation. Wer ekstatische Aufnahmen von Light My Fire über die Länge von 11 Minuten oder mehr kennt, wird dem dreiminütigen Auftritt von 1967 in der The Ed Sullivan Show höchstens mit dem Wissen um damalige Zensurversuche Beachtung schenken. Und da man auch nur wenige Interview-Schnipsel von Jim Morrison, Ray Manzarek, John Densmore und Robby Krieger auf dieser Begleit-CD untergebracht hat, steht und fällt vorliegender Silberling tatsächlich mit Johnny Depp. Sein Vortrag von Lyrikfetzen aus der Feder Morrisons schafft die tragende Atmosphäre, welche in der Tat von Andacht und Stilsicherheit geprägt scheint. Depp beseelt die Zusammenstellung,  wahrt die Seriosität und macht When You’re Strange trotz der Kürze seines Vortrags zu einem Hörbuch, das die Ausstrahlung von The Doors ganz gut vermittelt.

Was bitte soll an einer Compilation zu bekritteln sein, welche Moonlight Drive, The End, Riders On The Storm, Roadhouse Blues oder zum Beispiel When The Music’s Over feilbietet? Außer dem Umstand freilich, dass es sich um eine nicht sonderlich originelle oder ausgiebige Werksschau handelt. Welche Zielgruppe sollte sich den Soundtrack ins Regal stellen? Wahre Liebhaber – und zu jenen zähle ich mich – besitzen bereits mehr Platten als Finger an den Händen, diejenigen Zeitgenossen, denen immer eine Best-Of Genüge tut, werden eine solche ebenfalls lange schon ihr Eigen nennen. Und ob eben jene Doku eine große Schar neuer Enthusiasten auf den Plan ruft, das bezweifle ich ein wenig. Vermutlich würde eine auf 2 CDs aufgespreizte, mit mehr Live-Material aufgemöbelte Variante besser funktionieren. So hingegen muss ein feiner Johnny Depp den Kaufanreiz alleine schultern.

Ohne mit der Wimper zu zucken erachte ich die Formation für die wichtigste Band der Musikgeschichte. Ich ziehe einen Track von The Doors dem gesamten Katalog der Rolling Stones oder der Beatles vor und würde jedem Widerspruch mit Übereifer begegnen. Mich also kann kein Film oder Soundtrack tief im Mark erschüttern. Ich bin es lange schon. Dass vorliegende CD zu When You’re Strange anderen Hörern einen ähnlichen Effekt beschert, wünsche ich mir trotz manchen Zweifels sehr.

Link:

Offizielle Webseite zu When You’re Strange

Homepage von The Doors

SomeVapourTrails