Das Stigma der Flucht – Aziza Brahim

Im gegenwärtigen Diskurs wird Flucht als Fahrt nach Disneyland dargestellt. Oder als eine Art vergnügliche Reise mit ein wenig Camping-Flair und jeder Menge Action verharmlost. Das Verlassen der Heimat scheint nur noch Suche nach einem Schlaraffenland-Eldorado zu sein. All diese euphemistischen Darstellungen lassen jedoch außer Acht, dass Flucht überwiegend im Elend mündet. In irgendwelchen Flüchtlingscamps in einem vegetativen Niemandsland, aus dem Boden gestampft auf Wüstengrund oder Brachland. In solch einem Flüchtlingscamp in der algerischen Wüste wurde Aziza Brahim 1976 geboren, nachdem ihre Familie im Zuge des Westsaharakonflikts dorthin fliehen musste. In der algerischen Provinz Tindūf enstanden zu dieser Zeit Lager, in denen bis heute circa 180.000 Saharauis, Mitglieder eine maurische Ethnie in der Westsahara, leben. Der ganze Konflikt steht exemplarisch für die Nachwehen des Kolonialismus. Die Westsahara war in den Siebzigern von Spanien aufgegeben worden, Marokko nutzte diese Gelegenheit zur Annexion. Bis heute teilt der verminte marokkanische Wall den von Marokko verwalteten Teil von jenen unter Kontrolle der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario befindlichen Gebieten. Ein in das Thema einführender Beitrag zu dem Konflikt findet sich übrigens auf der Webseite des Deutschlandradios. Aziza Brahim freilich hatte das Glück, ein Schülerstipendium zu bekommen und mit 11 Jahren nach Kuba gehen zu können. Als sie dort jedoch für ein Musikstudium nicht zugelassen wurde, kehrte sie jedoch 1995 in die algerischen Camps zurück, wo sie sich der National Sahrawi Music Group anschloss. Die Musik führte sie in den 2000er-Jahren nach Spanien, wo sie jetzt auch lebt.

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