Mist – The Bell That Couldn’t Jingle

Die Leichtigkeit und Eleganz der Kompositionen eines Burt Bacharach sind hoffentlich unbestritten. Vielen Liedern und Alben Bacharachs haftet zudem die Patina goldener musikalischer Zeiten an. Dennoch ist so ein wunderbarer Weihnachtssong wie The Bell That Couldn’t Jingle leider nie die erste Wahl für Indie-Musiker ist. Dabei ist das Lied auch textlich so verdammt rührend, erzählt die Geschichte einer Weihnachtsglocke, die nicht läuten kann und sich deshalb auch keine Illusionen macht, den Schlitten Santas mit Geläut begleiten zu dürfen. Doch Santa hört das Weinen des Glöckchens und nimmt sich seiner an. Er entdeckt, dass ihm der innere Klöppel fehlt. Er lässt Jack Frost daraufhin aus einer der Tränen einen solchen Klöppel anfertigen und schenkt ihm dem Glöckchen, damit selbiges am Weihnachtsabend munter vor sich hin läuten kann. Ein tolles Lied, das darunter leidet, dass die ganz hohe Kunst des Easy Listening und die Attitüde des Indie halt nicht immer harmonieren. Wie dies jedoch bestens funktioniert, zeigt das Projekt Mist des Niederländers Rick Treffers. Sein verträumter Indie-Pop mit zärtlicher Singer-Songwriter-Note scheint dazu prädestiniert, sich an einen Herrn Bacharach heranzuwagen. Ihm gelingt ein Track, der die so liebenswürdige Geschichte herrlich untermalt, zugleich einige exzentrische Akzente setzt. Elektronische Frickeleien fehlen ebenso wenig wie chorale Eskapaden, im Verlauf mündet die anfängliche Kleinteiligkeit dann in einen harmonisch-eingängigen Ohrenschmaus. Eine ausgesprochen würdige Interpretation von The Bell That Couldn’t Jingle!

Zu finden ist dieser Track auf dem Album Underwater, das im Frühjahr dieses Jahres erschienen ist. Nach über 15 Jahren verabschiedet sich Treffers damit von seinem Projekt Mist, um zu neuen, noch unbekannten Ufern aufzubrechen. Underwater ist eine Art Werkschau, die Outtakes, B-Seiten und Liveaufnahmen zusammenträgt. Bereits sein tolles Album The Loop of Love von 2015 war mir viel Lob wert, auch Underwater imponiert mir ungemein. Wer abseits weihnachtlicher Klänge nach tollen Liedern sucht, sollte getrost bei Mist verweilen. Game Over etwa ist ein zeitlos schmachtender Anspieltipp. Die wunderbar entwaffnende Liebeserklärung Hey war schon auf dem letzten Album ein Glanzlicht, auf Underwater wird dem Track eine spanische Version und eine Liveaufnahme spendiert. Treffers gibt den Sixties-Pop-Troubadour mit angenehmem Understatement und fester Verortung im Hier und Jetzt. Underwater ist kein Best-of-Album und doch eine Platte der kleinen und großen Schätze. Das Live-Duett Reunion Song geht runter wie Öl, auch das südlichen Gefilden zugetane Andalusia mit seinem sachten, einem Herzschlag gleichenden Beat ist ein Juwel. Das gilt selbstverständlich auch für den weihnachtlichen Track Christmas Day, der in seiner nervös-elektronischen Art vielleicht ein wenig mehr Geschmackssache ist als das bereits erwähnte The Bell That Couldn’t Jingle. Insgesamt hofft man nach dem Anhören der Platte, dass sich Treffers das Ende von Mist gut überlegt hat. Denn eigentlich wäre es schade, wenn es solch feine Alben in Zukunft nicht länger gäbe!

Underwater ist am 02.03.2017 auf Skipping Records erschienen.

Links:

Offizielle Homepage von Mist

Webseite von Rick Treffers

Mist auf Facebook

SomeVapourTrails

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