Musikalisches Tohuwabohu (VIII): VedeTT, Treptow, Jef Maarawi, Orchestre Les Mangelepa

Und nun ohne Umschweife und mit nur zwei Tagen Verspätung zum zweiten Teil unseres musikalischen Tohuwabohus! Aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds der letzten 2 Monate habe ich mir einige Perlen herausgefischt. Mögen sie auf gespitzte Ohren stoßen!

VedeTT

Wave-Pop mit larmoyant-melancholischer Grundstimmung, das bietet VedeTT aus Frankreich. Florent Vincelot (aka Nerlov) hat mit Losing All kurz vor Weihnachten eine tolle EP veröffentlicht, bei der es sehr schade wäre, würde sie deshalb untergehen, weil man im Dezember eigentlich stets zu sehr in die Rückschau vertieft ist. Der Track Get off the Road offenbart einen atmosphärisch Synthie-Sound mit Trip-Hop-Elementen, der durch einen leidenschaftlichen, auch mal in Sprechgesang abgleitenden Vortrag ergänzt wird. Der Titeltrack Losing All ist waviger Post-Punk, bei dem abermals der fragile Gesang Nerlovs hervorsticht. Ähnlich gestrickt ist It Seems to Be Natural, das in Sachen Rhythmus freilich noch dynamischer und eingängiger anmutet. Sehr gelungen, von dieser Nummer könnten sich eine Menge Bands eine Menge abschauen! Entschleunigt, in Fragen schwelgend, sehnsuchtsverloren, derart beendet Eyes die EP. Der nachdenklich-jazzige Bläsereinschub ist nur ein weiteres Detail, das Losing All von der Masse hervorhebt. VedeTT, soviel steht außer Frage, zählt zu jenen Acts, auf die man auch 2018 unbedingt ein Auge haben sollte!

Losing All ist am 08.12.2017 auf Echo Orange erschienen.

 

Treptow

Deutschsprachige Musik habe ich 2017 meines Wissens fast völlig ausgeblendet. Allerdings nicht aus einer bewussten Verweigerungshaltung heraus, die Neugier war halt relativ überschaubar. Eine der Bands, die sich eine Erwähnung jedoch längst verdient haben, ist Treptow. Die Berliner Formation hat mit dem Song Licht der Stadt eine schöne Hommage an den Osten Berlins fabriziert, mit der Sorte Lokalkolorit versehen, den all jene missen lassen, die nur dem Hype gefolgt und nach Berlin gezogen sind. Auch der Song Mit dir find ich für immer nicht mehr schlimm ist so viel authentischer als das, was die Giesingers und Forster dieser Welt sonst so verbrechen. Besonders berührend fällt freilich das Musikvideo dazu aus, das eine Liebe jenseits von Schönheitsidealen und Jugendlichkeit präsentiert. Und zwar ganz ohne fiese, nach dem Motto ‚Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn‘ geheuchelte Mitleidigkeit! Treptow zeigen sich als Großstadtpoeten, bei denen es nicht erst Einhörner oder Feuerwerke regnen muss, um Glück zu erkennen und zu finden. Deutsche Liedtexte ohne platte Pseudo-Einsichten sind selten, Treptows subtiler Charme, der das kleine Glück zelebriert, tanzt angenehm aus der Reihe. Das Album Besser selbst als gar nicht zählt somit zu den Hoffnungsschimmern am deutschsprachigen Musikhimmel. Dass solch unprätentiöse Musik ausgerechnet aus Berlin kommt, mag überraschen. Dass sich die Band nach einem Stadtteil im Osten benannt hat, überrascht wiederum nicht. Ein echter Hörtipp!

Besser selbst als gar nicht ist am 15.09.2017 erschienen.

 

Jef Maarawi

Wer Bonnie ‚Prince‘ Billy, Elliott Smith und Father John Misty zu seinen Vorbildern zählt, sich jedoch auch von der brasilianischen Kultur beinflusst fühlt, hat sofort meine Aufmerksamkeit. Denn solch Namedropping lässt eigentlich nur Spielraum für Schlimmes oder aber absolute Großartigkeit. Dem in Athen beheimateten Singer-Songwriter Jef Maarawi ist ohne Wenn und Aber ein verdammt gutes Album gelungen. Über die Platte gibt es sogar so viel zu erzählen, dass ich sie im Januar noch ausgiebig besprechen werde. Deshalb will ich es dabei belassen, schon mal einen Track namens Oh my God, Omayra! zu empfehlen. Der sich gefällig in die Ohrgänge schmeichelnde Sound kaschiert dabei einen Text, der es durchaus in sich hat, erzählt er doch vom Schicksal von Omayra Sánchez. Die Zeilen „And now you stand/ Firm in between/ The ones that left/ And the ones that will/ Your soggy hand/ Your blackened eyes/ A picture worthy/ Of your demise/ Your mom says that she lost her clothes/ Your brother only lost a toe“ handeln Unglück mit fast galgenhumoriger Flapsigkeit ab. Die Schere zwischen dem beschwingten Singer-Songwriter-Folk und diesen, ein übles Schicksal rekonstruierenden Lyrics klafft weit auseinander. Gerade das finde ich äußerst spannend, so stelle ich mir Musik vor, in die viel Herz und Hirn investiert wurde. Jef Maarawi hat auf seinem Album Comfort Food einige Lieder zu bieten, die aufhorchen lassen. Das wiederum wird dann das Thema eines Blogposts im neuen Jahr sein! Bis dahin sollte man schon mal die Boxen heißlaufen lassen und Oh my God, Omayra! einige Hördurchläufe spendieren.

Comfort Food ist am 11.12.2017 via Inner Ear erschienen.

 

Orchestre Les Mangelepa

Man muss sich diese Geschichte mal vorstellen: Eine Gruppe kongolesischer Musiker verschlägt es in den Siebzigern nach Kenia, wo sie die Musik ihres Heimatlandes, den afrikanischen Rumba, mit kenianischen Elementen mixen. Doch trotz mehr als vier Jahrzehnten des Bestehens hat es das Orchestre Les Mangelepa nie nach Europa geschafft, selbst der große Weltmusikboom der Neunziger ging an ihnen vorüber. Erst in den letzten Jahren hat das Ensemble auch Konzerte in Europa gegeben, allein 2017 zwei in Berlin. Und diesen Herbst ist sogar ihr erstes für den internationalen Markt bestimmtes Album Last Band Standing erschienen. Dieses ist dabei weniger als altersweises Stück langgedienter Musiker zu begreifen, sondern überwiegend als ein mit der aktuellen Besetzung aufgenommenes Best-of der beliebtesten Stücke. Last Band Standing lässt somit auch die goldenen Zeiten Revue passieren, es wirkt wie eine Zeitreise in pulsierende ostafrikanische Tanztempel der Siebziger, macht ein Lebensgefühl greifbar. „[R]umba, catchy vocals, dance-floor orientated rhythm guitar and their trademark marching snare shuffle“ sind laut Pressetext die Bestandteile der Erfolgsformel, die die Formation nun bereits 40 Jahre trägt. Und dem inspirierten, mitreißenden Spiel nach zu schließen, sollte diese Platte vielleicht auch erst der Anfang einer internationalen Karriere sein. Angesichts des Charmes von Tracks wie Kanemo, Malawi zikomo oder Maindusa wäre es eine weltmusikalische Bereicherung. Denn zumindest meiner bescheidenen Meinung nach ist fast nichts im Klang so süffig und beschwingt wie afrikanischer Rumba. Bleibt zu hoffen, dass es das Orchestre Les Mangelepa 2018 abermals nach Deutschland verschlägt!

Last Band Standing ist am 20.10.2017 auf Strut Records erschienen.

SomeVapourTrails

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