Die Ü-40-Bibel – Tocotronic

Es kommt die Zeit im Leben, da man mehr in der Erinnerung schwelgt, als erwartungsvoll nach vorn zu blicken. Nun hat diese Unausweichlichkeit auch Tocotronic ereilt. Ein bitterer Beigeschmack bleibt vielleicht zurück, wenn die Helden der eigenen Jugend nun quasi als Zwischenresümee Rückschau halten, während man selbst eventuell noch voller Erwartung all der Dinge harrt, die noch kommen mögen, ja müssen. Um bei der Beschäftigung mit dem neuen Album Die Unendlichkeit auf einen grünen Zweig zu kommen, sollte man sich nochmals kurz K.O.O.K. aus dem Jahre 1999 ins Gedächtnis rufen. Tocotronic gelang damit die große Deutung und Ausgestaltung von Jugend, nicht weniger als das Porträt einer Generation. Es erzählte von Unangepasstheit und Erkundung der eigenen Identität inmitten der piefigen Szenerie deutscher Vorstädte. Bald 20 Jahre später lässt sich nun anhand von Die Unendlichkeit überprüfen, inwieweit Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank den Verlockungen der Spießbürgerlichkeit erlegen sind. Wie viel K.O.O.K. steckt noch in Tocotronic? Oder sind sie heute nur gut situierte Pseudo-Revoluzzer, die eine Vergangenheit verklären, weil sie mit dem Heute wenig anzufangen wissen? Die neue Platte gibt eine souveräne Antwort!

Photo Credit: Michael Petersohn/UniversalMusic

 

 

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. Electric Guitar erzählt von der Pubertät in kleinstädtischer Enge, von der aufkeimenden Leidenschaft für die Gitarre, vom Herumlungern mit Gleichgesinnten. Von der Umwelt kaum verstanden zu werden, facht die Sehnsüchte nur noch stärker an. Dabei wird nie in der Nostalgiekiste gekramt, stattdessen voll warmer Poesie der Ursprung für die musikalische Begeisterung geschildert. Zeilen wie „Ich schnalle dich um, nehme dich in die Hände und schicke den Sound zwischen die Wände. Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus, Teenage Riot im Reihenhaus. Ich gebe dir alles und alles ist wahr. Electric Guitar.“ machen den Song zu einer zutiefst gelungenen, bittersüßen Hymne über ein Teenagerdasein in den frühen Neunzigern. Der Leidensdruck erfährt seine Zuspitzung bei Hey Du, das von Außenseitertum und Anfeindungen berichtet. Die Lyrics „Bin ich was, dass du nicht kennst, dass du mich Schwuchtel nennst? Ist mein Stil zu ungewohnt für den Kleinstadthorizont? Hey du, was starrst du mich an?“ lassen all die Frustration mit großer Energie wieder lebendig werden. Man spürt sofort die große Lust, die Erfahrungen dieser Zeit nochmals musikalisch aufzubereiten. Der rabiat-punkige Flair des Songs führt in die Anfangstage der Band zurück. 1993 ist in dieser Hinsicht ähnlich gestrickt, berichtet von dem Exzess der Freiheit, der dem Umzug nach Hamburg folgte. Was die drei Lieder eint, ist die Klarheit der Aussage. Hier muss nichts ergründet oder gedeutet werden. Alles liegt auf der Hand, sortierte und famos aufbereitete Erinnerungen an die Anfänge.

Der Rest der Songs ist kryptischer, weniger erzählend gehalten. Selbstverständlich macht sie das nicht minder interessant. Ich lebe in einem wilden Wirbel reminisziert die erste große Liebe als Gefühl eines Schwebens über die Welt. Tocotronic stehen nicht eben im Verdacht, besonders romantisch gestimmt zu sein. Und die kesse Sohle des Neunziger-College-Rocks transportiert üblicherweise auch nicht die große Romantik. Doch steckt in diesem Track weitaus mehr Gefühl als jene verkopfte Analyse, die die Band rund um von Lowtzow in der Regel auszeichnet. Als völlig überragend entpuppt sich Unwiederbringlich. Es ist auf mehrfache Weise das beste Stück eines Meisterwerks. Im Kern erzählt es vom Tod eines Familienmitglieds oder Freundes, während das lyrische Ich eine Zugfahrt quer durch die Republik unternimmt. Ob diese zwei Ereignisse miteinander zusammenhängen, der Protagonist also auf dem Weg ist, Abschied zu nehmen, bleibt unklar. Zwei Fetzen der Lyrics sollen nicht unerwähnt bleiben. Die Zeilen „Dein Tod war angekündigt. Das Leben ging dir aus. Unwiederbringlich schlich es aus dir heraus.“ sind in dieser sachlichen Nüchternheit eine wunderbare treffende Schilderung des Sterbens. In der Rückschau scheint der im Zug befindliche Protagonist zu bedauern, erst Stunden später von dem Tod zu erfahren. Teils entschuldigend, teils erklärend wird deshalb „Es gab noch keine Handys. Es war alles Gegenwart. Die Zukunft fand ausschließlich in Science-Fiction-Filmen statt.“ angemerkt. Es sind diese Sätze, in denen deutlich wird, wie viel sich seit damals wohl geändert hat. Das zwischen der geschilderten Vergangenheit und dem Hier und Heute tatsächlich viel an Zeit liegt. Damals ist mehr als ein paar Tage her, dieser Seufzer steht unausgesprochen im Raum. Das pittoresk-instrumentale Intro von Unwiederbringlich verleiht dem Song Schönheit und eine angesichts des Inhalts erstaunliche Leichtigkeit. Bei Bis uns das Licht vertreibt gibt von Lowtzow das von Unruhe erfüllte Nachtschattengewächs, dem die Decke auf den Kopf fällt und dabei gerne Gesellschaft hätte. Ein in seiner Ungefähre typischer Tocotronic-Song, der angesichts des stark biografischen Zuschnitts der Platte zu Unrecht ein wenig untergeht. Mit Ausgerechnet du hast mich gerettet wird es obskur. Fragwürdige Komplimente wie „Du bist nicht schön, doch auch kein Biest. Vielleicht etwas dazwischen, das noch nicht bezeichnet ist. Nur du selbst, doch nicht bewusst, mit deinen schiefen Zählen und der schmalen Brust. Doch du hast mich gerettet und du hast mich erlöst. Du hast mich ins Bett gesteckt und mich endlich zugedeckt. Ausgerechnet hast mich gerettet und erlöst.“ erinnern mich in ihrer Zweifelhaftigkeit an Grönemeyers Liebeserklärung Anna. Hier regiert das Staunen darüber, dass die Errettung ausgerechnet durch eine ganz bestimmte Person erfolgt, die eigentlich vor allem über Defizite definiert zu werden scheint. In dieser verschrobenen Manier geht es weiter. Ich würd’s dir sagen ist ein sich der Vertrautheit versicherndes Wiegenlied für dunkle Stunden. Alle Zweifel, düsteren Gedanken wollen erst beiseite gewischt werden. Mein Morgen ist nochmals seltsam gestrickt, schunkelt sich voll von Freiheit und Glückseligkeit strebendem Eskapismus dahin. Eine solch Wonne im Vortrag wäre mir in dieser Form so noch nicht untergekommen. Die Platte kulminiert schlussendlich in Alles was ich immer wollte war alles, welches man als Tocotronic-goes-Knef bejubeln darf. Solch chansonesque Eleganz mit diesem Hauch lässiger Ironie und dem Mut zu großen Gesten und Worten tut dieser Platte verdammt gut.

Doch die Gewissheit bleibt, dass uns nichts mehr trennen kann. In der Zeit des Aufruhrs und der Anspannung, wenn der Weg vor mir verschwimmt, dann gehst du mir voran in die Unendlichkeit.“ heißt es in einer Strophe des Titeltracks Die Unendlichkeit. Selbst wenn die Atmosphäre des Tracks für dieses Album unerwartet unruhig anmutet, so ist die Chose textlich faszinierend. Denn trotz Selbstgeißelung steht der Song im Heute, betrauert jedoch nicht etwa die immer stärker fühlbare Endlichkeit, sondern hat gleich die Unendlichkeit im Sinn. Monströs und beschwörend, geradezu bedeutungsschwer und mächtig dröhnt die Nummer aus den Boxen. Die Last der Unzulänglichkeiten, die Suche nach Absolution, der fragende Blick an die Zukunft… mit diesem Stück gerät das Album endgültig zur Ü-40-Bibel. Tocotronic wagen die Erinnerung und Aufarbeitung, versuchen die Gegenwart zu begreifen und dem Ausblick auf die eigene Endlichkeit den Gedanken an Unendlichkeit entgegenzusetzen. Den Herren von Lowtzow, Müller, Zank und Rick McPhail glückt der Gang ins Gestern und danach die Rückkehr in das Morgen. Daraus sollten alle Hörer Kraft und Inspiration beziehen können!

Die Unendlichkeit erscheint am 26.01.2017 auf Vertigo/Universal.

Konzerttermine:

06.03.2018 Bremen – Schlachthof
07.03.2018 Münster – Sputnikhalle
08.03.2018 Heidelberg – Halle 02
09.03.2018 Erlangen – E-Werk
11.03.2018 Erfurt – Stadtgarten
12.03.2018 Wiesbaden – Schlachthof
13.03.2018 Köln – E-Werk
14.03.2018 Hannover – Capitol
16.03.2018 Hamburg – Große Freiheit 36 (Zusatzshow)
17.03.2018 Hamburg – Große Freiheit 36 (Ausverkauft)
06.04.2018 Leipzig – Werk II (Ausverkauft)
07.04.2018 Essen – Weststadthalle
08.04.2018 Stuttgart – Theaterhaus
09.04.2018 Zürich (CH) – X-TRA
11.04.2018 Freiburg – E-Werk
12.04.2018 München – Tonhalle
13.04.2018 Salzburg (AT) – Republic
14.04.2018 Dresden – Alter Schlachthof
16.04.2018 Berlin – Columbiahalle (Ausverkauft)
17.04.2018 Berlin – Columbiahalle (Zusatzshow)

Links:

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SomeVapourTrails

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