Und heute? – Fela Kuti

Fela Kuti habe ich auf diesem Blog schon mehrfach ausführlich gewürdigt, einen Abriss seines Schaffens gegeben, seine frühen Jahre beleuchtet. Ich habe somit hoffentlich bereits verdeutlicht, weshalb ich ihn für den Inbegriff eines Künstlers erachte. Sein kreativer Impuls wirkte derart unvermittelt, so als würde er Kompositionen aus dem Handgelenk schütteln. Dazu war er noch mit großem Charisma ausgestattet. Kuti hätte sich also auf die Rolle des exzentrischen, menschenfängerischen Genies zurückziehen können. Doch war sein Leben auch ein Kampf gegen Unterjochung, ein Ringen um Identität. Er war mindestens so sehr Aktivist wie Musiker. Ein tragischer Held, der mit vollstem Einsatz für hehre Ideale kämpfte. Ein Irrläufer, der sich in seiner Unangepasstheit oft hoffnungslos verrannte. In all dieser Widersprüchlichkeit wäre Fela Kuti im Hier und Jetzt eine vermutlich hoch umstrittene Figur, die den Zeitgeist herausfordern würde. Als Kolonialismuskritiker wäre er Hassobjekt neoliberaler Globalisierer, sein polygamer Lebensstil würde Feministinnen auf die Palme bringen, die Kritik an der Bevormundung durch Religion würde ihn zur Zielscheibe von Boko Haram machen, die Aufsässigkeit gegenüber international salonfähigen Despoten würde der EU nicht wirklich in den Kram passen. Stattdessen müsste er mit dem Applaus der neuen Rechten rechnen, wenn er Migration und den damit einhergehenden Braindrain missbilligen würde. Spinnen wir den Gedanken an einen Fela Kuti im Jahre 2018 doch ein bisschen weiter fort, indem wir ein paar Alben des kürzlich veröffentlichten Vinyl Box Set #4 in einen gegenwärtigen Kontext stellen. Sieben Platten auf Vinyl, kuratiert von Erykah Badu, erfahren so eine Wiederveröffentlichung, wurden mit viel Bonusmaterial und Hintergrundinfos aufgepeppt.

Man führe sich diesen Übermut vor Augen. Nachdem seine provokant als Kalakuta Republic benannte Kommune im Februar 1977 von 1000 Soldaten der nigerianischen Regierung angegriffen und Kuti, seine Mutter sowie weitere Bewohner brutal misshandelt wurden, hätte er eigentlich in Deckung gehen müssen. Ins Exil zu flüchten oder sich zumindest nicht weiter mit dem Militärregime anzulegen, wären auch heute die bevorzugten Lösungen. Doch Fela Kuti suchte weiter die direkte Konfrontation. Das Album Coffin for Head of State von 1980 war als Abrechnung mit dem scheidenden Präsidenten Olusegun Obasanjo gedacht. Die Zeilen “Them steal all the money, them kill many students, them burn many houses, them burn my house too, them kill my mama. So I carry the coffin, I waka waka waka, Movement of the People, them waka waka waka, Young African Pioneers, them waka waka waka. We go Obalende, we go Dodan barracks, we reach them gate-o, we put the coffin down, Obasanjo dey there, with him big fat stomach, Yar’Adua dey there, with him neck like ostrich, we put the coffin down… them no want take am, them no want take am, who go want take coffin…?” lassen in puncto Drastik keine Wünsche offen, beschreibt einen Protestmarsch mit Sarg hin zur Residenz Obasanjos. Und als wäre all dem nicht genug, machte sich Kuti mit seinen Gefolgsleuten tatsächlich mit dem Sarg auf den Weg. Die symbolträchtige Aktion endete, wie sie enden musste. Kuti und die Getreuen wurden verprügelt und ins Gefängnis geworfen. Wie würde all das heute rezipiert werden? Würde man das Gehabe töricht oder gar geschmacklos schimpfen? Wäre Kuti ein wackerer Streiter für Menschenrechte oder doch ein Wutbürger voller Flausen? Hätte dieser Vorfall Platz in den Schlagzeilen der europäischen Presse? Könnte Kuti mit einer ähnlichen Welle der Solidarität rechnen wie vor ein paar Jahren Pussy Riot? Oder würden nur Erwähnungen im Deutschlandfunk oder in den Spalten der taz herausspringen? Coffin fo Head of State ist ein Musterbeispiel für Kunst, die sich mit den Herrschenden anlegt und nicht müde wird, Unrecht anzuprangern. Selbst wenn die eigene körperliche Unversehrtheit darunter leidet. Doch wäre es ungerecht, wenn man das Album nur auf seine Botschaft reduzieren würde. Der lockere Groove der Nummer, durchsetzt mit ketzerischen, Religionen als Werkzeug der Mächtigen kritisierenden Call-and-Response-Passagen und dem gackernden Hohn der Bläser, zeigt Kuti in Bestform.

Auf seiner Platte Yellow Fever aus dem Jahre 1976 widmete sich Fela Kuti dem Thema der afrikanischen Identität, griff dabei die seiner Meinung nach grassierende Unsitte der Verwestlichung der nigerianischen Gesellschaft auf. Er führte die Verwendung von Hautbleichmitteln auf einen kulturellen Minderwertigkeitskomplex zurück, der für ihn Resultat einer nicht aufgearbeiteten kolonialen Vergangenheit war. Das Thema ist auch 2018 nach wie vor aktuell, global womöglich aktueller denn je. Die Frage, wie schwarz man denn sein darf, um akzeptiert zu werden, bleibt auch heute unbeantwortet. Seit der Begriff People of color im Zuge der Black-Power-Bewegung in den USA aufgetaucht ist, hat sich seine Bedeutung geweitet. Im Zuge der Debatte um Critical Whiteness ist PoC längst selbst gewählte Bezeichnung verschiedenster Menschen, die sich als nicht-weiß wahrnehmen. Dieses Selbstverständnis klingt zunächst richtig und wichtig. Es unterschlägt aber auch das Gefälle zwischen all diesen Menschen. Der Teint einer Beyoncé entspricht vermutlich noch immer eher nordamerikanischen oder europäischen Schönheitsidealen als der dünklere Hautton einer Lupita Nyong’o. Wie also würde Kutis Werk heute rezipiert? Als Spaltpilz innerhalb der PoC-Community? Oder würden Feministinnen Yellow Fever aufgrund des Covers gar als dreisten Versuch werten, Frauen männliche Vorstellungen von Schönheit aufzudrängen? In all der Aufregung würde leider der Umstand untergehen, dass der von Afrika 70 in bestem Bandsound dargereichte Funk-Jazz absolut gelungen ist.

Der Schwerpunkt dieses Boxsets ist eindeutig auf die Jahre 1976-1980 gelegt. In jener Zeit überbordenden Schaffensdrangs veröffentlichte Kuti Platten am laufenden Band. Dieser Output ist unter dem Hintergrund zu verstehen, dass Alben Kutis Waffe im Kampf gegen das nigerianische Regime waren. No Agreement von 1977 bildete diesbezüglich keine Ausnahme. Es unterstrich ein weiteres Mal sein Versprechen, nie mit dem verhassten, korrupten Regime Nigerias kooperieren zu wollen, sich auch nach der Erstürmung der Kalakuta Republic durch die nigerianische Armee keineswegs einschüchtern zu lassen. Die in nigerianischem Pidgin gehaltenen Zeilen „I no go agree make my brother hungry make I no talk, I no go agree make my brother jobless make I no talk, I no go agree make my brother homeless make I no talk…no agreement today, no agreement tomorrow, no agreement now, later, never and ever“ belegen, dass es Kuti beim Kampf nicht um Durchsetzung primär eigener Interessen ging, er sich in tiefster Solidarität mit seinen leidenden Landsleuten verbunden sah. Doch auch dieses vollmundige Versprechen bliebe gegenwärtig nicht ohne Widerspruch. Nörgler würden es als Gerede eines trotz aller Repressionen letztlich privilegierten Künstlers abtun. Kuti sähe sich Anfeindungen ausgesetzt, sogar populistische Anwandlungen würde man ihm womöglich unterstellen. Der Diskurs würde im Zeitalter aufgeheizter sozialer Netzwerke an der Figur Fela Kuti abarbeiten. Er wäre je nach Meinung närrischer Umstürzler oder Lichtgestalt. Auf alle Fälle bliebe der lässige Vibe dieses Afrobeats auf der Strecke. Famose Bläser-Fanfaren, smoothes Gitarrenspiel, ein Saxofon in Jam-Stimmung, das famose Gastspiel des renommierten Trompeters Lester Bowie, es gibt ungemein viel zu bestaunen.

Eine Würdigung dieses Vinyl-Boxsets darf Underground System von 1992 nicht unterschlagen. Weil es das letzte zu Kutis Lebzeiten erschienene Album mit neuem Material ist. Weil es als Tribut an Thomas Sankara, den ermordeten Präsidenten Burkina Fasos, verstanden werden darf. Die Kernaussage der Platte ist eine, die zumindest dem Status quo verpflichtete Zeitgenosse vermutlich als plumpe Verschwörungstheorie abtun. Kuti ging davon aus, dass es eine in ganz Afrika stattfindende Vernetzung der herrschen Eliten gibt, die Politiker und Revolutionäre mit neuem Ethos notfalls mit Gewalt zu verhindern weiß. Das ist längst nicht so geheimbündlerisch und konspirativ, wie man glauben möchte. Kutis Beispiele für all die unbequemen, auf die eine oder andere Art aus dem Weg geräumten Präsidenten, unter anderem Kwame Nkrumah, Sékou Touré, Patrice Lumumba und sogar Idi Amin, würde 2018 für Kopfschütteln sorgen. Doch waren für Fela Kuti vor allem der panafrikanische Gedanken sowie die Verurteilung des Kolonialismus die Aufnahmekriterien in die Liste. Über Idi Amins Gräueltaten gibt es nichts zu diskutieren. An der Aussage, dass die westliche Welt nach wie vor die Strippen zieht, Rohstoffe ausbeutet und eine Emanzipation Afrikas nicht zulässt, mit dem afrikanischen Establishment eine für beide Parteien lukrative Partnerschaft eingeht, gibt es auch gegenwärtig nichts zu rütteln. Man müsste schon große Übung im Wegschauen besitzen, um die Einflussnahme Europas und der USA zu leugnen. Man müsste schon ausgesprochen kurzsichtig sein, um in einer globalen Welt weiter auf mehr oder weniger subtile Ausbeutung zu setzen und dabei zu meinen, dass all dies ohne Konsequenzen bliebe. Sankaras Ermordung hatte Fela Kuti ohne Zweifel getroffen. Underground System ist in seiner Botschaft ein klassisches Kuti-Album, musikalisch wirkt es weitaus fiebriger und nervöser als die übrigen Platten der Sammlung. Hervorstechend sind beim Titeltrack speziell die Call-and-Response-Sequenzen mit dem Backgroundchor.

Man hat sich bei dem Boxset wieder mächtig ins Zeug gelegt, es kommt mit einem Poster des nigerianischen Künstlers Lemi Ghariokwu daher, der auch für 26 der Albumcover Kutis verantwortlich zeichnete. Dazu gibt es ein dickes Booklet, das von Erykah Badu geschriebene Essays zu den Alben sowie wirklich sehr erhellende Ausführungen des Musikjournalisten und Afrobeat-Experten Chris May beinhaltet. Songtexte und bislang unveröffentlichte Fotos runden die Chose ab. Natürlich wurde die Platten remastert, das versteht sich ohnehin von selbst. Kurzum, mit dieser Sammlung wird einmal mehr das Erbe des Meisters hochgehalten. Fela Kuti mag zwar 1997 gestorben, sein musikalisches Genie und seine gesellschaftspolitischen Anliegen haben jedoch nichts von ihrer Wirkung und Aktualität eingebüßt. Trotzdem stellt sich mir die Frage, wie wir heute mit einem Künstler von solch Dimension umgehen würden? Würden wir der Leidenschaft, dem Engagement und der ebenso vorhandenen Widersprüchlichkeit tatsächlich in vollem Umfang gerecht werden? Oder blicken wir noch immer voll Unverständnis auf einen Charakter voll Licht und mit manch Schatten? Fela Kuti, das steht für mich außer Zweifel, hätte auch 2018 keinen leichten Stand. Das haben revolutionäre Denker und Genies freilich nie – und wahrscheinlich muss dem auch so sein.

Tracklist:

1) Yellow Fever
Side A: Yellow Fever
Side B: Na Poi ’75

2) No Agreement:
Side A: No Agreement
Side B: Dog Eat Dog (Instrumental)

3) Johnny Just Drop (J.J.D.)
Side A: Part 1
Side B: Part 2

4) V.I.P
Side A: Part 1
Side B: Part 2

5) Coffin For Head Of State
Side A: Part 1
Side B: Part 2

6) Army Arrangement
Side A: Part 1
Side B: Part 2

7) Underground System
Side A: Underground System
Side B: Pansa Pansa

Vinyl Box Set #4 curated by Erykah Badu ist am 15.12.2017 auf Knitting Factory erschienen.

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.