Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

Man kann sich Vielfalt auf verschiedene Weise annähern. Beispielsweise über die nicht vorhandene Ordnung lamentieren. Oder aber die Energie wahrnehmen, die sich im Chaos meist verbirgt. Der Berliner Formation Holler my Dear darf man getrost einen Hang zum Kuddelmuddel unterstellen. Das beginnt bei der Herkunft der Bandmitglieder, setzt sich im Wirrwarr der musikalischen Stile fort und schreckt auch vor den Lyrics nicht zurück. Das jüngst erschienene Album Steady As She Goes gerät so zu einem zeitgemäßen Abbild des urbanen Berlins. Und weil es ganz viel zu erwähnen gibt, stürzen wir uns am besten gleich kopfüber in dieses herrliche Tohuwabohu.

Photo Credit: Jim Kroft

Die Mitglieder der Band hat es aus Österreich, Russland, Großbritannien und dem Berliner Umland in die Metropole verschlagen. Die unterschiedliche Provenienz besitzt großes Potential, auch weil sich die Formation nicht krampfhaft um einen kleinsten gemeinsamen Nenner bemüht. Ja, natürlich ist die Platte unter dem Begriff Pop einzuordnen, in den Details ist die Musik aber ausgesprochen facettenreich. Mal wird jazzig angehauchten US-Singer-Songwriterinnen über die Schulter geschaut, dann wieder wird Ethno-Pop osteuropäischer Färbung gefrönt, hier lugt ein bisschen Cabaret hervor, auch ein chansonesquer Charakter ist dem Werk nicht fremd. Als Kitt dient stets die verspielte Leichtigkeit, welche der Gesang der Österreicherin Laura Winkler versprüht. So vielfältig wie der Sound zeigen sich auch die Texte. Ob die Willkommenskultur bejaht oder die aufgeschlossene, an Lebensentwürfen reiche Stadt geschildert wird, ob ein Hasspostings kritisch beäugt oder das Leben als Reise wahrgenommen wird, fast immer überwiegt bei Holler my Dear versonnene Unerschütterlichkeit. Schon der aufgekratzte Titeltrack Steady As She Goes erweist sich als Gegenstück zur grassierenden Großstadtmelancholie. Zeilen wie „Strolling around on those sunny lanes of colourful societies/ I’m mixing up tales to a queer symphony/ What a wonderful variety“ versprühen eine Lebensfreude, zeichnen ein Bild Berlins, in dem jeder und jede nach seiner und ihrer Fasson glücklich werden kann. Einen wilden Stilmix bietet Forward, dessen quirliger Singer-Songwriter-Pop mit Ethno-Charme verbrämt und einer Rap-Einlage veredelt wird. Und die Botschaft „They say I’m looking at the world through rose-coloured glasses/ Led by the hashtags/ Blind to the masses/ And my protest will be blasted/ Cos goody-two-shoes is written on my forehead/ Oh I’m so naïve I’m being friends with refugees/ In humanity I do believe“ ist als konsequentes Bekenntnis zum Gutmenschentum zu verstehen. Rhythmisch ein wenig gedämpfter, melodisch jedoch sehr smooth erweist sich der Track Home Away From Home, dessen Lyrics „Somewhere along this road/ Now after all you’ve roamed/ You’ll build with all this hope/ A home away from home“ ebenfalls im Gedächtnis haften bleiben. Ein echtes Highlight ist auch der Song Seeds Of Concord, der ein Potpourri von getragen-souligen Klänge bis hin zu Disco-Charme bereithält. Eine brillante Trompete blitzt immer wieder auf, mal als bluesiges Lamento, mal zur fröhlichen Fanfare bittend. Textlich geht es um Hasspostings und Panik schürende Trolls in sozialen Netzwerke. Dem denkwürdigen Statement „You sow the seeds of discord/ We sow the seeds of disco/ We’ll carry on going out/ Let’s celebrate unity“ ist nichts hinzuzufügen. Spätestens bei Tracks wie Little By Little oder Nemories ist es an der Zeit für einen Vergleich. Was eine Regina Spektor für New York ist, das könnten Winkler und Konsorten für Berlin bedeuten. Der kunstvolle, dabei keinesfalls spröde Sound und der wandlungsfähige, stets souveräne Gesang gestatten den Vergleich mit großen Kalibern allemal. Little By Little scheint zunächst nicht mehr als eine behutsame Liebeserklärung zu sein, doch betont der Pressetext, dass hier „offen über queere Inhalte“ gesungen wird. Warum auch nicht? In Berlin ist das nur vermeintlich Andersartige feste Normalität. Nemories wiederum erinnert an ein Balkan-Chanson, bei dem mit Exzentrik nicht eben gegeizt wird. So edel wie obskur! Ein Akkordeon und die spleenige Trompete sorgen für wunderbaren Flair. Nicht verschwiegen werden soll auch The More The Merrier, dessen reizende, fröhliche Eingängigkeit den perfekten Einstieg in diese so kunterbunte Platte bildet. Liebe als Hingabe ohne Zweifel oder Erwartungshaltungen ist unheimlich erfrischend. Besonders schrullig finde ich bei dem Song, wie der tänzelnde Rhythmus plötzlich wegbricht, ein Jodel-Einschub folgt, ehe die Chose wieder zur Ursprungsmelodie zurückjammt, wobei der Gesang in der zweiten Hälfte gesanglich jazzig bis gospelig ausfällt. Solch offensichtliche Freude am Experiment – gespickt mit augenzwinkernder Überraschung – steht Holler my Dear gut zu Gesicht. Da bildet auch Scintillating Lady, das abermals als Hommage an ein vibrierendes Berlin fungiert, keine Ausnahme. Der Track beginnt als nachdenklicher Folk-Pop, ehe er im Verlauf schwelgerische Züge und skandinavische Grandezza annimmt, um schließlich im Disco-Funk anzukommen. Herrlich! Sobald man denkt, dass man die Bandbreite der Band nun einzuschätzen vermag, taucht plötzlich das Lied Zwischen den Städten auf. Diese feine Ballade mit poetischen Strophen wie „Zwischen den Städten einen Landstrich malen und mitten hinein einen Menschen lieben.“ regt zu Bildern und Gedankengängen an. Deutschsprachige Lieder, die an Poesie nicht scheitern, existieren leider viel zu wenige. Ein weiteres Bienchen ins Heft für Holler my Dear!

Das Kuddelmuddel, das ich Holler my Dear eingangs unterstellt habe, ist gewollt, keineswegs Ausdruck von Ziellosigkeit oder Überforderung. Es ist bis ins letzte Detail sogar äußerst inspiriert. Was Winkler (Gesang), Stephen Molchanski (Trompete), Fabian Koppri (Mandoline), Valentin Butt (Akkordeon), Lucas Dietrich (Bass) und Elena Shams (Drums) im Zusammenspiel auf die Beine stellen, scheint von besonderer Chemie getragen. Das Ergebnis ist ein in seiner Vielfalt bewundernswertes, nie überkandideltes Album, das sich in puncto Haltung ebenso hervortut. Steady As She Goes klingt nach dem Stück Berlin, speziell Schöneberg, Kreuzberg, Nord-Neukölln und Friedrichshain, in dem man trotz mancher Widrigkeiten glücklich werden darf. Ein Album mit solch Message und einer großen Portion Esprit sollte unbedingt für sich entdecken!

Steady As She Goes ist am 02.02.2018 auf Traumton Records erschienen.

Konzerttermine:
22.03.2018 Wien (AT) – Akkordeonfestival Wien
23.03.2018 Heidenreichstein (AT) – Nordic Grooves
04.04.2018 Wien (AT) – Porgy & Bess
05.04.2018 Graz (AT) – Orpheum Extra
07.04.2018 Salzburg (AT) – Jazzit
18.05.2018 Berlin – Karneval der Kulturen
19.05.2018 Villigst – Studienwerk e.V.
26.05.2018 Duisburg – Tempel Folkfest
02.06.2018 Berlin – ND Live
15.06.2018 Weimar – Mon Ami
16.06.2018 Klein Trebbow – Hofkonzerte
24.06.2018 Feldkirch (AT) – Musik in der Pforte

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Ein Gedanke zu „Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

  1. Ich frühstücke nur am Wochenende und höre dazu immer meine neusten CD-Erwerbungen (bin da oldschool im Gegenständlichen verhaftet); dies Frühstücke dehnen sich, seit ich nach dem Konzert von Holler my Dear in der Münchner Unterfahrt, das wegen eines Championsleague-Spiels vom FC Bayern vor lächerlichen – gleichwohl glücklichen 40 Zuhörern stattfand, spontan gleich alle 3 CDs der Gruppe erstanden habe. Ich höre die Dinger seither immer wieder, meist in chronologischer Reihenfolge an und kann mich kaum satthören… Die Fülle darin enthaltener klanglichen und kompositorischen Ideen ließ an die besten Zeiten der Beatles denken, wie auch der unbekümmerte aber nie wahllose Zugriff auf Stilmittel und Elemente verschiedenster Musikgenres von Folk, über Musical bis Disco und Jazz. Allerdings finde ich den in der Rezension von lie in the sound verwendeten Begriff Kuddelmuddel geradezu daneben, denn hier wird meiner Meinung nach Fülle mit Unordnung verwechselt. Und es macht meines Erachtens gerade das Wesen insbesondere der neuen CD von Holler my dear aus, dass sie so durchkomponiert ist, die Töne, Harmonien, Klänge, Strukturen, neben- und übereinander ganz bewusst ins Verhältnis gesetzt sind, ja die Anfänge und Enden der einzelnen Stücke noch ineinander verschränkt sind bzw. korrespondieren. Und dieser Eindruck verstärkt sich beim Öfterhören noch, es bleibt interessant, wird immer interessanter und macht unverschämt viel Spaß.
    In einer Zeit, in der zuweilen als Reduktion getarnte Einfallslosigkeit stilbildende Kräfte zugeschrieben werden, tut es richtig gut, in so einem Meer aus musikalischem Einfallsreichtum und Assoziationen einzutauchen. Aber, dieses Meer ist kein Chaos, es trägt!

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