Geschmeidig & unerschütterlich – Thom And The Wolves

Einer meiner Vorsätze für das Musikjahr 2018 bestand eigentlich darin, möglichst vielfältige Musik anzuhören, nicht immer nur die gleichen Genres und auf ewig Indie zu lauschen. Diesen Vorsatz habe ich jedoch bald dahingehend modifiziert, dem Folk fast völlig zu entsagen. Eigentlich sollte ich also keine einzige Zeile zum Album The Gold In Everything schreiben. Denn es verkörpert genau das, dessen ich mich überdrüssig wähnte. Folk mit Akustikgitarrre, der dem Leben ohne Mätzchen, dafür mit sachtem Grübeln auf den Grund geht. Noch dazu stammt das Werk von einem in Berlin lebenden Straßenmusiker, der unter dem Namen Thom And The Wolves musiziert. Mit solch Pseudo-Aussteigertum kann man mich mittlerweile jagen. Im Grunde will doch jeder nur der nächste Passenger werden. Doch liegt in der andächtigen Schlichtheit von The Gold In Everything tatsächlich eine versonnene Güte.

Solch ein Album steht und fällt mit dem Gesang. Und dieser Vortrag wurde in ungezählten Stunden des Musizierens am Straßenrand perfektioniert. Der Wechsel zwischen seelenvoller Inbrunst und dem griffigen, erzählenden Tonfall eines Singer-Songwriters ist nahtlos. Thom And The Wolves kommt mit einer derart geschmeidigen Stimme daher, dass die Art der Präsentation stets über den Texten steht. Aber die Wertschätzung für dieses Album ist nur bedingt von den Lyrics abhängig. Ob Liebe nun bei The Island zur Trutzburg gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu sein scheint oder im Titeltrack mit Versicherungen wie „I only care about you in my dreams“ gegen eine Trennung angesungen wird, ob The Art Of Being Alone mit begangenen Fehler hadert oder Heaven aus all den Irrtümern und Irrwegen lernt und sich zu den Zeilen „I keep straying for the best in myself/ To give back to you what you deserve“ aufschwingt, stets rappelt sich der Protagonist auf, glaubt weiter an die Liebe und natürlich ans Leben. Zugegeben, solch unerschütterlicher Optimismus, der jede Krise meistert, mag abgeklärten Menschen womöglich nur ein müdes Lächeln entlocken. Aber für sie ist The Gold In Everything eher nicht gedacht. Wer sich dagegen an tröstlichem Gesang ohne Pathos oder Erbauungsstereotypen erfreuen mag, wird von Thom And The Wolves sehr angenehm überrascht werden. Vermutlich auch in musikalischer Hinsicht. Denn obwohl die Instrumentierung im Kern vor allem auf die Gitarre baut, ist sie keineswegs schmucklos. Neben Bass und Schlagzeug blitzen hie und da ein Tupfer Klavier oder ein Cello-Einsatz auf. Der Indie-Folk dieser Platte ist angenehm arrangiert, nie zu karg und zugleich auch völlig ohne Zuckerguss. Wer angesichts dieser Zeilen nun dem Album eine Chance geben möchte, sollte zunächst den Track Not The End anhören. Er komprimiert auf knapp über 4 Minuten alle Vorzüge dieses Werks. Der Gesang fällt zärtlich aus, die akustische Natur wird mit mehrfach mit einem E-Gitarren-Riff aufgepeppt, gegen Ende schimmert ein Piano durch, textlich geht es einmal mehr um eine Liebe, die allem Unbill oder Belehrungen von außen trotzt.

Meine Auszeit vom Folk hat sich als letztlich nicht haltbarer Vorsatz erwiesen. Womöglich gefällt mir an The Gold In Everything vor allem die bescheidene Authentizität. Musik möchte oft so viel ausdrücken, einen ganzen Gefühlskosmos zimmern, alles neu erfinden, die Welt erklären. Bei Thom And The Wolves habe ich den Eindruck, dass man bewusst kleine Brötchen backt. Des Herzens Bauchgefühl wird nicht zum Mysterium verklärt, Verzweiflung und Enttäuschung nicht zum künstlerischen Antrieb hochstilisiert. Dieses Maß an Unerschütterlichkeit imponiert mir. Und mit eben jener Unerschütterlichkeit werfe ich auch Vorsätze über Bord. Indie-Folk in dieser sympathischen Manier hat auch 2018 Platz in meiner Plattensammlung!

The Gold In Everything ist am 09.02.2018 auf Solaris Empire erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

Thom And The Wolves auf Facebook

Thom And The Wolves auf Instagram

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.