Viel gewollt & mehr erreicht – Kat Frankie

Es gibt eiserne Regeln im Musikgeschäft. Gegen biedere Ausstrahlung helfen nur anzügliche Songtexte. Oder: Bankrotterklärungen künstlerischer Kreativität müssen mit Bombast übertüncht werden. Ersteres hat Britney Spears zum Erfolg geführt. Letzteres einen Michael Jackson in den Neunzigern über Wasser gehalten. Mit diesem Wissen muss man fast zwangsläufig eine große Harmlosigkeit hinter einem Albumtitel wie Bad Behaviour wittern. Nun könnte man der in Berlin lebenden Australierin Kat Frankie zugutehalten, dass sie schlicht den Titel des ihrer Einschätzung nach griffigsten Tracks zum Albumtitel erwählt hat. So recht will er zum mit Finesse ersonnenen Singer-Songwriter-Pop mit ein wenig R&B-Charme nicht passen. Bad Behaviour suggeriert eine penetrante Aufmüpfigkeit, vielleicht sogar Frivolität. Das gibt die Platte meiner Ansicht nicht her. Und das ist verdammt gut so.

Photo Credit: Sabrina Theissen/GroenlandRecords

Das Werk, so verrät der Pressetext, ist auch das Resultat einer Selbstfindung, an deren Ende die Hinwendung zu Soul und R&B steht und die zugleich die Abkehr von folkigen Klängen bedeutet. Vielleicht erscheint es deshalb nicht ganz schmeichelhaft, wenn ich mich zuerst auf jene Songs fokussiere, die auf diesem Album aus der Reihe tanzen. Etwa Versailles mit seinem Eso-Ethno-Touch. Es wirkt wie während eines Besuchs des Schlosses geschrieben, wenn all der Prunk die Gedanken tief in die Geschichte, genauer gesagt den Vorabend der französischen Revolution, führt. Die Zeilen „If I could live on love/ I’d have no fear of death/ And no demand for bread/ Ain’t got time, ain’t got long/ For we compell the king/ Unravelled and unpinned/ To end this suffering“ drücken die Wut der Untertanen wunderbar aus. Kat Frankie vermag sich bei diesem Track in puncto Imagination und Ausdrucksstärke mit den großen Singer-Songwriterinnen des Indie, beispielsweise My Brightest Diamond oder Feist, zu messen. Auch Finite, die balladeske Aufarbeitung einer Trennung, fällt aus dem Rahmen. Die als Lamento dargebrachte Erkenntnis darüber, dass man zu lange an einer unerträglichen Beziehung festgehalten hat, kommt dank gedämpfter Dramatik und Piano-Eleganz ausgesprochen edel, geradezu feierlich, rüber. The Sun könnte man sich speziell abseits des Refrains wunderbar als aus der Feder Paul Simons stammend vorstellen, derart makellos präsentiert sich das Songwriting. Ein aufgeräumter Rhythmus, ein beiläufig erzählender Gesang, dazu ein als Kontrast funktionierender souliger, mit viel stimmlichem Aufwand betriebener Refrain, das ist in der Summe wirklich verdammt ansprechend. Kommen wir aber nun zu jenen Liedern, die den R&B-Charakter, den sich die Platte auf die Fahnen heftet, besonders verkörpern. Hier sticht etwa Headed For The Reaper hervor. Dieser Track fängt die Intention des Albumtitels wohl am besten ein. Die Strophe „Born a brawler, someone’s loving you/ There’s the things that we want and the stupid shit we do/ Never meant to hurt him but you had to play dead till you made it ‘cross the borderline/ Bumpin’ on y’head now you’ve gone and hung ya neck/ And it’s not a pretty way to die“ kommt voll lässiger Toughness daher, musikalisch ist das funky und mit augenzwinkernden Akzenten, etwa einer gut aufgelegten Trompete, durchsetzt. Selbstverständlich fällt auch der Titeltrack Bad Behaviour in diese Kategorie. Er ist unglaublich gefällig, ja mainstreamtauglich, ohne dabei harmlos oder flach zu tönen. Trotzdem zählt er in der Gesamtschau nicht zu den erinnerungswürdigen Songs der Platte. Das freilich kann man von Home, das sich als Plädoyer für Selbstbestimmung versteht, nicht behaupten. Obwohl es musikalisch ziemlich wild ist, denn von flockigen Soul-Rhythmen über deftig rockige Gitarreneinschübe bis zu abermaligen Anklängen an Paul Simon steckt in dem Song einiges drin. Speziell die Zeilen „Why is there endless energy invested/ Telling people how to be, ‘cause they can’t accept that/I don’t believe in prayer, I believe in love/ But it’s never enough never enough never enough baby“ bieten viel zeitgeistige Verve. Den Vogel schießt freilich der samtene Electro-Soul von Back To Life ab. Frankies Stimme ist hier zum Crooner gepitcht, der Pressetext versteigt sich gar zur Aussage, dass sie „wie James Blake als Dragqueen klingt“. In diesem Augenblick wird die soulige Intention der Platte endgültig rund.

Bad Behaviour besticht als stilistisches buntes, ideenreiches Werk, das sich mit der hervorgekehrten Prämisse eines Hin zu Soul und R&B vielleicht nur selbst im Wege steht. Denn dadurch rückt das großartige Versailles oder der feine Singer-Songwriter-Pop von The Sun womöglich unabsichtlich in den Hintergrund. All die Facetten, die Kat Frankie auf dieser Platte anbietet, machen nämlich den Reiz aus, präsentieren sie als komplette, bisweilen herrlich unkonventionelle Musikerin. Bei diesem Album hat Frankie mit ihrem Imagewandel fraglos viel gewollt und dank Mut zur Überraschung sogar noch mehr erreicht. Das muss man ihr erst mal nachmachen!

Bad Behaviour ist am 02.02.2018 auf Grönland Records erschienen.

Konzerttermine:

04.03.2018 Dresden – Scheune Kulturzentrum
05.03.2018 Frankfurt – Brotfabrik
06.03.2018 Stuttgart – club CANN
11.03.2018 München – Ampere
13.03.2018 Würzburg – Café Cairo
14.03.2018 Leipzig – UT Connewitz
15.03.2018 Göttingen – Musa
16.03.2018 Erfurt – Franz Mehlhose (Ausverkauft)
17.03.2018 Münster – Gleis 22
20.03.2018 Köln – Kulturkirche
21.03.2018 Hannover – Pavillon
22.03.2018 Hamburg – Mojo Club
23.03.2018 Bremen – Lagerhaus
24.03.2018 Rostock – Helga’s Stadtpalast
27.03.2018 Berlin – Volksbühne
28.03.2018 Berlin – Volksbühne
17.04.2018 Erfurt – Halle 6 (Zusatzshow)

Links:

Offizielle Webseite

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