Erotik & Esprit – Margaux Simone

Weil gegenwärtig in den USA jedes sportliche Hüftwackeln Beyoncés bereits als großes, die Gesellschaft veränderndes Statement durchgeht, weil die pseudofeministische Piefigkeit deutscher Sängerinnen auch nicht auszuhalten ist, lohnt nicht erst dieser Tage der Blick nach Frankreich. Weil darauf Verlass ist, dass aus diesem Land laszive, dekadente, lebensfreudige Klänge kommen, die so viel mehr bieten als abgestandene Selbstverwirklichungsfantasien oder patente Kalenderweisheiten. Natürlich schwingt da jetzt auch eine Überspitzung kultureller Stereotypen mit, zugleich erscheint mir Sinnesfreude voller Esprit in Frankreich doch besonders ausgeprägt. Jüngstes Beispiel dafür ist Margaux Simone mit ihrer Anfang des Jahres erschienenen EP Platine.

Sexyness trifft hier auf Noir-Chic, Lana Del Rey auf säuselnden French Pop. Der Charme dieser fünf Lieder besteht in einer kühl produzierten Ästhetik, ja Hochglanzoptik. Dieser Pop-Bombast mit markigen Beats wird vom blendend disponierten Gesang Simones mit Leidenschaft erfüllt. Bikini Queen Icon ist der französischste Track, präsentiert sich als Synthie-Pop, dessen Stöhnen und Wispern voller Rätselhaftigkeit steckt. Wer das feine Musikvideo zu dem Lied sieht, wird mit Begierde und Ausbruch konfrontiert, erlebt eine ausgesprochen selbstbewusste Erotik. Bikini Queen Icon würde so wunderbar zum Sommerhit taugen! Der Titelrack Platine klingt wiederum so, als hätte man Lana Del Rey Überpop mit R&B-Elementen gekreuzt. Platine ist ein Song für die große Show auf großer Bühne. Fast meint man vor dem geistigen Auge eine divareske Simone tanzen zu sehen, umgeben von einer Schar von Tänzern und Tänzerinnen, deren schöne Körper allerlei reizvolle Bewegungen vollführen. Überhaupt gewinnt man spätestens bei Mulholland den Eindruck, dass diese EP von der mondänen Stimmung von Del Reys Honeymoon inspiriert wurde – und sich ein wenig in dessen Verlorenheit in einer Welt der Reichen und Schönen hineinversetzt. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass Margaux Simones Reiz mit der Nachahmung einer Lana Del Rey erklärt wäre. Keinesfalls! Mögen Sound und Produktion ab und auch Anleihen nehmen, dem Vortrag der Französin wohnt eine ganz eigene, originäre Faszination inne. Ihr Timbre kann sich quasi mit einem Wimpernschlag von mädchenhafter Lieblichkeit zur mit allen Wassern gewaschenen Chansonette aufschwingen. Die Facettenhaftigkeit wird bei Charleston fast überdeutlich. Fast schon waffenscheinpflichtig wird sinnlich ins Mikro gehaucht, ehe die getragene Ballade plötzlich unvermutet alle Viere von sich streckt und der gleichnamige Gesellschaftstanz eine fast übermütige Varieté-Szenerie erweckt. Wie hier Chanson, lasziver Pop und der durch eine Caro Emerald in den letzten Jahren wieder populär gemachte Swing bei dieser Nummer zusammengeführt werden, ist famos.

Die weibliche Seite des French Pop ist eine, die sehr oft über Klischees und aufgeplusterten Sex hinausgeht. Margaux Simone steht mit ihrer EP Platine in der Tradition einer Sinnlichkeit voller Charme sowie einer Abgründigkeit, die nicht krampfhaft die Femme fatale raushängen lassen muss. Der Bombast ihres Pop wird gekonnt mit Charme und Esprit erfüllt. Solche Qualitäten schreien förmlich nach einer Renaissance des French Pop hierzulande. Oder wollen wir uns auf ewig damit abfinden, dass Fräuleinwunder wie Helene Fischer die Charts und den Äther verstopfen? Wohl kaum. Ein – vielleicht sogar das – Gegenmittel zur musikalischen Tristesse lauer Sommernächte ist fraglos der French Pop. Vor allem dann, wenn er so gelungen tönt wie im vorliegenden Fall!

Platine ist am 19.01.2018 erschienen.

Links:

Margaux Simone auf Facebook

Margaux Simone auf Instagram

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.