Katharsis im Wüstenstaub – Brian Lopez

Der Drang nach Perfektion ist durchaus nachvollziehbar. Perfektion wird allgemein als Indiz dafür gewertet, dass neben Talent auch jede Menge Fleiß und Disziplin im Spiel ist. Zugleich steht die Perfektion jedoch dem Streben nach Spontanität im Wege. Wie authentisch kann Musik klingen, die in unzähligen Takes aufgenommen und anschließend noch ausgiebig bearbeitet wird? Wie viel an Emotion geht im Verlauf dieses Prozesses verloren? Wenn man sich solch Fragen mit Konsequenz begegnet, kommt am Ende ein Album wie Prelude dabei heraus. Mit selbst auferlegten Regeln, die durchaus an das Dogma-Manifest im Filmbereich erinnern, hat der US-Singer-Songwriter Brian Lopez eine Platte voll karger Schönheit erschaffen. Über zwei Wochen hinweg hatte Lopez sein Schlafzimmer im heimatlichen Tucson, Arizona zum Aufnahmestudio umfunktioniert. Jeden Abend ab 18 Uhr verbarrikadierte er sich dort, tüftelte so lange an einem Song, bis dieser geschrieben, aufgenommen und abgemischt war. Und vorher wurde auch nicht schlafen gegangen. Verschärfend gestattete er sich nur zwei Takes pro Tonspur. Was nach zwei Versuchen nicht formvollendet im Kasten war, musste eben in aller Fehlerhaftigkeit auf das Album kommen. Das Resultat des Experiments sind Lo-Fi-Lieder, die die Stimmung und kreative Verfassung eines jeweils ganz bestimmten Abends einfangen.

Der beschriebene Modus operandi verlangt viel Mut und Lopez einiges ab. Inspiration ist ja keine verlässliche Konstante, sie wird von der Tagesform verstärkt oder aber konterkariert. Und selbst wenn eine Melodie und Lyrics den Weg ins Hirn finden, braucht es hernach die handwerkliche Disziplin, all dies instrumental ansprechend umzusetzen. Die Prämisse von Prelude scheint vom Drang nach Katharsis geprägt. In den eigenen vier Wänden ganz auf sich zurückzufallen, sowohl Ablenkungen wie ideengebende Impulse außen vor zu lassen, schafft einen Rahmen, bei dem der Impuls eines Singer-Songwriters ohne jede Verstellung zum Vorschein kommt. Im Falle von Brian Lopez ist dies Wüstenfolk voll tagträumerischer bis wiegenliedhafter Anmutung. Ein flüsternder Gesang, hauptsächlich auf Gitarre, Synthesizer und Piano gestützt, mehr braucht es nicht für diesen entrückten, schönen Sound mit feiner Patina. Zu den Highlights dieses Experiments zählt unter anderem die romantische Gruselmär Tale Of Us, die mit Zeilen wie „And everywhere you turn/ there is a mad man/ Who wants you to burn“ Gänsehaut versprüht. Ebenfalls hochgradig hörenswert fällt Your Nomenclature aus, das im Widerstreit zwischen sakraler Feierlichkeit und halbwacher Albtraumhaftigkeit tönt. Synapsis Will Pay wiederum mutet nach einem mexikanischen Schlaflied an, Fade Out gefällt als luftige Walzerfantasie. Fast alle Tracks haben versonnene, ja nostalgische Melodien zu bieten, so auch Meaningless and Blithery, bei dem Lopez freilich ein wenig geschummelt hat, indem das Lied nachträglich mit Streichern behübscht wurde.

Es liegt in der Natur dieses Experiments, dass manche der Lieder letztlich auch Fingerübungen bleiben. Und vermutlich ist es den beschriebenen Bedingungen geschuldet, dass Brian Lopez nur in Ansätzen seine Fähigkeiten als Crooner ausspielen kann. Der Preis der Unvollkommenheit besteht zudem darin, dass sich die Stimmung dieses Werks nicht immer klar benennen lässt. Melancholische Süße trifft mehrfach auf einen Noir-Charakter, Lieblichkeit wird von Schwaden der Abgründigkeit überlagert. Prelude zeigt insgesamt auf, dass sich ein Song trotz Fokussierung eben nicht an einem Abend aus den Fingern saugen lässt. Das führt dazu, dass der Track Los Angeles, ein Zauber aus Piano und eifrig gezupfter Gitarre, letztlich ohne Text begnügen muss. Und dennoch möchte man diese Platte nicht missen. So nahe am Puls des Musikers, so nahe am Herzschlag der Komposition wie bei diesem Album ist man sonst nämlich nie!

Prelude ist am 23.03.2017 auf Dust and Stone Recordings erschienen.

Link:

Brian Lopez auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .