Musikalisches Tohuwabohu (XI): Escondido, Dengue Dengue Dengue, My Brightest Diamond

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge die Musik auf gespitzte Ohren stoßen!

Escondido

Seit der Veröffentlichung des wunderbaren Albums Walking With A Stranger bin ich ein großer Fan des US-Duos Escondido. Der Sängerin Jessica Maros und dem Gitarristen Tyler James gelang eine herrliche Melange aus Country, Pop und Desert-Rock, die Platte halte ich nach wie vor für mit das Beste, was 2016 veröffentlicht wurde. Im letzten Spätsommer bereits wurde mit Darkness die erste Single der neuen Platte Warning Bells vorgestellt. Darkness entwickelte eine gewisse Schwüle mit südamerikanischem Flair. Man durfte also gespannt sein, ob das neue Album generell einen Aufbruch in neue Gefilde bedeuten würde. Nun ist mit You’re Not Like Anybody Else ein weiterer Vorbote von Warning Bells zu vermelden. Und Mensch, die Nummer ist vom Feinsten! Diese warme und retroeske, melodisch beschwingte Country-Ballade mit textlicher Träne im Knopfloch geht mitten ins Herz. Der geschmeidige Sound und der bedauernde Gesang, hinter dem das eine oder andere Tränchen lauert, machen You’re Not Like Anybody Else zu einem jener Lieder, die das ausdrücken, was Facebook mit seinem Beziehungsstatus „Es ist kompliziert“ wohl meint. Wenn es noch ein oder zwei solcher Lieder auf Warning Bells gibt, steht das kommende Album der fabelhaften Vorgängerplatte um nichts nach!

Die Single You’re Not Like Anybody Else ist am 23.03.2018 auf Kill Canyon erschienen.

Dengue Dengue Dengue

Vor fast drei Jahren habe ich hier über einen Sampler mit Clubsounds berichtet. Das allein ist schon bemerkenswert, weil dieser Blog nicht im Verdacht steht, Clubmusik weit vorn auf der Agenda zu haben. Noch bemerkenswerter war freilich die Tatsache, dass sich die feine Compilation Peru Boom – Bass, Bleeps & Bumps From Peru’s Electronic Underground der Clubszene Perus verschrieben hatte. Ja, Peru! Eine Formation, die ich seitdem nicht aus den Augen verloren habe, ist das aus Lima stammende Duo Dengue Dengue Dengue. Die beiden DJs und Grafikdesigner Rafael Pereira und Felipe Salmon haben einen ganz speziellen Ansatz, der mir sehr gut gefällt. Ihr Schaffen fokussiert sich auf indigene Rhythmen aus Peru und darüber hinaus. Diese werden in elektronischer Form aufbereitet, Tradition trifft dabei auf Moderne, analoge Samples auf digitalen Sound. Daraus wiederum entsteht eine ganz eigene Atmosphäre, die visuell stark ausgestaltet wird. Die Anfang des Jahres veröffentlichte EP Son de los Diablos ist der jüngste Beleg einer hochgradig inspirierten musikalischen Vision. Der Titeltrack geht dabei auf einen traditionelle Tanz namens Son de los Diablos, zu deutsch Klang der Teufel, zurück, der einst von den spanischen Konquistadoren nach Peru gebraucht wurde. Dieser Tanz bestand aus einer Prozession von Tänzern und Musiker, die in Teufelsmasken durch die Straßen zogen. Da es in Lima auch eine beachtliche Population afrikanischer Sklaven gab, wurden auch deren Rhythmen und Tanzstil miteinbezogen. Daraus entstand eine ganz eigene afro-peruanische Musik, die als Música Criolla bekannt wurde. Der Track Son de los Diablos fängt die rituelle Szenerie mit einer Mischung aus Beklemmung und Ekstase  hervorragend ein. Auch Buscando, bei dem das Duo sämtliche Rhythmus-Instrumente live einspielen ließ, ist eine Entdeckung wert. Der komplexen Percussion wird ein Vocal-Sample voller Schmelz und Gefühligkeit gegenübergestellt. Dem daraus resultierenden Spannungsverhältnis von Hektik und Schwelgerei kann man sich schwerlich entziehen. Flootz wiederum imponiert als Tribal-Tanz mit afrikanischen Gesängen, alles von den Schwaden einer Disco-Schwüle umwabert. Diese elektronische Klänge stecken voller Tiefgang und laden bei allem Anspruch dennoch zu Verrenkungen. Clubsounds zelebrieren ja in der Regel Hedonismus. Und warum sollten sie dies auch nicht tun? Trotzdem ist der experimentelle, kulturellen Traditionen nachspürende Ansatz von Dengue Dengue Dengue erfrischend anders und eine Inspiration über die Freuden einer Nacht voller Tanz hinaus. Das Duo führt die Rituale von einst mit modernen zusammen. Heute beispielsweise im Berliner Yaam und nächste Woche in Basel. Ein echter Ausgehtipp!

Son de los Diablos ist am 26.01.2018 auf Enchufada erschienen.

Konzerttermine:

20.04.2018 Berlin – Yaam
28.04.2018 Basel (CH) – Kaserne Basel

My Brightest Diamond

Je mehr man sich mit Musik beschäftigt, desto eher stellt man sich die Frage, welche Musiker und Musikerinnen eigentlich Genres neu erfinden, erfrischende Impulse setzen oder gar Grenzen ausloten. Wenn man das abzieht, was mit viel Show und Tamtam aufgebauscht wird, bleiben vermutlich überraschend wenige Namen übrig. Ein Name darf jedoch keinesfalls unter den Tisch fallen. Was Shara Nova, vormals Worden, als My Brightest Diamond mit ihrem letzten Album This Is My Hand von 2014 erschaffen hat, ist Avant-Pop, der eine Songwriter-Befindlichkeit mit jenen Irritiationen, die darstellenden Kunst aufzuwerfen vermag, in Einklang bringt. Die Songs Pressure und Lover Killer sind schlicht genial und lösen das ein, was man einer St. Vincent leider nur nachsagt. Wenn es also dieser Tage Neues von My Brightest Diamond zu vermelden gibt, dann sind meine Ansprüche wolkenkratzerhoch. Nächste Woche wird die EP Champagne als erste Kostprobe ihres noch für dieses Jahr angekündigten neuen Albums erscheinen. Die auf französisch dargebotene Version des Titeltracks Champagne FR kann man sich auch bereits anhören. Dass Nova den gleichen Song in zwei Sprache aufnimmt, ist keine Novität. Auch dem Titeltrack ihres letzten Albums hat sie mit Ceci est ma main eine atemberaubende französische Version spendiert. Der neue Track Champagne offenbart einmal mehr eine Künstlerin, der kaum jemand das Wasser reichen kann. Dieser Electro-Pop erschallt voll Wucht und Eleganz. Ein Beat, der sich die Beine aus dem Leib stampft, trifft auf Novas aufregend-artifizielle Persona. Das Ergebnis ist einmal mehr Avant-Pop, der alles andere in die Tasche steckt. Daher mein Rat: vergesst St. Vincent, lauscht My Brightest Diamond!

Champagne FR ist am 06.04.2018 erschienen.

SomeVapourTrails

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