Buch der Erinnerungen – Manic Street Preachers

Anfang letzten Monats hatte ich mit den unverwüstlichen James über eine jener Bands geschrieben, die in Großbritannien lange schon auch kommerziell erfolgreich sind und auch nach Dekaden im Musikgeschäft noch immer künstlerisch wertvolle Musik machen. Das Gleiche lässt sich auch über die Manic Street Preachers sagen. Selbst zu ihren Glanzzeiten, in denen sie sowohl bei den Singles als auch bei den Alben die britischen Charts anführten, waren James Dean Bradfield, Nicky Wire und Sean Moore in Deutschland unter ferner liefen. Selbst einer der ganz großen Songs des Britpop, If You Tolerate This Your Children Will Be Next aus dem Jahre 1998, war in Deutschland nie ein Gassenhauer. In Deutschland, so das Fazit, werden die Manic Street Preachers mit ihren fast fünzig Lenzen wohl nicht mehr in den Olymp der Stars aufsteigen. Auch nicht mit ihrem jüngsten Werk Resistance Is Futile. Das ist so bedauerlich wie wohl unabänderlich. An der Güte der Musik liegt es nicht. Das neue Album entpuppt sich als klassisches, fein melodisches Rockalbum. Bradfield und Konsorten versuchen erst gar nicht, den neuesten Trends im Indie-Rock hinterherzuhecheln, sie verlassen sich schlicht darauf, dass ihr kräftiger Vortrag und kompakter Sound auch 2018 ein Publikum finden. Zu Recht!

Resistance Is Futile besticht durch eine seltene Mischung aus Melancholie und Optimismus. Einerseits ist das Album vom Gefühl erfüllt, Veränderung einigermaßen hilflos gegenüberzustehen, andererseits fließt noch so viel an Lebensenergie durch die Adern von Bradfield, Wire und Moore. Musiker und Bands wirken heutzutage oft politisch vage, die Manic Street Preachers dagegen zählen zu den klassischen Bands aus dem Arbeitermilieu, die noch immer dem nachtrauern, wofür Labour in Großbritannien einst gestanden ist. So überrascht es wenig überrascht, dass auf dieser Platte der Brexit und seine Folgen mal mehr, mal weniger explizit thematisiert werden. Zumal Futurology von 2014 mit einem Song wie Europa Geht Durch Mich in dieser Hinsicht ein sehr klares Bekenntnis abgegeben hat. So hadert das Album mit dem Zeitgeist, wie etwa Distant Colours belegt. Die Zeilen „Let the banners unfold/ Let them fall to the floor/ We once had each other/ But now we’re not so sure“ deuten in diesem Kontext an, dass sich die Manic Street Preachers längst nicht mehr sicher sind, wo ihre politische Heimat ist. Noch deutlich wird die Chose durch Lyrics von Broken Algorithms, wenn man dort die Erkenntnis „The fractured versions of our days/ The break our wisdom somehow made/ History gets to write its own lies/ The public votes and the public will decide“ vernimmt. Doch vermittelt das Album viel mehr als nur Gegenwartskritik, in seinen starken Momenten reibt es sich die Augen und fragt, was aus dem Gestern eigentlich geworden ist. All die Veränderungen führen dazu, dass von einst nur noch die Erinnerung bleibt. Das mag im ersten Augenblick arg rückwärts gerichtet anmuten. Vielleicht wird das Ansinnen verständlicher, sobald man sich die erste Strophe des absolut großartigen Song Concrete Fields ansieht. „My old school has closed its doors/ The once green fields are now concrete floors/ And the roads are choking, full of misery and fear/ But my vision’s getting clearer and my mind it feels so free/ And the work is hard and the wages are low/ But the smiles still appear and the rivers still flow/ And all I can do is sit here and moan/ But my heart still bleeds for this place that I call home“ heißt es da. Hier trifft Melancholie auf eine gewisse Unerschütterlichkeit, Bedauern auf eine Dankbarkeit für das Erlebte. Einen besseren Track wird man 2018 schwerlich finden! Fast trotzig kramen die Waliser früheren Zeiten in ihrem Buch der Erinnerungen und Geschichten. Als wirklich wunderbar erweist sich Vivian, das sich mit Vivian Maier beschäftigt. Die 2009 betagt verstorbene Maier hat in den vergangenen Jahren die Kunstwelt in Atem gehalten. Erst posthum wurde wahrgenommen, dass eine Frau über Jahrzehnte hinweg das urbane Leben Amerikas in vielen, vielen Fotografien gekonnt festgehalten hat, ohne diesen Schatz je mit Menschen zu teilen. Diese Hommage an eine heimliche Chronistin vergangener Tage passt gut zum wehmütigen Flair des Albums. Dass Widerstand zwecklos ist, mag im ersten Moment auf den Zeitgeist gemünzt scheinen. Doch mehr noch geht es den Manics darum, sich damit abzufinden, dass Wandel teil der menschlichen Existenz ist. Orte schönster Kindheitserinnerungen existieren oft nur noch im Gedächtnis oder auf vergilbten Fotografien. Auch bei Liverpool Revisited geht es darum, der alten Liebe zur Stadt neues Feuer einzuhauchen. Denn bei aller romantischen Verklärung, die in den Lyrics und dem Sound zum Ausdruck kommt, sind Bradfield, Wire und Moore noch zu vital, um im Gestern zu versauern. Um das Heute zu begreifen, gilt es die Vergangenheit zu schätzen. Diese Attitüde macht Resistance Is Futile besonders. Dylan & Caitlin, ein Duett mit The Anchoress, empfindet die turbulente Ehe des walisischen Poeten Dylan Thomas und seiner Frau Caitlin nach. Was eigentlich das Zeug zum großen, aufbrausenden Drama haben müsste, gerät bei den Manic Street Preachers zu einer geschmeidigen, bittersüßen Version von Don’t Go Breaking My Heart. International Blue, die wuchtige, erste Single des Albums, widmet sich dem französischen Maler Yves Klein. Der Songtitel zielt auf dessen Ultramarinblau ab. Diese Lieder ergeben im Kontext der Platte ebenfalls Sinn, denn im Buch der Erinnerungen ist immer auch Platz für jene, die als Inspiration dienten.

Die gesamte Attitüde von Resistance Is Futile macht es zu einem Album, das mal nicht die übliche Zielgruppe der Mitt- und Endzwanziger bedient. Millennials werden mit dem Album kaum etwas anfangen. Weil der Verlust des Vertrauten in diesem Alter eben noch nicht so ausgeprägt sein kann. Die Manic Street Preachers haben vielmehr eine Platte für jene gemacht, die zu oft nur noch die alten Scheiben aus einer verstaubten Kiste holen und von einem Früher schwärmen. Dabei könnten sich Ü-50-HörerInnen von dieser nie weinerlichen Art der Beschäftigung mit der Vergangenheit sehr viel abgucken. Widerstand mag zwecklos sein, ein wenig Eskapismus scheint mitunter angebracht, Resignation freilich sollte dennoch nie eine Option sein. Wie all das geht, zeigen uns die Manics auf imponierende Weise vor!

Resistance Is Futile ist am 13.04.2018 auf Columbia/Sony erschienen.

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