Musikalisches Tohuwabohu (XIII): the innocence mission, Jennifer Warnes, Delorentos, Simon Alexander

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

the innocence mission

Wo nur ist das Glück? Wo wird es für einen kurzen Augenblick greifbar? In den muffigen Amtsstuben voller miesepetriger Menschen? In der müßigen Hetze von Termin zu Termin? Im murrenden Stau der Rushhour? In der Langeweile einer monotonen Beziehung? Nirgendwo scheint Glück, alle Suche vergebens. Die musikalische Entsprechung zu Glück ist dagegen rasch gefunden. Seit Jahr und Tag schon erschaffen the innocence mission Wiegenlieder für Menschen, die das Leben als ein poetisch bebildertes Bilderbuch wahrnehmen wollen. Einer Welt voll Hektik, Zynismus und Schreierei setzen sie in sich ruhende Klänge entgegen. Ihrem Innehalten voll Staunen wird man nie überdrüssig. Das Ehepaar Karen und Don Perris hat zusammen mit dem Bassisten Mike Bitts eine kleine, eigene Welt mit ausgeprägtem Ruhepuls erschaffen. In diesem meditativen Folk findet sich ganz viel Schönheit, der Gesang von Karen Perris zeichnet sich durch eine kindliche Unschuld aus. Aller Ballast des Seins ist auch dem neuesten Song Green Bus fremd, der von der Suche nach einem Geschenk erzählt. „I cannot find a thing beautiful enough for you again“ heißt es zwar,doch irgendetwas sollte sich doch finden lassen. Und so nimmt uns Karen Perris mit eine nur vermeintlich ergebnislose Suche. Denn in den Zeilen „What could I bring you, now in the meantime? Fruit from the sunlight, quartz from the bay? And where will I find this, perfect and wondrous? I look into shops, I slip into rain.“ liegt das eigentliche Geschenk bereits verborgen. All der Aufwand der Suche nach dem, was ganz viel Liebe ausdrückt! the innocence mission gelingt einmal mehr ein herzerwärmendes, zärtlich beglückendes Lied. Was nur kann man sich mehr wünschen? Außer dass das für Anfang Juli erscheinende Album Sun On The Square noch weitere Perlen bereithält.

Sun On The Square erscheint am 06.07.2018 auf Bella Union.

Jennifer Warnes

Rubriken wie „Was wurde eigentlich aus …“ finden sich gern in Zeitschriften und Magazinen und erzählen in der Regel von Menschen, die irgendwann mal im Scheinwerferlicht gestanden haben und dies mittlerweile nicht mehr tun. Meist legen die Porträtierten darauf Wert, dass sie auch ein Leben abseits der Bekanntheit schätzen, manch Krisen überwunden haben und generell mit sich im Reinen sind. Oft haben sie ganz neue Pläne, von denen die breite Öffentlichkeit nach dem Bericht freilich fast nie wieder etwas hört. Die Zeit nach dem Erfolg ist in Wahrheit halt nicht immer schön. An Jennifer Warnes, so möchte ich wetten, denkt wohl kaum jemand zuerst, wenn man sich wundert, was eigentlich Herr X oder Frau Y heute so treiben. Dabei hatte sie in den Achtzigern mehr als nur Erfolg. Wer kennt ihre Duette Up Where We Belong mit Joe Cocker oder (I’ve Had) The Time of My Life mit Bill Medley denn nicht? Musikliebhaber werden durchaus auch ihr Album Famous Blue Raincoat von 1987 im Gedächtnis haben. Was also wurde eigentlich aus Jennifer Warnes? Statt privates Glück oder Unglück breitzutreten, gibt Warnes mit ihrem neuen Werk Another Time, Another Place eine überzeugende musikalische Antwort. Schon die Single Just Breathe, eine Coverversion von Pearl Jam, besticht durch eine reflektierte, versonnene Rückschau auf das Leben. Lyrics wie „Yes I understand/ Every life must end/ As we sit alone/ I know someday we must go/ Oh I’m a lucky one/ To count on both hands/ The ones I love“ werden von Warnes – obwohl tatsächlich 71 Jahre alt – mit einer noch immer warmen, geschmeidigen Stimme vorgetragen. Eine bessere Art sich nach Jahren der Abwesenheit abermals ins Gedächtnis zu bringen, fällt mir beim besten Willen nicht ein. Dieser Platte werde ich sicher mein Ohr leihen!

Another Time, Another Place erscheint am 25.05.2018 auf BMG Rights Management.

Delorentos

Manchmal streckt Musik die Hand aus und entwickelt dann eine intime Atmosphäre, wie man sie vom vertrauten Gespräch mit Freunden oder gar der intimen Zweisamkeit einer Beziehung kennt. Mitunter sind solche Klänge von großer Verletzlichkeit und gewisser Traurigkeit geprägt, ab und an freilich kommt auch eine gewisse Euphorie und Seligkeit zum Vorschein. Bei True Surrender, dem neuen Werk der irischen Band Delorentos, haben wir es oft mit letzteren Befindlichkeiten zu tun. Die elf Lieder des Albums geben allen Emotionen einen lichten Schimmer, die melodische Eleganz kennt eine Vielfalt an Schattierungen. Balladen voller Zärtlichkeit, eingängiger Pop mit Seele oder hymnischer Indie-Rock, welches Stilmittel die Delorentos auch wählen, sie vermögen ein Gefühl von Verbundenheit aufzubauen. So tönt Musik, die stets das Herz erreicht. Für heute möchte ich es mit dem Hinweis auf die Single In The Moment belassen, dessen bittersüße Strophen von einem heiteren, fast ekstatischen Refrain kontrastiert werden. Vereinfacht gesprochen: Travis meets Coldplay. Den Iren ist ein wirklich feiner Track geglückt, der sowohl Indie-Fans als auch Chartshörer erreicht. Dabei ist In The Moment noch nicht einmal der beste Song der Platte. True Surrender ist nämlich ein tolles Album, dessen einziger Makel eventuell darin besteht, nicht schon vor zehn Jahren erschienen zu sein. Eine ausführlichere Würdigung der Iren folgt demnächst!

True Surrender ist am 27.04.2018 via Motor Entertainment erschienen.

Simon Alexander

Hat die Welt noch einen zärtlich säuselnden bis inbrünstig intonierenden Außenseiter gebraucht, der folkiges Singer-Songwritertum mit viel Herzenswärme darbietet und musikalisch gefühlt die große Kapelle auffährt? Ja! Warum zum Teufel denn nicht! Die kürzliche erschienene Single Slide des Schweden Simon Alexander mag vielleicht ein wenig klischeebeladen anmuten, verfehlt freilich keinesfalls ihre Wirkung. „Like a vagabond with no god above I’ve been looking for someone to throw a bone“ heißt es da gleich zu Beginn. Und fast zwangsläufig hat man das Bild eines durch die Gegend streichenden jungen Mannes vor sich, der den Hut tief ins Gesicht gezogen am Wegesrand im Gras rastet und grübelnd an einem Halm kaut. Doch so grummelig er der Welt gegenüber scheinen mag, so unverstanden er sich wohl fühlt, besteht letztlich kaum Zweifel, dass die raue Schale und der weiche Kern dieses Burschen ein Rendezvous mit dem Happyend haben, wie der Refrain „It’s mind-defying/ But it’s time I let it slide/ And sink into my lover’s eyes“ andeutet. Für mich klingt Slide nach einem sympathischen Mix aus dem schmeichelnden Vortrag eines Michael Bolton, der Suche nach dem Sinn im Stile des Evergreens Walking in Memphis und der folkigen Schunkelei von The Lumineers. Wenn das mal kein Erfolgsrezept ist! Weiteren Klänge des Schweden bin ich auf alle mehr als nur aufgeschlossen!

Die Single Slide ist am 27.04.2018 auf Rehn Music erschienen.

SomeVapourTrails

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