Musikalisches Tohuwabohu (XIV): Cowboy Junkies, Maff, Kyan, Emma Ruth Rundle

Nach knapp über einem Monat Auszeit werden hier ab jetzt wieder regelmäßig musikalische Leckerbissen kredenzt. Zum Hintergrund unserer Auszeit: da wir uns seit geraumer Zeit für geflüchtete Menschen einsetzen und es in dieser Hinsicht in den letzten Wochen zu einigen Zuspitzungen kam, mussten die richtigen Prioritäten gesetzt werden und das Schwärmen für Musik kurzzeitig eingestellt werden. Doch ab nun geht es wieder rund, mit hoffentlich jeder Menge feiner Musik. Natürlich hat sich ganz viel Hörenswertes angesammelt, das ich aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht habe. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

Cowboy Junkies

Wenn man sich in musikalischer Hinsicht auf etwas seit Jahr und Tag verlassen kann, dann auf die kanadische Formation Cowboy Junkies. Seit über dreißig Jahren machen die Geschwister Timmins samt Bassisten Alan Anton schon Musik. Ihr oft nachdenklicher, teils schwermütiger Alternative Country mit den Schwerpunkten Folk und Bluesrock wird stets durch Margo Timmins zärtlichen, ja eleganten Gesang ausbalanciert. Was das für die Ewigkeit gemachte, von einzigartiger Atmosphäre beseelte Album The Trinity Session 1988 bereits ausgezeichnet hat, ist auch im Jahre 2018 ein echtes Pfund der Band. Wobei das soeben erschienen Album All That Reckoning mit unerwartet Beobachtungen aufwartet, sich mit dem Identitätsverlust Amerikas beschäftigt. Die Platte ist vielleicht sogar überraschend aktuell gehalten. „Fear is not so far from hate/ So if you get the folks to fear/ It only takes one quick turn/ To notch it up a gear“ lautet eine Strophe des Track The Things We Do To Each Other. Man muss sich in puncto Interpretation nicht weit aus dem Fenster lehnen, um dies als gesellschaftliche Zustandsbeschreibung zu verstehen. Wer ständig mit Sorgen gefüttert wird, lässt seinen Frustrationen früher oder später freien Lauf. Doch könnte man der Destruktivität auch etwas entgegensetzen. Zum Beispiel ein auf Solidarität fußendes Miteinander. „Sing me a song about life in America/ Sing me a song of love/ Sing me a song about life in your neighborhood/ Sing me a song of love“ heißt es gleich zu Beginn des herb-rockigen Songs Sing Me A Song, welcher der grassierenden Verunsicherung die Aufforderung „Unburden your hearts, let loose your fear“ entgegenstellt. So sehr ich das bisherige Schaffen der Cowboy Junkies über die Jahrzehnte schon verfolgt habe, so wenig wären sie mir bislang als dezidierte Chronisten gesellschaftlicher Entwicklungen aufgefallen. Dass All That Reckoning nun derart offensichtlich das Amerika Trumpscher Prägung kommentiert, erstaunt und begeistert zugleich. Nicht zuletzt deshalb ist dies eine tolle Platte, die unterstreicht, dass die Kanadier noch lange nicht zum alten Eisen zählen!

All That Reckoning ist am 13.07.2018 auf Latent Recordings erschienen.

Maff

Bereits vor knapp drei Jahren habe ich auf die chilenische Band Maff hingewiesen, die damalige EP als stupende Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock bezeichnet. Anfang April ist mit Melaniña eine weitere wunderbare EP erschienen, die ich den werten Lesern dringend ans Herz legen möchte. Denn wieder ist die Bandbreite der Formation enorm, beim famosen Track Deserts are rainbows kommt man an Assoziationen mit Sigur Rós keinesfalls vorbei. Wie sich schlurfige Verträumtheit mit melodischer Poesie mengt, gerät zur großen Kunst, die sich vor den Vorbildern nicht verstecken muss. Hawaii paart Post-Punk-Flair mit Shoegaze-Herrlichkeit, ist ebenfalls eine Entdeckung wert. Ein griffiger Rhythmus trifft auf entrückten Gesang, sobald sich dann noch eine schimmernd Gitarre heranpirscht, scheint das Glück perfekt. Das instrumentale Act 2 imponiert als Potpourri feinster Post-Rock-Melodien an. Wenn es bei Post-Rock die Tradition gezückter Feuerzeuge gäbe, müsste man sie bei diesem Track selig schwenken. All die Qualitäten von Melaniña bringt Desfile perfekt auf einen Nenner. Wuchtig im Sound, im Vortrag eskapistisch und voll melodischer Schönheit werden die Schnittmengen von Shoegaze, Post-Rock und Alternative ausgelotet. Diese EP wird nicht nur Genre-Fans vom Hocker hauen!

Melaniña ist am 02.04.2018 erschienen.

Kyan

If I had eyes to see/ Maybe I’d long for something/ If I had lungs to breathe/ Maybe I’d tell you how it feels to see nothing/ How it feels to be nothing.“ sind gar düstere Zeilen, die dadurch noch an Intensität zulegen, indem sie von der samtenen Soul-Stimme des Briten Kyan vorgetragen werden. Ein gewisse verwunschene Romantik hängt über dem Track Nothing Beyond, der seit ein paar Wochen schon durch meine Boxen wummert. Der Kontrast zwischen ohrenschmeichelndem Vortrag und dem dem mit viel elektronischer Finesse ausgestalteten Neo-Soul entwickelt großen Reiz. Erfreulicherweise ist dieser Song keinesfalls eine Eintagsfliege, Nothing Beyond – so auch der Titel des in Kürze erscheinenden Albums- hat jede Menge Lieder im Köcher, die vom Jammertal hin zum gleißenden Licht der Erlösung aufsteigen. Dieses stark produzierte, mit feinem Gespür für Bombast ausgestattetes Album ist voll emotionaler Wucht, ohne dabei je in Kitsch und Rührseligkeit abzugleiten. Kyan gelingt eine jener Platten, die das Zeug hat, sowohl die Musikpresse als auch Hörer in den Bann zu ziehen. Ich drücke ganz fest die Daumen!

Die Singles Like Summer und Nothing Beyond sind am 25.05.2018 erschienen.

Emma Ruth Rundle

Photo Credit: Priscilla Scott

Als Singer-Songwriterin, bei der einem ganz klaustrophobisch zumute wird, sobald man in die Abgründe ihres Fühlens eintaucht, hat sich die US-Amerikanerin Emma Ruth Rundle bereits in der Vergangenheit präsentiert. Als herausfordernden Seelenblues habe ich vor knapp zwei Jahren ihre Platte Marked For Death bezeichnet, es als eines der intensivsten Alben des Jahres erlebt. Nun steht mit Fever Dreams der erste Song des für September angekündigten neuen Albums On Dark Horses parat. Und abermals ist der Eindruck von Beklemmung übermächtig. Zeilen wie „A life spent uneasy/ In pieces always in pieces here/ A life rent completely/ Release me away from fever dreams“ entpuppen sich als Stoßseufzer, der Rundles desperates Ringen mit den Scherben eines Lebens zum Ausdruck bringt. Musik leidet oft darunter, dass Emotionen oft nur ein Sturm im Wasserglas sind. Nicht so bei Rundle, deren existenzielle Krise tatsächlich zu verstören weiß! Falls On Dark Horses nur annähernd die Eindringlichkeit von Fever Dreams steht uns im September eines der Alben des Musikjahres 2018 ins Haus. Ohne Wenn, ohne Aber!

On Dark Horses erscheint am 14.09.2018 auf Sargent House.

Konzerttermine:

13.07.2018 Wiesbaden – Schlachthof Museum
14.07.2018 Augsburg – Kantine

SomeVapourTrails

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