Musikalisches Tohuwabohu (XV): Superfjord, Adam Naas, Ermal Meta & Fabrizio Moro

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

Superfjord

Ich hoffe sehr, dass es nicht das erste Anzeichen von einsetzendem Altersstarsinn ist, wenn ich mich weigere, alles liegen und stehen zu lassen, um neue Musik zu entdecken oder aufstrebenden Bands mein Ohr zu leihen. Das gilt sogar für Acts, denen ich mehr als nur zugetan bin. Solang nicht einer meiner Heroen – etwa Johnny Cash – höchstpersönlich von den Toten aufersteht, können selbst die feinsten Klänge warten, bis der richtige Moment zur Entdeckung gekommen scheint. Als die finnische Band Superfjord vor wenigen Wochen ihren neuen Track Rainbow veröffentlichte, habe ich jedoch wirklich alles stehen und liegen gelassen und mich auf das Stück gestürzt. Denn ihr letztes Album It Is Dark, But I Have This Jewel von 2015 ist mir nicht nur in guter Erinnerung, es ist sogar noch omnipräsent. Vermutlich gibt es keine andere Platte von vor drei Jahren, die heute noch derart regelmäßig durch meine Boxen schallt. Music to hear colours to – dieser Wahlspruch Superfjords wurde auf besagtem Album famos umgesetzt. Jener Mix aus psychedelischer Musik und Jazzrock bescherte damals einen Farbrausch gegen den LSD ganz schön sepiafarben aussehen würde. Sonnenbrillenpflichtig nannte ich die Klänge in meinen Zeilen zu dem Werk. Und schon der Name des neuen Track Rainbow ließ abermals ein musikalisches Farbenspiel der Extraklasse vermuten. Und so kam es auch! Dieser rockige Psychedelica-Jam versprüht ungeheuren Charme, besticht durch sommerliche Leichtigkeit. Wer seinen Ohren also etwas Gutes tun möchte, sollte sich diese Nummer nicht entgehen lassen! Für den Herbst ist das Album All Will Be Golden angekündigt. Es soll nach einer von Drogen durchwirkten Zusammenarbeit von Pink Floyd, The Grateful Dead und Spiritualized anmuten. Da haben sich die Finnen ja viel vorgenommen, am Gelingen habe ich freilich keinerlei Zweifel!

All Will Be Golden erscheint am 21.09.2018 auf Svart Records.

Adam Naas

Photo Credit: ©UniversalMusic

Wie wäre es mit einem Sommerhit, der möglichst vielen Menschen Freude bereitet? Der der klangliche Eiswürfel im White Russian musikalischer Feingeister ist. Der zugleich aber auch als Strohhalm im Long Island Iced Tea Ballermannscher Prägung herhalten könnte. Ein Sommerhit, der Menschenmassen in Verzückung versetzt, ihnen Schweißtropfen auf die Stirn zaubert, dabei jedoch selbst vor pfiffiger Coolness trieft! Ob es solch einen Sommerhit 2018 gibt? Aus meiner Sicht kann ich das klar bejahen. Ich würde den Track Cherry Lipstick des Parisers Adam Naas nominieren. Bei diesem souligen Pop wird Tanzbarkeit ganz groß geschrieben, zugleich hat er sehr pulsierende, vibrierende Atmosphäre, die rein gar nichts mit Humptata-Beats zu gemein hat. Ob kribbelnde Erregung, dezent-hymnisches Frohlocken oder aber introspektive Zärtlichkeit, Cherry Lipstick deckt die gesamte Palette emotionalen Hochgefühls ab. Der Track ist mindestens so eingängig wie zugleich auch hintergründig, bringt alles unter einen Hut. So sieht zumindest für mich der perfekte Sommersoundtrack aus. Ich würde mir sehr wünschen, mit diesem Eindruck nicht allein dazustehen. Für September ist Naas‘ Debüt The Love Album angekündigt, angesichts dieses formidablen Tracks werde ich es mir sicher nicht entgehen lassen!

The Love Album erscheint am 21.09.2018 auf Universal.

Ermal Meta & Fabrizio Moro

Es gehört ja in den Kreisen musikalischer Feinschmecker zum guten Ton, den Eurovision Song Contest mit größtmöglicher Abschätzigkeit zu behandeln. Wenn man dem Bewerb eine positive Seite abgewinnen möchte, dann allenfalls durch den Umstand, dass das schrill-bunte, lebensfrohe Treiben auch in Länder ausstrahlt, in denen es sonst muffig bis reaktionär zugeht. Den Preis für die ostentative Liberalität zahlt jedoch die Musik. Durchgeknallte Attitüde überstrahlt Talent. Absurdität überschattet Ernsthaftigkeit. Ein absolutes Ärgernis sind freilich die Länder-Jurys, die zu oft ihr eigenes Süppchen kochen und in ihrer zweifelhaft fachlichen Expertise vom Publikum eingefangen werden müssen. Das war auch 2018 nicht anders. Der italienische Beitrag Non mi avete fatto niente von Ermal Meta & Fabrizio Moro kam beim Publikum um Längen besser an als bei den Jurys. Erst ein überwältigendes Votum der Seher vermochte den Song auf Platz 5 des diesjährigen ESC zu hieven. Seit Italien den alljährlichen ESC-Beitrag aus den Finalisten des renommierten Sanremo-Finalisten wählt, kann sich das Niveau der Beiträge sehen lassen. Und mit den diesjährigen Gewinnern von Sanremo hat Italien ein echtes Highlight gesetzt. Lassen wir den Song Contest einen Moment außen vor, betrachten wir den Song als das, was er ist, nämlich eine kraftvolle Cantautore-Hymne, die sich gegen Krieg und Terror positioniert, für Menschlichkeit und Frieden eintritt, dabei freilich nicht einfach naiv daherkommt, sondern aufrüttelnd und anklagend tönt. Das sehr sehenswerte Video zu Non mi avete fatto niente krönt die poetische Wucht dieses Tracks. Den Herren Meta und Moro ist ein auf starken Emotionen fußendes Plädoyer gegen einen von Hass und Furcht geprägten Zeitgeist gelungen. Solch Botschaft wird auch noch ihren Nachhall finden, wenn das Gros der Beiträge des ESC 2018 längst eingemottet ist. Deshalb: Bravo! Bravissimo sogar!

Die Single Non mi avete fatto niente ist am 07.02.2018 auf Sony Music Italy erschienen.

SomeVapourTrails

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