Musikalisches Tohuwabohu (XVI): BEAK>, Violetta Zironi, Stun, Jaakko Eino Kalevi

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

BEAK>

Portishead haben Musikgeschichte geschrieben. Welche Kapitel sie ihrer Erfolgsstory noch hinzufügen werden, ist derzeit nicht abzuschätzen. Dass ein Geoff Barrow nun jedoch nicht Däumchen dreht, mit seiner Zeit durchaus etwas anzufangen weiß, haben schon frühere Veröffentlichungen seines Projekts BEAK> gezeigt. Gemeinsam mit Billy Fuller und Will Fuller hat er beispielsweise vergangenes Jahr die unwiderstehliche Single Sex Music fabriziert. Dieses Jahr darf man sich sogar auf eine neue Platte mit dem unaussprechlichen Titel >>> freuen. Vorab gibt es mit Allé Sauvage bereits einen synthieschwangeren Krautrock in feinstem Siebziger-Futurismus zu bestaunen. An diesem hypnotischen Instrumentalstück vermag man sich nicht satt zu hören. Mit Brean Down haben die Herren noch einen weiteren Vorgeschmack im Köcher, dieser entpuppt sich als psychedelischer Slacker-Rock und ist ebenfalls nicht ohne Charme. BEAK>, das darf man ohne Zögern festhalten, ist längst mehr als eine Liebhaberei, die die Schaffenspause von Portishead überbrückt. Dieser vermeintliche Nebenschauplatz ist längst in den Mittelpunkt gerückt. Wer also nach einem Album sucht, das 2018 aus der Reihe tanzt und um den Finger zu wickeln weiß, wird an >>> keineswegs vorbeikommen!


>>> erscheint am 21.09.2018 auf Invada Records & Temporary Residence Ltd.

Violetta Zironi

Wenn man in jungen Jahren den Verlockungen einer Teilnahme bei einer Castingshow erlegen ist, nach einem dritten Platz von einem großen Label gesignt und zu harmlosem Italo-Pop verdonnert wurde, hat man die Schattenseiten der Musikbranche zur Genüge erlebt und kann voll Unerschütterlichkeit einen eigenen Weg einschlagen. All das ist Violetta Zironi widerfahren, seit sie 2013 bei der italienischen Ausgabe von The X Factor teilgenommen hat. Nun wird zu neuen Horizonten aufgebrochen, ihre Anfang 2018 erschienene Debüt-EP Half Moon Lane hat mit feinem Americana gepunktet. Doch scheint die Suche nach dem eigenen Ausdruck längst noch nicht abgeschlossen. Mit der in klassischer Schwermut gehaltenen Ballade One More Goodbye weiß Zironi abermals zu beeindrucken. Solche gehaltvolle Eleganz voll anmutiger Zeitlosigkeit macht immer Eindruck, doch braucht es dazu eine gewisse Statur, die man sich eben nicht in Castingsshows aneignet. Jene Melancholie abseits allen melismatischen Geträllers muss man transportieren können. Zironi gelingt dies ausgezeichnet, ihre Stimme besticht durch Schönheit und Tiefe, zugleich tritt eine fragile Beschwertheit hervor, die solch ein Abschiedslied gut verträgt. Eine weitere Zwischenstation auf dem Weg zu Zironis ureigenster musikalischer Identität!

One More Goodbye ist am 27.07.2018 auf Pon’t Danic Music erschienen.

Stun

Photo Credit: Sascha Schroeder

Soll man einer Band wirklich zu einem neuen Song gratulieren, der so klingt, als hätte er vor zehn bis fünfzehn Jahren echt angesagt sein können? Au ja! Geht es nach dem Track Sell Your Soul, dann rotzt bei der Bremer Formation Stun die geballte Wucht des Alternative der Neunziger, versetzt mit ein wenig desperatem Grunge, in den hymnisch-brüllenden Indie-Rock der Nullerjahre rüber. So klasse die Nummer tönt, so unzeitgemäß wirkt sie doch. Nur damit wir uns nicht falsch verstehen, Sell Your Soul ist nichts, was sich gegenwärtig vorherrschenden Hörgewohnheiten anbiedert, der Track wirkt jedoch keinesfalls altbacken. Eigentlich ist es sogar eine Wohltat, wenn sich Rock die Kehle aus dem Leib bellt, ohne dass man hinter der Ecke irgendeine ironisch-hipsterige Brechung lauert. Wenn all dies auch auf Albumlänge gelingt, Today We Escape ist für Ende September angekündigt, dann würde ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich behaupte, dass dieses Werk eines jener Alben made in Germany ist, die man 2018 definitiv auf den Plattenteller pfeffern sollte. Apropos Vinyl, auf Startnext läuft der Endspurt einer Crowdfunding-Kampagne, die das Album in schickem Weiß erstrahlen lassen will.

Today We Escape erscheint am 21.09.2018 auf Fuego.

Jaakko Eino Kalevi

Die Co-Bloggerin und ich hatten erst dieser Tage eine Unterhaltung über den Unterschied zwischen Exzentrik und Genialität. Zu oft werden diese beiden Begriffe miteinander in Verbindung gebracht, ja fast als deckungsgleich erachtet. Der Clip, um den es jetzt geht, schafft es jedoch tatsächlich eine Verbindung herzustellen. Für die Genialität sorgt der finnische Singer-Songwriter Jaakko Eino Kalevi, für die Exzentrik zeichnet Ieva Kabasinskaite verantwortlich, die den Clip zu Emotions In Motion gefertigt hat. Doch der Reihe nach. Kalevi ist diesem Blog nicht unbekannt, schon 2013 habe ich den psychedelischen Pop der Debüt-EP Dreamzone gelobt. Der werte Finne ist in der Zwischenzeit seinen Weg gegangen, der Song Emotions In Motion kündigt sein bereits zweites, für Oktober avisiertes Album Out Of Touch an. Und was ist das doch für ein Vorgeschmack! Das wonnig-warme Flair von Emotions In Motion ist famos, die Mischung aus psychedelischem Synthie-Sound und wieherndem Saxofon beschert einen relaxten Groove, dem man sofort mit Haut und Haar verfällt. Dem aber nicht genug, abgerundet wird die Chose noch von einem Musikvideo, welches von einer sympathisch-spleenigen Idee dominiert wird. Diese ist dermaßen seltsam, dass an dieser Stelle nichts verraten werden soll. Ansehen, unbedingt! Kalevi jedenfalls macht mit diesem Track ganz, ganz große Lust auf seine neue Platte. Der mittlerweile in Berlin lebende Finne empfiehlt sich einmal mehr als Ausnahmetalent in puncto verführerisch-luftiger Melodien. Out Of Touch wird eines der Pflichtalben dieses Herbstes sein!

Out Of Touch erscheint am 12.10.2018 auf Weird World.

SomeVapourTrails

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