Schlaglicht 90: Postcards

Anfang des Jahres hatte ich mir die Finger wund geschrieben, um das Albumdebüt I’ll be here in the morning der libanesischen Dream-Pop-Formation Postcards ausreichend zu würdigen. Da die Band den ganzen August in mitteleuropäischen Breiten unterwegs ist, möchte ich die Gelegenheit beim Schopfe packen und nochmals auf diese fabelhafte Band hinweisen. Die Postcards – so hatte ich bei meiner Besprechung des Albums betont – machen die Sorte Musik, die das Fühlen noch beschäftigt, wenn sie eigentlich längst verklungen ist. Ein Grübeln und Fragen, eine Melancholie und Entrücktheit prägen die Atmosphäre dieser atemberaubend schönen Platte. Selbst im Genre Dream-Pop, das bestimmt nicht mit erinnerungswürdigen Alben geizt, ist I’ll be here in the morning ein rares Juwel. Doch vielleicht lässt man statt allem Lob einfach die Lyrics selbst sprechen. Die Zeilen „A line on the water, thread of silvery beams. Below, watch it crumble, rippling through the open sea. I wait for the morning, golden glimmer of day. I wait for falling of the waters once again, for the waters once again. The blue of the ocean could never ever fool me, beyond the stillness there’s a darkness we can’t see.“ aus dem Song Waves beschreiben den Abgrund hinter einem vordergründigen Idyll. Bright Lights wiederum schildert innere Unruhe, das Bedürfnis nach Zuwendung und das bei Betrachtung der Umgebung aufkeimende Gefühl von Deplatziertheit. Lyrics wie „Twenty floors we’re up in space, speeding cars keep me awake, they don’t seem to trouble you. Bolt down the doors, close the shutters, hold me close, all the bright lights left me cold. As the night turns into day everything falls into place, yet I dream of nothing new. Looking out it’s all the same, cities hung on swinging cranes, I watch them float away.“ gelingt es, alle Irritationen und Sehnsüchte in poetische Bilder zu fassen. All dies wird durch den mit Gedanken ringenden Vortrag der Sängerin Julia Sabra geadelt.  Weiterlesen

Schatzkästchen 107: Rythmatik – Sleep In Baby (Videopremiere)

Zum Wochenbeginn eine quirlige Portion Indie-Pop gefällig? Dann empfiehlt es sich, der isländischen Formation Rythmatik das Ohr zu leihen. Der Song Sleep In Baby kommt in den Strophen herrlich zappelig und aufgedreht daher, instrumentale Indie-Rock-Passagen mit ordentlich Krawumm runden die Chose ab. Jugendliche Aufgeregtheit, die sich alltäglichen Pflichten entziehen will, Arbeit schlicht Arbeit sein lassen möchte und stattdessen noch eine Runde in allernettester Gesellschaft zu dösen wünscht, wer mag sich nicht nach solch einer erträglichen Leichtigkeit des Seins sehnen! Sleep In Baby besinnt sich völlig auf die eigenen Wirrungen der Gefühle und schiebt sämtliche Verpflichtungen zur Seite. Entgegen seines Titels ist der Song ein echter Wachmacher, ein Track sogar, der sich nicht recht entscheiden kann, ob er mehr vor Aufregung den Hampelmann gibt oder doch ausgeflippt die Tanzfläche rockt. Rythmatik gelingt es, selbst müden und geschunden Knochen noch ein Zucken zu entlocken und bescheidenen Tagen noch ein kleines Lächeln abzuringen.  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (XVI): BEAK>, Violetta Zironi, Stun, Jaakko Eino Kalevi

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

BEAK>

Portishead haben Musikgeschichte geschrieben. Welche Kapitel sie ihrer Erfolgsstory noch hinzufügen werden, ist derzeit nicht abzuschätzen. Dass ein Geoff Barrow nun jedoch nicht Däumchen dreht, mit seiner Zeit durchaus etwas anzufangen weiß, haben schon frühere Veröffentlichungen seines Projekts BEAK> gezeigt. Gemeinsam mit Billy Fuller und Will Fuller hat er beispielsweise vergangenes Jahr die unwiderstehliche Single Sex Music fabriziert. Dieses Jahr darf man sich sogar auf eine neue Platte mit dem unaussprechlichen Titel >>> freuen. Vorab gibt es mit Allé Sauvage bereits einen synthieschwangeren Krautrock in feinstem Siebziger-Futurismus zu bestaunen. An diesem hypnotischen Instrumentalstück vermag man sich nicht satt zu hören. Mit Brean Down haben die Herren noch einen weiteren Vorgeschmack im Köcher, dieser entpuppt sich als psychedelischer Slacker-Rock und ist ebenfalls nicht ohne Charme. BEAK>, das darf man ohne Zögern festhalten, ist längst mehr als eine Liebhaberei, die die Schaffenspause von Portishead überbrückt. Dieser vermeintliche Nebenschauplatz ist längst in den Mittelpunkt gerückt. Wer also nach einem Album sucht, das 2018 aus der Reihe tanzt und um den Finger zu wickeln weiß, wird an >>> keineswegs vorbeikommen!

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Botswana, so nah! – I’m Not Here To Hunt Rabbits

„In Zeiten, in denen die Welt bis zum menschlichen Genom erforscht und entschlüsselt ist, gibt es noch Musik zu entdecken, von der international noch kaum jemand auch nur gehört hat?“ fragt der Pressetext zur Compilation I’m Not Here To Hunt Rabbits. Und weil ein Pressetext wohl kaum zum Schluss kommen darf, dass Altbekanntes nur unter einem neuen Gütesiegel drapiert wird, lautet die Antwort selbstverständlich ja. Es ist ein ausgesprochen beherztes Ja, welches uns auf Gitarrenklänge aus Botswana aufmerksam machen will. Denn so sehr man auch meinen mag, dass man auf Streifzügen durch SoundCloud oder YouTube früher oder später schon alles gehört oder gesehen hat, so gibt es gerade im Bereich der Weltmusik noch viel, das großem Staunen harrt. „Exzentrisch gespielter Folk von den staubigen Rändern der Kalahari, von einer künstlerischen Intensität, die sich mit jedem Genre messen kann.“ verspricht der Pressetext gar und nimmt den Mund ganz schön voll. Zu Recht! Denn was die lokalen Größen hier auf Platte zaubern, ist voll kauziger Verve und originärem Charme. In seinen stärksten Momenten entwickelt der Sampler eine Authentizität, die so herb wie herzlich anmutet! Dies ist auch einem speziellen Gitarrenklang geschuldet, mit gerade mal 4 Saiten finden die Musiker ihr Auslangen. Doch nicht das! Mit der linken Hand wird dazu noch von oben über den Gitarrenhals gegriffen. Ob diese Technik von der Verwendung indigener Instrumente übernommen wurde, könnten Musikhistoriker wohl beantworten. Fraglos erfindet jene Technik den Umgang mit der Gitarre quasi neu.

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Musikalisches Tohuwabohu (XV): Superfjord, Adam Naas, Ermal Meta & Fabrizio Moro

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

Superfjord

Ich hoffe sehr, dass es nicht das erste Anzeichen von einsetzendem Altersstarsinn ist, wenn ich mich weigere, alles liegen und stehen zu lassen, um neue Musik zu entdecken oder aufstrebenden Bands mein Ohr zu leihen. Das gilt sogar für Acts, denen ich mehr als nur zugetan bin. Solang nicht einer meiner Heroen – etwa Johnny Cash – höchstpersönlich von den Toten aufersteht, können selbst die feinsten Klänge warten, bis der richtige Moment zur Entdeckung gekommen scheint. Als die finnische Band Superfjord vor wenigen Wochen ihren neuen Track Rainbow veröffentlichte, habe ich jedoch wirklich alles stehen und liegen gelassen und mich auf das Stück gestürzt. Denn ihr letztes Album It Is Dark, But I Have This Jewel von 2015 ist mir nicht nur in guter Erinnerung, es ist sogar noch omnipräsent. Vermutlich gibt es keine andere Platte von vor drei Jahren, die heute noch derart regelmäßig durch meine Boxen schallt. Music to hear colours to – dieser Wahlspruch Superfjords wurde auf besagtem Album famos umgesetzt. Jener Mix aus psychedelischer Musik und Jazzrock bescherte damals einen Farbrausch gegen den LSD ganz schön sepiafarben aussehen würde. Sonnenbrillenpflichtig nannte ich die Klänge in meinen Zeilen zu dem Werk. Und schon der Name des neuen Track Rainbow ließ abermals ein musikalisches Farbenspiel der Extraklasse vermuten. Und so kam es auch! Dieser rockige Psychedelica-Jam versprüht ungeheuren Charme, besticht durch sommerliche Leichtigkeit.  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (XIV): Cowboy Junkies, Maff, Kyan, Emma Ruth Rundle

Nach knapp über einem Monat Auszeit werden hier ab jetzt wieder regelmäßig musikalische Leckerbissen kredenzt. Zum Hintergrund unserer Auszeit: da wir uns seit geraumer Zeit für geflüchtete Menschen einsetzen und es in dieser Hinsicht in den letzten Wochen zu einigen Zuspitzungen kam, mussten die richtigen Prioritäten gesetzt werden und das Schwärmen für Musik kurzzeitig eingestellt werden. Doch ab nun geht es wieder rund, mit hoffentlich jeder Menge feiner Musik. Natürlich hat sich ganz viel Hörenswertes angesammelt, das ich aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht habe. Möge diese Edition des Tohuwabohus auf gespitzte Ohren stoßen!

Cowboy Junkies

Wenn man sich in musikalischer Hinsicht auf etwas seit Jahr und Tag verlassen kann, dann auf die kanadische Formation Cowboy Junkies. Seit über dreißig Jahren machen die Geschwister Timmins samt Bassisten Alan Anton schon Musik. Ihr oft nachdenklicher, teils schwermütiger Alternative Country mit den Schwerpunkten Folk und Bluesrock wird stets durch Margo Timmins zärtlichen, ja eleganten Gesang ausbalanciert. Was das für die Ewigkeit gemachte, von einzigartiger Atmosphäre beseelte Album The Trinity Session 1988 bereits ausgezeichnet hat, ist auch im Jahre 2018 ein echtes Pfund der Band. Wobei das soeben erschienen Album All That Reckoning mit unerwartet Beobachtungen aufwartet, sich mit dem Identitätsverlust Amerikas beschäftigt. Die Platte ist vielleicht sogar überraschend aktuell gehalten. „Fear is not so far from hate/ So if you get the folks to fear/ It only takes one quick turn/ To notch it up a gear“ lautet eine Strophe des Track The Things We Do To Each Other. Man muss sich in puncto Interpretation nicht weit aus dem Fenster lehnen, um dies als gesellschaftliche Zustandsbeschreibung zu verstehen. Wer ständig mit Sorgen gefüttert wird, lässt seinen Frustrationen früher oder später freien Lauf. Doch könnte man der Destruktivität auch etwas entgegensetzen. Zum Beispiel ein auf Solidarität fußendes Miteinander. „Sing me a song about life in America/ Sing me a song of love/ Sing me a song about life in your neighborhood/ Sing me a song of love“ heißt es gleich zu Beginn des herb-rockigen Songs Sing Me A Song, welcher der grassierenden Verunsicherung die Aufforderung „Unburden your hearts, let loose your fear“ entgegenstellt.  Weiterlesen

Schatzkästchen 105: Fir Cone Children – Awesomenitis! (Songpremiere)

Die Vorfreude auf einen Tag am Strand. Aus der Perspektive eines wuseligen Kleinkindes genossen. Solch Lied gewordene Glückseligkeit bietet der Song Awesomenitis! von Fir Cone Children. Das Projekt des Berliner Tausendsassas Alexander Donat ging vor wenigen Jahren an den Start, um das Heranwachsen der eigenen Töchter mit großem Staunen und quirligen Klängen zu begleiten. Drei Alben lang ist das wunderbar gelungen, nun steht mit The Straight & The Curly das neueste Werk an. Am Strickmuster hat sich zum Glück nichts geändert. Awesomenitis! frohlockt, freut sich auf das Planschen im Wasser und auf Eiscreme, die halt versehentlich auch auf dem T-Shirt landet.  Weiterlesen

Schlaglicht 88: Basement Revolver

Traurigkeit kann ein Segen sein. Zumindest wenn sie in musikalischer Form verabreicht wird. Während einen ein trauriges Buch mit Stille und manch dröhnenden Gedanken allein lässt, erfüllen traurige Klänge einen Raum mit Leben. Im Idealfall spendet Musik Trost, speziell in jenen Momenten, in denen man eigentlich untröstlich ist. Diese Erkenntnis ist alles andere als neu, aber der Track Baby führt sie mir einmal mehr vor Augen. Zwei EPs hat die kanadische Formation Basement Revolver in den letzten zwei Jahren veröffentlicht, beide habe ich über den grünen Klee gelobt. Diesen Sommer nun steht endlich ein Debütalbum namens Heavy Eyes an. Einen besseren Titel hätte die Band rund um die auch für Songwriting zuständige Sängerin Chrisy Hurn kaum wählen können. Denn der Indie-Rock-Shoegaze der Band kommt immer mit einem Seufzer oder einem wunden Herz daher, doch liegt in vielem Kummer auch ein Funken Hoffnung, zumindest aber der Wille, die Widrigkeiten zu meistern. Und an denen mangelt es nicht. Allein die gescheiterte Beziehung zu einem gewissen Johnny war der Band nach der selbstbetitelten Debüt-EP von 2016 dann auf der EP Agatha mit Johnny Pt. 2 einen Nachschlag wert. Wo im ersten Teil noch Verzweiflung über Johnnys Untreue vorherrschte, der Refrain „Please just stay away from Johnny, cause i love him, understand. I don’t need your presence sitting on my chest, above my hands. It’s a really bad time right now.“ die Nebenbuhlerin zur Räson rief, war bei Johnny Pt. 2 der ärgste Schock schon überwunden, Lyrics wie „You say you still love me, but you can’t do this anymore. My door will always be, always be open to you.“ strahlten sogar Versöhnlichkeit aus. Gesanglich hat mich speziell letzterer Track an die junge Dolores O’Riordan erinnert. Liebesleid derart kraftvoll und bittersüß darzubieten, das ist wirklich famos. Doch selbst wenn wir die Johnny-Saga mal außen vorlassen, hat Hurn bereits einige tolle Songs fabriziert. Tree Trunks oder Words etwa haben es verdientermaßen auf das anstehende Debüt geschafft. Doch bietet Heavy Eyes weitaus mehr als nur einen Querschnitt bisheriger Veröffentlichungen. Der eingangs erwähnte neue Song Baby skizziert eine wunderbare Verwirrung der Gefühle.  Weiterlesen

Troubadour der zarten Abschiede – Jarle Skavhellen

Dass ich einem Singer-Songwriter vom ersten veröffentlichten Track bis hin zum EP-Debüt bereits drei Posts spendiere, kommt auch nicht alle Tage vor. Nun also ist es so weit, das erste Album des Norwegers Jarle Skavhellen ist erschienen. Und es hätte wirklich mit dem Teufel zugehen müssen, wenn The Ghost In Your Smile meine Erwartungen enttäuscht hätte. Tut es natürlich nicht! Vielmehr verfestigt die Platte das Bild eines poetischen Singer-Songwriters, dessen bittere Süße und melancholischen Lebensfreude in folkig-kargen und dennoch melodischen Balladen ebenso zum Vorschein kommt wie in schunkeligen Americana-Klängen. Skavhellen präsentiert sich als lebenserfahrener Außenseiter, der dem Glück manch schöne Stunde abtrotzt, der sogar scheiternden Beziehungen noch einen Moment voller Zärtlichkeit abringt. Vermutlich liegt es am Hobo-Flair des Albums, dass selbst Abschiede in kitschfreie Romantik getaucht sind. Skavhellen gibt den Troubadour reinsten Herzens, der an Einsamkeit nicht zerbricht und Enttäuschungen nicht zum Weltschmerz ausarten lässt. Eine unstete Beständigkeit durchzieht das Werk, eine Besonnenheit, die jede Art von Emotion zu schätzen weiß. Das ist durchaus besonders und vor allem aber besonders schön!


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Konzerttipp: J.A.W with Seun Kuti & Egypt 80 (19.05.2018)

Wäre ich ein schwarzer Mensch in Afrika, ich würde all die Solidaritätsbekundungen wohlmeinender weißer Musiker oder afroamerikanischer Künstler offenen Ohrs vernehmen. An der Redlichkeit der Absichten würde ich keine Zweifel hegen. Und dennoch wäre ich von der Überzeugung erfüllt sein, dass sich Revolutionen und Veränderungen nicht importieren lassen. Globale Unterstützung mag zwar einen neuen Geist in vielen, vielen Teilen Afrikas begünstigen, der Funke der Veränderung sollte jedoch in den Ländern selbst entfacht werden. Und wenn korrupte Eliten diesen Wandel nicht herbeiführen wollen, muss man auf die Macht der Kunst, speziell der Musik, vertrauen. Es braucht Persönlichkeiten, die so kraftvoll wie visionär von einer friedlichen Revolution erzählen. Es braucht Identifikationsfiguren, die schwarze Identitäten aus der afrikanischen Realität heraus skizzieren. Zu oft nämlich läuft das aufgeklärte, die Verbrechen des Kolonialismus sühnen wollende Europa Gefahr, sich politisch korrekte afrikanische Heilige zu schnitzen. Dem hier knapp formulierten Anforderungsprofil für eine wirkmächtige schwarze Stimme wird Seun Kuti mehr als nur gerecht. In die Fußstapfen seines 1997 verstorbenen Vaters Fela Kuti, eines unbequemen Genies, zu treten, ist eigentlich zu viel verlangt. Doch mit dem jüngst veröffentlichten Album Black Times gelingt dies tatsächlich. Seun Kuti, der mit Egypt 80 auch die Band seines Vaters geerbt hat, besitzt jetzt als Mittdreißiger das vitale Charisma, welches für einen kreativen Aufschrei geboten scheint. Kuti sieht das Problem, das ein vermeintlich modernes Afrika all den Missständen der westlichen Welt nacheifert. Seine Vision einer afrikanischen Identität rechnet mit der Hinwendung zum Materialismus gnadenlos ab. Brandmarkt den Mangel an Solidarität, den Verrat am panafrikanischen Traum. Wer Black Times in seiner ganzen Wucht des Widerspruchs begreifen möchte, sollte neben dem Titeltrack auch dem Song African Dreams lauschen. „Too many of me youths lost to television chasing the American dream/ Tell me who dey dream for Africa/ Too many of me youths believe in the hype, living in a stereotype“ wird gleich zu Beginn mit der Jugend hart ins Gericht gegangen. Die Call-and-Response-Passage „So many want that good life/ And I no blame you/ Want that new thing/ And I no blame you/ Want that new house/ And I no blame you/That new car/ And I no blame you/ Designer clothes and shoes/ And I no blame you“ zählt all die Sehnsüchte auf. Doch warnt Kuti davor, dass all diese Träume von den Träumen ablenken, die eigentlich geträumt werden müssen. Falsche Träume verstellen den Blick auf die ungerechte Realität. Statt blind gegenüber allem Leiden und Schmerz, „blind to the killing of my people for foreign gods and foreign corporate boards“ und blind gegenüber der Ausbeutung der Brüder und Schwestern in den Gold- und Silberminen zu sein, muss von Opfern von Aggression und Unterdrückung und von sterbenden Kindern geträumt werden. Diese Alpträume müssen Afrika umtreiben! „So many want to be the big man just to/ Buy, buy, buy/ For European things and them/ Work, work, work/ Suffering in Africa to/ Buy, buy, buy/ For American things and them/ Work, work, work/ Working and sweating just to/ Buy, buy, buy/ For some Asian things and them“ klagt er weiter. Wo nur, so Kutis bittere Frage, ist die Generation, die die Träume von Kwame Nkrumah, Patrice Lumumba oder Thomas Sankara heutzutrage weiter träumt. African Dreams ist ein mächtiger Track, der die Schuld für alle Nöte Afrikas nicht einfach auf die westliche Welt abwälzt, sondern den Menschen Schwarzafrikas ins Gewissen redet.  Weiterlesen