Initiative gegen Lizenzgebühren für Embedded Content

Die österreichische AKM und ihr deutsches Pendant GEMA wünschen sich eine Vergütung für urheberrechtlich geschützte Inhalte, die auf Webseiten eingebettet werden. Dies haben sie im Zuge von Konsultation zum EU-Urheberrecht geäußert. Sollten AKM und GEMA mit dieser Forderung auf offene Ohren stoßen, dieser Wunsch von der EU-Kommission im Rahmen der Modernisierung und Harmonisierung des europäischen Urheberrechts berücksichtigt werden, hätte das gravierende Auswirkungen. Für jeden auf Musikblogs oder Musikmagazinen eingebetteten YouTube-Clip oder SoundCloud-Stream würden Lizenzgebühren anfallen. Da die Mehrheit der Blogs und kleinen Magazine keine kommerziellen Interessen verfolgt, etwaige Werbeeinnahmen oft nur zum Bestreiten von Server-Kosten verwendet, würden Lizenzgebühren das Bloggen zu einer kostspieligen Angelegenheit machen.

Die Konsequenzen wären auch für den normalen Internet-NutzerInnen spürbar. Für viele BloggerInnen wäre diese Angelegenheit der finale Paukenschlag, der ihnen ihr Hobby endgültig vergällt. Bis auf Online-Angebote finanzkräftiger Verlage und Medienhäuser könnte sich wohl kaum jemand Lizenzgebühren leisten. Die Anzahl der Informationsquellen für Musik wäre wieder auf Internet-Vorzeit zusammengestaucht. Denn natürlich würden BloggerInnen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten, wenn ihnen die Möglichkeit des Einbindens von Clips und Streams genommen würde. Sie wären in der Steinzeit des Internets angekommen, während den wenigen großen Magazine alle Optionen des digitalen Zeitalter zur Verfügung stünden. Denn es wäre für BloggerInnen schlichtweg nicht praktikabel, in jedem Einzelfall zu recherchieren, ob MusikerInnen in ihrer Eigenschaft als KomponistInnen oder TexterInnen etwa von der GEMA vertreten werden. Jeder vermeintlich verwendbare Clip könnte zu einer Abmahnung führen, selbst wenn ein GEMA-Mitglied wie Lieschen Müller auch nur eine einzige Textzeile dazubeigetragen hat.

Eine somit abhandengekommene Vielfalt hätte aber auch Konsequenzen für MusikerInnen. Wo bislang vom einarmigen, guatemaltekischen Countertenor bis hin zur kasachischen Backpfeifen-Punkband jede Spielart von Musik ihre Würdigung fand, täten sich unbekanntere Acts und kleinere Label mit der Wahrnehmung deutlich schwerer. All die Veröffentlichungen würden in ihrer Fülle nicht länger abgebildet werden.

Aus all den angeführten Gründen wären Lizenzgebühren für eingebettete Inhalte letztlich ein Pyrrhussieg für GEMA und AKM. Als BloggerInnen, denen Musik am Herzen liegt, sprechen wir uns daher gegen den Vorstoß der Musikverwertungsgesellschaften aus. Wir ersuchen MusikerInnen, die VertreterInnen von Plattenfirmen und Promotionfirmen um Unterstützung. Das kann man beispielsweise dadurch tun, indem man diese Petition auf Change.org unterschreibt. Wir würden uns darüber hinaus freuen, wenn unser Anliegen weiterverbreitet wird. Es geht uns wohlgemerkt nicht um die Abschaffung von GEMA und AKM. Lizenzgebühren für Embedded Content sind jedoch eine Schnapsidee, die wir entschieden zurückweisen!

SomeVapourTrails & DifferentStars

Den Gnadenschuss für Musiker, bitte!

Ich vertrete neuerdings die These, dass man sich mit fortschreitender Lebenserfahrung Zynismus als gediegeneste Form des Stoizismus aneignen sollte. Der Zyniker verschleiert die eigene Emotion, mehr noch stutzt er sie allein dadurch zurück, indem er das Gute im Menschen auf eine Statistenrolle reduziert. Wer sich von lautstarken Idioten und knallharten Egoisten umgeben fühlt, zweifelt an der Notwendigkeit, für ein Happy-End zu kämpfen. Zynismus erwächst somit zu einer hochgradig intelligenten Art der Kapitulation. Auch deshalb winke ich der bisherigen Frustration gerade einen pflichtschuldigen Wiedersehensgruß hinterher, während ich allmählich zum anderen Ufer übersetze. Nach bald vier Jahren des Bloggens über Musik habe ich in einem Akt explosiver Flatulenz endgültig alle Hoffnung fahrenlassen, dass Qualität und Vielfalt einer Zukunft abseits des Hungertuchnagens entgegenblicken dürfen. Der Vorteil am Zustand kultivierter Miesepetrigkeit liegt freilich darin, dass man sich von dem Wahn verabschieden darf, ein musikalischer Mangel wäre ein großer Verlust für die Menschheit. Für die Legionen an Zeitgenossen etwa, die freiwillig und unter Beibehaltung aller sieben Sinne Unheilig oder Nickelback hören? Haben wir aus den Traumata der Geschichte wirklich nichts gelernt? Oder hecheln wir medial gehörig aufbereiteten Katastrophen (Tsunamis, Zugsunglücken, Amokläufen) derart hinterher, dass  wir uns auch im Bereich der Kultur und Unterhaltung dem schönen Schauer des Entsetzlichen hingeben? Gieren wir nach Trash, weil er dem Müllberg in der eigenen Seele so ähnelt?

Den Gnadenschuss, bitte!

Wenn ich mir den Karren so ansehe, dann ist dieser dermaßen verfahren, dass das Pferd, welches ihn zieht, schon längst um den Gnadenschuss bettelt. Im Internet schießen Bands wie Unkraut aus dem Boden – und werden auch wie solches behandelt. Das Netz, welches die Produktion und Verteilung so massiv erleichtert, ist dasselbe Netz, das diese Vielfalt geflissentlich ignoriert. Wahrgenommen werden hauptsächlich die musikalischen Pflänzchen, die ordentlich Dünger erhalten. Dünger, damit meine ich natürlich Geld, und das wird noch immer von den Plattenfirmen vergossen. Über Gedeih und Verderb entscheiden im Grunde nach wie vor die Mechanismen, die es auch schon vor 20 Jahren gegeben hat. Lediglich die Spielwiese hat sich geändert. Jeder dahergelaufene Musiker hat nun die Wahl. Folgt den Spuren in den Trampelpfaden, bemüht sich also bei einem potenten Label unterzukommen, tritt der ehrenwerten GEMA-Familie bei. Oder wählt er die Alternative querfeldein, strebt unaufhaltsam einer Verliererkarriere entgegen, indem er manche Marotten des Webs (etwa Creative-Commons-Lizenzen) für bare Münze nimmt? Stapeln wir mal eine Sekunde tief, definieren Erfolg als Möglichkeit mittels Einsatzes von Talent eine zumindest kurzfristig gesicherte Existenz aufzubauen. Nicht mehr und nicht weniger. Kann man tatsächlich dem treuherzigen Glauben verfallen, dass ein gewichtiger Prozentsatz der aktiven Bands dieses Ziel tatsächlich erreicht? Doch nur dann, wenn sie im Brotberuf als Alchemisten anheuern. Wer von lukrativen Gedanken beseelt eine Band gründet, sollte eher eine Lottoannahmestelle aufsuchen. Das ist doch die knallharte Realität abseits von Chartsstürmern wie Silbermond. Nur weil der Edel-Italiener in Berlin-Mitte die Lizenz zum Gelddrucken hat, trifft das eben nicht auf jede dahergelaufenene Trattoria der Stadt zu. Das lässt sich auf die Musikszene ummünzen.

Wenn ein Sex-Strolch seine Tat zu entschuldigen sucht, indem er sich gegenseitiges Einverständnis zusammenfantasiert, wird man ihn mit Verachtung strafen. Wenn in den vergangenen Jahren von Filesharing und Urheberrechten gesprochen wurde, blieb ich immer mit dem Eindruck zurück, dass die regen Proponenten neuer Zeiten den Musikern oft unterstellen, dass selbige schlichtweg nicht erkennen wollen, was so vermeintlich toll für sie sei. Aber möglicherweise sind die Urheber von Musik weder habgierig noch dämlich, vielleicht sind sie einfach realistisch. Nur weil die digitale Kopie keinen materiellen Aufwand mehr bedeutet und nicht wirksam zu verhindern scheint, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie gut für den Künstler ist. Wie lange lässt man sich von der Dummdreistigkeit sogenannter Piraten beeindrucken? Wie oft in der Geschichte unserer Zivilisation hat ein kostenloses Gut dessen Schöpfer zu bescheidenem Wohlstand verholfen? Mir fällt kein Beispiel ein.

Der Reibach, der sich mit dem Internet machen lässt, ist dank Google und Facebook unbestritten. Aber ohne Werbeeinnahmen wäre diese Giganten bestenfalls Gartenzwerge. Wo in den Weiten des Webs kann man fettes Geld verdienen? Doch bestenfalls mit Software, Bezahlsystemen, Social Gaming oder freilich Versandhandel. Digital bereitgestellter Content in Form von Wort, Ton oder Bild hätte ohne Werbung keine Überlebenschance, mit Ausnahme der Pornografie wohl, weil diese nicht unter dem Aspekt rationaler Kostenabwägung konsumiert wird. Das Internet ist eine riesige, überbordende Werbehalde, dadurch wird der Mehrheit eine Gratiskultur, quasi ein Gegenentwurf zum Kapitalismus, vorgegaukelt. All dies wird treuherzig umarmt, frenetisch bejubelt, kaum als Farce enttarnt. In diesem Umfeld soll Musik auf Dauer gedeihen? Wie denn? Butter bei die Fische, bitte!

Als besonders ausgeklügelte wie perfide Strategie hat sich das angeblich notwendige Sperrfeuer auf Plattenlabelmoloche erwiesen. Nicht die Komponisten oder Musiker seien das Problem, vielmehr die unersättlichen, prinzipiell heimtückischen Labels werden als Feindbild gehegt und gepflegt. Gerade so als wären sie die stacheldrahtige Hürde, die Hörer von Künstlern trennt. Wer holt schon die Milch frisch vom Bauernhof? Wer bezieht sein Gemüse frisch vom Bauern und nicht aus der Tiefkühltruhe? Unsere Gesellschaft ist auf zwischengeschaltete Instanzen getrimmt, die den Produzenten vom Konsumenten trennen. Ausgerechnet im Musikbereich sollte der Musiker auch Vermarktung und Vertrieb übernehmen. Warum?

Vielleicht tauge ich nicht zum Zyniker. Weil ich Idioten noch immer mit ungläubigem Staunen begegne und Böswilligkeit und Gedankenlosigkeit nach wie vor verharmlose. Auch zum Defätisten fehlt mir das gewisse Etwas, die Tugend nämlich keine Fragen mehr zu stellen. Zumindest eine Erkenntnis hat sich in mir eingenistet. Die, die heute das Grab für die Musik schaufeln, werden morgen schon darauf tanzen wollen. Und dann fehlt sie plötzlich, die Musik. Aber der Gag funktioniert nur, wenn die Musik auch wirklich keines Mucks mehr von sich gibt. Also unbedingt Daumen drücken, denn in diesem Fall gibt es wirklich etwas zu lachen. Ha!

SomeVapourTrails

Der naive Traum blauäugiger Hirne oder die gerechte Wut Sven Regeners

Ich würde mich nicht gerade als großer Fan Sven Regeners bezeichnen. Ich habe keines seiner Bücher gelesen und von seiner Kapelle Element of Crime gerade einmal das Album An einem Sonntag im April im Plattenschrank. Ich könnte folglich kaum unbefangener den Worten lauschen, die Regener zum Thema Urheberrecht findet. In der Sache selbst bin ich freilich eisern. Der Urheber muss ordentlich bezahlt werden.

Einer der intelligentesten, drastisch ausformulierten Beiträge zum Thema Urheberrecht ist vor einigen Wochen in der österreichischen Zeitung Die Presse erschienen. Der Autor Michael Amon nennt geistig Schaffende die Gratisdeppen der Nation. Doch so sehr ich seinen Ausführungen zustimme, möchte ich dennoch eine grundsätzliche Fragestellung aufwerfen. Ist uns die Idee etwas wert? Der inspirierte Gedanke, ehe er sich materialisiert? Wer diese Frage bejaht, muss natürlich für Schutz und Entlohnung des Urhebers eintreten. Die Zeitgenossen freilich, die dies negieren, dürfen sich an die eigene Nase fassen und konsequentes Handeln an den Tag legen. Wer zu IKEA pilgert und dort einen Tisch erwirbt, zahlt neben Material- und Produktionskosten selbstverständlich auch für die Entwicklung des Designs. Wer ein iPhone sein Eigen nennt, zahlt für ein Statussymbol, doch bezahlt man natürlich auch die Personen, die derart viel Hirnschmalz in die Sache investiert haben, um das Smartphone nicht kreisrund zu entwerfen. Gehen die scharfen Urheberrechtskritiker nun in die Geschäfte, nur um an der Kasse scharf ein „Den Preis ohne Entwicklungskosten, bitte!“ zu blaffen? Ein Hauptargument für das Filesharing war und ist doch stets, dass durch das Vervielfachen von Bits und Bytes nichts gestohlen wird. Logisch weitergestrickt bedeutet dies, dass nur das materialisierte Produkt eine Bezahlung rechtfertigt. Dann allerdings sollten die Gegner von Urheberschaft auch Standhaftigkeit beweisen und sich gegen die in die Endkosten eingepreisten Ideen wehren. Warum bei einem Parfüm die Überlegungen berappen, wie Kopfnote und Herznote harmonisiert werden sollten? Wenn wir Kreativität bezahlen wollen, dürfen wir keinen Unterschied zwischen einem Stück Mode und einer Mp3 machen.

Es ist ein naiver Traum, der sich in den letzten fünfzehn Jahren in die blauäugige Hirne eingenistet hat. Wenn das Internet in irgendeiner Art und Weise Inhalte vorwiegend gratis verfügbar machen würde, warum sind die mächtigsten Konzerne der Welt aus dem Netz hervorgegangen? Warum ist Google so mächtig? Und Facebook Milliarden schwer? Im Internet bieten nur Idealisten ihre Inhalte kostenlos an, jedes Unternehmen freilich will Geld sehen, fordert zumindest eine mehr oder weniger offenkundige Gegenleistung. Nutzerdaten sind eine Währung, die wir User oft als Spielgeld erachten, während sie Firmen in bare Münze verwandeln. Es konnte mir noch niemand stichhaltig darlegen, warum in einer durch und durch kapitalistischen Welt ausgerecht das Internet als gelebtes Gegenbeispiel funktionieren sollte. Und wenn dem wirklich so wäre, wie passen dann Google oder eBay ins Bild?

Wenn das World Wide Web ein Hort der Geschäftstüchtigkeit ist und wir Kreativität im Alltag honorieren, warum scheint gerade die Musikbranche davon nicht zu profitieren? Denn obwohl das Verteilen von Musik noch nie so einfach war, jeder sein Musik der Allgemeinheit mittels YouTube oder Soundcloud näherbringen kann, haben doch nach wie vor hauptsächlich diejenigen Künstler ein gesichertes Auskommen, die von gewieften Labels unter die Fittiche genommen werden. Was hat sich denn in den letzten 15 Jahren im Musikbusiness denn wirklich geändert? Außer den Vertriebskanälen wie iTunes? Lebt der durchschnittliche Musiker nun sorgenfreier? Haben sich die Erfolgschancen erhöht? Es gibt triftige Gründe, dies zu bezweifeln. Doch wer ist der Schuldige an der Misere? Der unbelehrbare Künstler, dem es schlichtweg nicht gelingt, den Geschmack eines breiten Publikums zu befriedigen? Der Kreative, der Marketingmechanismen völlig verkennt? Oder die Internetnutzer, die Kunst als Allgemeingut ansehen und einen Anspruch auf dessen kostenlosen Konsum ableiten?

Über die Jahre wurde uns immer wieder zu suggerieren versucht, dass Filesharing kein Grund für sinkende Verkaufszahlen ist. So viel es über das Label-System zu schimpfen gibt, so wäre es doch absurd zu meinen, dass die Plattenfirmen ihr Geschäft nicht mehr beherrschen. Selbstverständlich hat Filesharing die Käuferschicht der Asozialen und Gedankenlosen nachhaltig von jeder Art der Bezahlung abgehalten. Wer für nichts bezahlen muss, der lädt wohl auch Musik herunter, die er nie und nimmer hört oder jemals kaufen würde, aber eben auch Lieder, die er oder sie um jeden Preis auf der Festplatte zu haben trachtet. Zu meinen, dass diese Gruppe ohnehin nie für Musik zahlen würde, wäre in etwa so absurd wie die Auffassung, dass die bei einem Freibierausschank in der vordersten Reihe stehenden Personen sonst ein Leben in Abstinenz führen.

Das Internet präsentiert sich als ewiges Versprechen neuer Möglichkeiten. Inwieweit diese allerdings auch gewinnbringend sind und nicht einzig auf Selbstausbeutung beruhen, das bleibt ungeklärt. Ob die musikalische Betätigung zur Nebenbeschäftigung taugt, diese Frage darf durchaus in den Raum gestellt werden. Zweifelsohne gibt es mehr Musikschaffende als vor 15 Jahren, aber ist die Qualität auch gestiegen? Denn so sehr wir über das Diktat der Plattenfirmen in den vergangenen Dekaden auch die Nase rümpfen, sind doch alle gepriesenen, bis heute bahnbrechenden Stilrichtungen unter ihrer Ägide entstanden. Nicht trotz der Plattenfirmen entwickelten sich neue Genres, sondern unter der mehr oder weniger kräftigen Mithilfe mittlerer und großer Labels. Wären Radiohead die Götter des Indie, wenn sie von Beginn alles in Eigenregie und ohne potentes Label im Hintergrund hätten aufziehen müssen? Apropos Radiohead! Bei ihrem vorletzten Album In Rainbows überließen sie die Preisgestaltung den Hörern, jeder konnte selbst entscheiden, wieviel der digitale Download kosten durfte, ob man überhaupt dafür bezahlen wollte. Bei ihrer bislang letzten Platte The King of Limbs wiederholte die Band dies Experiment nicht. Wäre es also absurd anzunehmen, dass selbst eine fixe Größe wie Radiohead keine Unsummen lukriert, wenn die Formation auf den Goodwill der Käufer setzt. Wenn wir also das System der Plattenfirmen so abstoßend finden und Musiker indirekt zur Selbstvermarktung aufrufen, bedeutet dies noch lange nicht, dass deshalb ein wahrer Geldregen einsetzt. Das vor ein paar Jahren oft trotzig geäußerte Argument, wonach man die sauer verdienten Kröten nicht in den Rachen der Plattenmogule werfen möchte, verliert ohnehin immer mehr an Substanz. Längst sind engagierte kleine Labels am Werk, längst wissen Musiker um den Wert der Eigenvermarktung. Der große Reichtum stellte sich nicht ein.

Wenn wir uns die Realität schonungslos vors Auge führen, müssen wir folgendes konstatieren. Der Urheber wird vor allem im Internet gering geschätzt. Er darf Geld verdienen, das gesteht ihm die Mehrheit wohl zu, aber eine nicht zu unterschätzende Minderheit meint, dass nur die Anderen dafür Geld locker machen sollten. Wenn aber fast jeder die Zahlungsverantwortung auf alle anderen Zeitgenossen schiebt, dann bleibt dem Künstler am Ende sehr wenig in der Brieftasche. An einigen Sätzen Regeners, dessen Wutausbruch die Debatte in diesen Tagen wieder neu belebte, darf man zugleich durchaus Zweifel anmelden. Die Fülle der Musik lässt wahrlich keinen Mangel zu. Und ob ein Verein wie die GEMA all den Mitgliedern tatsächlich eine faire Vergütung der Ansprüche garantiert, sei hinterfragt. Die Schuld für die Misere nur beim unbelehrbaren Konsumenten zu suchen, greift ohnehin zu kurz. Alle Seiten sind dazu angehalten, sich Gedanken über Gedanken zu machen, einige davon sollten damit sogar gefälligst einmal anfangen.

SomeVapourTrails

Stippvisite 26/09/10 (mit Fang Island, Eric Chenaux, The Migrant und mehr)

Wieder einmal einige handverlesene Empfehlungen. Mögen sie auf Gefallen und Interesse stoßen.

Qualitätstipp:

Ein Nachtrag zum Berlin Festival sei noch gemacht, diesmal sehr positiver Natur. Nach dem samstäglichen Line-up-Tohuwabohu des Berlin Festivals 2010 wurden geschmackssichere Zeitgenossen ab 20 Uhr auf eine harte Probe gestellt. Denn nahezu alle Acts der letzten Stunden waren katastrophal oder schlichtweg lächerlich. We Have Band beispielsweise konnte man bestenfalls mit gequälter Miene ertragen. Generell ließ sich der Trend feststellen, dass qualitativ fragwürdige Bands weitaus mehr Zuschauerzuspruch erhielten. Darum stellte es auch keine Zufall dar, dass die hervorragende Formation Fang Island in einem lediglich spärlich gefüllten Hangar 5 auftrat. Die amerikanische Math-Rock-Band bot eine superbe Performance, kräftig, energetisch und schräg – wie mir unser Außenreporter M. bestätigte. Und sogar wenn die Band live noch einige Schippen drauflegt, sei auch das im Frühjahr erschienene, selbstbetitelte Album überaus empfohlen.

Wem nun die Ohren wohlig anschwellen, kann die Tracks Daisy und Life Coach hier kostenlos downloaden.

Entdeckertipp:

Manchmal werden mir meine Grenzen sehr deutlich aufgezeigt. Zwei Hände, zehn Finger, ein Köpfchen – all das reicht nicht immer aus, um hier aufzuführen, was meiner bescheidenen Meinung nach Beachtung verdient. Länger schon auf meinem vollgekritzelten Notizzettel: Our Ceasing Voice. Österreicher – schlimmer noch: Tiroler – und im Genre Post-Rock unterwegs, das mutet zunächst so schlüssig an wie eine koreanische Samba-Truppe. Der gute Peter von den Schallgrenzen hat sich der Band schon vor anderthalben Jahren angenommen – und da gut Ding bekannt Weile haben will, will ich seine Empfehlung nun unterstreichen. Zwischenzeitlich hat Our Ceasing Voice weitere Veröffentlichungen im Gepäck. Darunter die im Mai 2010 erschienen Single EP Passenger Killed In Hit And Run – und dieser Tage den Soundtrack zu einem PC-Spiel namens Painkiller: Resurrection. Und auch wenn The Resurrection EP die Qualitäten der Formation nur bedingt befördert, bietet selbige jetzt einen aktuellen Anlass den Fokus auf die Band zu richten.

An den Herrschaften schätze ich die sehr besonnene Struktur, mit der sie ihre Tracks behutsam aufbauen, ohne das die Chose zu einem in die Länge gezogenen Teig verkommt. Sie leisten es sich in Ambient zu schwelgen, ehe die Gitarren aus dem Sack gelassen werden. Dies trifft in geringerem Umfang auf die Resurrection EP zu, die meist gen Metal ausgerichtet ist.

Alle Veröffentlichungen sind auf bandcamp kostenlos erhältlich. Natürlich kann und soll man sie auch physisch erwerben. Mehr Infos zu den Veröffentlichung finden sich übrigens bei der postrockcommunity.

Downloadtipp:

Post-Rock liefert mir auch gleich ein gutes Stichwort für den nächsten Singer-Songwriter. Dieser hat nun wirklich nichts mit diesem Genre zu tun, veröffentlichte jedoch soeben eine Platte auf Constellation Records, das nun wiederum eines der führenden Labels für Post-Rock ist. Dank der neu gestalteten, nicht mehr an die Uhrzeiten des Internets erinnernden Webseite bereitet das Erstöbern neuer Releases endlich Vergnügen. Gefunden habe ich den werten Herrn Eric Chenaux jedoch auf das klienicum.

Warm Weather – ERIC CHENAUX by Constellation Records

Warm Weather With Ryan Driver ist ungemein sachtes Album, das ich in den nächsten Wochen noch mit einem eigenen Eintrag bedenken will. Für heute sei auf den kostenlosen Download des Tracks Warm Charleston hingewiesen, den es hier gibt. Und bitte den falschen Mp3-Tag ignorieren, der Herr hört definitiv nicht auf den Namen Chenuax.

Geheimtipp:

Ich gebe ja gerne zu, dass unser Blog eher die große musikalische Bandbreite abzudecken versucht und in weitaus geringerem Umfang neue oder unter dem Radar fliegende Bands vorstellt, als dies die geschätzten Blogs Coast Is Clear, bereits erwähntes das klienicum oder Hey Tube tun. Wenn mir also neue Töne um die Ohren wehen, schaue ich durchaus bei besagten Kollegen nach, was sie dazu zu sagen haben – werde oftmals fündig. Im Falle des dänischen Singer-Songwriters Bjarke Bendtsen, der unter dem Namen The Migrant tätig ist, wurde meine Suche nicht von Erfolg gekrönt. Nun gut, erledige ich dieses Mal eben den Job. Soeben hat The Migrant das Album Travels in Lowland herausgebracht, dessen Song The Organ Grinder mich mit einer Brise luftig-warmen Folk-Pops zu umschmeicheln weiß. Ich empfehle also aufdringlichst, diesem Link zu folgen und sich das Lied gratis zu Gemüte zu führen. Im November tourt der vorwiegend in den USA lebende Däne auch durch Europa.

Konzerttermine:

11.11.10 Hamburg – Molotow
18.11.10 Luxemburg (LUX) – d:qliq

Infotipp:

Die Sendung Breitband im Deutschlandradio Kultur läuft, gehört zu den intelligentesten, die ich, der ich zugegebenermaßen wenig Radio höre, so kenne. Einmal mehr wurde mir dies vor Augen geführt, als gestern ein Beitrag zum Thema Urheberrecht in der EU (Stichwort: Gallo-Report) lief. Unaufgeregt wie sachlich wurden die Motivationen dargelegt, warum auch das EU-Parlament das Urheberrecht verstärkt schützen will. Und ebenso, dass dies Ansinnen nicht den Untergang des Abendlandes bedeutet. Einfach einmal anhören und nicht gleich in Panik oder Wut ausbrechen.

Viel Vergnügen mit diesen Tipps!

SomeVapourTrails

Der Musiker und der Sozialstaat – Keine Utopie

Ich könnte mich mit natürlicher Selektion viel leichter anfreunden, wenn die Fitness derer, die sich letztlich durchsetzen, nicht oft mit ihrer Bereitschaft zur Skrupellosigkeit korrespondieren würde. Das gilt natürlich auch für die Musikbranche. Dass sich dort die Marionetten und deren garstige Strippenzieher als einzig fixe Konstante etabliert haben, liegt jedoch letztlich am für Manipulation und Schmierentheater empfänglichen Publikum. Die breite Masse präferiert das Spektaktel, nicht die Qualität. Und eben weil wir bevorzugen, was wir bevorzugen, trennt sich Spreu vom Weizen, machen wir uns über die Spreu her. Unsere Mägen verzehren sich geradezu danach.

Ich atme relativ viel Gelassenheit in dieser Diagnose, kann mich mit diesem Umstand gut arrangieren. Wer Mechanismen durchschaut, vermag von ihnen nicht überrascht zu werden. Ich tummle mich auch nicht Brötchen verdienend in der Branche, erlebe die Qual allenfalls als mitfühlender Beobachter.

Letztlich kann noch soviel Getöse um Gammelfleisch die reißerischen Schlagzeilen der Gazetten füllen, ein Gutteil der Menschen wird dennoch dort kaufen, wo der Fraß billigst angeboten wird, darauf vertrauen, dass es doch in Ordnung sei, oder aber mit dem Geschick der Apathie erst gar keine Zweifel aufkommen lassen. Letztlich hat der Wirtschaftstreibende genau zwei Möglichkeiten Gewinne in seine Kasse zu locken. Entweder er etabliert seinen Ruf über einen Qualität ignorierenden Kampfpreis – oder aber er kreiert eine Marke mit Unwiderstehlichkeitsfaktor und verankert diese mit viel Marketing in den Köpfen und Einkaufstaschen der Verbraucher.

Um im Musikbusiness zu reüssieren, wurden beide Strategien zu einer attraktiven Synthese verschmolzen. Man portionierte den Bockmist, der nur noch bedingt mit Musik verwandt scheint, in ein für jedermann erträglichen Maß, bot die schlichte Rezeptur mit viel Getöse an. Jene legitime Methode bedient die Nachfrage, sättigt ein Bedürfnis. Eitle Wonne allerorts? Denkste.

Denn seit über 10 Jahren wird die Dumpingkost von findigen Konsumenten via Filesharing genossen – kostenlos. Das wurde von Produzenten zunächst mit harten Bandagen bekämpft, letztlich ohne probate Mittel. Wenngleich der P2P-Hype ein wenig verebbt scheint, die über die Jahre mit viel Selbstbewusstsein zur Schau getragene Grundhaltung verbleibt: Musik darf (fast) nichts kosten. Das stürzte eine Industrie in die Krise, die billigen Ramsch zu stolzen Preisen verhökern suchte. Wer de facto nicht oder nur in geringem Umfang auf Qualität setzt, vermag in solch einer Situation den Preis nicht länger aufrecht erhalten.  Die Branche reagierte trotzig mit Druck und Einschüchterung und sah sich der Übermacht technischer Filesharing-Möglichkeiten in der Folge machtlos gegenüber.

Gegenwärtig freilich scheint das Musikbusiness die Antwort gefunden zu haben. Man pinkelt den Abnehmern nicht mehr ans Bein. Streaming-Flatrates treten im Mobilbereich ihren Siegeszug an. Ein kleiner Preis und alle Möglichkeiten. Die Täuschung und Enteignung glückt. Der Konsument jubiliert. Und gibt erfreut mehr Geld für komplementäre Güter wie Konzerte und Merchandise aus. Konzerte sind Events, man erkauft sich gute Laune und Ekstase – dafür besteht immer noch eine ausgeprägte Zahlungsbereitschaft. Ebenfalls so für die die eigene Hipness unterstreichenden T-Shirts. Das freut die Labels. Filesharing wird somit zu einem Old-School-Phänomen, das nicht länger den Untergang einläutet. Ende gut, alles gut?

Doch wie sieht es nun mit der Entlohnung für das Ersinnen von Kunst aus? Ja, ich nehme das Wort in den Mund, welches schon zum Unwort verkommen: Urheberrecht. Mir dünkt, dass sich selbiges überholt. Einen monetärer Nutzen aus der Kreation zu ziehen, das ist nicht mehr der Segen, jener liegt jetzt im Drumherum. Also nicht der direkte Kauf eines Lied oder gar nur der Stream, vielmehr die Verwertung im Rahmen eines Konzerts oder als Untermalung eines Werbespots und ähnliches generieren die Einnahmen, die am Ende des Monats das Überleben sichern. Das freilich verlangt vom Künstler noch mehr Erfindungsgeist hinsichtlich der Fanartikel, ein Mehr an Touren, die jedoch auch geschickt promotet werden müssen, damit sie sich rechnen. Was in den Hintergrund zu treten scheint, ist die eigenliche Gabe eines Songschreiber: Das Verfassen von Lyrics, die Komposition. Und wenn Urheber mit ihrer eigentlichen Beschäftigung kein Geld verdienen können, was dann? Im Zuge der Wiener Tage der Musikwirtschaftsforschung gab der an der Havard Business School beheimatete Professor Felix Oberholzer-Gee die frappant einfache wie flapsige Antwort: „Dafür haben wir den Sozialstaat.“ Tja…

Ich möchte nun zum Ausgangspunkt der Überlegungen zurückkehren. Die natürliche Auslese dieser Tage kennt zwei Wege. Entweder man entwirft ohne mit der Wimper zu zucken ein Produkt, welches auf den Geschmack der Masse zugeschnitten scheint, ergo leicht konsumierbar und nicht allzu hochwertig und gerne auch gammelig, oder aber man tüftelt an den Möglichkeiten sein Werk perfekt in Szene zu setzen, wozu es das Know-How der großen Plattenfirmen allerdings dringend braucht. Letztlich also führte das Internet mit all seinen Möglichkeiten zu keiner Befreiung der Künstler vom Ballast übermächtiger Labels, vielmehr verursachte die Entwertung von Musik durch das Filesharing die nächste Zwickmühle. Der eigentliche Schurke ist der Konsument, der diese Lösung Künstlern wie Managern aufoktroyierte. Man sollte nicht das Big Business oder den weltfernen Musiker als Sündenböcke ausmachen. Den Schwarzen Peter hält jeder selbst in der Hand. Wir hätscheln diejenigen, die unsere Anspruchslosigkeit umschmeicheln oder mit geschickter PR in ihren Bann tricksen. Die wahren Könner, die sich nie und nimmer anbiedern mögen, können schon mal zur nächstgelegenen Suppenküche tingeln.

Link:

Bericht zu den Wiener Tagen der Musikwirtschaftsforschung auf orf.at

SomeVapourTrails

Warum eine Musik-Flatrate anrüchig scheint…

Ja, ich habe es schon längst verstanden. Die Major-Label Universal, Sony, EMI und Warner sind doch nur auf größtmöglichen Profit aus – und weil dieser nicht mit Schostakowitsch zu erzielen scheint, hieven sie halt Ramsch in die Charts. Die Vormachtstellung der großen Vier verhindert jedwedes Aufkeimen alternativer, niveauvoller Labels und Konzepte. Überhaupt fressen diese bösen Primusse sogar Kinder! Tja, und dass die real existierenden kleinen Plattenfirmen den Markt nicht aufzumischen wissen, das darf wahlweise der unglücklichen Verquickung von Idealismus mit mangelndem Geschäftssinn oder einer kruden Künstlerwahl angelastet werden. Wie man das von gewissen Kreisen artikulierte gesunde Volksempfinden auch dreht und wendet, dem Konsumenten und vermeintlichen Musikliebhaber fällt immer die Rolle des Unschuldsengels zu. Sich die Hände in Unschuld zu waschen, während man genug Dreck am Stecken hat, das mag zwar eine konsequente Verdrehung der Tatsachen darstellen, aber eben keinen Lösungsansatz bieten.

Dieser Tage wird wieder vermehrt über eine Musik-Flatrate bzw. eine generelles kulturelles Rundum-Sorglos-Paket für digitale Gefilde debattiert. Ihre Proponenten wollen mit dieser von staatlicher Seite oktroyierten Lösung vorherrschende Zustände legalisieren. Gerade jüngere Semester, die mit der Tauschkultur sozialisiert worden sind, sollen auf diese Weise mit ins Boot geholt werden, so die ein wenig heuchlerische Begründung. Warum solch eine Abgabe auf Breitbandanschlüsse, die ohnehin von den Eltern bezahlt werden würde, Teenagern ein Bewusstsein für den Wert von Musik vermitteln soll, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Eher schon könnte dieses Konzept eine andere, bedenkliche Tendenz noch weiter verstärken. Musik verkommt immer mehr zu einem Trend, der ein paar Wochen anhält und dann dem Vergessen anheim fällt. Unsere schnelllebige Zeit verringert die Wirkungsdauer eines Werks drastisch. Ein im Dezember die Charts stürmender Hit scheint im März schon wieder völlig vergessen, kommt aus der Mode, wird von neuen Hits verdrängt. Dieses Muster führt natürlich dazu, dass Musik sich schnell verflüchtigt, keinen bleibenden Eindruck hinterlässt – und somit auch nicht gekauft werden muss. Wer erinnert sich denn noch an den letztjährigen DSDS-Gewinner, dessen Single letzten Sommer wohl oft im Radio oder auf VIVA zu hören und zu sehen war? Warum sollte die Generation Filesharing für etwas bezahlen, was sie letztlich immer nur kurze Zeit zu fesseln vermag und das es bis dato kostenlos gab. Und wenn aus Teenagern Erwachsene werden, wird jene Mentalität nur in seltenen Fällen eine Änderung erfahren.

Und liegt dies nun wirklich ausschließlich darin begründet, dass uns die vermeintlich bösen, großen Labels nur mit musikalischem Schrott bombardieren? Natürlich nicht. Denn es gibt Alternativen, die selbstredend via Torrent oder Rapidshare erhältlich sind. Doch die Masse der Konsumenten kann sich mit Indie eben nur bedingt anfreunden – egal ob gekauft oder gesaugt.

Wenn also die wortgewandten Verteidiger des Tauschunwesens den schwarzen Peter der Musikindustrie zuschieben, werden die Opfer zu Tätern umgedeutet. Nicht überhöhte Preise oder törichte Kopierschutz-Mätzchen haben die Umsätze ins Bodenlose fallen lassen, es war die vor über 10 Jahren begonnene Sozialisierung von Jugendlichen, die künstlerische Schöpfungen letztlich als Wegwerf-Produkt ansieht. Die Methodik des unreglementierten Tausches, der eben nicht mit dem Recht auf Privatkopie zu rechtfertigen ist, hat zu einer höchst beliebigen Austauschbarkeit von Liedern geführt, die bei Platzmangel auch von der Festplatte gelöscht werden oder ungehört in den Untiefen der Verzeichnisse verschimmeln.

Eine staatlich Zwangsabgabe, wie es die Musik-Flatrate letztlich sein könnte, würde vor allem Unschuldige treffen. Diejenigen, die nichts zahlen wollen, würden ihr mit allen erdenkbaren Mitteln ausweichen. Die Konsumenten wiederum, die mit ihrem Geld die marode Branche bislang über Wasser halten, würden sich wohl vielfach auf diesen Betrag zurückziehen und damit vielleicht oft weniger ausgeben, als sie es momentan tun. Bleibt die Masse derer, welchen Musik wenig bedeutet, die nichts kaufen, geschweige denn runterladen. Sollte man eben sie für eine Misere schröpfen, die sie nie und nimmer verursacht haben? So sehr mir Musik auch am Herzen liegt, aber das hielte ich für anrüchig.

Warum auch der von mir geschätzte Tim Renner hier irrt, werde ich demnächst noch beleuchten.

Link:

Pro und Contra Musik-Flatrate

SomeVapourTrails

Friendly Fire oder doch ein Schlag ins Kontor der Copyright-Ignoranten?

Selbst die Crack-Hure in meiner Straße hat es schon von den vom Dach zwitschernden Spatzen vernommen: Google ist böse. Ja, dies Liedchen lallen nicht mehr nur die miesepetrigen Apologeten eines freien Internets. Längst ist Google vielen mehr Osama als Obama. Als der Blog-Hostingservice Blogger.com, dessen Inhaber Google ist, in den letzten Tagen manch auf das Verbreiten mehr oder minder legaler Mp3s spezialisierten Blog einfach so das Licht auspustete, führte dies zu einem temporären Kammerflimmern in der musikaffinen Szene. Doch wie so oft fällt die Wahrheit bei dem ganzen Tohuwabohu zu allererst über Bord. Daher werfe ich nun ein paar Tatsachen als Rettungsring hinterher.

Auf der Jagd nach illegalen Downloads via Torrent, wird man bei Google stets fündig. Treffer reiht sich an Treffer. Dass die Suchmaschine somit als Wegweiser für Copyright-Brecher agiert, bringt Google natürlich immer dann in einen Erklärungsnotstand, wenn die Firma saubermännisch agieren will. Ein paar kleine Blogs, die möglicherweise unberechtigt Mp3s auf Blogger.com hosten, zu löschen, aber gleichzeitig Torrent-Seiten nicht zu filtern, das birgt einen schalen Beigeschmack.

Trotzdem ist Google nicht der Hauptverantwortliche für dies Schlamassel, wenngleich es natürlich doch eine fragliche Praktik scheint, den Inhaber des gelöschten Blogs über die näheren Umstände des Handelns im Dunkeln tappen zu lassen. Im Zweifel gegen den Angeklagten zu entscheiden, ihm keine Chance zur Rechtfertigung einzuräumen, solch Mechanismen kennt man im Normalfall lediglich von totalitären Regimen. Im Kern jedoch liegt das Problem bei Bloggern und Plattenlabels. Solange manch Blogger nicht begreifen möchte, dass man nicht einfach irgendeine Mp3 ohne Genehmigung zum Download anbieten kann, sogar wenn selbige auf einer reputablen Quelle ebenfalls frei verfügbar scheint, wird sich an der Problematik nichts ändern. Auch das beliebte Feilbieten von Mp3s zum Zwecke des Probehörens gerät zur Augenauswischerei. Viele Musik-Blogs halten sich einfach nicht an die Regeln des Copyrights. Punkt. Unter dem Deckmäntelchen der Förderung von Musik lässt sich viel verbergen, was dennoch nicht den Gesetzen entspricht.

Jenes Verhalten ruft natürlich wackere Krieger auf den Plan. Die im Auftrag von Plattenfirmen agierenden Heerscharen von Anwälten trachten danach, die unzähligen Verstöße aufzuspüren. Und da es sich als einfacher erweist, gegen von Google gehostete Blogs vorzugehen, anstatt sich mit irgendwelchen russischen Torrent-Seiten erfolglos rumzuschlagen, wurden ja auch bereits in der Vergangenheit Löschungen beantragt und durchgeführt. Kollateralschäden sind natürlich einkalkuliert. Da Majors längst über Dutzende Sub-Labels verfügen und das Marketing oft an Promotionfirmen übertragen, weiß die eine Hand schon längst nicht mehr, was die andere gerade so macht. Was die musikalische Tochter erlaubt, kann dem Herrn Papa sauer aufstoßen. Hier liegt der Hund begraben. Wenn ein Rechte-Wirrwarr auch den übervorsichtigen, tadellosen Blogger  ab und an in die Bredouille führt, dann sollte sich die Musikindustrie doch fragen, inwieweit sie nicht in die Fettnäpfchen der von ihr selbst vorangetriebenen Online-Promotion tappt. Solange Internet-Dilletanten, die die Bedeutung des Wortes Widget nicht kennen, denjenigen ins Handwerk pfuschen, welche Musik im Web als Chance begreifen und nicht per se auf Filesharing reduzieren, wird das Kuddelmuddel seinen Lauf nehmen.

Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.

Symbolbild: Systemimmanenter Beißzwang der Musikindustrie.

Lösungen? Sie existieren. Sind jedoch wohl zu sehr von gesundem Menschenverstand durchdrungen, als dass sie in unserer ach so komplizierten Welt erfolgversprechend wären. Wenn man einen Track eines Albums als „Lockmittel“ kostenfrei anbietet, könnte eine (temporäre) Lizenz zur unbesorgten Weiterverbreitung Rechtssicherheit schaffen. Eine weitere Möglichkeit läge in einem in der Mp3 verankerten individuellen Wasserzeichen, welches quasi die Erlaubnis zur Verbreitung des Liedes beinhalten würde. Damit könnte Friendly Fire verhindert und die Verbreitung gewisser Songs im Sinne kostenloser Promotion ungehindert forciert werden. Denn letztlich wird man den Copyright-Ignoranten nur dann entgegentreten können, wenn man diejenigen, die Musik fördern wollen, mit ins Boot holt.

Und damit nicht genug. Wenn Labels nicht Verwirrung stiften, springen eben Verwertungsgesellschaften wie die GEMA in die Presche. In deutschen Landen zählt die Erlaubnis einer Plattenfirma zum Hosten einer Mp3 wenig, wenn der Künstler bei der GEMA unter Vertrag steht. Diese will dann nämlich – kostenloser Download hin oder her – dennoch Kohle sehen. Und zwar vom werten Blogger. Viele Fallstricke warten auf Musik goutierende und darüber berichtende Zeitgenossen. Einer Branche, die sich samt und sonders derart chaotisch, panisch und unflexibel benimmt, die Treue zu halten und diese durch Berichte über Musik zu unterstützen, das verlangt Langmut und Charakterstärke.

Links:

Artikel auf Motor.de

Bericht auf Laut.de

Stellungnahme eines Betroffenen

Beitrag auf Paste Magazine

Unverbesserliche Ansicht eines Copyright-Ignoranten

SomeVapourTrails

LeseTipp: Schallgrenzen: Musikblogs, Mp3, die GEMA und die Zugänglichmachung

Heute Abend treffen wir den Herrn samt Frau höchst persönlich, dann wird weiter gefachsimpelt und Bier getrunken im schönen X-Kölln. Themen gibt’s genug. Eines der wichtigsten gemeinsamen  Themen ist natürlich die Musik allgemein, der Umgang mit den Mp3s im Speziellen auch sehr.

In fragwürdiger Manier versucht sich im Moment der Tonspion als Wohltäter der Mp3-Blogs, wir haben schon berichtet. Peter hat sich dem Thema „Musikblogs, Mp3, die GEMA und die Zugänglichmachung“ jetzt intensiver gewidmet und ich empfehle diesen Artikel wärmstens weiter.

Wer weiß, vielleicht sind wir ja gegen Mitternacht betrunken genug und rufen gleich die Gründung einer Gewerkschaft für Musik-Blogger aus ;-)

DifferentStars

Wenn der Bock gärtnert

Meistens darf mal vieles nicht, manchmal darf man was, aber auch nicht immer. Konkreter hätte ich die rechtlichen, aber rechtlich unverbindlichen FAQ: Was darf ein Musikblog? des Tonspions nicht zusammen fassen können.

Lustig finde ich folgende Passage:

Trotzdem ist es das gute Recht von Urhebern, selbst zu entscheiden, wo und wie ihre Musik veröffentlicht wird und dieses Recht sollte generell respektiert werden.

Weil Herr Raaf vom Tonspion… selber immer wieder gegen die eigenen Gebote verstößt und seltsame Wege begeht.

Wie heißt es doch so schön: „Erstmal vor der eigenen Haustür kehren.“ Und: „Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal Schnauze halten“.

Das Thema Mp3s auf deutschen Blogs ist ein sehr komplexes. Die schwammigen Irgendwie-Irgendwas-Formulierungen des Tonspions helfen niemandem weiter. Allgemeingültiges lässt sich eh schwer sagen. Die Rechte müssen (und können) immer individuell mit den Künstlern, Labels oder Promofirmen abgeklärt werden. In vielen Fällen scheitert es an der GEMA-Gebühr, aber eben auch nicht immer (ist Verhandlungssache).

Mich ärgert dieser Beitrag des Tonspions sehr, da er unglaublich scheinheilig ist. Schon häufig hat das  Magazin mich auf Seiten verwiesen, die ich für extrem zweifelhaft halte. Desweiteren gewann man den Eindruck (nicht nur ich), der Tonspion ließe gerne andere die „Drecksarbeit machen“, verlinke dann auf das Angebot, ohne selber Strafe fürchten zu müssen, jedoch mit dem Gewinn eine vermeintlich legale + kostenlose Mp3 anbieten zu können.

Und, ach ja Herr Raaf, auf Augenhöhe mit Bloggern kommunizieren ist eh nicht so ihr Ding, ich weiß, nur so falls Sie mir wieder zwischen den Blumen mit bösen Folgen winken, falls ich es noch mal wage, Sie zu kritisieren. Von wem und aus welcher E-Mail stammen nochmal diese Worte:

hallo,

wir können nicht für jeden einzelfall die garantie übernehmen, dass das
korrekt so frei gegeben wurde,[…]
am ende haftet derjenige, der die sachen veröffentlicht im netz. weder
du, noch wir.

Ach… diese Aussagen stammen von Ihnen. Nein, wirklich?… alles weitere haben wir ja schon hier diskutiert, oder? Es gibt auch Leute, die prüfen die Seiten, auf die sie verlinken. Ehrlich, dass macht Arbeit, ich weiß und auf manche attraktiven Fünde, muss man dann verzichten….

Eins haben wir wiedermal gelernt: Andere Mp3s hosten lassen, schützt vor Strafe, nur det mit dem Deep-Linking kann gefährlich werden…. und wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen, gell.

DifferentStars

Die Unkultur wird längst zur Kultur hochstilisiert

Man möge mich mit Vernunft geschlagenen Zeitgenossen doch endlich einmal in die verquere Logik der ganzen Filesharing-Befürworter einweihen. Ich bitte ehrlich darum. Einer im britischen Independent zititerten Studie zufolge sind Filesharer wieder einmal die eigentlichen Zugpferde der maroden Musikindustrie, die sämtliche finanziellen Ressourcen in den Dienst der guten Sache stellen und den Karren aus dem Dreck zerren. Von 1000 befragten Teilnehmern bekannten sich 10 Prozent zu illegalen Downloads. Eben diese 10 Prozent gaben an, durchschnittlich 77 Britische Pfund pro Jahr für den legalen Erwerb von Musik auszugeben, während der Rest im Mittel lediglich 43 Pfund investierte. Nun birgt solch ein Resultat gerade jetzt in Großbritannien Sprengstoff, da dort ja das Kappen von Internet-Anschlüssen bei wiederholtem Filesharing kurz vor der Umsetzung steht.

Nun beschert mir dies Ergebnis doch die eine oder andere Stirnfalte. Wenn diejenigen, welche Copyright verletzen, indem sie Musik unerlaubterweise digital verbreiten oder auf Tauschbörsen verfügbare Songs herunterladen, wenn eben jene dies tun, obzwar sie ohnehin planen das eine oder andere Album käuflich zu erwerben, dann stellt sich die Frage nach dem Grund. Geht es rein um einen Soundcheck, um ein Probehören, ehe man dann doch in den Geldbeutel greift? Wenn das ein Motiv darstellt, dann wächst meine Verwunderung nur weiter an. Denn dank Streams, kostenlosen Downloads und dergleichen lässt sich heutzutage doch alles vorab einschätzen, wird die Katze nie im Sack gekauft. Wieso dies Wagnis, vor allem mit dem Wissen um eventuelle Folgen?

Was mir bei vielen dieser Studien mit ähnlichem Tenor fehlt, ist die Anzahl der Lieder/Alben, die die so vermeintlich finanzstarken Teilnehmer illegal runterladen. Bei 77 Pfund gehe ich von 80 Songs oder ungefähr 8 CDs pro Jahr aus. Soll ich nun wirklich der Vermutung verfallen, dass auch die Größenordnung der über P2P erlangten Musik ähnlich wiegt? Und werden solch Downloads, die weniger Gefallen finden, auch brav von der Festplatte verbannt? Das würde mich doch sehr interessieren. Mein Drang dies Phänomen zu begreifen, dieser Wunsch ist durchaus ehrlich gemeint. Man joggt doch auch nicht zum Hehler, erwirbt dort eine Stereoanlage von Sony, testet diese in den eigenen vier Wänden nach qualitativen Kriterien und stürmt dann das Fachgeschäft des Vertrauens, um sich diese dann feierlich und legal zu besorgen.

Vielleicht unterläuft mir auch eine Betriebsblindheit. Möglicherweise ist mein Ansatz falsch, dass die Mehrzahl von Menschen die Einschätzung teilt, dass Musiker nicht von Luft, Liebe und Talent zu leben vermögen und eine faire Entlohnung verdienen. Unter Umständen bin ich auch noch zu sehr in meiner Sozialisation mit physischen Tonträgern verhaftet – zunächst noch Vinyl, später die CD. Die digitale Kopie bleibt für mich damit seltsam materiell, erfährt keine Losgelöstheit von dem Schöpfer des Werks – und wird nie zur Selbstverständlichkeit, die keine Entlohnung kennt. Aus eben diesen Beweggründen halte ich es für bedenklich, die Unkultur des Filesharings zu einer Kultur hochzustilisieren, welche der eigentliche Antrieb für das lahme Vehikel der Musikindustrie sein soll.

Darf man davon ausgehen, dass Filesharern ein gesteigerteres Interesse an Musik innewohnt, als es bei Herrn Müller oder Frau Meier der Fall ist? Und dass sie eben deshalb neben dem täglichen Stehlen auch Geld auf ehrliche Weise ausgeben, derart wie ein Kleptomane in einem Karstadt auch das eine oder andere Kleidungsstück zur Kasse bringt? Sind Kleptomanen deswegen die Motoren des Aufschwungs? Oder doch Verursacher von Schäden?

Filesharern unterstellt manch Lanzenbrecher ein moralisches Unterscheidungsvermögen. Künstler von Major Labels werden geleecht, die Werke aus Indie-Schmieden werden gesaugt und hernach gekauft. Da verlangt man von den P2P-Fetischisten verdammt viel Insider-Wissen. Denn worauf Indie in fetten Lettern prangt, findet sich längst nicht immer Indie drinnen. Und warum sollte Indie unterstützenswerter sein? Dieser Prämisse folgend dürften Filesharer auch nur Tante-Emma-Läden entern und nie und nimmer ALDI ein Besüchlein abstatten – außer für nen gepflegten Ladendiebstahl.

Mich überzeugen die gefühlten hunderten Studien nicht, mit welchen immer der idente Tenor einherschreitet: Filesharer sind nicht böse, nur ein wenig anders und bedürfen der Zuwendung der Musikindustrie. Denn eigentlich haftet ihnen riesiges Potential wie Kaugummi am Schuh. Und die braven Bezahlidioten sind dann wohl nur Hundescheiße, in die zu tappen sich für die Plattenbosse nicht lohnt?

Viele Fragen, ich harre der Antworten.

(mit Dank an Felix für das Gezwitscher)

SomeVapourTrails

Link-Tipp zum Thema: SZ: „Freibier-Mentalität ist kein Maßstab“