Die schnelle Rocknummer: Blind / One Fine Day

Heute hole ich mir einmal zwei CDs aus dem Stapel der Promo-Exemplare, die sich unangekündigt in meinen Briefkasten verirrten, mich schon eine Weile aus der Ferne anglubschen und mit herausforderndem Blick einiger Worte harren.

Keine Badewannenkapitäne – Blind

Was dem Gitarristen zur hellen Freude gereicht, bereitet dem Seemann Angst und Schrecken: Das Riff. Doch auch der Musiker sollte den Kurs halten, nie blindlings auf Grund laufen und absaufen. Die deutsche Rockband Blind hat mit der Platte The Fire Remains Kurs gen Mainstream-Gefilde aufgenommen. Nun tummelt sich in diesen Gewässern bereits die eine oder andere Band. Ob man also ein nettes Plätzchen zum Ankern findet, bleibt fraglich, obwohl die Lieder nicht abgetakelt klingen. Wer unspektakulären Rock mag, der angenehm aus dem Radio tönt, trotz prinzipiell eingängigem Sound nicht zu Luftgitarrenexzessen verleitet, die wiederum die Nachbarn aufbringen könnten, wer also eine bunte Mischung aus flotten Songs und Balladen sucht, die zwar keine Experimente wagen, aber eben deshalb auch nicht in die Hose gehen, dem wird Blind die eine oder andere Stunde versüßen.

Eigentlich hatte ich auf den ersten Blick eher üble Musik erwartet, zumindest aber Lieder, die mich in etwa so vom Hocker hauen, wie es zum Beispiel Nickelback tut. Da ich seit meiner Jugend keinen Rock mehr höre, der nicht von dem Begriff Alternative an die Leine genommen wird, paarte sich meine Skepsis mit einer gewissen Unbeleckheit. Umso erfreulicher werte ich daher Songs wie Room Without A View oder Teenage Dreams, die zwar meine Genre-Klischees bestätigen, zugleich jedoch auch vor Augen führen, wieviel besser am Mainstream orientierter Rock im Vergleich zu anderen populären Stilrichtungen klingt. Blind krempeln mit The Fire Remains keinesfalls die Rock-Historie um, sie fügen aber auch kein düsteres Kapitel hinzu. Down als guten Midtempo-Track vermag ich mir mehrmals hintereinander anzuhören, ohne dass zarten Geschmacksknospen auch nur ansatzweise verwelken. Zum Highlight der Scheibe gerät der Opener Don’t Think So, dessen altmodische Intensität durchaus imponiert. Solange die Band die Finger von Balladen lässt, gerät alles gut. Mit Moving On freilich greifen mir die Koblenzer Herren dann doch zu tief in softe Mottenkiste des Rocks.

Blind werden sich nie in mein Herz spielen, aber zumindest das aktuelle Album The Fire Remains bietet auch keinen Grund schreiend das Weite zu suchen. Solides Handwerk sucht das Rampenlicht. Warum auch nicht? Sie sind gut genug, um nicht nur in der Badewanne Kapitän zu spielen.

The Fire Remains ist am 17.09. auf Blind Records erschienen.

Konzerttermine:

21.11.10 Köln – MTC
03.12.10 Witten – Werk°stadt
04.12.10 München – Backstage Club
06.12.10 Köln – Underground
09.12.10 Frankfurt/Main – Nachtleben
10.12.10 Greven – Kesselhaus
11.12.10 Wilhelmshaven – Pumpwerk
12.12.10 Hamburg – Logo
13.12.10 Koblenz – Circus Maximus

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Die abgesagte Rebellion – One Fine Day

Jaha, heute ist nichts mit Singer-Songwriter-Elfenklängen oder kirgisischen Electronica-Künstlern. Wir bleiben beim Rock – und in deutschen Gefilden. Da sieht der werte Leser einmal, was so alles den Weg in mein Postfach findet. Die Hamburger Gruppe One Fine Day beschert uns die Platte The Element Rebellion. Noch so eine Rockband also, die nicht erst seit gestern existiert, welche ich aber bis dato nicht wahrgenommen habe.

Auch bei wiederholter Betrachtung fällt die propagierte Rebellion doch ein wenig kleinwüchsig aus. Meist liefert die Band Dutzendware ab, obzwar man ihr die Ambition wohl anmerkt. Sie will keinesfalls ideenlos zur Tat schreiten, aber letztlich bedient sie doch nur musikalische Stereotypen. Wenn zumindest ordentlich gebolzt würde, könnte man darüber noch hinwegsehen, aber auch dies passiert zu selten. Im Grunde vermögen One Fine Day dann zu überzeugen, wenn sie aus der Rolle fallen. Zum Beispiel bei Feel Again, das weitaus subtiler ausfällt als die bereits im Titel halsbrecherisch direkten The Rebel und No Hero. Dieses wahrhaft lichte Feel Again entblößt die Herren als befähigt nicht einfach nur mit Bass, Gitarre und Schlagzeug im Nirvana des 08/15 zu versinken. Wenn das Plakative zur Seite tritt und den Blick freigibt, kommen gute Ansätze hervor. Doch weia, es geschieht zu selten. Ansprechende Song wie Dare The World, welches im Refrain ordentlich losfetzt, oder New Horizons, das wenigstens druckvoll zum Bierdosenwerfen einlädt, stehen zu simpel gestrickte Lieder mit Zeilen wie „Cause I am no hero / But I’m me/ And I am no hero / But I have a dream“ gegenüber. Da fehlt dem ausladenden Gestus die Substanz. Und sogar der an sich mit gutem Pathos getränke Satz „We need to explode/To feel moments like these“ wird durch die übrigen Lyrics von Explode konterkariert. Denn natürlich, so verlangt es die Plattitüde, ist der ärgste Feind man selbst.

Von meiner Warte – und ohne das bisherige Schaffen von One Fine Day zu kennen – verbleiben der Band zwei Möglichkeiten. Entweder legt sie textlich eine Schippe drauf und schwingt weniger die holzhammerne Keule auf sämtliche bekannten Gemeinplätze oder aber die Herrschaften werden musikalisch interessanter, agieren weniger routiniert, dann gerät der Text zweifellos zur Nebensache. The Element Rebellion bietet von 51 Minuten 17 sehr gelungene Minuten. Da können die Fotos im Booklet einen noch so sympathischen Eindruck von den Bandmitgliedern vermitteln, aber sorry, dass muss so klar gesagt sein, ein feines Drittel eines Albums mag den schwächeren Rest fast aufwiegen, vergessen macht es ihn jedoch nicht. Zumindest vorläufig ist die Rebellion abgesagt.

Konzerttermine:

20.10.10 Düsseldorf – Zakk (mit Donots)
21.10.10 Wiesbaden – Schlachthof (mit Donots)
22.10.10 Paderborn – Kulturwerkstatt (mit Donots)
24.10.10 Heidelberg – Halle 02 (mit Donots)
25.10.10 Bremen – Halle 7 (mit Donots)
27.10.10 Braunschweig – Meier Music Hall (mit Donots)
28.10.10 Chemnitz – AJZ Talschock (mit Donots)
04.11.10 Köln – Underground
05.11.10 Hamburg – Markthalle
11.11.10 Kiel – Max
25.11.10 Rostock – Mau Club
27.11.10 Erfurt – Unikum
30.11.10 Oberhausen – Zentrum Altenberg
01.12.10 Frankfurt/Main – Nachtleben
02.12.10 Stuttgart – Universum

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Die schnelle Nummer – Zilverzurf / Setting Sun

Ab heute wollen wir noch mehr Musik einer Vorstellung unterziehen, kurz und knackig gegenwärtige Releases eine kompakten Analyse angedeihen lassen. Den Tonnen an CDs, die einer meist lobenswerten Erwähnung harren, will ich allesamt die notwendige Aufmerksamkeit einräumen, besonders da alles, was nicht gerade als konsensfähige Indie-Klänge Verbreitung findet, in der deutschen Blogger-Szene gerne mal unter den Tisch fällt. Musik abseits der Charts zeichnet sich durch eine Vielfalt aus, die sich eben nicht in Indie-Pop und Folk erschöpft. Darum soll unsere neue Rubrik Die schnelle Nummer von nun an die gesamte Palette an Genres behandeln, World Music ebenso wie Country – und dabei immer möglichst konzis sein.

Unbeschwerter Weltenbummel – Zilverzurf

Hinter Zilverzurf verbirgt sich Johan Zachrisson, laut Biografie schon Ewigkeiten im Geschäft und so nebenbei auch noch Vater von Lykke Li, die wiederum als einer der aufregendsten Schweden-Exporte der vergangenen Jahre gelten darf. Mit dem heute erscheinenden Album Howling Dogs & Lost Souls beweist auch der Vater musikalisches Gespür, präsentiert ein angenehm lässiges Werk, das chillig-heitere Töne mit Ethno-Touch serviert. Nun kann solch Attitüde entweder schal und abgeluscht anmuten, oder aber absolute Entspannung suggerieren. Diese Scheibe freilich gehört zu der Kategorie der wahrlich angenehmen World Music, birgt Stil und Klasse jenseits allen Einheitsbreis.

Bei der beschwingten Nummer The Kalimba Dance paart sich Fröhlichkeit mit Eingängigkeit, fühlt man sich in ein nicht um Betroffenheit heischendes Afrika versetzt. Das von Percussion sacht angetriebene und von Bläsern geprägte Ta-Ge-Ge gehört ebenfalls zu den Highlights, strahlt Wärme aus. Denn darin ruht das Geheimnis des Albums: Es schwelgt in einem organischen, in sich ruhenden, bescheidenen Sound, der sich auf den Hörer überträgt. Jedwedes Schielen auf Effekte fehlt. Ob auf wehmütig gestalten Titeln wie The Painful Accordion, dessen simples Arrangement umso stärker wirkt, oder bei Living My Life, wenn ein altersweises Laissez-faire Zufriedenheit greifbar macht, die instrumentalen Tracks sind über weite Strecken unglaublich beredt. Und wenn zum krönenden Abschluss Lykke Li die Chanteuse auf Céu Sem Fim gibt, hat man Howling Dogs & Lost Souls längst ins Herz geschlossen.

Der Titel der Platte täuscht eine Schwermut vor, die in dieser Form jedoch kaum Platz greift. Herr Zachrisson aka Zilverzurf beschert uns vielmehr einen unbeschwerten Weltenbummel, dem man gerne lauscht, während die Seele wunderbar baumeln darf.

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Aus der guten alten Zeit ausgebüchst – Setting Sun

Manch Musik verzückt beim ersten Mal, andere CDs brauchen mehrere Durchläufe, um sich irgendwann doch in die Gehörwindungen zu schmiegen. Die meisten Scheiben schaffen es nie. Setting Sun benötigten lediglich einen Anlauf, ehe das Resultat eine erwähnenswerte Wirkung hinterlässt. Denn das Album Fantasurreal verfügt über eine derartige Ausgelassenheit, dass man sich ihm schlichtweg nicht entziehen kann.

Das von Mastermind Gary Levitt geführte Projekt strahlt durch sonnig-schiefen Gesang, der meist mit Gitarre und breit orchestriertem Sound so flockig daher eiert, als sei eine psychedelisch veranlagte Hippie-Kommune aus der guten alten Zeit ausgebüchst und in einem Tonstudio der Gegenwart gelandet. Bereits der Opener Driving gibt die Richtung vor, hantiert mit Sixties-Sound, dessen Synthies-Elemente eine spritzige, poppige Nummer unterlegen. Und diese leichte Wohlfühlstimmung hält die gesamte Platte über an, mündet im sehr elektro-schwangeren The Sympathetic CEO. Dazwischen überzeugt eine muntere Mixtur aus schrägen folkigen Titeln wie One Time Around und verhuschtem Retro-Pop (Make You Feel), stehen eingängige Refrains wie das Mantra „Never alone anymore“ bei Handsome Bride.

Fantasurreal scheint als Sonnenschein-Soundtrack für die kommenden wärmeren Tage geradezu prädestiniert. Setting Sun ist eine ausgelassene Platte gelungen, die Fans von verspielten, stets ein wenig abgedrehten Klängen zu fesseln vermag und viel von dem Spirit einer Leichtigkeit versprüht, der heute viel zu selten durch Musikgefilde weht.

Ende April/Anfang Mai kommen Setting Sun auf Europa-Tour. Termine folgen!

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