Regional ist besser 6: Trickser Tonträger

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Berlin wird gern zum Sehnsuchtsort für Kreative hochstilisiert. Was jedoch wären etwa Musiker, wenn es nicht auf jene gäbe, die jene Kreativität in Platten gießen. Labels eben! In pucto Plattenfirmen hinkt Berlin seinem Ruf allerdings hinterher. Abgesehen von den Dependancen der großen Majors gibt es zwar viele wunderbare kleine Hobby-Labels, die mit Liebe Kleinode verbreiten. Was jedoch ein bisschen fehlt, ist die goldene Mitte. Also professionell betriebene Label, die viel mehr als nur Hobby sind und zugleich die Fahne des Indie hochhalten. Staatsakt oder City Slang wären Paradebeispiele dafür. Seit drei Jahren nun gibt es mit Trickser Tonträger eine weitere Plattenfirma mit feinem Gespür für Bands und Musiker aus aller Welt. Es spricht viel dafür, dass Trickser auf einem guten Weg ist. Qualität wird der Quantität vorgezogen, dazu hat man sich auch mit der Konzertreihe Listen. ins Metier der Veranstalter vorgewagt. Vielleicht macht Trickser aber auch deshalb so gute Figur, weil die Macher auch als Yesterday Shop allerbeste Musik fabrizieren. Wenn sich Musikenthusiasmus und geschäftliches Know-how mit der Befähigung zu eigener Kreativität verbinden, bildet das ein hervorragendes Fundament.  Weiterlesen

Regional ist besser 4: Feverdreamt

Krautrock mit orientalischer Note, fabriziert in Berlin. Das klingt spannend, allerdings auch schräg, sodass man beim ersten Hören des Albums Terban Te Ban darüber staunt, wie dezent und klischeefrei hier zu Werke geschritten wird. Das Projekt Feverdreamt ist nämlich keine typische Crossover-Ausgeburt, es offeriert vielmehr einen im Schwelgen, im Gedanken begriffenen Sound, einen Mix aus psychedelischen Elementen, Post-Rock, Drone und Ambient. Und über all dieses wird ein mit Fortdauer des Werks immer stärker hervortretender, exotischer Gesang der Marke selbst ertüfteltes Wüsten-Esperanto gelegt. Obwohl – besser: gerade weil – diese Musik flüchtig und schwer greifbar wirkt, dem Bandnamen somit sehr gerecht wird, ruht in ihr ein mitunter meditativer Charakter. Zhudan Zhudal etwa erwächst zu einem fast zwölfminütigen Traum, dessen Verschachteltheit an ein Labyrinth erinnert. Der Sound drängt vorwärts, nur um den Kreis zu schließen und wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Es mutet wie ein Drogentrip unter einer mit Sand gefüllten Glasglocke an. Laxmadan Tu wiederum hängt im Vortrag morgenländischer Melancholie nach, eine sachte, in Chiffren dampfende Schwere liegt über diesem Track. Yodan Fu verlagert sich endgültig in einen sich dahinschleppenden Wachdämmer. Diese Musik in jenem Zustand wimmernder Trance hat mich schon längst um den Finger gewickelt. Weil sie wunderbar zu täuschen weiß, eine eigene, im Grunde ok­zi­dentale Fantasie eines von archaischer Schönheit beseelten Nahen Ostens entfaltet. All die Exotik trägt die Sehnsucht an geträumte Fremde in sich. Auch deshalb könnte der Name dieses Projekts nicht besser gewählt sein. Feverdreamt kreiert Mal für Mal eine Fata Morgana, die flackert, flirrt und flimmert. Das epische Antrebax Nox steht in bester Kraut-Tradition, es wirkt hypnotisch, lullt ein, spornt die Vorstellungskraft an. Es erschafft eine in Cinemascope getauchte Weite samt unruhigem Horizont.

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Regional ist besser 3: Isolation Berlin

Als wären die goldenen Hausbesetzerzeiten nur einen Steinwurf entfernt, derart tönt die Formation Isolation Berlin. Die Band kitzelt die Großstadttristesse aus der Hauptstadt heraus, sie suhlt sich im Siechtum Berlins, zerknüllt den völlig verkritzelten alternativen Entwurf dieser gerade hochgradig angesagten Sehnsuchtsmetropole. Die EP Körper gibt sich marode, am Zahnfleisch kriechend und hat mit hippem Hipstertum rein gar nicht gemein. Isolation Berlin sind mit einer Lebensgier der Verzweiflung gesegnet, Berghain-Party-People kennen sie wohl nur vom Hörensagen. In jener rüden, rumpeligen, schlicht kompromisslosen Poesie lauert eine Schonungslosigkeit, wie man sie in Berlin Tag für Tag um die Ohren gehauen bekommt. Die Musik mutet so an, als würden Zigarettenkippen an alten Narben ausgetötet. In Isolation Berlin steckt verdammt viel von einem Berlin, das sich nicht mittels Bilder romantischen Verfalls transportieren lässt. Hier prügeln Emotionen auf nackte Körper ein, dagegen wirkt Sadomaso wie ein Kindergeburtstag.

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Regional ist besser 2: Woods Of Birnam

Ich lamentiere ja öfter mal, dass so manche Band, wenn man sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen verliert, sich sogleich auf Nimmerwiedersehen auflöst. Jedenfalls habe ich vor einigen Monaten mit Erstaunen festgestellt, dass die Mitglieder von  Polarkreis 18 schon seit 2012 getrennte Wege gehen. So ganz habe ich nicht durchschaut, was nach dem großartigen Hit Allein Allein schief gegangen ist. Damals schien für die Dresdner eine internationale Karriere eigentlich durchaus realistisch. Ein paar Mitglieder von Polarkreis 18 machen mittlerweile zusammen mit dem Schauspieler Christian Friedel als Woods Of Birnam Musik. Das selbstbetitelte Debüt erschien vergangenen Herbst und hinterließ einen hochsoliden Eindruck und ab und an war auch jener hingebungsvoll-ekstatische Moment vorzufinden, der bereits Polarkreis 18 sehr gut zu Gesicht stand. Nicht umsonst hat es der Song I’ll Call Thee Hamlet auf den Soundtrack des Schweiger-Films Honig im Kopf geschafft. Wie sich dieser Titel von einer in Shakespeare’schem Grübeln verhafteten Strophe zum theatralischen Refrain aufschwingt, zählte im letzten Jahr sicher zu den gelungensten musikalischen Augenblicken deutscher Provenienz. Woods Of Birnam zeigen nämlich ein Beifall verdienendes Kunststück: Sie verstehen Songs auf kultivierten wie eingängigen Pathos hinzutrimmen, all das vermittelt die Leichtigkeit von Pop und zugleich eine tiefgängige Reife. Ein Song vom Schlage von Closer muss man geradezu mögen. Auch weil Friedels Gesang eine feine Empfindsamkeit bereithält. Sogar eher missratene Tracks, die vielleicht einen Tick zu sehr nach Song Contest tönen, vermag Friedel noch zu drehen, mit aufrichtig-unschuldiger Gefühligkeit auszustatten (Falling). Manchmal ringen sich Woods Of Birnam sogar zu Synthie-Pop durch (Dance) und auch derart machen sie eine gute Figur. Letztlich erweist sich aber die Band dann am besten, wenn sie sich ohne Wenn und Aber zur bedeutungsschwangeren Geste bekennt, so geschehen beim textlich mächtigen Titeltrack Woods Of Birnam („Life is but a tale/ Full of sound and fury and exuberance/ Told us by an idiot/ Who stands upon the stage and then/ Then is heard no more„). Spätestens hier hört mein Bedauern über das Ende von Polarkreis 18 auf, stellt sich uneingeschränkte Freude über dieses neue Projekt ein!

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Regional ist besser 1: van Kraut

Ich nehme mir jedes Jahr vor, nicht immer nur in die große, weite Welt zu glotzen, sondern auch regelmäßig einen Blick vor die eigene Haustüre zu werfen. Immer diese Vorsätze! Dieses Jahr mache ich das jetzt aber wirklich. Ab nun heißt es: Regional ist besser!

Ich muss mich ja arg konzentrieren, um die Vorzüge deutschsprachiger Klänge benennen zu können. Ein Trumpf kommt mir freilich doch in den Sinn. Deutsche Liedermacher und Indie-Pop-Bands vermögen oftmals erstaunlich skurril zu sein. Ob PeterLicht, Erdmöbel oder Funny van Dannen, ja sogar die frühen Tocotronic stehen für eine mehr oder minder leise Ironie, oft auch für eine Diskrepanz zwischen Songtitel und Inhalt. Humor bleibt leider meist zuerst auf der Strecke, wenn der muttersprachliche Gesang zugunsten englischer Lyrics aufgegeben wird. Von daher sind deutsche Texte durchaus für das eine oder andere freudige Aha gut. Die Hamburger Formation van Kraut veröffentlicht Ende März ihr Debüt Strahlen, die erste Hörprobe Hausschuhe kreiert bereits durch den Titel jenen absurden Moment, der Neugier weckt. Hausschuhe zeigt sich als sympathischer Indie-Pop, der um die Ecke denken will und sich dabei pfiffig-kryptisch präsentiert: „Ja, das eine Paar Hausschuhe hab ich längst ausgezogen, ich wollt ihn einfach spüren, diesen ungewohnten Boden, das bisschen kalte Füße, das hab ich halt gewagt, der Boden ist nur halb so glatt, wie man das immer sagt.„.  Weiterlesen