Schatzkästchen 104: Vlimmer – Nebelgeist (Songpremiere)

Achtziger kann jeder, so möchte man angesichts dieses nun schon viel zu lang andauernden Revivals fast meinen. Aber nein! Einen fein wavigen Synthie-Pop schüttelt man nicht einfach so aus dem Ärmel. Und den ursprünglichen subkulturellen Schalk hat auch nicht jeder im Nacken. Was man heute massenhaft erlebt, sind Synthie-Klänge, denen subversives Charisma ganz und gar fehlt, die stattdessen arg steril und angestrengt tönen. Furchtbare Klamotten sind halt nur die halbe Wahrheit über die Achtziger. Wie man dem musikalischen Lebensgefühl dieser Dekade wirklich auf den Grund geht, zeigt einmal mehr Vlimmer mit der EP X. Vor zweieinhalb Jahren ist das auf 18 EPs ausgelegte Projekt des musikalischen Tausendsassas Alexander Leonard Donat gestartet. Was damals aus Lust, Laune und vielleicht Großspurigkeit angefangen wurde, hat sich mittlerweile zu einer famosen Vermessung des 80er-Undergrounds entwickelt. Darkwave, IDM, Krautrock, an stilistischer Vielfalt mangelt es dem ambitionierten Unterfangen nicht. Die EP Nummer zehn wartet beim Track Nebelgeist sogar mit überraschend eingängigem Synthie-Pop mit Post-Punk-Flair auf. Die Abgründe, die Vlimmer aufbuddelt, erkennt man freilich erst, wenn man genauer auf den Text hört.  Weiterlesen

Schatzkästchen 103: Mazzy Star – Quiet, The Winter Harbor

Wenn man derjenigen Person nach langer Zeit wieder über den Weg läuft, für die man einst ein wenig geschwärmt hat, kommt zwangsläufig eine gewisse Wehmut auf. Wo nur ist die Zeit geblieben, fragt man sich. Und was wäre wohl gewesen, wenn es damals nicht nur bei stiller Bewunderung geblieben wäre? Man kommt zwangsläufig ins Grübeln, schwelgt in Erinnerungen, die auch den Nährboden der Versuchung darstellen. Soll man nun mit ein wenig mehr Lebensreife das nachholen, was man einst versäumt hat? Von nichts anderem handelt der Song Quiet, The Winter Harbor, mit dem die unvergleichlichen, legendären Mazzy Star die demnächst erscheinende EP Still ankündigen. Über Hope Sandoval und David Roback muss ich keine Worte mehr verlieren, unser Faible für die Band haben wir schon hinlänglich dokumentiert. Beim Hören des neuen Tracks wird auch mir ein nostalgisch ums Herz, haben mich die Klänge von Mazzy Star doch mein ganzes Erwachsenendasein begleitet.  Weiterlesen

Schatzkästchen 102: James – Better Than That

James sind ein echtes Phänomen. Vor 35 Jahren ist die Band aus Manchester erstmals auf auf der Bildfläche erschienen, seit den Neunzigern war sie für die vordersten Plätze in den Charts gut. Auf die 2001 durch den Abgang des Sängers Tim Booth vollzogene Auflösung folgte 2007 die geglückte Wiedervereinigung. Auch die jüngsten Veröffentlichungen erfuhren kommerziellen Zuspruch. James stehen somit keinesfalls im Verdacht, abgehalfterte, der Pension ins Auge blickende Musiker zu sein, die nur vom einstigen Ruhm zehren. Angesichts ihres 2016 erschienen Albums Girl At The End Of The World hatte ich die Band gar auf dem Zenit der Schaffenskraft gesehen. Dieser Tage nun gibt es wieder Neuigkeiten zu vermelden. Für Mai hat die Band die EP Better Than That angekündigt, dem Titeltrack darf man bereits lauschen. Und was soll ich sagen, der Song belegt einmal mehr die Klasse der Formation. Mit lässigem Trotz fordert Booth die Widrigkeiten des Lebens heraus, hat für selbige nur ein „You can do better than that“ übrig, fordert das Schicksal fast höhnisch mit den Worten „Hit me again and show me where I’m cracked“ heraus. Der aufgeweckte, vor Dynamik strotzende Track kommt im James-typischen Sound daher.  Weiterlesen

Schatzkästchen 101: Car Crash Sisters – Descension (Songpremiere)

Eine Melancholie liegt wie ein sepiahafter Schatten über dem Track Descension, einem Track vom in Kürze erscheinenden Album Sundance Sea der mexikanischen Formation Car Crash Sisters. Besagte Melancholie ist allerdings besonders gelungen verpackt, nämlich in einen lärmigen Neunzigerjahresound. Verträumter Alternative Rock mit ein wenig grungiger Attitüde ist wohl nicht der neueste Schrei, doch eine Hinwendung zu den Neunzigern scheint immer und stets begrüßenswert. Descension ist von melodischer Bittersüße durchdrungen, die einem auch dann nicht aus den Ohren geht, wenn die Gitarren aufheulen und der Song plötzlich voll im Saft steht.  Weiterlesen

Schatzkästchen 100: Ladytron – The Animals

Menschen mit ausgeprägtem Musikfetisch haben ja meist die eine Band, die über allen anderen thront. Dieser bastelt man denn auch einen kleinen Schrein der Anbetung, folgt ihr über Jahre und Jahrzehnte des Lebens voller Wohlwollen. Und obwohl ich schon viele Fans ganz unterschiedlicher Lieblingsbands kennengelernt habe, ist mir noch nie jemand untergekommen, der die britische Electro-Pop-Formation Ladytron samt und sonders verehrt. Das wundert mich ein bisschen. Wäre ich nur das eine oder andere Jahr früher mit deren Musik in Berührung gekommen, Ladytron wäre wohl meine unangefochtene Nummer eins. Aus diesem Grund freut es mich ungemein, dass sich Ladytron dieser Tage mit ihrer großartigen, neuen Single The Animals zurückgemeldet haben. Und für den Herbst darf man sich auf eine neue Platte, die erste seit Gravity the Seducer von 2011, gefasst machen. Wie schön! Vor allem imponiert mir der Umstand, dass The Animals ziemlich nahtlos an den bisherigen Sound der Band anknüpft. Im Vergleich zu Gravity the Seducer mit seinen wunderbaren Tracks White Elephant, Mirage, Ace Of Hz und Ambulances klingen die Synthies von The Animals treibender, ein bisschen weniger verwunschen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 99: The Noise Figures – Lethargy

2015 habe ich dem griechischen Duo The Noise Figures attestiert, mit Aphelion eines der besten Rockalben des Jahres veröffentlicht zu haben. Der psychedelische Desert-Garage klang danach, als hätten sie einen abgetakelten Van startklar gemacht und die sandigen Nebenstraßen dieser Welt damit abgeklappert. Eine dreckige Zeitreise durch die späten Sechziger und frühen Siebziger, so lautete mein begeistertes Fazit. In Kürze nun folgt mit Telepath nun der neueste Streich. Mit dem Track Lethargy existiert bereits eine erste Kostprobe, die abermals eine famose Platte verheißt. Zumindest Lethargy knüpft an die Dynamik und Intensität von Aphelion an, legt sogar noch mindestens eine Schippe drauf.  Weiterlesen

Schatzkästchen 98: The Vaccines – I Can’t Quit

So richtig kneipenhymnigen Britpop mit Schmackes und voll Hemdsärmeligkeit kann die Welt auch im Jahre 2018 gut gebrauchen! Wie erfreulich, dass sich The Vaccines ihrer erbarmen und mit I Can’t Quit einen höchst eingängigen Song raushauen. Von der aufgekratzten Kurzweil her würde ich den Track zum Beispiel mit C’est la vie, dem letzten Kracher der Stereophonics, vergleichen. Es ist auf alle Fälle durch und durch britischer Rock mit jenem ganz eigenen, gerne deftigen Charme. The Vaccines kündigen mit I Can’t Quit ihr neues Werk Combat Sports an.  Weiterlesen

Schatzkästchen 97: Vlimmer – Körperkonstante (Songpremiere)

IDM in Zeitlupe, undergroundiges Zwielicht trifft auf lichte Synthie-Schauer. So stellt sich mir der Track Körperkonstante vor. Ich kann mir die Assoziation an ein von Kugelfesseln gehandicaptes Strafgefangenenballett nicht verkneifen. Durch die kleinen vergitterten Fenster beleuchtet ein Lichtblick in Form von Meteoritenschauer dieses gehemmte, von Tristesse und Isolation umgebene Tänzchen. Körperkonstante verkörpert trotz seiner wavig-düsteren Grundstimmung einen Moment verträumter Kontemplation. Fast überflüssig zu erwähnen, dass diese Nummer von Vlimmer, einem Projekt des musikalischen Tausendsassas Alexander Leonard Donat, stammt. Vor mittlerweile zwei Jahren hat er sein auf 18 EPs ausgelegtes Projekt Vlimmer gestartet, mit den Doppel-EPs IIIIIIII​/​IIIIIIIII ist selbiges nun bei der Halbzeit angekommen. Sich solch ein Mammutprojekt vorzunehmen, ist die eine Sache, in dessen Verlauf jedoch mit der Aufgabe zu wachsen und nicht in Langeweile abzukippen, das verdient ganz große Anerkennung.  Weiterlesen

Schatzkästchen 96: Tocotronic – Hey Du

Gestern ist die neue Single von Tocotronic erschienen. Das bedeutet, dass Menschen mit gehobenem Musikgeschmack den Track Hey Du selbstverständlich längst für sich entdeckt haben. Falls man die gestrige Veröffentlichung doch tatsächlich verpennt hat, sollte eine etwaige Ausrede mindestens das Wort Koma oder besser noch eine Entführung durch Außerirdische beinhalten. Denn Tocotronic sind zurück! Gerade einmal anderthalb Jahre nach Veröffentlichung ihres roten Albums dürfen bereits wieder neue Klänge bestaunt werden. Und Hey Du hat es wirklich in sich. Schon nach dem ersten Hördurchlauf reiht es sich nahtlos in die vorderste Reihe der allerbesten Songs der Band. Über zwei Aspekte des Tracks muss ich kurz ein paar Wörter verlieren. Da wäre zunächst der frische Sound zu nennen. Entgegen der landläufigen Meinung ist Rock alles andere als ein Jungbrunnen. Bands, die in ihren Zwanzigern oder frühen Dreißigern erfolgreich sind, tönen einige Jahre später oft furchtbar dröge und schlaff. Aller Elan ist Biederkeit gewichen, jedwede Aufmüpfigkeit wirkt aufgesetzt. Menschen mittleren Alter sind zu oft viel zu uninspiriert.

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Schatzkästchen 95: Gregor McEwan – << Rewind, Retrack, Rename, Restore

Ein intensiv vorgetragener, melodisch eingängiger Singer-Songwriter-Sound voll Klasse ist nichts, was hierzulande im Überfluss vorhanden wäre. Eben deshalb kann man den Song << Rewind, Retrack, Rename, Restore gar nicht genug hervorzuheben. Gregor McEwan füllt somit eine echte Lücke. Der werte Herr hat bereits zwei Alben auf dem Buckel, geht es nach der ersten Single, könnte das für Anfang 2018 angekündigte From A To Beginning sein bisheriges Schaffen nochmals in den Schatten stellen. Vor wenigen Jahren noch hätte ich die Radiotauglichkeit des Tracks gelobt. Einem freudig-folkigen Beginn folgt eine sehr kraftvolle, rockige zweite Hälfte, deren Lyrics „So take me as I am/ I take you as you are“ wunderbar verfangen. << Rewind, Retrack, Rename, Restore zelebriert ein noch junges Beziehungsglück voll aufrichtiger Gefühligkeit und sobald Gregor McEwan die Liebe aus vollster Kehle besingt, ist man endgültig hin und weg.  Weiterlesen