Schlaglicht 89: Radio Elvis

Da sind sie wieder. Radio Elvis! Drei Jungs aus Paris, die mir 2015 und 2016 so manche Freudenträne bescherten. Von einem singulären Mix aus Chanson, Pop und Indie-Rock habe ich geschwärmt, die Formation um Sänger Pierre Guénard als Spitze der Phalanx aufstrebender französischer Bands bezeichnet. Die Renaissance des französischen Zungenschlags, sie ist angesichts formidabler Klänge längst überfällig. Gefühlt herrscht in Großbritannien gerade eher Flaute, was junge charismatische Bands angeht. In Frankreich dagegen steppt der Bär, Acts wie Baden Baden oder Feu! Chatterton sollte man auch hierzulande für sich entdecken. Doch zurück zu Radio Elvis, die sich hinsichtlich der Bandbreite vom Rest nochmals abheben. Der geniale Track Goliath von der Debüt-EP Juste avant la ruée ließ noch Assoziation an die Schnittmenge von Johnny Hallyday und Lou Reed aufkommen, den Song Les moissons vom gleichnamigen Album charakterisierte eine gewisse Electro-Pop-Leichtigkeit. Radio Elvis sind in ihrer stilistischen Vielfalt überraschend, bestrickende Konstante ist freilich der Vortrag Guénards. Diese Stimme kommt ohne große Attribute aus und ist dennoch alles andere als unscheinbar.  Weiterlesen

Schlaglicht 88: Basement Revolver

Traurigkeit kann ein Segen sein. Zumindest wenn sie in musikalischer Form verabreicht wird. Während einen ein trauriges Buch mit Stille und manch dröhnenden Gedanken allein lässt, erfüllen traurige Klänge einen Raum mit Leben. Im Idealfall spendet Musik Trost, speziell in jenen Momenten, in denen man eigentlich untröstlich ist. Diese Erkenntnis ist alles andere als neu, aber der Track Baby führt sie mir einmal mehr vor Augen. Zwei EPs hat die kanadische Formation Basement Revolver in den letzten zwei Jahren veröffentlicht, beide habe ich über den grünen Klee gelobt. Diesen Sommer nun steht endlich ein Debütalbum namens Heavy Eyes an. Einen besseren Titel hätte die Band rund um die auch für Songwriting zuständige Sängerin Chrisy Hurn kaum wählen können. Denn der Indie-Rock-Shoegaze der Band kommt immer mit einem Seufzer oder einem wunden Herz daher, doch liegt in vielem Kummer auch ein Funken Hoffnung, zumindest aber der Wille, die Widrigkeiten zu meistern. Und an denen mangelt es nicht. Allein die gescheiterte Beziehung zu einem gewissen Johnny war der Band nach der selbstbetitelten Debüt-EP von 2016 dann auf der EP Agatha mit Johnny Pt. 2 einen Nachschlag wert. Wo im ersten Teil noch Verzweiflung über Johnnys Untreue vorherrschte, der Refrain „Please just stay away from Johnny, cause i love him, understand. I don’t need your presence sitting on my chest, above my hands. It’s a really bad time right now.“ die Nebenbuhlerin zur Räson rief, war bei Johnny Pt. 2 der ärgste Schock schon überwunden, Lyrics wie „You say you still love me, but you can’t do this anymore. My door will always be, always be open to you.“ strahlten sogar Versöhnlichkeit aus. Gesanglich hat mich speziell letzterer Track an die junge Dolores O’Riordan erinnert. Liebesleid derart kraftvoll und bittersüß darzubieten, das ist wirklich famos. Doch selbst wenn wir die Johnny-Saga mal außen vorlassen, hat Hurn bereits einige tolle Songs fabriziert. Tree Trunks oder Words etwa haben es verdientermaßen auf das anstehende Debüt geschafft. Doch bietet Heavy Eyes weitaus mehr als nur einen Querschnitt bisheriger Veröffentlichungen. Der eingangs erwähnte neue Song Baby skizziert eine wunderbare Verwirrung der Gefühle.  Weiterlesen

Schlaglicht 87: Scenic Route to Alaska

Was wurde eigentlich aus Brian Molkos jüngerem Bruder, nachdem er vor Jahren irgendwo in der nordamerikanischen Prärie ausgesetzt wurde? Er wuchs unter dem Namen Trevor Mann auf, hat sich letztlich auch der Musik verschrieben und ist Sänger des Trios Scenic Route to Alaska. Die Band aus dem kanadischen Edmonton hat vor wenigen Wochen mit Tough Luck ein gelungenes Album voll hemdsärmeligem Indie-Rock in bester Siebziger-Manier veröffentlicht. Das kanadische Magazin Exclaim! trifft mit seiner Einschätzung „catchy riffs cascade across its runtime without relent, erupting out of rustic pop-stompers and rock sing-alongs with equal aplomb“ den Nagel auf den Kopf. Tough Luck tönt ungemein eingängig und mitreißend, klingt oft eher nach einem gut abgehangenem Stück Musikgeschichte als nach einer nostalgischer Hommage. Die zehn Tracks sind wie aus einem Guss, textlich geht es vielfach um das unstete Leben auf Tour. Die Zeilen „Starting to pass me by/ Early mornings, sleepless nights and red-eye flights/ Only thing changing, where I sleep at night/ Starting to pass me by/ And all the lonely hearts/ Gather ‚round and start joining hands/ The cards get dealt out and I’m all in/ Is this how it is?“ fangen das Dasein on the road hervorragend ein. Besagte Lyrics sind dem Opener How It Feels entnommen, in knapp vier Minuten verdichtet sich der gesamte Charme des Album. Manns charismatischer Gesang ist dem Southern Rock verbunden, auch ein wenig Glam-Rock-Flair schimmert durch, dazu gesellen sich schmissige Riffs. Der robuste, kernige Sound der Strophen geht in einem melodisch-schwelgerischen Refrain auf, den Mann mit viel Schmelz darreicht. Was am Opener imponiert, gilt natürlich auch für die nachfolgenden Tracks. Ghost Of Love etwa ist ein weiteres Highlight, bei dem es fast unmöglich fällt, nicht aus vollster Kehle mitzuträllern. Solch rustikalen Hymnen entkommt man nicht! Auch das getragenere Lonely Nights und das herb-rockige Slow Down gehören zu den besonderen Momenten des Werks. Spätestens bei We Don’t Let It ist man aber endgültig versucht, das Album als Best-of einer bereits einige Jahre auf dem Buckel zählenden Bandkarriere zu werten. We Don’t Let It entpuppt sich als Song für die ganz große Bühne, bei dem die Zuhörer vor lauter Schunkeln und geschwenkten Smartphones in Verzückung vergehen. Angesichts solcher Tracks verwundert es einigermaßen, dass Scenic Route to Alaska nicht schon längst die Charts stürmen.

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Schlaglicht 85: Naiivi

Kann man anhand zweier Singles bereits ein Urteil über das Potential einer aufstrebenden Singer-Songwriterin fällen? Eigentlich nicht. Natürlich schon! Denn wir alle entscheiden doch täglich bereits nach wenigen Sekunden, ob eine Band oder ein Musiker auf Gefallen stößt. Falls dem nicht so ist, drückt man rasch die Skip-Taste der Playliste. Und als Musikblogger wird man ohnehin ständig mit neuen Klängen bombardiert, da hat man keine Zeit für zögerliches Abwägen. Im Falle der Schwedin Naiivi musste ich allerdings auch gar nicht erst lange überlegen. Schon die ersten Takte der zwei Tracks haben mich von den Qualitäten sofort überzeugt, in meinen Ohren hat sie sogar das Zeug zur nächsten skandinavischen Indie-Queen zu werden. Die letzten Herbst veröffentlichte Debütsingle I’m Leaving gefällt als waviger Pop.  Weiterlesen

Schlaglicht 84: Mélissa Laveaux

Die Frage der Identität treibt mich immer mehr um. Das ist wohl meinem Engagement für Geflüchtete geschuldet. Denn jede Hilfestellung bei der Integration bedeutet nicht weniger als einen aktiven Beitrag zur Neuausformung einer Identität. Manchmal gesellen sich einfach nur eine neue Sprache sowie landestypische Eigenheiten zum vorhandenen kulturellen Hintergrund dazu, nicht eben selten überlagert das Neue früher oder später die eigene Herkunft. Spätestens ab der zweiten Generation mit Migrationshintergrund wird rasch zwischen denen unterschieden, die sich entweder sehr angepasst haben und jenen, denen eine vermeintliche Integrationsverweigerung weitervererbt wurde. Was die Erforschung der eigenen Identität konkret bedeutet, verdeutlicht das Album Radyo Siwèl der Kanadierin Mélissa Laveaux, die als Kind haitianischer Eltern, die vor der Diktatur geflohen waren, in Montreal geboren wurde und in Ottawa aufwuchs. Für ihr neues Werk beschäftigt sie sich mit den familiären Wurzeln und besuchte im Zuge dessen Haiti, die einstige Heimat ihrer Eltern. „Radyo Siwèl is very important to me because there’s the whole part about remembering your ancestry and honouring your ancestors and elders,“ so Melissa Laveaux, „I’m getting reacquainted with parts of my heritage my parents left out when they were raising me.“

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Schlaglicht 83: Postcards

Als ich in der vergangenen Woche unsere Lieblingstracks und -alben des Jahres 2017 zusammengestellt habe, kam ich an einer Band einfach nicht vorbei. Für die aus dem Libanon stammende Band Postcards hatte ich 2017 wirklich nur Lobeshymnen übrig. Ich möchte sogar so weit gehen, dass es so etwas wie Liebe ist. In all den Jahren, die ich Musik zunächst gehört und später dann auch hier auf dem Blog – hoffentlich – ein klein wenig vermittelt habe, habe ich zu gewissen Musikern und Bands gewisse Formen von Beziehungen aufgebaut. Da wären speziell die weisen, viel vom Leben lehrenden Väter und Mütter in Gestalt von Johnny Cash, Bruce Springsteen, Nina Simone und natürlich Joni Mitchell zu nennen, da gibt es die ewigen Jugendfreunde wie etwa The Cure und später auch Studienkollegen wie beispielsweise Radiohead. Diese Bande vervollständigen Frauenstimmen, in die mich für den Rest meines Lebens verliebt habe. Mazzy Star mit der sagenhaften Hope Sandoval oder Trespassers William mit der unvergleichlichen Anna-Lynne Williams kommen mir hier sofort in den Sinn. Dass es sich dabei um Dream-Pop-Bands handelt, ist alles andere als ein Zufall. Die Postcards um die Sängerin Julia Sabra besitzen eine ähnliche Qualität. Die letztes Frühjahr erschienene EP Here Before hat einen prägenden Eindruck hinterlassen. Die EP ist auch der Kern des Ende Januar erscheinenden Albumdebüts I’ll be here in the morning, welches ich bereits anhören durfte. Und gerne möchte ich bereits verraten, dass es dieses Erstlingswerk in sich hat. Dass es all jene Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit beinhaltet, die guten Dream-Pop auszeichnet. Wer für solch Emotionen und Stimmungen empfänglich ist, wird diese Platte lieben.  Weiterlesen

Schlaglicht 82: Blaue Blume

Kurz vor knapp, wenn Musikmagazine längst schon die Jahresbestenlisten in ihren Schubladen liegen haben, kommt fast wie aus dem Nichts eine EP daher, ohne die zumindest meiner Meinung nach 2017 in musikalischer Hinsicht unvollständig wäre. Die Rede ist von der EP Sobs der dänischen Formation Blaue Blume. Der Band, dieses Wortspiel sei erlaubt, kann man für diese vier Tracks gar nicht genug Rosen streuen, gerne auch blaue. Sobs steht für zärtlich-romantischen, perfekt instrumentierten Pop mit märchenhafter Note und Anflügen von Verschrobenheit. Gerade einmal 15 Minuten hat diese EP zu bieten, doch ähnlich stimmige, facettenreiche 15 Minuten wird man 2017 kaum finden. Beginnen wir in der Betrachtung gleich mit dem Song Macabre, der als bittersüßer wie hymnischer Synthie-Pop besticht. Die wonnige und auch aufgekratzte Melodie ist Seelenbalsam, opernhaft-exaltierter Falsetteinschübe runden die exzentrische Eleganz ab. Ebony wiederum hat den Flair einer auf Zehenspitzen schleichenden R&B-Nummer verbunden mit der Dramatik einer kraftvoller Achtziger-Ballade. Das famose Mayhem vermittelt von den Synthies ein wenig Peer-Gynt-Erhabenheit, die die samtene, helle Stimme des Sängers Jonas Smith perfekt untermalt. Die bewegende, schwärmerische Aufbruchssehnsucht gerät zu allerfeinstem Pop, den man gar nicht oft genug hören kann. Viel zu schnell endet Sobs, doch hat es dieses Ende natürlich ebenfalls in sich. Bei Haven’t You stellt Smith sogar die gesangliche Feinheit eines Anohni locker in den Schatten. Romantische Melancholie mit ein wenig Weltschmerz lässt dieses andächtige Stück leuchten!


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Schlaglicht 81: Mammút

Vor zweieinhalb Jahren habe ich eine Formation empfohlen, die sich damals anschickte, Muttersprache Muttersprache sein zu lassen und mit englischsprachigen Songs über die bereits ausgeloteten heimischen Gefilde hinaus Aufmerksamkeit zu erhaschen. Wer 2015 die EP River’s End übersehen hatte, mag 2017 womöglich große Augen gemacht haben, als diesen Sommer das Album Kinder Versions veröffentlicht wurde. Wem die Band, von der ich spreche, noch rein gar nichts sagt, hat jetzt die Gelegenheit, eine Wissenslücke zu schließen. Mammút stammen aus Island und haben mit Katrína Mogensen eine herrlich charismatische Stimme aufzubieten! Und selbstverständlich besitzt auch Mammút jene gewisse Verschrobenheit des Songwritings, die längst schon Markenzeichen isländischer Klänge geworden ist. Beste Voraussetzungen somit zu den herausragenden Vertretern der Generation nach Björk und Sigur Rós zu werden. Doch haben gerade diese beiden Acts unser Bild von Island nachhaltige geprägt. Jeder Gesang, der nur entfernt dem einer exaltierten Elfe gleicht, wird natürlich sogleich mit Björk assoziiert. Der Segen des auf Island gerichteten Scheinwerferlichts gerät zum Fluch. Denn die Überfigur Björk stets und ständig als Referenz heranzuziehen, ist so richtig wie fantasielos.

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Schlaglicht 80: A Distant Victory Singles Club

Viele kleine Labels rackern sich ja wirklich ab, ihre Veröffentlichungen möglichst liebevoll zu gestalten. Solch Liebe zum Detail ist ungemein wohltuend. Es schadet aber keinesfalls, wenn nicht nur Optik und Haptik einnehmend sind. Warum nicht auch die Neugier kitzeln? Und da hat sich das griechische Label Inner Ear anlässlich seines zehnjährigen Bestehens wirklich eine feine Sache ausgedacht! Unter dem Namen A Distant Victory Singles Club erscheint jeden Monat eine neue Vinyl-Single befreundeter oder beim Label beheimateter Musiker. Was diese Reihe zudem speziell macht, ist der Umstand, dass man ein über 3, 6 oder 12 Monate laufendes Abo abschließt, sich also überraschen lässt, was ein neuer Monat an Musik so bringt. Wenn man sich die Qualität der bisherigen Veröffentlichungen anhört, ist die Entdeckungslust definitiv geweckt.

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Schlaglicht 79: Tricky

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich Tricky mindestens 10 Jahre völlig außer Acht gelassen habe. Erst in den vergangenen zwei Jahren ist er wieder in mein Blickfeld gerückt. Das Anfang 2016 erschienene Album Skilled Mechanics erschallt auch anderthalb Jahre später noch immer mit großer Regelmäßigkeit aus meinen Boxen. Auch deshalb wurde ich dieser Tage hellhörig, als der werte Herr Tricky ein neues Werk angekündigt hat. ununiform wird in gut einem Monat erscheinen. Den ersten Hörproben nach zu urteilen, handelt sich bei dieser Platte um ein reifes Werk, das auf einen tiefenentspannten Meister schließen lässt. Wer Tricky auf Instagram folgt, bekommt eine Ahnung, dass die innere Ruhe keineswegs Schein ist. Die dort zur Schau geknipsten Bilder zeigen ihn sowohl im entspannten Kreis der Familie als auch als einfühlsamer Beobachter großstädtischen Lebens. Tricky, so glaubt man zu fühlen, hat sich eine Neugierde für seine Umgebung bewahrt, zugleich strahlt er auch Seelenruhe aus. All das schlägt sich auch in seinem Schaffen nieder. Die neue Platte glänzt mit introspektiver Atmosphäre. Tricky möchte seine Musik ja nicht als Trip-Hop, sondern vielmehr als Urban Soul kategorisiert wissen. Und ununiform hat tatsächlich sehr viel Seele anzubieten.

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