Schatzkästchen 102: James – Better Than That

James sind ein echtes Phänomen. Vor 35 Jahren ist die Band aus Manchester erstmals auf auf der Bildfläche erschienen, seit den Neunzigern war sie für die vordersten Plätze in den Charts gut. Auf die 2001 durch den Abgang des Sängers Tim Booth vollzogene Auflösung folgte 2007 die geglückte Wiedervereinigung. Auch die jüngsten Veröffentlichungen erfuhren kommerziellen Zuspruch. James stehen somit keinesfalls im Verdacht, abgehalfterte, der Pension ins Auge blickende Musiker zu sein, die nur vom einstigen Ruhm zehren. Angesichts ihres 2016 erschienen Albums Girl At The End Of The World hatte ich die Band gar auf dem Zenit der Schaffenskraft gesehen. Dieser Tage nun gibt es wieder Neuigkeiten zu vermelden. Für Mai hat die Band die EP Better Than That angekündigt, dem Titeltrack darf man bereits lauschen. Und was soll ich sagen, der Song belegt einmal mehr die Klasse der Formation. Mit lässigem Trotz fordert Booth die Widrigkeiten des Lebens heraus, hat für selbige nur ein „You can do better than that“ übrig, fordert das Schicksal fast höhnisch mit den Worten „Hit me again and show me where I’m cracked“ heraus. Der aufgeweckte, vor Dynamik strotzende Track kommt im James-typischen Sound daher.  Weiterlesen

Schlaglicht 87: Scenic Route to Alaska

Was wurde eigentlich aus Brian Molkos jüngerem Bruder, nachdem er vor Jahren irgendwo in der nordamerikanischen Prärie ausgesetzt wurde? Er wuchs unter dem Namen Trevor Mann auf, hat sich letztlich auch der Musik verschrieben und ist Sänger des Trios Scenic Route to Alaska. Die Band aus dem kanadischen Edmonton hat vor wenigen Wochen mit Tough Luck ein gelungenes Album voll hemdsärmeligem Indie-Rock in bester Siebziger-Manier veröffentlicht. Das kanadische Magazin Exclaim! trifft mit seiner Einschätzung „catchy riffs cascade across its runtime without relent, erupting out of rustic pop-stompers and rock sing-alongs with equal aplomb“ den Nagel auf den Kopf. Tough Luck tönt ungemein eingängig und mitreißend, klingt oft eher nach einem gut abgehangenem Stück Musikgeschichte als nach einer nostalgischer Hommage. Die zehn Tracks sind wie aus einem Guss, textlich geht es vielfach um das unstete Leben auf Tour. Die Zeilen „Starting to pass me by/ Early mornings, sleepless nights and red-eye flights/ Only thing changing, where I sleep at night/ Starting to pass me by/ And all the lonely hearts/ Gather ‚round and start joining hands/ The cards get dealt out and I’m all in/ Is this how it is?“ fangen das Dasein on the road hervorragend ein. Besagte Lyrics sind dem Opener How It Feels entnommen, in knapp vier Minuten verdichtet sich der gesamte Charme des Album. Manns charismatischer Gesang ist dem Southern Rock verbunden, auch ein wenig Glam-Rock-Flair schimmert durch, dazu gesellen sich schmissige Riffs. Der robuste, kernige Sound der Strophen geht in einem melodisch-schwelgerischen Refrain auf, den Mann mit viel Schmelz darreicht. Was am Opener imponiert, gilt natürlich auch für die nachfolgenden Tracks. Ghost Of Love etwa ist ein weiteres Highlight, bei dem es fast unmöglich fällt, nicht aus vollster Kehle mitzuträllern. Solch rustikalen Hymnen entkommt man nicht! Auch das getragenere Lonely Nights und das herb-rockige Slow Down gehören zu den besonderen Momenten des Werks. Spätestens bei We Don’t Let It ist man aber endgültig versucht, das Album als Best-of einer bereits einige Jahre auf dem Buckel zählenden Bandkarriere zu werten. We Don’t Let It entpuppt sich als Song für die ganz große Bühne, bei dem die Zuhörer vor lauter Schunkeln und geschwenkten Smartphones in Verzückung vergehen. Angesichts solcher Tracks verwundert es einigermaßen, dass Scenic Route to Alaska nicht schon längst die Charts stürmen.

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Temperament fürs Absurde – Erin K

Ich bin ein großer Fan von Songwriting, dessen Lyrics auch mal tatsächlich Geschichten erzählen und nicht nur über emotionaler Verfasstheit brüten. Von großer Liebe oder tiefster Einsamkeit zu singen, zählt zu den leichteren Übungen, eine Episode des Alltags mit Humor aus der Belanglosigkeit zu heben, halte ich da schon für schwieriger. Erin K ist eine Singer-Songwriterin, die mit viel Esprit und herbem Charme zu glänzen weiß, Songtexte verfasst, die über die Bekenntnispoesie eines Tagebuchs hinausgehen. Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Album Little Torch besticht durch lieblichen Pop und kuriosen Folk, Erin K kredenzt die pfiffige Chose mit grandioser Beiläufigkeit. Beispiele gefällig?

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Schatzkästchen 101: Car Crash Sisters – Descension (Songpremiere)

Eine Melancholie liegt wie ein sepiahafter Schatten über dem Track Descension, einem Track vom in Kürze erscheinenden Album Sundance Sea der mexikanischen Formation Car Crash Sisters. Besagte Melancholie ist allerdings besonders gelungen verpackt, nämlich in einen lärmigen Neunzigerjahresound. Verträumter Alternative Rock mit ein wenig grungiger Attitüde ist wohl nicht der neueste Schrei, doch eine Hinwendung zu den Neunzigern scheint immer und stets begrüßenswert. Descension ist von melodischer Bittersüße durchdrungen, die einem auch dann nicht aus den Ohren geht, wenn die Gitarren aufheulen und der Song plötzlich voll im Saft steht.  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (X): Penny Police, Jarle Skavhellen, Fatoumata Diawara

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Möge die Musik auf gespitzte Ohren stoßen!

Penny Police

Better not to think of unrequited love“ – diese Losung gibt die dänische Singer-Songwriterin Penny Police gleich zu Beginn ihrer EP Train Talk aus. Der reduzierte, elegante Electro-Pop des Openers Train Talk (Don’t Ask Me About Love) erwächst zum urbanen Blues der Einsamen, die in der Masse nach Liebe suchen und trotzdem mit leeren Händen dastehen. Irgendwo zwischen resignativem Schulterzucken und dem Wunsch nach einem Begreifen der Umstände ist der Song angesiedelt. Ebenso edel erschallt Fool Like Me, das in aufgemotzterer Form auch als R&B-Ballade auf jedem Album eines Superstars Platz finden könnte. Der Vortrag von Penny Police zeichnet sich freilich durch eine schüchterne Wärme aus, statt fetten Beats wird hier eher der Pulsschlag zelebriert, dazu ist die Chose kammerpophaft ausgestaltet. Marie Fjeldstad fabriziert unter ihrem Alias Penny Police zarten Pop von ausgesuchter Schönheit, bei dem speziell die elektronischen Elemente eine überraschende Intimität vermitteln. Doch existiert auch der eine oder andere Refrain, bei dem die Emotion unvermittelt hervorprescht. Eine spezielle Erwähnung hat sich No Horizon verdient, das vom Ende einer Flucht erzählt. „My darling, my life. We have arrived!“ ist ein Stoßseufzer, der in dieser Form in den vergangenen Jahren wohl ungezählte Male an europäischen Küsten erschallt ist. Doch erzählt der Song zugleich von den Menschen, die den Geflüchteten voll Ablehnung begegnen. Sobald sich bei diesem Song zu den Synthies und dem hellen, flüchtigen Gesang noch Streicher gesellen, macht sich Gänsehaut breit. Das an Geflüchtete gerichtete Versprechen „You can lean on me“ entwickelt angesichts der rigiden dänischen Asylpolitik eine geradezu dissidente Anmutung. Und selbst wenn der Electro-Pop von Train Talk zugunsten eines getragenen Pianostücks für einen Augenblick pausiert, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Mostly The Same schlägt so wunderbar angenehm aufs Gemüt, spricht mit seinem Wunsch nach Veränderung und der daraus resultierenden Erkenntnis, dass sich das eigene Selbst kaum ändert, wohl vielen Menschen aus der Seele.  Weiterlesen

Schatzkästchen 100: Ladytron – The Animals

Menschen mit ausgeprägtem Musikfetisch haben ja meist die eine Band, die über allen anderen thront. Dieser bastelt man denn auch einen kleinen Schrein der Anbetung, folgt ihr über Jahre und Jahrzehnte des Lebens voller Wohlwollen. Und obwohl ich schon viele Fans ganz unterschiedlicher Lieblingsbands kennengelernt habe, ist mir noch nie jemand untergekommen, der die britische Electro-Pop-Formation Ladytron samt und sonders verehrt. Das wundert mich ein bisschen. Wäre ich nur das eine oder andere Jahr früher mit deren Musik in Berührung gekommen, Ladytron wäre wohl meine unangefochtene Nummer eins. Aus diesem Grund freut es mich ungemein, dass sich Ladytron dieser Tage mit ihrer großartigen, neuen Single The Animals zurückgemeldet haben. Und für den Herbst darf man sich auf eine neue Platte, die erste seit Gravity the Seducer von 2011, gefasst machen. Wie schön! Vor allem imponiert mir der Umstand, dass The Animals ziemlich nahtlos an den bisherigen Sound der Band anknüpft. Im Vergleich zu Gravity the Seducer mit seinen wunderbaren Tracks White Elephant, Mirage, Ace Of Hz und Ambulances klingen die Synthies von The Animals treibender, ein bisschen weniger verwunschen.  Weiterlesen

Schlaglicht 86: Vök

Photo Credit: Sigga Ella

Jüngst für mich entdeckt habe ich das Albumdebüt Figure der isländischen Formation Vök. Die Platte hat zwar mittlerweile bald ein Jahr auf dem Buckel, ist jedoch ohne Zweifel mit das Beste, was mir in den letzten zwölf Monate über den Weg gelaufen ist. Dieser hymnische Electro-Pop mit Trip-Hop-Anstrich vermag neben der fast schon sprichwörtlichen spleenigen Schönheit isländischer Bands mit emotionaler Süße zu punkten. Dem elektronischen Hang zum Bombast steht das Flüstern und Säuseln der Sängerin Margrét Rán gegenüber. Es ist breitflächiges, atmosphärisches Kino, dessen Zuspitzung der Gefühle staunen macht. Exemplarisch seien drei Track des Albums herausgegriffen. Breaking Bones beispielsweise weitet sich von anfangs introspektiver Emotion im Refrain zum großen Aufseufzen, das noch im hintersten Winkel der Galaxie zu vernehmen ist. Starkes Empfinden trifft auf einen mächtigen Ausdruck. Eine spacige Gefühlsoper, verdichtet auf drei Minuten! Ebenso überragend gestaltet sich der Titeltrack Figure. Das Stück zeichnet sich durch so filigrane wie fiebrige Entrücktheit, einen teils an die isländische Übermutter Björk erinnernden Vortrag sowie eine Fülle an Effekten aus. Der Einsatz eines Vocoders hat noch selten so viel Sinn gemacht. Und abermals wird alles Sehnen und Fühlen zum großen Märchen ausgestaltet. Grandios! Und auch ein Track wie Show Me, bei dem Pop auf R&B-Elemente trifft und Ráns Gesang mit souligem Touch daherkommt, verfehlt seine Wirkung nicht.

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Americana aus Bella Italia – Violetta Zironi

Erst unlängst habe ich ein Interview mit einem Musikmanager gelesen, der ziemlich selbstbewusst davon gesprochen hat, wie er Bands formt, den künstlerischen Pfad von Musikern zumindest absteckt. Nun würde ich mich nicht zu denen zählen, die anderen ein maßgeschneidertes Image verpassen könnten. Doch eine Sängerin, die voll lieblichem Schmelz dargebotenen Folk-Pop mit der Grandezza des Great American Songbook verbindet, die vielleicht noch dazu eine Retro-Elfe im Stile Lana Del Reys verkörpert, solch eine Singer-Songwriterin wäre durchaus eine Fantasie, der ich große Erfolgschancen einräumen würde. Dieser Tage jedoch durfte ich entdecken, dass dieses musikalisch feine Wesen bereits existiert. Und in der Realität noch viel interessanter ist, als ich dies hätte ertüfteln können. Violetta Zironi zeichnet neben den beschriebenen Qualitäten noch das Kuriosum ihrer Herkunft aus. Sie stammt aus Bella Italia. Den Liedern der soeben veröffentlichten EP Half Moon Lane ist dies jedoch keineswegs anzumerken. Der sachte bis pfiffige Americana-Stil der EP wirkt ungekünstelt, weiß mit seiner gehaltvollen Art voll und ganz zu überzeugen.

Photo Credit: Puria Safary

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Schatzkästchen 99: The Noise Figures – Lethargy

2015 habe ich dem griechischen Duo The Noise Figures attestiert, mit Aphelion eines der besten Rockalben des Jahres veröffentlicht zu haben. Der psychedelische Desert-Garage klang danach, als hätten sie einen abgetakelten Van startklar gemacht und die sandigen Nebenstraßen dieser Welt damit abgeklappert. Eine dreckige Zeitreise durch die späten Sechziger und frühen Siebziger, so lautete mein begeistertes Fazit. In Kürze nun folgt mit Telepath nun der neueste Streich. Mit dem Track Lethargy existiert bereits eine erste Kostprobe, die abermals eine famose Platte verheißt. Zumindest Lethargy knüpft an die Dynamik und Intensität von Aphelion an, legt sogar noch mindestens eine Schippe drauf.  Weiterlesen

Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

Man kann sich Vielfalt auf verschiedene Weise annähern. Beispielsweise über die nicht vorhandene Ordnung lamentieren. Oder aber die Energie wahrnehmen, die sich im Chaos meist verbirgt. Der Berliner Formation Holler my Dear darf man getrost einen Hang zum Kuddelmuddel unterstellen. Das beginnt bei der Herkunft der Bandmitglieder, setzt sich im Wirrwarr der musikalischen Stile fort und schreckt auch vor den Lyrics nicht zurück. Das jüngst erschienene Album Steady As She Goes gerät so zu einem zeitgemäßen Abbild des urbanen Berlins. Und weil es ganz viel zu erwähnen gibt, stürzen wir uns am besten gleich kopfüber in dieses herrliche Tohuwabohu.

Photo Credit: Jim Kroft

Die Mitglieder der Band hat es aus Österreich, Russland, Großbritannien und dem Berliner Umland in die Metropole verschlagen. Die unterschiedliche Provenienz besitzt großes Potential, auch weil sich die Formation nicht krampfhaft um einen kleinsten gemeinsamen Nenner bemüht. Ja, natürlich ist die Platte unter dem Begriff Pop einzuordnen, in den Details ist die Musik aber ausgesprochen facettenreich. Mal wird jazzig angehauchten US-Singer-Songwriterinnen über die Schulter geschaut, dann wieder wird Ethno-Pop osteuropäischer Färbung gefrönt, hier lugt ein bisschen Cabaret hervor, auch ein chansonesquer Charakter ist dem Werk nicht fremd.  Weiterlesen