Konzerttipp: J.A.W with Seun Kuti & Egypt 80 (19.05.2018)

Wäre ich ein schwarzer Mensch in Afrika, ich würde all die Solidaritätsbekundungen wohlmeinender weißer Musiker oder afroamerikanischer Künstler offenen Ohrs vernehmen. An der Redlichkeit der Absichten würde ich keine Zweifel hegen. Und dennoch wäre ich von der Überzeugung erfüllt sein, dass sich Revolutionen und Veränderungen nicht importieren lassen. Globale Unterstützung mag zwar einen neuen Geist in vielen, vielen Teilen Afrikas begünstigen, der Funke der Veränderung sollte jedoch in den Ländern selbst entfacht werden. Und wenn korrupte Eliten diesen Wandel nicht herbeiführen wollen, muss man auf die Macht der Kunst, speziell der Musik, vertrauen. Es braucht Persönlichkeiten, die so kraftvoll wie visionär von einer friedlichen Revolution erzählen. Es braucht Identifikationsfiguren, die schwarze Identitäten aus der afrikanischen Realität heraus skizzieren. Zu oft nämlich läuft das aufgeklärte, die Verbrechen des Kolonialismus sühnen wollende Europa Gefahr, sich politisch korrekte afrikanische Heilige zu schnitzen. Dem hier knapp formulierten Anforderungsprofil für eine wirkmächtige schwarze Stimme wird Seun Kuti mehr als nur gerecht. In die Fußstapfen seines 1997 verstorbenen Vaters Fela Kuti, eines unbequemen Genies, zu treten, ist eigentlich zu viel verlangt. Doch mit dem jüngst veröffentlichten Album Black Times gelingt dies tatsächlich. Seun Kuti, der mit Egypt 80 auch die Band seines Vaters geerbt hat, besitzt jetzt als Mittdreißiger das vitale Charisma, welches für einen kreativen Aufschrei geboten scheint. Kuti sieht das Problem, das ein vermeintlich modernes Afrika all den Missständen der westlichen Welt nacheifert. Seine Vision einer afrikanischen Identität rechnet mit der Hinwendung zum Materialismus gnadenlos ab. Brandmarkt den Mangel an Solidarität, den Verrat am panafrikanischen Traum. Wer Black Times in seiner ganzen Wucht des Widerspruchs begreifen möchte, sollte neben dem Titeltrack auch dem Song African Dreams lauschen. „Too many of me youths lost to television chasing the American dream/ Tell me who dey dream for Africa/ Too many of me youths believe in the hype, living in a stereotype“ wird gleich zu Beginn mit der Jugend hart ins Gericht gegangen. Die Call-and-Response-Passage „So many want that good life/ And I no blame you/ Want that new thing/ And I no blame you/ Want that new house/ And I no blame you/That new car/ And I no blame you/ Designer clothes and shoes/ And I no blame you“ zählt all die Sehnsüchte auf. Doch warnt Kuti davor, dass all diese Träume von den Träumen ablenken, die eigentlich geträumt werden müssen. Falsche Träume verstellen den Blick auf die ungerechte Realität. Statt blind gegenüber allem Leiden und Schmerz, „blind to the killing of my people for foreign gods and foreign corporate boards“ und blind gegenüber der Ausbeutung der Brüder und Schwestern in den Gold- und Silberminen zu sein, muss von Opfern von Aggression und Unterdrückung und von sterbenden Kindern geträumt werden. Diese Alpträume müssen Afrika umtreiben! „So many want to be the big man just to/ Buy, buy, buy/ For European things and them/ Work, work, work/ Suffering in Africa to/ Buy, buy, buy/ For American things and them/ Work, work, work/ Working and sweating just to/ Buy, buy, buy/ For some Asian things and them“ klagt er weiter. Wo nur, so Kutis bittere Frage, ist die Generation, die die Träume von Kwame Nkrumah, Patrice Lumumba oder Thomas Sankara heutzutrage weiter träumt. African Dreams ist ein mächtiger Track, der die Schuld für alle Nöte Afrikas nicht einfach auf die westliche Welt abwälzt, sondern den Menschen Schwarzafrikas ins Gewissen redet.  Weiterlesen

Motto des Tages (IV): Seun Kuti & Egypt 80 – Black Times (feat. Carlos Santana)

Are you ready to rise to be free?“ lautet eine Zeile des Songs Black Times. Und da Seun Kuti längst in die großen Fußstapfen seines 1997 verstorbenen Vaters Fela Kuti getreten ist, von diesem sogar die Band Egypt 80 geerbt hat, kann es wenig Zweifel geben, was Kuti mit diesem Lied bezweckt. Doch lassen wir ihn seine Beweggründe doch selbst erläutern: „It is an album for anybody who believes in change and understands the duty we have to rise up and come together. The elites always try to divide the working class and the poor people of the world. The same oppression felt by workers in Flint, Michigan is felt by workers in Lagos and Johannesburg.“ Gerade weil in den vergangenen Jahren in den USA eine Bewegung namens Black Lives Matter Fahrt aufgenommen hat, braucht es auch Stimmen aus Afrika, die nochmals ein gänzlich anderes Lied von Unterdrückung und Diskriminierung singen können. Und nicht weniger hat sich das im März erscheinende Album Black Times vorgenommen.  Weiterlesen

Und heute? – Fela Kuti

Fela Kuti habe ich auf diesem Blog schon mehrfach ausführlich gewürdigt, einen Abriss seines Schaffens gegeben, seine frühen Jahre beleuchtet. Ich habe somit hoffentlich bereits verdeutlicht, weshalb ich ihn für den Inbegriff eines Künstlers erachte. Sein kreativer Impuls wirkte derart unvermittelt, so als würde er Kompositionen aus dem Handgelenk schütteln. Dazu war er noch mit großem Charisma ausgestattet. Kuti hätte sich also auf die Rolle des exzentrischen, menschenfängerischen Genies zurückziehen können. Doch war sein Leben auch ein Kampf gegen Unterjochung, ein Ringen um Identität. Er war mindestens so sehr Aktivist wie Musiker. Ein tragischer Held, der mit vollstem Einsatz für hehre Ideale kämpfte. Ein Irrläufer, der sich in seiner Unangepasstheit oft hoffnungslos verrannte. In all dieser Widersprüchlichkeit wäre Fela Kuti im Hier und Jetzt eine vermutlich hoch umstrittene Figur, die den Zeitgeist herausfordern würde. Als Kolonialismuskritiker wäre er Hassobjekt neoliberaler Globalisierer, sein polygamer Lebensstil würde Feministinnen auf die Palme bringen, die Kritik an der Bevormundung durch Religion würde ihn zur Zielscheibe von Boko Haram machen, die Aufsässigkeit gegenüber international salonfähigen Despoten würde der EU nicht wirklich in den Kram passen. Stattdessen müsste er mit dem Applaus der neuen Rechten rechnen, wenn er Migration und den damit einhergehenden Braindrain missbilligen würde. Spinnen wir den Gedanken an einen Fela Kuti im Jahre 2018 doch ein bisschen weiter fort, indem wir ein paar Alben des kürzlich veröffentlichten Vinyl Box Set #4 in einen gegenwärtigen Kontext stellen. Sieben Platten auf Vinyl, kuratiert von Erykah Badu, erfahren so eine Wiederveröffentlichung, wurden mit viel Bonusmaterial und Hintergrundinfos aufgepeppt.

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Schlaglicht 67: Baba Commandant & The Mandingo Band

Heute möchte ich einen Konzerttipp loswerden. Wer diesen Blog hier öfter besucht, wird bereits festgestellt haben, dass wir bei allem Indie auch ein ausgeprägtes Faible für das haben, was allgemein als Weltmusik bzw. World Music firmiert. Speziell der afrikanische Kontinent hat es mir in seiner klanglichen Vielfalt angetan. Und hier speziell der Afrobeat. Weil er im ewig Widerstreit zwischen Tradition und Moderne auf einen gemeinsamen Nenner zurückgreifen. Er steht stets für eine selbstbewusste Identität, die Länder- und Sprachgrenzen überwindet, eine panafrikanische Botschaft entwickelt. Afrobeat vereint die ganze Diversität des schwarzen Afrikas auf sich. Aus diesem Selbstverständnis heraus hat im Afrobeat ein traditionelles Instrument wie Ngoni ebenso seine Berechtigung wie eine E-Gitarre. Und so freut es mich, wenn man beim Afrobeat nicht nur vom Glanz früherer Tage sprechen kann, sondern auch einen gegenwärtigen Vertreter als Beweis für die Qualität dieser Rhythmen anführen kann. Baba Commandant & The Mandingo Band zählen definitiv dazu. Der charismatische Sänger Mamadou Sanou aka Baba Commandant stammt aus Bobo-Dioulasso, der zweitgrößten Stadt Burkina Fasos. Das sprachliche Universum, in welchem er sich bewegt, ist jenes der Mande-Sprachen Westafrikas. Das 2015 veröffentlichte Album Juguya zeigt einen mitreißenden Künstler, der mit seiner stimmlichen Präsenz das Sammelsurium an Einflüssen stets zusammenhält. Juguya ist in höchstem Maße unterhaltsam, darüber hinaus ist es einerseits eine Hommage an die goldenen Zeiten des Afrobeat, andererseits verankert es das Genre auch fest in der Gegenwart. Der Einfluss des großen Fela Kuti ist zwar unüberhörbar, aber Sanou gelingt es jederzeit, eigene Akzente zu setzen. Die Bandbreite reicht von energetischem Afrobeat bei Ntijiguimorola, der durch eine starken Vortrag samt gackerndem Gebrüll aufgefettet wird, über I Kanafo, bei dem das Call-and-Response zwischen Baba Commandant und dem Orchester mit wiehernden Bläsereinsätze bereichert wird, bis hin zu einem Track wie Siguisso, dessen traditionellen Percussion und Ausgestaltung eher im Umfeld eines Toumani Diabaté anzusiedeln ist. Als weiteres Highlight dieses schlicht umwerfenden Werks wäre Tilé zu nennen, das sich im Grunde so anhört, als hätte man es mit einem ewigen Klassikers des Genres zu tun, was einer stimmigen Instrumentierung voll funkigem Esprit zu verdanken ist. Auch Djanfa gefällt sehr, wie sich hier gegen Ende vom Hip-Hop inspirierter Sprechgesang mit einer rockigen Grundstimmung mischt, empfinde ich als ansprechend und innovativ.

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Mehr Weltanschauung als Musik – Fela Kuti

Ist Kunst – ob nun Literatur, Film, Malerei oder eben Musik – eine Waffe, mit der man das System attackieren, Revolutionen entfachen kann? Führt die Rezeption von Kunst zu gesellschaftlichen Umwälzungen, oder wird ihr Einfluss gar überschätzt, weil sie meist lediglich Stimmungen aufgreift, die unterschwellig längst schon brodeln? Solch Fragen sind es, die man sich stellen sollte, wenn man sich mit dem Wirken der Nigerianers Fela Kutis (1938-1997) auseinandersetzt. Je nach Weltanschauung wird diese Beschäftigung entweder in der Erkenntnis münden, dass er einen aufreibenden, intensiven Kampf gegen die Folgen des Kolonialismus geführt hat, oder aber zum Ergebnis kommen, dass hinter jenem musikalischen Genie wahnhaft-krude Überzeugungen lauerten. Retrospektiv lässt sich bekanntlich vieles idealisieren oder belächeln. Trotz oder sogar gerade wegen aller Widersprüchlichkeit scheint die Figur Fela Kuti auch knapp zwanzig Jahre nach dem Tod faszinierender denn je.

Wenn man verschiedenen Hommagen und Kurzbiografien Glauben schenkt, zumindest die Eckdaten mit dem Eintrag auf Wikipedia abgleicht, entsteht so das Bild eines nur bedingt einnehmenden Charakters. Man könnte ihn sogar als Populisten bezeichnen, der sich als Mann des einfachen Volkes gerierte, gegen die kulturelle Hegemonie der USA wetterte, damit einhergehend traditionelle Werte betonte. Man könnte in ihm auch einen reinen Agitator sehen, der gegen das politische Establishment Stimmung machte, dabei jedoch selbst keinen untadeligen Lebenswandel führte und in der Rückschau geradezu grotesk rückständige Ansichten vertrat. Wäre Fela Kuti ein Protagonist der Gegenwart, beispielsweise ein Politiker, würde ihn der Zeitgeist – ohne mit der Wimper zu zucken – als Rechtspopulisten abtun.  Weiterlesen