Temperament fürs Absurde – Erin K

Ich bin ein großer Fan von Songwriting, dessen Lyrics auch mal tatsächlich Geschichten erzählen und nicht nur über emotionaler Verfasstheit brüten. Von großer Liebe oder tiefster Einsamkeit zu singen, zählt zu den leichteren Übungen, eine Episode des Alltags mit Humor aus der Belanglosigkeit zu heben, halte ich da schon für schwieriger. Erin K ist eine Singer-Songwriterin, die mit viel Esprit und herbem Charme zu glänzen weiß, Songtexte verfasst, die über die Bekenntnispoesie eines Tagebuchs hinausgehen. Ihr letzten Herbst veröffentlichtes Album Little Torch besticht durch lieblichen Pop und kuriosen Folk, Erin K kredenzt die pfiffige Chose mit grandioser Beiläufigkeit. Beispiele gefällig?

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Schlaglicht 86: Vök

Photo Credit: Sigga Ella

Jüngst für mich entdeckt habe ich das Albumdebüt Figure der isländischen Formation Vök. Die Platte hat zwar mittlerweile bald ein Jahr auf dem Buckel, ist jedoch ohne Zweifel mit das Beste, was mir in den letzten zwölf Monate über den Weg gelaufen ist. Dieser hymnische Electro-Pop mit Trip-Hop-Anstrich vermag neben der fast schon sprichwörtlichen spleenigen Schönheit isländischer Bands mit emotionaler Süße zu punkten. Dem elektronischen Hang zum Bombast steht das Flüstern und Säuseln der Sängerin Margrét Rán gegenüber. Es ist breitflächiges, atmosphärisches Kino, dessen Zuspitzung der Gefühle staunen macht. Exemplarisch seien drei Track des Albums herausgegriffen. Breaking Bones beispielsweise weitet sich von anfangs introspektiver Emotion im Refrain zum großen Aufseufzen, das noch im hintersten Winkel der Galaxie zu vernehmen ist. Starkes Empfinden trifft auf einen mächtigen Ausdruck. Eine spacige Gefühlsoper, verdichtet auf drei Minuten! Ebenso überragend gestaltet sich der Titeltrack Figure. Das Stück zeichnet sich durch so filigrane wie fiebrige Entrücktheit, einen teils an die isländische Übermutter Björk erinnernden Vortrag sowie eine Fülle an Effekten aus. Der Einsatz eines Vocoders hat noch selten so viel Sinn gemacht. Und abermals wird alles Sehnen und Fühlen zum großen Märchen ausgestaltet. Grandios! Und auch ein Track wie Show Me, bei dem Pop auf R&B-Elemente trifft und Ráns Gesang mit souligem Touch daherkommt, verfehlt seine Wirkung nicht.

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Ein inspiriertes Kuddelmuddel – Holler my Dear

Man kann sich Vielfalt auf verschiedene Weise annähern. Beispielsweise über die nicht vorhandene Ordnung lamentieren. Oder aber die Energie wahrnehmen, die sich im Chaos meist verbirgt. Der Berliner Formation Holler my Dear darf man getrost einen Hang zum Kuddelmuddel unterstellen. Das beginnt bei der Herkunft der Bandmitglieder, setzt sich im Wirrwarr der musikalischen Stile fort und schreckt auch vor den Lyrics nicht zurück. Das jüngst erschienene Album Steady As She Goes gerät so zu einem zeitgemäßen Abbild des urbanen Berlins. Und weil es ganz viel zu erwähnen gibt, stürzen wir uns am besten gleich kopfüber in dieses herrliche Tohuwabohu.

Photo Credit: Jim Kroft

Die Mitglieder der Band hat es aus Österreich, Russland, Großbritannien und dem Berliner Umland in die Metropole verschlagen. Die unterschiedliche Provenienz besitzt großes Potential, auch weil sich die Formation nicht krampfhaft um einen kleinsten gemeinsamen Nenner bemüht. Ja, natürlich ist die Platte unter dem Begriff Pop einzuordnen, in den Details ist die Musik aber ausgesprochen facettenreich. Mal wird jazzig angehauchten US-Singer-Songwriterinnen über die Schulter geschaut, dann wieder wird Ethno-Pop osteuropäischer Färbung gefrönt, hier lugt ein bisschen Cabaret hervor, auch ein chansonesquer Charakter ist dem Werk nicht fremd.  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (XI): Kevin Morby & Waxahatchee, Fishbach, Kacy & Clayton, Great News

Und wieder habe ich feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Kevin Morby & Waxahatchee

So hoffentlich verschwenderisch ich mit Lob um mich werfe, so versuche ich dennoch zwischen toller Musik und Klängen für die Ewigkeit zu trennen. Manch feine Platte des Jahres 2018 wird in 50 Jahren vergessen sein. Machen wir uns nichts vor. Dann freilich lehrt uns ein Blick in die Geschichte, dass manche Musiker erst von späteren Generation so richtig geschätzt werden. Ich würde einiges darauf verwetten, dass das im Falle von Jason Molina so sein wird. Molina ist ein Paradebeispiel dafür, wie man am Leben scheitert. All seine poetische und musikalische Kraft konnten ihn nicht erlösen, vielleicht hat diese Tragik seine Lieder und Alben auch erst groß gemacht. Im nächsten Monat jährt sich Molinas Todestag zum fünften Mal. Keine 40 Jahre ist er alt geworden, es ist eigentlich immer noch zum Heulen. Mein liebstes Lied von Molina ist The Dark Don’t Hide It, speziell die Strophe „Now death is going to hold us up in the mirror/ And say we’re so much alike we must be brothers/ See I’ve had a job to do but people like you/ Have been doing it for me to one another“ schnürt mir stets die Kehle zu, weil sie die Abgründe des Menschseins, allen Zank und Krieg, so wunderbar in Worte fasst. Dieser Tage nun haben sich die wundervollen Kevin Morby & Waxahatchee zusammengetan und zwei Lieder Molinas gecovert. Besagtes The Dark Don’t Hide It und Farewell Transmission. Die Einnahmen dieses Tributs gehen an MusiCares, das Musiker in gesundheitlicher und damit verbundener finanzieller Not hilft. So unterstützenswert dieses Projekt ohnehin scheint, so positiv ist freilich der Umstand hervorzuheben, dass Kevin Morby und Waxahatchee bei diesen beiden Songs eine ausgesprochen gute Figur machen. Ein Grund mehr, sich die Single schleunigst zuzulegen!

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Auf Tour: Suzan Köcher

Verträumt-hippiehafte Vagabundenromantik, mal mit französischem Chic unterlegt, mal als düsteres Roadmovie mit Twang im Gepäck dargeboten, so tönt das letzten Herbst erschienene Album Moon Bordeaux. Vashti Bunyan meets Thelma & Louise, derart ließe sich die psychedelisch-folkige Chose vielleicht auf den Punkt bringen. Verantwortlich dafür zeichnet keine Newcomerin aus dem Mittleren Westen der USA, auch keine Singer-Songwriterin von der Insel, die die klassische britische Folktradition mit ein wenig Film noir auffrischt. Und die Klänge sind schon gar nicht französischer Provenienz. Nein, Suzan Köcher nennt Solingen ihre Heimatstadt. Das mag einigermaßen überraschend sein, zugleich soll die nicht eben alltägliche Herkunft dieser Musik nicht als Aufhänger dieser Zeilen dienen. Mit dieser Platte reist man freilich nicht durch Deutschland, mit diesem Album macht man sich ohne Umschweife auf den Weg zum SXSW-Festival! Und trotzdem tourt Köcher momentan durch Deutschland, um Moon Bordeaux live zu präsentieren. Welch Glück!


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Musikalisches Tohuwabohu (IX): Gregor McEwan, Blaudzun, Glass Museum, the innocence mission

Und wieder habe ich mir feine Klänge aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Gregor McEwan

Einen „der begabtesten hiesigen Singer/Songwriter“ nennt der wunderbare Linus Volkmann den werten Gregor McEwan im Pressetext zu dessen neuen Album From A To Beginning. Nun könnte man dies als ein zweifelhaftes Kompliment abtun, denn eben viele auf Englisch wirkende deutsche Singer-Songwriter haben sich in den letzten Jahren nicht hervorgetan. Doch ist Gregor McEwan tatsächlich von einem besonderen Schlag, wie auch seine neue Single You And I belegt. Dieser eingängige Singer-Songwriter-Pop tönt voll Pfiff und Rumms, im konkreten Fall wird folkiger Pop-Rock mit ein wenig Disco-Feeling aufgemotzt. Dazu gesellt sich ein Text, der aus einem Zustand der Verunsicherung und Irritation heraus ein Happy End erhofft. Diese „Masche“ hat bereits bei den bisherigen beiden Singles << Rewind, Retrack, Rename, Restore und Home wunderbar funktioniert, sie wirkt auch bei You And I. Schelmisch formuliert erzählt McEwan Selbstfindungsgeschichten, an deren Ende nicht die Krise oder gar der Strick stehen. Das ist tröstlich und optimistisch und überaus sympathisch. Auf das in wenigen Tagen erscheinende Album dieses Singer-Songwriters darf man sich ohne Zweifel freuen!  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VIII): VedeTT, Treptow, Jef Maarawi, Orchestre Les Mangelepa

Und nun ohne Umschweife und mit nur zwei Tagen Verspätung zum zweiten Teil unseres musikalischen Tohuwabohus! Aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds der letzten 2 Monate habe ich mir einige Perlen herausgefischt. Mögen sie auf gespitzte Ohren stoßen!

VedeTT

Wave-Pop mit larmoyant-melancholischer Grundstimmung, das bietet VedeTT aus Frankreich. Florent Vincelot (aka Nerlov) hat mit Losing All kurz vor Weihnachten eine tolle EP veröffentlicht, bei der es sehr schade wäre, würde sie deshalb untergehen, weil man im Dezember eigentlich stets zu sehr in die Rückschau vertieft ist. Der Track Get off the Road offenbart einen atmosphärisch Synthie-Sound mit Trip-Hop-Elementen, der durch einen leidenschaftlichen, auch mal in Sprechgesang abgleitenden Vortrag ergänzt wird. Der Titeltrack Losing All ist waviger Post-Punk, bei dem abermals der fragile Gesang Nerlovs hervorsticht. Ähnlich gestrickt ist It Seems to Be Natural, das in Sachen Rhythmus freilich noch dynamischer und eingängiger anmutet. Sehr gelungen, von dieser Nummer könnten sich eine Menge Bands eine Menge abschauen! Entschleunigt, in Fragen schwelgend, sehnsuchtsverloren, derart beendet Eyes die EP. Der nachdenklich-jazzige Bläsereinschub ist nur ein weiteres Detail, das Losing All von der Masse hervorhebt. VedeTT, soviel steht außer Frage, zählt zu jenen Acts, auf die man auch 2018 unbedingt ein Auge haben sollte!  Weiterlesen

Musikalisches Tohuwabohu (VII): Line & Circle, Tarantina, The Thing With Five Eyes, Feu! Chatterton

Unser alljährliches Weihnachtsspecial führt auch immer dazu, dass sämtliche unweihnachtlichen Tracks und Alben auf der Strecke bleiben. Daher wird es heute und morgen gleich zwei Ausgaben des musikalischen Tohuwabohus geben. Aus dem Kladderadatsch erhaltener Mails, Newsletter und Social-Media-Feeds der letzten 2 Monate habe ich mir einige Perlen herausgesucht. Mögen Sie auf gespitzte Ohren stoßen!

Line & Circle

Photo Credit: Courtney Halverson

Man stelle sich einen Springsteen oder die tollen R.E.M. in feinstem College-Rock-Sound vor. Wem solche Klänge behagen, dem sei das 2015 erschienen Album Split Figure der Band Line & Circle wärmstens empfohlen. Roman Ruins etwa wirkt so, als hätten es R.E.M. mal erdacht und nur vergessen zu Papier zu bringen. Und Tunnel Joy macht kein Hehl daraus, dass hier Springsteens Tougher Than The Rest Pate stand. Selbst der Songtitel spielt auf das Album Tunnel Of Love an. Ein wirklich gelungenes Debüt der in Los Angeles ansässigen Formation! Diesem folgt nun endlich die neue EP Vicious Folly, die abermals schmissig-melodischen Rock mit dem verträumten Gesang des Frontmanns Bryan J. Cohen paart. Das Resultat kann sich hören lassen, speziell der tolle Track Man Uncouth läuft bei mir in Dauerschleife. Bleibt zu hoffen, dass diese EP ein weiterer Mosaikstein auf dem steinigen Weg zu einer größeren Hörerschar darstellt. Line & Circle hätten es sich verdient!  Weiterlesen

Girl Ray – (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas

Heute haben wir es mit einem interessanten Weihnachtslied zu tun. Was als tweehafter Retro-Pop mit engelsgleichem Gesang beginnt, nimmt im weiteren Verlauf geradezu Medley-Charakter mit fast parodistischem Einschlag an. Überraschende melodische Einschübe, ein quasi aus dem Nichts auftauchender Kinderchor, der Song (I Wish I Were Giving You a Gift) This Christmas ist derart überkandidelt, dass man ihn gerade deshalb mögen muss. Dem britischen Trio Girl Ray ist ein Lied mit jeder Menge Augenzwinkern gelungen. Die süße Groteske drückt sich auch in einem DIY-Video aus, das den Eindruck vermittelt, als bestünde ein Leben auf Tour ausschließlich aus Flausen und Sightseeing. So flapsig die Chose also ausfällt, so sehr muss man vor Girl Ray auch den Hut ziehen. All der Millennial-Humor könnte freilich auch ein Schuss in den Ofen sein, doch Girl Ray verfügen viel Qualität, wie auch bereits das im Sommer erschienen Album Earl Grey gezeigt hat. Ihr Lo-Fi-Indie-Pop kann sich mit starken Melodien brüsten, eine Affinität zu Sound und Attitüde der späten Sechziger darf ebenfalls auf der Habensseite verbucht werden. Ein weiteres Markenzeichen ist der mitunter heiser-liebliche Vortrag der Sängerin Poppy Hankin.  Weiterlesen

Mist – The Bell That Couldn’t Jingle

Die Leichtigkeit und Eleganz der Kompositionen eines Burt Bacharach sind hoffentlich unbestritten. Vielen Liedern und Alben Bacharachs haftet zudem die Patina goldener musikalischer Zeiten an. Dennoch ist so ein wunderbarer Weihnachtssong wie The Bell That Couldn’t Jingle leider nie die erste Wahl für Indie-Musiker ist. Dabei ist das Lied auch textlich so verdammt rührend, erzählt die Geschichte einer Weihnachtsglocke, die nicht läuten kann und sich deshalb auch keine Illusionen macht, den Schlitten Santas mit Geläut begleiten zu dürfen. Doch Santa hört das Weinen des Glöckchens und nimmt sich seiner an. Er entdeckt, dass ihm der innere Klöppel fehlt. Er lässt Jack Frost daraufhin aus einer der Tränen einen solchen Klöppel anfertigen und schenkt ihm dem Glöckchen, damit selbiges am Weihnachtsabend munter vor sich hin läuten kann. Ein tolles Lied, das darunter leidet, dass die ganz hohe Kunst des Easy Listening und die Attitüde des Indie halt nicht immer harmonieren. Wie dies jedoch bestens funktioniert, zeigt das Projekt Mist des Niederländers Rick Treffers. Sein verträumter Indie-Pop mit zärtlicher Singer-Songwriter-Note scheint dazu prädestiniert, sich an einen Herrn Bacharach heranzuwagen. Ihm gelingt ein Track, der die so liebenswürdige Geschichte herrlich untermalt, zugleich einige exzentrische Akzente setzt. Elektronische Frickeleien fehlen ebenso wenig wie chorale Eskapaden, im Verlauf mündet die anfängliche Kleinteiligkeit dann in einen harmonisch-eingängigen Ohrenschmaus. Eine ausgesprochen würdige Interpretation von The Bell That Couldn’t Jingle!

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