Mein Freund Brian – Placebo

Wenn ein guter Freund um die Ecke dackelt und mir verkündet, dass er eine Sause für mich schmeißt, dann braucht die Vorfreude keine Sekunde, um sich in einen Sturm der Begeisterung zu verwandeln. Je besser der Freund, desto toller wird die Fete! Eine ähnliche Gewissheit durchzuckt mich auch, sobald einer meiner Lieblingsmusiker oder eine von mir angehimmelte Band ein neues Album verkündet. Seit Placebo ihr neuestes Werk Loud Like Love für Mitte September versprochen haben, harrte ich diesem Termin in der Überzeugung, dass Placebos Platte schlicht und ergreifen eine Riesenspaß werden würde. Brian Molko und Kollegen lassen den Fan nie im Regen stehen, enttäuschen nicht. Musikalische Flirts kommen und gehen, manch sympathische Künstler vergisst man mit der Zeit, aber Songs wie Every You Every Me, Song To Say Goodbye, Protège-Moi, Slave To The Wage, Pure Morning, Pierrot the Clown oder das der letztjährigen EP entsprungene Time Is Money bleiben. Meine Beziehung zu Placebo ist keine Lebensabschnittspartnerschaft, schon gar kein One-Night-Stand, das geht für immer. Und als ich mir Loud Like Love vor ein paar Tagen endlich anhören durfte, wusste ich einmal mehr sehr genau, warum ich Placebo diesen Treueschwur gegeben habe.

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Photo Credit: Kevin Westenberg

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Wien blüht auf! – Black Box Radio

Heute möchte ich dem werten Leser ein echtes Schmankerl aus Österreich kredenzen. Die Formation nennt sich Black Box Radio und spielt gepflegten, vom Grunge beeinflußten Alternative Rock. Der Musikfan mit Rundumblick neigt ja dazu, jeder dahergelaufenen Combo aus den USA, Skandinavien oder auch England mit meist übersteigerter Ehrerbietung zu begegnen. Dabei bleiben leider oft vielversprechende, quasi vor der eigenen Haustür musizierende Acts auf der Strecke. Das haben sich Black Box Radio keinesfalls verdient. Als besonders ansprechend sticht in ihrem Fall der Umstand ins Auge, dass die Wiener Formation einer gewissen altmodischen Spielart huldigt. Wo Indie-Rock heutzutage hibbelig ist, oft wenig melodisch agiert, sind Black Box Radio zeitlos druckvoll, von gesanglicher Klarheit und gern von eingängigen Melodien beseelt. Der Titel des jüngst erschienenen Albums Underneath The Subsurface mag zunächst ein wenig an der Haaren herbeigezogen wirken, denn was soll sich wohl noch unterhalb des Untergrunds abspielen? Eigentlich hat es die Band nicht wirklich nötig, den Plattentitel mit vermeintlich tiefschürfenden Geheimnissen zu spicken.

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Aus dem Sumpf des Lebens – Eels

Manch scheinbares Erfolgsgeheimnis offenbart sich bei näherer Betrachtung als bar aller Rätsel. Man neigt öfter dazu, Kunst mit dem Funken einer außerhalb der Alltagswirklichkeiten angesiedelten Inspiration zu verklären. Die Wahrheit über gelebte Kreativität entpuppt sich als wesentlich trivialer. Im besten Falle reflektiert sie die Ängste, Wünsche und Erkenntnisse des Künstlers. Werke sind gelebte Träume, durchkomponierte Lebensweisheiten, Szenarien des Glücks und der Furcht. Mehr auch nicht. Das Wirken von Mark Oliver Everett bekräftigt diese These. Was er mit seinem Projekt Eels seit Mitte der Neunziger vorexerziert, zeigt die menschliche Kreatur geschunden, am Abgrund, im Wahn, nach Liebe dürstend. Doch so sehr E. sein lyrisches Ich auch oft in den Seilen hängend verortet, findet sich kaum ein Album in seinem Schaffen, welches sich nicht aus dem Sumpf des Lebens zieht. Schicksal ist, was man daraus macht. Auch die neue Platte Wonderful, Glorious wandelt am Rande von Hoffnung, balanciert über dem Abgrund, hofft, sehnt, verzweifelt, hampelt herum. Wer Licht und Schatten versteht, das Elend von gestern als Hoffnung für ein Morgen interpretiert, der muss sich nicht erst bemühen, ein Fan von Eels zu werden. Eels sind für solch Daseinsgrübler quasi Bestimmung.

© EWorks/Cooperative Music

© EWorks/Cooperative Music

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100 Songs – Teil 15 (Do You Realize??)

The Flaming Lips zählen zu der Sorte von Bands, die ich zwar respektiere. Im Grunde ist die Formation rund um Mastermind Wayne Coyne der seltene Glücksfall einer unangepassten, exzentrischen Band, deren Strahlkraft sogar bis in die Mainstream-Charts reicht. Und dennoch laufe ich nicht wirklich Gefahr, einer ihrer Platten mein Herz mit Haut und Haar zu schenken. Doch so sehr mich The Flaming Lips auf Albenlänge irritieren, berühren mich einzelne Tracks ohne Unterlass. So zum Beispiel der schlichtweg famose Song Do You Realize?? von dem bemerkenswerten Werk Yoshimi Battles the Pink Robots. Man lasse sich von der Lieblichkeit der Melodie und der orchestralen Breite nicht täuschen, über die prägnante Tiefgründigkeit der Lyrics kann man einfach nur Bauklötze staunen.

Bereits die ersten drei Zeilen verdichten eine schwärmerisch-grüblerische Stimmung, die in der Zeile „Do you realize that everyone you know someday will die?“ gipfelt. Diese Frage sitzt, man kann sie nicht abschütteln. Sie hebt den Gedanken an Vergänglichkeit auf eine neue Ebene. Diese betörend gesäuselten Worte krempeln alles um. Weil sie nicht nur die eigene Zeitlichkeit thematisieren, sondern den Blick darauf lenken, dass man allerorts von Endlichkeit umgeben scheint. Jede Person, die man ins Herz geschlossen, jeden Menschen, welchen man liebt, jedes Lächeln, das man gesehen, alles verwelkt, stirbt. Das wirkt als neue Qualität des Schmerzes. Derart vervielfacht sich der Kummer, tritt die persönliche Sterblichkeit für einen Moment in den Hintergrund, weicht einer neuen Erkenntnis. Denn wenn – abseits aller Religionen – unser Trost auch darin liegt, dass man nach dem Tode noch in der Erinnerung anderer existiert, so verliert dieser Trost seine Aufmunterung, wenn auch diese Erinnerung früher oder später vom Tode getilgt wird. Wenn man erkennt, dass alle Schönheit erlischt, fällt es schwer, sich überhaupt noch an den Dingen zu erfreuen. „Do you realize that everyone you know someday will die?“ bringt mit schonungsloser Schlichtheit und frei von philophischen Verklausulierungen auf den Punkt, was man sonst nicht gern zu denken wagt. Dass dies Lied keine Traurigkeit beschert, letztlich doch eine aufmunternde Wirkung entfaltet, liegt vor allem den Zeilen „You realize the sun don’t go down/ It’s just an illusion caused by the world spinning ‚round„. Denn so wie unsere Augen uns betrügen und Dunkelheit vorgaukeln, so mag auch die Vergänglichkeit bloss Trugschluss sein. In diesem Gedanken keimt Hoffnung, liegt Linderung im existientiellen K(r)ampf.


The Flaming Lips – Do You Realize?? von TheFlamingLips-Official

The Flaming Lips haben mit Do You Realize?? ein mit großen Augen staunendes, zärtlich in den Arm kosendes Lied fabriziert. Es hebt die Zerbrechlichkeit sämtlicher Existenz hervor, offeriert allerdings zugleich Ermunterung. Das ist doch die wahre Kunst: Eine Wunde zu reißen und sie alsdann zu nähen. Den Stachel ins Fleisch zu bohren, nur um ihn sofort zu entfernen und die Stelle mit Salbe zu benetzen. All dies leistet Do You Realize?? und deshalb gehört das Lied in den Kanon meiner 100 Songs.

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Schnee von morgen – Stars For The Banned

Manch Album des vergangenen Jahres wurde auf diesem Blog nicht ausreichend gewürdigt. Und ehe uns 2012 mit verlockenden Neuerscheinung ködert, will ich meinen Blick in den kommenden Tagen noch ab und an zurück schweifen lassen. Der Wiener Robert Guenther hat mit seinem Projekt Stars For The Banned ein Debüt vorgelegt, welches in Sachen Larmoyanz und Tristesse an eine Zeit erinnert, da solch Attitüde noch als schicklich empfunden wurde. Früher waren dosiert desperate Emotionen noch unabdingbarer Bestandteil alternativer Musik, doch so wie sich Radiohead davon entfernten, lieber in Lethargie und Orientierungslosigkeit vergingen, derart ratlos verharrten viele Bands in Apathie. Stars For The Banned kultiviert eine derzeit sehr gestrige Tradition, die durchaus der Schnee von morgen sein könnte.

Das selbstbetitelte Album wirkt weinerlich, ohne dabei in Würdelosigkeit abzudriften. Es kennt keinerlei Hysterie, maltnie völlig Schwarz auf Schwarz. Dadurch wird es erst verdaulich. Zeilen wie „The car is really burning fast/ The brakes were never meant to last“ bieten bei allem Trübsinn vereinzelt auch ein klitzekleines Augenzwinkern an. Deshalb steht ein Song wie etwa Arrest My Eyes bei mir hoch im Kurs. Denn obwohl ich kein Freund von Lyrics bin, die sich extrem auf Gedanken- und Eindrucksfetzen fokussieren und daraus einen Labyrinth konstruieren, aus dem der Ausweg als vage letzte Hoffnung erscheint, so bin ich wirklich angetan, in welcher Qualität dies hier geschieht. Weil Guenthers Vortrag komplexe Emotionen hervorzukitzeln versteht, den Hörer dabei mit erstaunlicher Leichtigkeit in seine Perspektive schlüpfen lässt. Weil eine nebulöse Zuversicht manch Lieder vor bleischwerem Fatalismus rettet, die Bitterkeit ein bisschen verdünnt (Taste). Die Worte „We will choke/ On a tiny overdose of hope“ fassen die Stärke dieser Platte zusammen, die einen gefasst verzweifelten Protagonisten herumirren lässt. Nicht phlegmatisch, zynismusfrei – und deshalb auch unzeitgemäß. Numbered Rows wirkt darum auch wie ein feines Überbleibsel von vor mindestens zehn Jahren. Zu den weiteren Highlights zählt das schwülstige Chiffren skandierende The Arrows, auch Party For The Weak mit der beschwörerischen Zeile „Keep your secrets long enough“ quält sich durch hörenswerte Schmerzen.

Arrest My Eyes by starsforthebanned

Stars For The Banned entwickelt eine Sogwirkung, welche den Hörer mit jedem Lied weiter in einen tiefgründigen Gefühlsstrudel zieht. Der Sound verleugnet Vorbilder nicht, bleibt jedoch stets spannend genug, um die Bühne für einen großartig larmoyanten Vortrag und gut ersonnene Lyrics zu bieten. Man verzettelt und verheddert sich in dem Album, da es nie in Offensichtlichkeiten und Trivialitäten mündet, zugleich jedoch keinesfalls als verstörender Hauch von nichts irgendeinen Trend bedient. Stars For The Banned schüttelt flockigen Schnee von gestern über uns aus. Oder wird es gar der  Schnee von morgen?

Stars For The Banned ist am 30.09.2011 auf Labelship erschienen.

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