Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„).  Weiterlesen

Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück!  Weiterlesen

Ein Dylan-Dilemma – Fraser A. Gorman

Ein ordentliche Dosis Alternative Country, ein bisschen altbackener Rock, dazu eine lupenreine Folk-Ballade und natürlich noch Singer-Songwritertum klassischen Zuschnitts. Solch Ingredienzien machen Slow Gum zu einem aus der Zeit gefallenen Debüt, zu dem man dem aus Down Under stammenden Jungspund Fraser A. Gorman  gratulieren darf. Hinter dem Namen wie Fraser A. Gorman würde man eher einen drögen Romancier mit Ambitionen in Richtung Booker Prize vermuten. Doch weit gefehlt. Gorman verbindet australische No-worries-Lässigkeit mit einnehmendem Americana-Storytelling, besticht mit retroesk gestrickter Stimme.

Natürlich könnte man das Album auch als Ansammlung netter Lieder ohne Essenz abtun. Dann freilich würde man einer Meinung mit dem Rezensenten des Musikexpress sein. Wer will das schon? Man könnte die Meriten der Platte anerkennen und dennoch wie der Guardian zum Ergebnis kommen, dass das Strickmuster der Platte („sunshine-peaking-through-gossamer textures“) stets dasselbe bleibt. Vielleicht liegt auch NME nicht völlig verkehrt, wenn er dem Album unterstellt, dass es alten Sounds neues Leben einhaucht. Ich für meinen Teil habe mir beim Hören von Slow Gum aber gedacht, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte.  Weiterlesen

Schlaglicht 14: Samantha Crain

Samantha Crain ist eine der jungen, charismatischen Stimmen der Americana-Bewegung. Crain ist eine ungeschönte Vertreterin ihrer Zunft. Der Gesang mutet robust an, fällt charismatisch und erzählstark aus, scheint „vom Leben und vom Wetter gegerbt“, wie ich anlässlich ihres dritten Albums Kid Face schrieb. Crain ist eine Choctaw-Indianerin und ohne kulturelle Vorurteile wälzen zu wollen, erscheint mir dieser Umstand durchaus bemerkenswert, weil man als Teil einer Minderheit vielleicht immer auch einen anderen Blickwinkel auf die Gesellschaft hat. Crain erklärt ihre Attitüde so: „I don’t write protest songs in the traditional sense, but I’m always listening to the voices of people around me. These stories are told from the perspective of the underdog, the 99% of us that are working people. They might not be literal protest songs, but the lives of the people within these songs speak at the same volume if you listen.„.  Weiterlesen

Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik

Kann man die Traditionen eines Kulturkreises verinnerlichen, so sehr sogar dass man schon Teil davon zu sein scheint? Kann man als deutscher Musiker einen Reggae machen, der jedem Jamaikaner wohlig in die Eingeweide fährt? Oder gar als schwedische Singer-Songwriterin ein Americana-Album basteln, dass nordamerikanische Musikerinnen vor Neid erblassen lässt? Ja, alles eine Frage der Neugier, mit welcher man einer Kultur begegnet. Die weltenbummelnde Schwedin Sofia Talvik etwa hat auf  ihrer neuen Platte Big Sky Country ihre 16 Monate dauernde, sich über 37 US-Bundesstaaten erstreckende Tour nochmals Revue passieren lassen. In diesem Werk schwingt neben ein bisschen rustikaler Patina eine stimmliche Engelsgleiche mit, wie man sie in den Sechziger und Siebzigern im Folk oft gehört hat. Talviks Gesang verströmt eine Sanftheit, ein im besten Sinne blauäugiges Staunen, ihr lyrisches Alter Ego wirkt nie cool, abgeklärt oder gar routiniert. Es ist vielmehr von Situationen, Emotionen überwältigt. So gewinnen ihre Songs an Unmittelbarkeit, Talviks Geständnisse, Sehnsüchte und Empfindungen gleichen mit zärtlicher Handschrift verfassten Tagebucheinträgen. Die Schwedin fängt ein Stück alltäglichen Sehnens und Bereuens ein, verpackt es in einen Sound des ruralen Amerikas, von den Rockies bis zu den Appalachen.

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Geerdeter Nonkonformismus – Federal Lights

Heute sei der kanadischen Formation Federal Lights ein Ohr geliehen, die Roots Music mal mit Pop und dann wieder mit Rock verquickt und daraus ein ansehnliches Debüt namens We Were Found In The Fog strickt. Bei Folk und Americana existieren ja unter anderem zwei sehr beliebte Zugänge. Entweder man zieht sich in die Einöde zurück, um im Schoß der Wildnis über das Sein der Dinge zu grübeln. Dann klingt der Folk getragen und der Selbsterkenntnis verpflichtet. Oder aber man fabriziert Wohlfühlklänge, die zum Schunkeln einladen und das Flanell gehörig ins Schwitzen bringen. Die Federal Lights rund um Mastermind Jean-Guy Roy versuchen das Beste aus beiden Temperamenten mit angenehm eingängigen Pop-Rock zu kombinieren. Als Resultat steht eine radiowonnige Platte mit ungewohnter Authentizität zu Buche.

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Hinterwäldlerische Authentizität – Alana Amram & The Rough Gems

All die kultivierten Singer-Songwriterinnen mit ihren tönernen Seelchen, die mit traurig-schnuckeligen Glubschaugen durch die Stadt wandern! All die jungen, emotional aufgebretzelten Liedermacherinnen, die in die einsame Wildnis ziehen, um in abgeschiedener Genügsamkeit Sinn und Sein und Gänseblümchen zu suchen! All sie darf und soll es geben. Aber ich schätze auch die in Flanell gehüllte Landpomeranze, die Hemdsärmeligkeit statt Mädchenhaftigkeit versprüht. Eine raukehlige wie poetische Urtümlichkeit ist keine Schande. Und genau diese strahlt die Amerikanerin Alana Amram aus. Zusammen mit ihrer Begleitband The Rough Gems tourt sie im Herbst durch Europa, mit im Gepäck ein wirklich gelungenes Album namens Spring River. Mit einer kräftigen Mischung aus Rock, Folk und Alternative Country bietet die Platte Americana vom Feinsten. Es ist die Sorte Musik und die Art von Gesang, die sich die Authentizität durch ungezählte Meilen auf amerikanischen Backstreets angeeignet hat.

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Starke Gefühle ohne Übertreibung – Doug Paisley

Heute möchte ich ohne Umschweife von einem meiner Meinung nach perfekten Americana-Album schwärmen. Der aus dem kanadischen Toronto stammende Singer-Songwriter Doug Paisley hat mit Strong Feelings eine nachdenkliche, mit Feinsinn und Bodenständigkeit punktende Platte ersonnen, die eigentlich nur einziges Mal nicht zum Understatement neigt. Wenn uns Paisley nämlich im Albumtitel starke Gefühle verspricht, dann ist das eine sehr akkurate Beschreibung dessen, was den Hörer auf diesem wunderbaren Werk erwartet. Ob Country-Ballade oder Folk-Rock-Track, immer verbindet Paisley die unaufgeregte Hemdsärmeligkeit des Fühlens mit der Integrität des begnadeten Liedermachers und einem zutiefst wohligen, eleganten Sound. Würden die ehrenhaftesten Vertreter des Alternative Country, die Legenden des Folk diese, Paisleys Lieder trällern, die Musikkritik dieser Welt wäre der Schnappatmung nahe. Doch Paisley ist (noch) kein Willie Nelson und deshalb könnte dieses Album vielleicht zu Unrecht übersehen werden. Und das wäre ein Verlust für jeden, der sich von der Melancholie und Traurigkeit des Americana angezogen fühlt.

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Ein Doppelalbum, das keines sein müsste – Chasing Grace

Als Musikfreund, der sich schon die eine oder andere Platte zu Gemüte geführt hat, gestehe ich einem Künstler gerne das Recht zu, sich auf Albumlänge zu verwirklichen. Ein einzelner Song mag begeistern, eine Band oder einen Singer-Songwriter begreift man jedoch erst, wenn man sich in ein gesamtes Album mit all seinen Höhen und Tiefen reinhört. Die dänische Formation Chasing Grace will sich diesem Test freilich so nicht stellen, versucht sich mit ihrem Werk gleich an einem Doppelalbum. II möchte die verschiedenen musikalischen Zugänge der Formation abbilden, CD Nummer 1 namens Shine offeriert folkigen Pop mit Mainstream-Appeal, die zweite Scheibe mit dem Titel Dust punktet mit urtümlicherer Roots-Music und einer meist rustikalen Portion Country und Americana.

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Ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile – Kacy & Clayton

Es gibt simple Regeln, an deren Offensichtlichkeit man nie und nimmer rütteln sollte. Etwa wenn eine Bauernregel besagt: „Wenn es draußen dunkel ist, dann ist es Nacht“. Solch Logik ist schlichtweg entwaffnend. Und natürlich folgt auch die Musikbloggerei gewissen ehernen Gesetzmäßigkeiten. Im Dezember beispielsweise ist das Musikjahr längst gelaufen, da stellt man keine neuen Alben oder Songs mehr vor, sondern lässt alles Revue passieren, was bei drei nicht auf dem Baum ist. Ich hebe mir das Beste des Jahres allerdings noch für die Zeit zwischen den Feiertagen auf und möchte heute lieber auf ein Album verweisen, das sich wohl auf keinen der derzeit grassierenden Jahresbestenlisten finden wird. Das ist schade, denn das kanadische Duo Kacy & Clayton hat mit The Day Is Past & Gone ein Folkalbum klassischen Zuschnitts fabriziert. Diese Platte verkörpert meinen Traum von musikalischem Glück. Gitarre und Gesang, viel mehr bietet es nicht auf. Und aus dieser Schlichtheit entsteht ein Mehr als die Summe der einzelnen Teile. Darin liegt für mich der Beweis für Talent, dass man aus wenig viel macht. Jeder Fernsehkoch kann mit einem Budget von 100 Euro ein leckeres Menü zaubern, aber die wirkliche Kunst besteht doch darin, mit nur 10 Euro in der Tasche Gaumenfreuden auszuhecken. Viele der größten Erfindungen sind nicht von Fachleuten mit Know-how, allerlei Maschinen und jeder Menge Zeit ausgetüftelt worden, sondern vielmehr von Laien nach Feierabend in einer kleinen Kaschemme auf einem Blatt Papier ersonnen worden. Kurzum, Kacy & Clayton zaubern mit einer überschaubaren Anzahl an eingesetzten Mitteln die ganz große Folk-Tradition hervor.

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