Songs von gestern und immer: Unmarked Grave

2014 war kein friedliches Jahr. Konflikte, Kriege allerorten.  In all der Hysterie immer neuer Schreckensmeldungen ging das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren geradezu unter.  Wir scheinen so mit den Kämpfen der Gegenwart beschäftigt, dass wir nie die Zeit finden, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und die Logik von Aggression und konsequenter Reaktion zu durchbrechen. In den letzten Jahrzehnten wurde uns eine chirurgische Kriegsführung schmackhaft gemacht, die das Böse ausmerzt, ohne dabei Opfer in den eigenen Reihen oder den Tod unschuldiger Zivilisten beklagen zu müssen. Eine Lüge, natürlich. Die Geschichte des Krieges ist eine Geschichte ungezählter persönlicher Einzelschicksale. Sein Schrecken lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, Unglück wird stets erfahrbarer, wenn es ein Gesicht bekommt. Genau deshalb berührt der Song Unmarked Grave. Dieses Lied handelt von der Klage eines in seinem Grab dahinrottenden Soldaten, während daheim die Liebste auf seine Rückkehr wartet („My body lies in an unmarked grave, my heart remains with the one I love, she’s awaiting my return, although I know that will never come.„).  Weiterlesen

Die großen Nullen – Singer-Songwriter deluxe

Die vergangene Dekade ist noch lange kein gestriger Schnee. Viele Musiker werden uns auch in den folgenden Jahren begleiten, manche als lästige Anhängsel – doch will ich nicht immer von den Fleet Foxes sprechen – und einige als Konstanten, die unseren Gefühls- und Gedankenkosmos in schönste Schwingungen versetzen. Doch wer waren die kleinen und großen musikalischen Helden der letzten zehn Jahre? Wir wagen eine rein subjektive Aufzählung – und widmen uns den Singer-Songwritern.

Foto: Nasrul Ekram

Ane Brun: Unter den zahllosen skandinavischen Vertretern niveauvoller Liedschmiederei ragt die Eindringlichkeit Bruns hervor. Nie zu sperrig, immer fokussiert und mit einem untadelig ergreifenden Vortrag gesegnet, vermochte noch jedes ihrer Alben zu zünden.

Anspieltipps: Rubber & Soul, The Fight Song

(Eine wundervolle Cover-Version von True Colors erschien dieses Jahr auf Daytrotter. Mehr dazu an dieser Stelle.)

Mark Kozelek: Ob als Solo-Performer oder als Mastermind von Sun Kil Moon, der entrückt wirkende Gesang paart sich mit überragender Erzählkunst. Die menschliche Seite eines Mörders in Worte zu fassen, wie es beim gänsehäuternen Lied Glenn Tipton der Fall ist, zeugt von Finesse. Einer der absolut besten Vertreter seiner Zunft.

Anspieltipps: Lost Verses, Walk All Over You

Tom Waits: Auch in den 2000ern war der Poet der Gosse über jegliches Klischee erhaben. Tief verwurzelt in den amerikanischen Mythen erschafft er mit jedem Album ein bedeutungsschweres, musikalisch anspruchsvolles und präzises Abbild gesellschaftlicher Wirklichkeiten.

Anspieltipps: Road To Peace (Download von Label-Seite), Hoist That Rag, Day After Tomorrow

(Hier haben wir weitere legale und kostenlose Downloads von der aktuellen Platte parat.)

Jason Molina: Ob unter dem Namen Magnolia Electric Co. oder Songs: Ohia, dieser Musiker hat ein Händchen für tolle Melodien und rustikalen Vortrag. Nach wie vor völlig unterschätzt.

Anspieltipps: The Dark Don’t Hide, Josephine (beide auf der offiziellen Homepage als kostenlose Downloads erhältlich)

(Über eine famose Daytrotter-Session haben wir bereits berichtet.)

John Frusciante: Er war nicht nur einfach der Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, von welchen er sich kürzlich verabschiedete. Sein Solowerk ist imposanter und facettenreicher, vielschichtig aber nie aufgebläht.

Anspieltipps: The Days Have Turned, With No One

Richard Ashcroft: Wenn es um elegante Popsongs geht, kommt auf der britischen Insel nahezu niemand an Herrn Ashcroft heran. Und dies unterstreicht er sowohl im Alleingang als auch als Frontmann von The Verve. Dazu kommt diese unsagbar warme Stimme, die die Ohren umschmeichelt und keine Sekunde lang süßlich wirkt.

Anspieltipps: Science Of Silence, Words Just Get In The Way

Marissa Nadler: Ihre Stücke kann nur als Dream-Folk mit einer herrlich gespenstischen, zeitlosen Aura bezeichnet werden. Famos und in den Bann ziehend.

Anspieltipps: River Of Dirt, Diamond Heart, Days Of Rum

David Thomas Broughton: Wer die britische Folk-Tradition für sich entdecken möchte, sollte den in extremem Lo-Fi gehaltenen Lieder dieses Herren ein Ohr leihen. Reinste Beseeltheit, die mehr Fans erhalten müsste.

Anspieltipps: Weight Of My Love, Unmarked Grave

Weitere Nennungen im illustren Kreis der Genies verdienen sich:

Pete Doherty: Keine Widerrede, was er macht, hat Hand und Fuß. Seine Skandale sind nichts im Vergleich zu seinen herausragenden Fertigkeiten.

PJ Harvey: Einem schwächeren Album stehen drei wundervolle, sehr unterschiedliche gegenüber. Vor allem Stories From The City, Stories From The Sea war eine Offenbarung.

Stuart A. Staples: Im Alleingang atemberaubend, mit den Tindersticks über jeden Verdacht erhaben.

Bruce Springsteen: Nach einigen schwachen Alben hat er mit Magic und Working On A Dream wieder an Glanzzeiten angeknüpft.

SomeVapourTrails

500 essentielle Songs der Dekade – Teil 1

Wer dieser Tage Pitchfork ansteuerte, durfte mit hochgezogener Augenbraue die 500 wichtigsten Tracks dieser Dekade begutachten – oder vielmehr belächeln. Was hier inmitten verdienter Glanztaten an Schrecklichkeiten zu finden ist, deutet durchaus darauf hin, dass Plattenfirmen manch Sänger eine kräftige Fürsprache angedeihen haben lassen. Kelly Clarkson auf Platz 21 kann nur ein wirklich geschmacksverschleimtes Hirn ersinnen. Insgesamt ist diese Liste eine derart dumme, ärgerliche, in die Irre führende Angelegenheit, dass man sie nicht geflissentlich ignorieren kann und darf. Gerade Leute, die sich mit Musik eben kaum bis gar nicht beschäftigen, kommen am Ende durch solch Aufzählung auf den komplett absurden Gedanken, wonach der Mist, den Beyoncé verzapft, tatsächlich die Krone der audiophilen Hochgenusses sei.

Darum wollen wir in den nächsten Wochen und Monaten hier eine in jeder Hinsicht vielfältigere Auswahl präsentieren.  500 Songs dieser Dekade – in feinster subjektiver Manier handverlesen und durchaus mit einem gerüttelt Maß an objektivem Anspruch. Heute beginnen wir mit den ersten 50 Liedern.

500Tracks(Teil1)

kingdomofrustDovesKingdom Of Rust (2009)

bringmetheworkhorseMy Brightest DiamondWe Were Sparkling (2006)

straightfromthefridgeJames HardwaySpeak Softly (2002)

skilligansislandThirstin Howl IIIWatch Deez (feat. Eminem) (2002)

gulagorkestarBeirutPostcards From Italy (2006)

frenchteenidolFrench Teen IdolShouting Can Have Different Meanings (2005)

addinsulttoinjuryAdd N to (X)Plug Me In (2000)

convictpoolCalexicoAlone Again Or (2004)

pleasedtomeetyouJamesGetting Away With It (All Messed Up) (2001)

Free Mixtape: Singer-Songwriter für einen schwelgerischen Sommer

Wenn der Sommer in voll Kraft strotzend Zügen sich über die Tage und Wochenenden legt, ist Entspannung im Schatten zu suchen. Unterstützend vermag auch die Beschallung mit mal erdiger, mal entrückter Musik zur Erholung beitragen. Und aus diesem Grund wollen wir heute eine handverlesene Anzahl kostenloser Singer-Songwriter-Perlen vor der geneigten Leserschar ausbreiten. Manch Tracks wurden von uns bereits angepriesen und manch Lieder wiederum zwitschern hier erstmalig durch den Äther. Allen gemeinsam ist eine Frische und viele warten auch mit einem gerüttelt Maß an tiefem Schürfen auf.

StringsOfLove

Foto: Nasrul Ekram

Mp3: Mike BonesWhat I Have Left

Mp3: John VandersliceToo Much Time

Diane BirchDon’t Wait Up (Download-Link)

CathleenHold Me (Download-Link)

Mp3: Brett DennenMake You Crazy

Vic ChesnuttChain (Download-Link)

Mp3: Benoît PioulardBrown Bess

Mp3: David Thomas BroughtonWeight Of My Love

Mp3: Jessica Lea MayfieldKiss Me Again

Tara Jane ONeilDrowning (Download-Link)

Viel Freude damit!

SomeVapourTrails

Boulevard of the Nameless (III)

Manchmal mutiere ich zum kleinen Hänschen, der mit riesigen Kulleraugen auf die weite, komplizierte Welt starrt und nicht recht begreifen will, was daran so unverständlich sein soll. Liegt das Tohuwabohu am Ende gar im Auge des Betrachters? Das naive Gemüt in mir jedenfalls denkt sich, dass es kein von Gott auferlegter Fluch sein muss, der kleine Labels zur Vernachlässigung des Promotion-Einmaleins nötigt. Und sogar weltentwichene Musiker sollten sich einen Webauftritt basteln können, welcher die Fragen Wer? Was? Wo? in groben Zügen beantwortet. Sollte man jedenfalls meinen.

Heute wollen wir einen britischen Songwriter namens David Thomas Broughton ehren. Selbiger ist seit seinem Debüt The Complete Guide to Insufficiency im Jahre 2005 ein veritabler Geheimtipp. Das musikalische Dasein als Geheimtipp zu fristen scheint in etwa vergleichbar mit dem Beziehungsstatus des Singles. Gleich wie jeder Junggeselle der Paarung harrt, will ein jeder Musiker mit seinen Liedern die Menschheit penetrieren. Dieser Akt mag im Falle Broughtons leider noch auf sich warten lassen.

DavidThomasBroughton

David Thomas Broughton (Foto von Rosanna Freedman)

Broughtons Interpretation des Folk wird vom Bekenntnis zu Lo-Fi getragen. Eine glockenhelle Männerstimme und eine akkustische Gitarre stehen vor allem bei seinem Erstlingswerk im Fokus. Die darauf folgende  Zusammenarbeit mit 7 Hertz zeigt jedoch auch sein Gespür für kammermusikalische Orchestrierung. Broughton ist Purist unverwässerten Folks, schlittert thematisch und textlich in die Fußstapfen der grandiosesten Meister. So erzählt der Song Unmarked Grave von einem toten, verwesenden Soldaten, dessen Liebste auf seine Heimkehr wartet. Zeilen wie „as i decay neath my blanket of earth my heart is yet to be satisfied, a seedling grows on my burial ground, just to wither and die“ markieren exemplarisch die lyrische Kraft des Songwritings.

Was also fehlt dem werten Herren zu höheren Weihen? Vielleicht ein Label, welches gekonnt die Werbetrommel rührt, um die Folk-Fan-Nische  in kumulative Freude zu versetzen? Eventuell einen informativerer Webauftritt des Künstlers, der neugierige Journalisten und Bloggern die Infos liefert, welche es braucht, um die Mär eines fantastischen Musikers über alle Erdteile zu verbreiten? Oder am Ende gar nur Glück, dass in Mode kommt, was zeitlos ist?

Am Ende sei auf einen Download von Weight of My Love als Hörprobe verwiesen. Hier wird die Kraft des Vortrags in all der direkten Schlichtheit deutlich, welche David Thomas Broughton charakterisiert. Man muss ihn einfach entdecken – und somit auch ins Herz schließen.

Links:

Offizielle Webseite

Hörproben auf Last.fm

SomeVapourTrails