Schatzkästchen 103: Mazzy Star – Quiet, The Winter Harbor

Wenn man derjenigen Person nach langer Zeit wieder über den Weg läuft, für die man einst ein wenig geschwärmt hat, kommt zwangsläufig eine gewisse Wehmut auf. Wo nur ist die Zeit geblieben, fragt man sich. Und was wäre wohl gewesen, wenn es damals nicht nur bei stiller Bewunderung geblieben wäre? Man kommt zwangsläufig ins Grübeln, schwelgt in Erinnerungen, die auch den Nährboden der Versuchung darstellen. Soll man nun mit ein wenig mehr Lebensreife das nachholen, was man einst versäumt hat? Von nichts anderem handelt der Song Quiet, The Winter Harbor, mit dem die unvergleichlichen, legendären Mazzy Star die demnächst erscheinende EP Still ankündigen. Über Hope Sandoval und David Roback muss ich keine Worte mehr verlieren, unser Faible für die Band haben wir schon hinlänglich dokumentiert. Beim Hören des neuen Tracks wird auch mir ein nostalgisch ums Herz, haben mich die Klänge von Mazzy Star doch mein ganzes Erwachsenendasein begleitet.  Weiterlesen

Der kleine, große Klacks – Postcards

Nein, früher war nicht alles besser. Ein bisschen vermisse ich jedoch die Zeiten, als man eine neue musikalische Entdeckung mit fast zitternder Stimme jenen Freunde weitererzählte, die man auch für würdig hielt, solch Klänge schätzen zu können. Als man Musik zunächst auf Kassetten überspielte und später auf CDs brannte, um sie Gleichgesinnten stolz zu überreichen und mit lässiger Beiläufigkeit den Satz „Hör dir das mal an. Ist echt dufte!“ zu äußern. 2018 ist alles anders, will man Musik empfehlen, postet man einfach einen Link in sozialen Netzwerken. Dabei steckt gerade hinter dem mit gewissem Aufwand verbundenen Entdeckerstolz die zutiefst soziale Geste des Teilens. Dieser Tage stellt meiner Meinung nach das Bloggen über Musik die größte Entsprechung zu all den beschriebenen Anstrengungen dar. Deshalb wünsche ich mir auch, dass die Band, die ich heute empfehlen möchte, auf zunächst gespitzte und im weiteren Verlauf gebannte Ohren trifft. Und ich hoffe, dass meinen Worten etwas vom Frohlocken von einst innewohnt. Die Formation Postcards habe ich in den vergangenen Monaten mehrfach mit Lob bedacht, heute darf nun endlich die Veröffentlichung des Albumdebüts I’ll be here in the morning bejubelt werden. Dream-Pop war für mich schon immer eine schicksalshafte Herzensangelegenheit. Seit ich letzten Frühsommer zum ersten Mal Klänge der Postcards vernommen habe, war mir sofort klar, dass für diese Musik fortan ein Winkel in meinem Herzen reserviert sein würde. Das mag arg gefühlig klingen, aber Dream-Pop in all seiner Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit verlangt eben danach.

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Schlaglicht 83: Postcards

Als ich in der vergangenen Woche unsere Lieblingstracks und -alben des Jahres 2017 zusammengestellt habe, kam ich an einer Band einfach nicht vorbei. Für die aus dem Libanon stammende Band Postcards hatte ich 2017 wirklich nur Lobeshymnen übrig. Ich möchte sogar so weit gehen, dass es so etwas wie Liebe ist. In all den Jahren, die ich Musik zunächst gehört und später dann auch hier auf dem Blog – hoffentlich – ein klein wenig vermittelt habe, habe ich zu gewissen Musikern und Bands gewisse Formen von Beziehungen aufgebaut. Da wären speziell die weisen, viel vom Leben lehrenden Väter und Mütter in Gestalt von Johnny Cash, Bruce Springsteen, Nina Simone und natürlich Joni Mitchell zu nennen, da gibt es die ewigen Jugendfreunde wie etwa The Cure und später auch Studienkollegen wie beispielsweise Radiohead. Diese Bande vervollständigen Frauenstimmen, in die mich für den Rest meines Lebens verliebt habe. Mazzy Star mit der sagenhaften Hope Sandoval oder Trespassers William mit der unvergleichlichen Anna-Lynne Williams kommen mir hier sofort in den Sinn. Dass es sich dabei um Dream-Pop-Bands handelt, ist alles andere als ein Zufall. Die Postcards um die Sängerin Julia Sabra besitzen eine ähnliche Qualität. Die letztes Frühjahr erschienene EP Here Before hat einen prägenden Eindruck hinterlassen. Die EP ist auch der Kern des Ende Januar erscheinenden Albumdebüts I’ll be here in the morning, welches ich bereits anhören durfte. Und gerne möchte ich bereits verraten, dass es dieses Erstlingswerk in sich hat. Dass es all jene Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit beinhaltet, die guten Dream-Pop auszeichnet. Wer für solch Emotionen und Stimmungen empfänglich ist, wird diese Platte lieben.  Weiterlesen

Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

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Schlaglicht 75: Cigarettes After Sex

Photo Credit: Ebru Yildiz

Cigarettes After Sex – der perfekte Bandname für eine female-fronted Post-Punk-Band. Und doch ist alles ganz anders! Der Sound der 2008 im texanischen El Paso gegründeten Band entpuppt sich als vielfältiger Dream-Pop, dessen unüberhörbare Einflüsse einem beinahe den Atem rauben. Vieles an Cigarettes After Sex ist erstaunlich. Da wäre speziell die Stimme des Masterminds Greg Gonzalez, die in der Musikpresse unisono als androgyn beschrieben wird. Ebenso auffällig ist die Tatsache, dass die Band im Juni ihr Debütalbum veröffentlichen wird, es aber bereits auf über 280000 Facebook-Likes und viel Kritikerlob gebracht hat. Das alles geschieht nicht zufällig, ist auch keinem clever kalkuliertem Hype geschuldet. Die Formation besitzt das gewisse, unverwechselbare Etwas, das verfängt.

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Der Beginn von etwas Großem – IRAH

Dieses Album muss man angehört haben! Mir fällt beim besten Willen kein Makel ein, der dieser Platte anzukreiden wäre. Into Dimensions ist von derart überwältigender Qualität, dass man sich gut vorstellen kann, in vielen Jahren dann höchst ehrfürchtig vom Beginn einer bestaunenswerten Karriere zu schwärmen. Selbstverständlich ist mir geradezu schmerzhaft bewusst, dass die Talente dieser Tage nicht weniger werden. Und da die Zahl kultivierter Hörer nicht rapide zunimmt, werden viele großartige musikalische Projekt nie die kritische Masse an Fans erreichen, um die künstlerische Relevanz zu erreichen, die sich eigentlich verdienen. Dem dänischen Trio IRAH würde ich die Verankerung im Kanon der künstlerischen Etablierten besonders gönnen. Denn dieses Debüt entfaltet eine eigene, faszinierende Magie, von der man in ihren aufregendsten Momenten ungefähr mit jener Ehrfurcht überwältigt wird, die einem als kleiner Knirps vor dem erleuchtenden und von Geschenken umsäumten Weihnachtsbaum widerfährt.

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Schatzkästchen 76: Hope Sandoval & The Warm Inventions – Let Me Get There (feat. Kurt Vile)

Über die verehrte Hope Sandoval brauche ich eigentlich nicht mehr viel Worte verlieren – und tue es natürlich einmal mehr. Denkt man an die prägenden Stimmen des Dream-Pop der letzten 25 Jahren, ist ihr Name zuoberst auf der Liste. Sie ist zum Inbegriff einer scheuen Ikone geworden, deren Gesang stets von melancholischer Abgeschiedenheit getragen wird. Ob im Verbund mit David Roback als Mazzy Star oder unterstützt von Colm Ó Cíosóig als Hope Sandoval & The Warm Inventions, ihre seltenen Alben zählen stets zu den Highlights eines Musikjahres. Bereits im Frühjahr wurde im Zuge des diesjährigen Record Store Days mit dem Song Isn’t It True ein erstes musikalisches Lebenszeichen veröffentlicht, verbunden mit der Ankündigung, dass noch 2016 eine Platte folgen würde. Und siehe da, im November soll nun Until The Hunter, das mittlerweile dritte Album mit The Warm Inventions, erscheinen. Wie erfreulich! Auch weil der erste Vorgeschmack darauf schließen lässt, dass Sandoval ihre Magie nicht eingebüßt hat. Let Me Get There ist ein Duett, welches sie zusammen mit Kurt Vile bestreitet. Das Stück besitzt angenehm soulige und psychedelische Akzente, die Chemie zwischen Viles warmer Stimme und einer sacht leidenschaftlichen, sich dennoch in Gedanken räkelnden Sandoval stimmt von Beginn an.  Weiterlesen

Schatzkästchen 71: IRAH – Fast Travelling

Ende April bereits habe ich auf die Kopenhagener Formation IRAH große Stücke gehalten. Der grandiose, für die Top 10 des Jahres vorgemerkte Song Into Dimensions ist aus meiner Sicht kaum zu toppen. Mit der Dream-Pop-Nummer Fast Travelling, die das für Oktober avisierte Minialbum Into Dimensions ankündigt, gelingt das Unmögliche jedoch beinahe. Viele Assoziationen sind mir beim Hören durch den Kopf geschwebt. Anscheinend aber nicht nur mir, denn The Line of Best Fit zählt all jene Einflüsse auf, welche auf mir durch die Gedanken geistern. Da wäre eine New-Age-Spiritualität, die in der Liebe den Ursprung aller Erleuchtung sieht. Es wäre der ätherische Glanz der Cocteau Twins als Vorbild zu nennen. The Line of Best Fit sieht sogar Ähnlichkeiten mit Enya. Da mag snobistischen Musikliebhaber kurz angst und bange werden. Dafür besteht aber nicht der geringste Anlass, eine Ehrenrettung Enyas wäre ohnehin unbedingt überfällig. Die das Universum umarmende Leichtigkeit des Sounds, der stete Fluss der Synthies, die dezent-rituelle Percussion und selbstverständlich die elfenhafte Stimme der Sängerin Stine Grøn machen Fast Travelling zu einer Hymne reinsten Herzens. Dem dänischen Trio gelingt abermals eine Erhabenheit, eine Reinheit der Emotion, wie man dies nur selten erlebt. Auch wenn das Debüt nur acht Lieder umfasst, ich würde bereits jetzt darauf wetten, dass es eines der atemberaubenden Werke des Musikjahrs 2016 wird.  Weiterlesen

Schlaglicht 49: Wyldest

Betörenden Dream-Pop mit einer sogar für dieses Genre makellos hellen Stimme beschert uns das Londoner Trio Wyldest. Die vor wenigen Tagen erschienene EP Dark Matter ist nicht weniger als eine echte Offenbarung. Schon der Opener Wanders bietet mehr als selbst hartgesottene Anhänger des Genres erhoffen mögen. Der Track huscht durch eine traumgleiche Wildnis mit tosenden Wasserfällen, durch ein gefährliches Paradies der Leidenschaften und Sehnsüchte. Diese verwunschene Romantik wird durch schauernde Synthies und eine shoegazige Gitarre verdichtet. Einen ähnlichen Strudel der Emotionen bildet Stalking Moon ab. Die Frage „Is there something more to you than this?“ wird im Verlauf des Stücks mit zunehmender Dringlichkeit gestellt, was sich auch dadurch äußert, dass der nicht von dieser Welt scheinende Sound allmählich Fahrt aufnimmt, in Richtung Post-Punk abgleitet. Zoe Meads Gesang lotet die Abgründe des Fühlens wunderbar aus, sie ist eine Frontfrau, wie sie im Buche steht. Was sie auch einmal mehr beim Titeltrack Dark Matter unter Beweis stellt. Die Nummer ist gesanglich lasziver angelegt, wird dabei von schwülen Synthies unterstützt.  Weiterlesen

Eskapismus der starken Gesten – Mechanimal

Gothic-Post-Punk-Dream-Pop – so würde ich das Album, über das ich heute lobende Worte verlieren möchte, charakterisieren. Die aus Athen stammende Formation Mechanimal beschert uns mit der Platte Delta Pi Delta einen Eskapismus der starken Gesten. Sie führt durch eine dramatische aufgeladene Traumwelt, die zwischen Industrial-Schönheit und neonlichterner Verwunschenheit zu verorten ist. Ein Hang zu Bombast staffiert die Szenerie aus, divaresker, in Lack und Leder gehüllter Gesang, der mitunter sogar ins Sprechen übergeht, sorgt für eine reizvolle und zugleich herbe Aura. Delta Pi Delta hat von dancefloorhafter Theatralik über shoegazigem Wave bis hin zu schauermärchenhaftem Pop so einiges zu bieten. Sehen wir uns die Chose doch kurz näher an!

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Viele der schon angerissenen Stimmungen vermag der opulente Opener Sunlight auf sich zu vereinen. Die Sängerin Eleni Tzavara beschwört dabei ein nächtliches Treiben, beim dem man sich irgendwie nicht sicher ist, ob die Gänsehaut nun aus Grusel oder Erregung entsteht. Ein gleich Schwaden durch die Kulissen ziehendes Keyboard, ein stoischer, maschinenhafter Beat und im späteren Verlauf eine verzerrte Gitarre runden das Gothic-Ambiente ab. Sternengefunkel leitet den an Achtziger-Pop erinnernden Track Repetition ein. Gitarrenriffs echoen dabei Tzavaras Vortrag, der zwischen schwülstiger Sehnsucht und beherrschter Dramaqueen schwankt. Wer von der Atmosphäre bis hierher angefixt wurde, wird den Rest der Platte zweifelsohne lieben. Giannis Papaioannou, dem für die Synthies zuständigen Mastermind der Band, glücken Stimmungen, die trotz Düsterkeit überraschend anziehend ausfallen.  Weiterlesen