Schatzkästchen 100: Ladytron – The Animals

Menschen mit ausgeprägtem Musikfetisch haben ja meist die eine Band, die über allen anderen thront. Dieser bastelt man denn auch einen kleinen Schrein der Anbetung, folgt ihr über Jahre und Jahrzehnte des Lebens voller Wohlwollen. Und obwohl ich schon viele Fans ganz unterschiedlicher Lieblingsbands kennengelernt habe, ist mir noch nie jemand untergekommen, der die britische Electro-Pop-Formation Ladytron samt und sonders verehrt. Das wundert mich ein bisschen. Wäre ich nur das eine oder andere Jahr früher mit deren Musik in Berührung gekommen, Ladytron wäre wohl meine unangefochtene Nummer eins. Aus diesem Grund freut es mich ungemein, dass sich Ladytron dieser Tage mit ihrer großartigen, neuen Single The Animals zurückgemeldet haben. Und für den Herbst darf man sich auf eine neue Platte, die erste seit Gravity the Seducer von 2011, gefasst machen. Wie schön! Vor allem imponiert mir der Umstand, dass The Animals ziemlich nahtlos an den bisherigen Sound der Band anknüpft. Im Vergleich zu Gravity the Seducer mit seinen wunderbaren Tracks White Elephant, Mirage, Ace Of Hz und Ambulances klingen die Synthies von The Animals treibender, ein bisschen weniger verwunschen.  Weiterlesen

Schlaglicht 86: Vök

Photo Credit: Sigga Ella

Jüngst für mich entdeckt habe ich das Albumdebüt Figure der isländischen Formation Vök. Die Platte hat zwar mittlerweile bald ein Jahr auf dem Buckel, ist jedoch ohne Zweifel mit das Beste, was mir in den letzten zwölf Monate über den Weg gelaufen ist. Dieser hymnische Electro-Pop mit Trip-Hop-Anstrich vermag neben der fast schon sprichwörtlichen spleenigen Schönheit isländischer Bands mit emotionaler Süße zu punkten. Dem elektronischen Hang zum Bombast steht das Flüstern und Säuseln der Sängerin Margrét Rán gegenüber. Es ist breitflächiges, atmosphärisches Kino, dessen Zuspitzung der Gefühle staunen macht. Exemplarisch seien drei Track des Albums herausgegriffen. Breaking Bones beispielsweise weitet sich von anfangs introspektiver Emotion im Refrain zum großen Aufseufzen, das noch im hintersten Winkel der Galaxie zu vernehmen ist. Starkes Empfinden trifft auf einen mächtigen Ausdruck. Eine spacige Gefühlsoper, verdichtet auf drei Minuten! Ebenso überragend gestaltet sich der Titeltrack Figure. Das Stück zeichnet sich durch so filigrane wie fiebrige Entrücktheit, einen teils an die isländische Übermutter Björk erinnernden Vortrag sowie eine Fülle an Effekten aus. Der Einsatz eines Vocoders hat noch selten so viel Sinn gemacht. Und abermals wird alles Sehnen und Fühlen zum großen Märchen ausgestaltet. Grandios! Und auch ein Track wie Show Me, bei dem Pop auf R&B-Elemente trifft und Ráns Gesang mit souligem Touch daherkommt, verfehlt seine Wirkung nicht.

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Not just „Another Christmas Song“: eine kleine Zeitreise mit Remington super 60 und Indiecater Christmas

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da war unser Weihnachtsspecial sehr Twee-lastig. Genau genommen Indie-Pop-lastig, denn die ursprüngliche Definition des Genre-Tags war genau die des Twee. Aber irgendwann vor Urzeiten war ja auch Britpop wirklich Britpop und nicht alles, was irgendwie von der Insel kam. Eines ist aber immer so, wie es schon immer war: Skandinavien ist die Hochburg des Twee und nach wie vor erfreuen uns gerade zu Weihnacht verspielte Klänge aus diesen Gefilden. Die Kollegen von Christmas A Go Go! haben den neuen Track natürlich schon viele Stunden vor uns entdeckt und nennen die norwegische Combo ganz frech Retro-Hipster. Offensichtlich waren unsere holländischen Nachbarn noch nie in Neukölln. Retro-Hipster sind Menschen mit schlechtem Musik- und Klamottengeschmack, die mit Sackkarren und anderen Wägelchen „Boomboxen“ durch die Gegend karren und die Nachbarschaft mit meist ebenso scheußlicher Musik beschallen. Die Attitüde ist gleichfalls scheußlich und kann hier nicht beschrieben werden, dass muss man gesehen haben. Alles dies trifft NICHT auf Remington super 60 zu. Menschen, die so feinen  „Twee meets Electro-Pop“ fabrizieren, können keinen schlechten Geschmack haben.   Weiterlesen

The Perfect English Weather – Christmas In Suburbia

Unerfüllte Sehnsüchte, zerbrochene Träume, dies alles erleuchtet von den vielen Weihnachtslichtern der Vorstadt. Was nach Weihnachtsblues klingt, ertönt hier als sphärischer Electro-Pop. Das kindliche Ich, welches verbotener Weise die Geschenke vor der Bescherung inspizieren will, wechselt über zum erwachsene Ich, welches das Haus der Kindheit betreten will, obwohl die Familie dort schon längst nicht mehr wohnt. Die Ich-Erzählerin ist hin und her gerissen, zwischen dem Zustand noch nicht „dort“ hin und nicht mehr, „dort“ hin gehen zu dürfen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 92: IRAH – Worship The Sun

Photo Credit: Christina Amundsen

Der Reiz von Spiritualität besteht bekanntlich darin, sich als ein Teil von etwas Großem und Ewigem zu verstehen. In der Umarmung einer alles Begreifen übersteigenden Natur oder einer jegliches Erfassen sprengenden Gottheit liegt ein Trost über die Flüchtigkeit der eigenen Existenz. Die archaisch-ätherische Mystik, die den Song Worship The Sun durchweht, ist somit – salopp gesprochen – ein alter Hut. Aber trotzdem darf man der Formation IRAH einmal mehr zu einem famosen Track gratulieren. Ich habe wohl über keine andere Band in den letzen beiden Jahren öfter gebloggt als über diese Dänen. IRAH haben sich mit ihrem Debüt Into Dimensions als fantastische Mixtur aus Björk rund um die Jahrtausendwende, den guten alten Cocteau Twins, Clannad mit ihren New-Age-Anleihen sowie Trip-Hop Portisheadscher Prägung erwiesen. Der neue Song Worship The Sun knüpft an das bisherige Schaffen nahtlos an. Stine Grøns Vortrag ist dazu angetan, die ganze Weite des Universums auszufüllen. Ihre Aura umgibt fabelwesenhafte, andächtige Rätselhaftigkeit. Lyrics wie „Imagine that you’re made of diamonds/ And you light up everything you touch/ Your body heals what’s been broken/ Aligned with your creator part/ Let’s reveal the forces we forgot/ Activate the light within our heart“ scheinen voller Staunen und Sehnsucht zu transzendieren, einem göttlichen Kosmos entgegenzustreben, zugleich tief auf den reinen Grund der eigenen Seele hinabzutauchen.  Weiterlesen

Schatzkästchen 87: Blanche – City Lights

Der Eurovision Song Contest erfüllt Erwartungshaltungen. Der breiten Masse führt er vor Augen, wie weitläuftig und exotisch Europa doch ist. Der begeisterten LGBT-Community bietet er sympathisch-deftigen Trash. Gesetztere Traditionalisten dagegen dürfen sich an Schlager oder kitschiger Folklore erfreuen und über allerlei neumodisches Zeugs wie Rap schimpfen. Zwergstaaten sind dankbar für die Möglichkeit, einmal im Jahr den Nachweis zu erbringen, dass es sie nach wie vor gibt. Selbst wenn sie es nicht leicht haben, weil sie von einem gewissen Ralph Siegel in Geiselhaft genommen werden. Hallo, San Marino! Auch Autokraten – man denke etwa an Aserbaidschan – versprechen sich vom ESC viel, dürfen sie doch ihr Land als heiter bis weltoffen präsentieren. Und nicht zuletzt begeistert die Veranstaltung die Funktionäre der teilnehmenden Rundfunkanstalten, Büffets und Empfänge sind ganz nach ihrem Geschmack. Wer jedoch beim Song Contest ganz selten auf seine Kosten kommt, ist ein Indie-Klängen gewogenes und somit geschmackssicheres Publikum. Das Jahr 2017 beschert in dieser Hinsicht einen unverhofften Lichtblick.

Belgien, bereits seit ein paar Jahren musikalisch im Aufwind, schickt die junge Sängerin Blanche ins Rennen. Ihr Titel City Lights ist das Highlight des Wettbewerbs. Eingebettet in einen geheimnisumwitterten, mit nervösen Synthies behafteten Sound ruht Blanches tiefe Stimme. Ihr unaufgeregter Vortrag trägt balladeske Züge, strotzt vor unterkühlter Eleganz.  Weiterlesen

Schatzkästchen 86: Saint Etienne – Heather

Irgendwann wenn die Erholungsphasen zwischen Exzessen länger und länger dauern, hat man die Jugend mit der ihr eigenen selbstzerstörischen Rücksichtslosigkeit hinter sich. Ab dann trachtet man nur noch danach, möglichst gut zu altern. Was aufs Leben zutrifft, gilt freilich auch für das künstlerische Schaffen. Heute möchte ich mich kurz mit einer Band beschäftigen, von der zwar keinerlei Ausschweifungen aus den Glanzzeiten überliefert sind, die sich aber wirklich gut darauf versteht, mit Stil, Charme und Witz zu reifen. Wo andere Bands nach 25 Jahren im Musikgeschäft schon verdammt alt aussehen, machen Saint Etienne noch immer ausgezeichnete Figur. Angeführt von der unwiderstehlichen Sarah Cracknell hat das Trio über all die Jahre Disco-Glam-Pop von zeitloser Frische perfektioniert. Ein Dahinsiechen in puncto Kreativität ist nicht abzusehen, wie auch der neue Track Heather belegt. Heather kündigt das für Juni avisierte neue Album Home Counties an und offeriert eine Sarah Cracknell, die Hörer nach wie vor – ja vielleicht sogar mehr denn je – um den Finger zu wickeln versteht.  Weiterlesen

Schlaglicht 62: Tsar B

Electro- oder Synthie-Pop mit von Kirke oder Kassandra inspirierten Frauenstimmen ist noch lange nicht aus der Mode. Was aber nicht bedeuten soll, dass man sich als Musikerin nicht den einen oder anderen Kniff einfallen lassen sollte. Den Hirnzellen der Belgierin Tsar B ist ein toller Ansatz entsprungen, der orientalische Ethno-Klänge mit R&B verbindet. Daraus resultiert ein geheimnisumwitterter, sinnlicher Electro-Pop, der in den stärksten Momenten Exzentrik und Eingängigkeit wunderbar austariert. Escalate etwa kommt mit mal salvenhaften, mal aufreizend knalligen Beats daher, ein melodramatischer Gesang wechselt sich mit R&B-Gestöhne ab, orientalische Instrumentierung und eine jammernde Violine runden die Chose ab. Eine intensive Nummer! Und nicht die einzige, die diese Debüt-EP zu bieten hat. Fort funktioniert nach einem ähnlichen Strickmuster, wobei es ein bisschen poppiger wirkt. Auch hier ist die Fülle an Details, die mit jedem Hördurchlauf deutlicher hervortreten, erstaunlich. Tsar B gestaltet ihren Sound facettenreich und hintergründig aus, läuft daher auch nie Gefahr, als R&B-Hupfdohle oder Ethno-Pop-Tussi abgestempelt zu werden. Die werte Kollegin Eva-Maria von Plan My Escape charakterisiert die Belgierin als eine neue Scheherazade.  Weiterlesen

Schatzkästchen 59: IRAH – Into Dimensions

Elfe ausgebüxt! Direkt in die Neonlichter eines Großstadtmärchens hinein! Hochhäuser mit großen Glasfassaden stehen Spalier, säumen einen Pfad des Staunens. Schritt für Schritt gleiten ihre nackten Füße über den glitzernden Asphalt, wandert sie durch die Fantasie von einer Nacht. Abgekämpfte Nachtschwärmer strömen noch ganz in Trance aus Szenetempeln, abenteuerselige, begierige Gestalten schielen sehnsüchtig in plüschige Etablissements. Jede zwielichtige Gestalt scheint der verwunderten Elfe einen Blick wert. Das verschmuste, in seinem Glück aufgehende Pärchen beim Laternenmast ebenso. Mit pochendem Herzen setzt sie ihren Streifzug fort, Eindruck um Eindruck prasselt auf ihre Augen ein. Taxis wischen an ihr vorbei, wieseln um die Ecke. Schaufensterpuppen drehen sich nach ihr um. Hydranten dackeln gleich Kobolden dahin. Die ganze Szenerie lebt, alles wirkt neu und aufregend. Die Stunden im Häusermeer vergehen wie im Flug, bis dann irgendwann die Sonne über die Dächer kriecht, der Tag mit einem Knall anbricht. Die Helle flutscht in jede Ritze, prallt auf Glasscheiben, wird von Metall reflektiert. Im Licht der Sonne geht der Elfe endgültig das Herz auf. Gerät der Ausflug in die Stadt zum Triumph der Neugier. Und sie lächelt und lächelt…

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Schatzkästchen 53: RIVE – Vogue

rive_vermillion

Nachdem es in den letzten 2 Wochen ein wenig ruhiger auf dem Blog war, werden wir nun im Angesicht des Frühlings wieder aktiver. So einige Tracks, die wir uns in den letzten Wochen notiert haben, sind bislang leider noch nicht auf dem Blog erwähnt worden. Das wollen wir schleunigst nachholen und ausgerechnet mit einer Formation aus Brüssel beginnen. Nun ist Belgien dieser Tage in aller Munde, wird als Chaosland mit finsteren Vierteln geschmäht. Vielleicht macht es gerade in Zeiten wie diesen Sinn, mit Brüssel mehr als nur böse Terroristen und eine chronisch uneinige EU zu assoziieren. Kultur ist immer eine sichere Sache, um sich in ein Land (neu) zu verlieben. Die geschätzte Kollegin Eva-Maria liefert auf ihrem auf Belgien fokussierten Musikblog Plan My Escape Woche für Woche neue Gründe, warum die Nennung des Namens Belgien uns nicht erschaudern lassen muss. Mitte März hat sie beispielsweise die famose Formation RIVE für uns aufgespürt. RIVE sind noch ein unbeschriebenes Blatt, eine Debüt-EP ist für dieses Jahr angekündigt. Mich hat ein erster Vorgeschmack jedoch sofort begeistert! Das Lied Vogue weckt Erinnerung an eine Zeit, als französischsprachiger Pop auch in den Hitparaden hierzulande keine Seltenheit war. Den Jüngeren unter den Lesern muss man vielleicht nochmals verklickern, dass in den Siebzigern und Achtzigern lasziver, leichter French Pop Glücksgefühle ohne Ende verursachte. RIVE knüpfen zumindest mit Vogue an diese Tradition an. Das sieht auch die Kollegin Eva-Maria so, die den Reiz der Nummer so auf den Punkt bringt: „Der einzig bislang veröffentlichte Track „Vogue“ ist jedenfalls ein edles, elegantes und raffiniertes Stückchen Elektropop im France-Gall-Modus. Das erst richtig abzuheben beginnnt, wenn zum Ende hin die satten Synthies einsetzen. Da kriegt man ja sehnsüchtiges Herzklopfen, so schön schimmert das!“

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