Schlaglicht 44: Mynth

Sinnlichen, geheimnisumwitterten Electro-Pop mit Trip-Hop-Komponenten hat die aus Salzburg stammende Formation Mynth anzubieten. Synthie-Klänge werden dabei von markanten, fast quirligen Beats durchkreuzt, die Spannung von sphärischem Ambiente und weltlichem Puls bildet die Basis für eine ausgesprochen souverän wirkende weibliche Stimme, die jene elektronischen Klänge mit viel Seele behaftet. Mit dem Debütalbum Plaat II beackert das Geschwisterduo zwar ein Metier, dem nicht erst seit gestern einige Aufmerksamkeit zuteil wird, zugleich gelingt es vielfach eigene Akzente zu setzen. Wo Kollegen und Kolleginnen oft auf völlige Unterkühltheit setzen, vermögen Mynth ab und an durch mit kräftig Emotion verbrämte Pophymnen zu überraschen. I’m Good etwa ist ein wunderbar schillernder, ergreifender Track. Manchmal sind Anleihen an die elegante Abgründigkeit von Portishead anzumerken, auch eine unstete, an die goldenen Zeiten der Achtziger erinnernde Düsterkeit sticht durch. So begeistert der Eröffnungstrack Lola durch eine facettenreiche Textur aus Romantik und Verzweiflung, Synthies flirren, Synthies quaken, ein blechern-bleierner Beat pocht, wimmernde Effekte wabern, all dies lässt eine dramatische Aura erstehen, in der der Gesang voll beschwörerischer Eindringlichkeit und entscheidungsschwerer Unsichterheit bebt.  Weiterlesen

Schatzkästchen 42: Kaleida – Detune

Wenn der Funke überspringt, dann tut er das im Falle von Musik meist binnen Sekunden. Das liegt einerseits daran, dass der durchschnittliche Hörer – und nicht nur der – kaum gewillt ist, sich ewig und drei Tage mit Musik zu beschäftigen, um irgendwie einen Zugang zu finden. Das liegt zum anderen auch daran, dass Musik unmittelbarer wirkt als etwa ein Film. Einem Film räumt man eine gewisse Anlaufzeit ein, um Thema und Protagonisten kennenzulernen. Das Schicksal eines Lieds ist praktisch schon mit den ersten Takten entschieden. Beim Londoner Electro-Pop-Duo Kaleida hatte ich sofort Annie Lennox vor Augen. Vieles in der Art des Gesang ließ auf eine unterkühlte Epigonin schließen.  Weiterlesen

Schlaglicht 27: Frøkedal

So eine EP ist eine feine Sache. Denn eine EP bekommt in der Regel eine geringere Aufmerksamkeit als ein Album. Man kann somit etwas ausprobieren. Wenn es sich dann sogar noch um eine Debüt-EP handelt, sind Experiment und Versuch geradezu Pflicht. Das hat sich wohl auf die Norwegerin Frøkedal bei ihrer EP I See You gedacht. Der Titeltrack und auch der Songs Surfers bieten zunächst noch Folk-Pop mit kammermusikalischem Charme und Hippie-Harmonien. Mit Silhouettes ist weiters eine schwermütige, dennoch glockenklar leidende Ballade an Bord. Die ersten drei Titel wirken stimmig, fraglos sehr vielversprechend. Und dann kommt mit dem letzten Lied First Friend ein völliger Stilbruch. Der Track wartet mit Electro-Pop skandinavischer Prägung auf, gibt sich abgründig. Unvermittelt wird der Hörer mit den zwei Gesichtern von Frøkedal konfrontiert. Man kratzt sich anschließend am Kopf, vom Eindruck erfasst, dass dieser Spagat ein bisschen zu heftig ausfällt. Was nur darf man sich von Anne Lise Frøkedal also erhoffen?  Weiterlesen

Metamorphose in der Saure-Gurken-Zeit – Briana Marela

Es soll ja Menschen geben, die sich ganz dem Sommer und der daraus resultierenden Vergnügungssucht hingeben. Und das dürften so wenige nicht sein, weshalb es zum Beispiel bei den musikalischen Veröffentlichung im Sommer in der Vergangenheit vergleichsweise karg zuging. Vielleicht traute man den Musikhörern nicht zu, sich auch in der Hitze des Juli und frühen Augusts sich mit neuen Platten zu beschäftigen. Doch in den letzten Jahren wird auch dieses Veröffentlichungssommerloch immer kleiner. Eines der diesjährigen Saure-Gurken-Zeit-Alben ist das sehr ungewöhnliche All Around Us der US-Amerikanerin Briana Marela. Die in Seattle geborene und aufgewachsene Singer-Songwriterin beschert uns nämlich einen auf den ersten Eindruck eher seltsamen Sound, der jedoch bei Lektüre des Pressetextes mit einem Schlag sehr schlüssig wird. Durch einen Freund nämlich lernte Marela Alex Somers kennen. Somers ist durchaus umtriebig in der isländischen Szene tätig, als Lebensgefährte von Jón Þór Birgisson, seines Zeichens Mastermind von Sigur Rós, stehen ihm wohl auch alle Türen offen. Zusammen mit ihm bildet er das Duo Jónsi & Alex. Somers sorgt als Produzent dieses Werks dafür, dass All Around Us viel Island-Flair entfaltet. Da wäre einerseits ein kindlich anmutender Vortrag, der so wirkt, als würde Marela in Björks Babyschuhe schlüpfen. Dazu kommen Lyrics voll Intimität und positivster Naivität – und ein sachter Beat samt allerlei elektronischen Sperenzchen.

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So stylish wie nötig, so undergroundig wie möglich – Icky Blossoms

Das Trio Icky Blossoms ist eine Art Electro-Pop-Indie-Rock-Hybrid aus dem doch recht beschaulichen Omaha im US-Bundesstaat Nebraska. Aus musikalischer Sicht ist Omaha allerdings ein Hotspot, was nicht zuletzt am tollen Indie-Label Saddle Creek liegt. Natürlich sind auch Icky Blossoms bei diesem Label angedockt. Dieser Tage wird mit Mask ihr zweites Album veröffentlicht. Mir scheint die Mischung aus herbem E-Tanz-Pop und wuselndem, superlärmigem Gitarren-Sound bei einigen Tracks sehr, sehr gelungen. Zumindest wenn man Hyperaktivität präferiert.

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Und der Canasta-Club klatscht Beifall – Kyla La Grange

Wer möchte das nicht, irgendwann einmal im Rentneralter den Enkeln – zumindest aber den übrigen Mitgliedern des Canasta-Clubs – voller Stolz erzählen, wie man denn einst den Baustein gelegt habe, dass man nun im hohen Alter ein sehr gutes Auskommen finde. Und ich drücke der britischen Singer-Songwriterin Kyla La Grange wirklich beide Daumen, dass sie in 50 Jahren auf 2014 zurückblicken und ihr Zweitlingswerk Cut Your Teeth als finanziellen Durchbruch ansehen darf. Denn aus der künstlerischen Perspektive ist dieses Album doch ein großer Rückschritt in der noch jungen Karriere. Es fällt schlichtweg mainstreamig und fehlproduziert aus, kann sich nicht am überragenden Debüt Ashes messen, mit welchem sie mich zu begeistern wusste. „Kyla La Grange tritt mit Siebenmeilenstiefeln in die Fußstapfen einer Florence Welch! Und sie passen in der Tat wie angegossen.“ hatte ich anlässlich ihres Debüts notiert. Und das auf große Melodien, kräftige Gefühle und atemberaubenden Pathos zurückgeführt. Wo auf Ashes Drama-Pop mit folkiger Note zündete, präsentiert sich Cut Your Teeth in neuem Gewand, mit Synthies verbrämt und um keinerlei orchestrale Opulenz verlegen. Bei dieser Platte dominiert Kommerz statt Emotion.

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Unter der Taucherglocke – UMA

Euphorie sieht wohl anders aus, wenn man einem Album die Attribute gedämpft, aufgeräumt und nüchtern zur Seite stellt. Dabei meine ich das keineswegs als Herabwürdigung, im Gegenteil. Der Electro-Pop des deutsch-österreichischen Duos UMA besticht durch formalen Minimalismus, der nie langweilig gerät. Das selbstbenannte Debüt wirkt wie unter einer Taucherglocke aufgenommen, schippert dumpf dahin. Dabei gibt es sich angenehm leidenschaftslos. Wo sich Electro-Pop oft zwischen auf Anspruch getrimmter Discomusik und sterilem Eskapismus bewegt, forcieren UMA einen gedeckten wie melodisch-warmen Sound, welcher meist versonnen aus den Boxen flirrt.

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Lauschrausch XLIII: Golden

Früher im Jahr habe ich zweimal auf das Berliner Indie-Electro-Pop-Duo Golden hingewiesen. Es dafür gelobt, dass es ein Händchen für eingängige Refrains hat und eine Musik macht, für die man das Radio glatt erfinden müsste, wenn es selbiges nicht längst schon gäbe. Mir hat die Gefälligkeit der Debüt-EP durchaus imponiert, der Track Heartbeat etwa scheint für die Charts prädestiniert – und das meine ich als uneingeschränktes, vom Glauben an die Masse der Hörer beseeltes Kompliment. Ein Track, mit dem ich auf dieser EP vorerst ein bisschen weniger anzufangen wusste, war dagegen Panther. Dieser hat nun ein stylisches, sogar cleveres Musikvideo spendiert bekommen. Jener Clip lebt von einem in trübselig-grau gehaltenem Schwarz-Weiß – und von dem Gesichtsausdruck von Sängerin Kathrin Georg, die sich in perfekter Unergründlichkeit übt, angespannt und distanziert blickt. In dieser Atmosphäre entwickelt Panther plötzlich Kraft, glitzert zackig. Aus dem Kontrast von Video und Song eröffnet sich plötzlich eine Geschichte, vielmehr eine Kette von Fragen und Vermutungen. Solch Gedanken werden aber nur geweckt, wenn ganze Arbeit geleistet wurde. Wenn ein Interesse angestachelt werden konnte. Und das mit einem Low-Budget hinzubekommen, erscheint mir sehr bemerkenswert. Kurzum, Golden sind fraglos eine Entdeckung wert. Es lohnt, sich umgehend in einen visuellen Lauschrausch zu stürzen.

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Durch die Schneekugel zurück in die Zukunft

Update: Zur Verlosung der Snow Globe CD kommt ihr hier.

Wenn ein Album von den einen heiß umjubelt und von den anderen in Grund und Boden geschimpft wird, dann ist es vor allem eines: NICHT LANGWEILIG. Na und? Werden jetzt viele mosern. Es ist ein Weihnachtsalbum, antworte ich hier ganz keck, bestimmt und mit 3 Ausrufezeichen (in Zeichen: !!!). Weihnachtsalben sind im Jahre 2013 überwiegend hochprofessionell produziert und niemandem wehtuender Wohlfühl-Kling-Klang. Frei nach dem Motto: „Kann man machen, muss man aber nicht“. Aber weil nun mal Weihnachten ist, jedes Jahr rund um den 24. Dezember und in den Supermärkten schon seit Ende August, gerade darum müssen so viele ihr Werk dazu beitragen. Eines der besten Christmas-Alben überhaupt gab es entgegen den Regeln des Marktes nie zu kaufen, fabriziert von einer weiteren 80ies-Ikone, die sich munter alle Jahre wieder kringelig lacht, ob der entsetzten Blicke gutmeinender A&Rs, Managements und artverwandter Professionals. Statt Goldregen wählte Dave Stewart virtuelles Lametta als Weihnachtswährung. Die Lobeshymne auf Cocktail Christmas folgt hier in Kürze, wenden wir uns nun wieder Andy Bell und Vince Clarke zu. Seit einem halben Jahrzehnt blogge ich nun ausführlich über die neuesten und schönsten Weihnachtsreleases. Würde mich wer fragen (was nie nie jemand tut), ob nun ein Cover von Silent Night eine gute Idee sei, ich schrie voller Entsetzen: Nein, Nicht, Niemals. Gefühlte zwei Millionen Cover des Weihnachtsklassikers habe ich meinen empfindlichen Öhren schon antun müssen. So erweist sich die Stille Nacht meist als Sollbruchstelle, bestenfalls öde, oftmals schlimmer. Erasure bestehen aber auch hier die Nagelprobe.  Weiterlesen

Der Erfolg knallharten Kalküls – Chvrches

Die schottische Band Chvrches hat das geschafft, wovon Musiker in ihren feuchtesten Träumen heute kaum mehr zu fantasieren wagen. Sie haben ein Debütalbum veröffentlicht, dass Musikkritik wie breite Masse gleichermaßen befriedigt. Und dabei mussten sie noch nicht mal den Griff ins Klo wagen, nicht mit Humptata in die Kacke springen. The Bones Of What You Believe reiht Hit an Hit, gibt sich immer schmissig, lädt zum Mitgrölen ein, wummert düster, hält die Beine auf Trab, entzündet im Refrain schiere Euphorie. Chvrches unterhalten saumäßig gut, glätten die von allzu übertriebenem Indie-Konsum gefurchten Runzeln auf der Stirn. Man muss kein aufwändig geschneidertes Gefühlskostüm besitzen, keinen durch Camus und Satre getunten IQ im Köpfchen haben, um diese Platte zu mögen. Zugleich sind Texte und Sound nicht platt wie eine Flunder, vermag die Band auch dem musikalischen Fast-Food-Fan ein Lächeln in den Gaumne zu zaubern.

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