Schatzkästchen 49: Andrew Butler – Fiona

Letzten Herbst habe ich den werten Lesern eine bemerkenswerte Stimme vorgestellt, bei der es mich letztlich doch ein bisschen gewundert hat, dass es auf diesen Post kaum Resonanz gegeben hat. Ich nehme das auf meine Kappe, an der Qualität dessen, was der britische Singer-Songwriter Andrew Butler anbietet, kann es keinesfalls gelegen haben. Der werte Herr Butler verfügt nämlich über eine Gabe, die man sich mit Geld nicht kaufen kann. Einen gesanglichen Vortrag nämlich, der durch Eigenheit und Charakter besticht. Die zärtliche Helle seiner Stimme ist außergewöhnlich, wirkt nie poliert, vielmehr von feinen Runzeln durchwoben. Der Londoner folgt mit seinem Tun der großen Tradition britischer Troubadoure. Der Track Fiona liefert einen weiteren Vorgeschmack auf das für dieses Frühjahr angekündigtes Debüt Chalk. Fiona vermengt zeitlose Pop-Melodie mit einem bardenhaften Folk-Gesang, erzählt vom Taumel einer Liebe, der die Schwere des Herzens gegen Leichtigkeit eintauscht. Der Refrain „If you have a heavy heart/ I’ll make it light as a feather/ And if it’s been ripped apart/ I’ll stitch it back together“ vermag mit schlichter Glückseligkeit und geradezu schüchternem Trost zu berühren.  Weiterlesen

Schatzkästchen 48: Flora Cash – For Someone

Flora Cash - Press Pic 3

Photo Credit: Stefan Lundaahl

Ich würde mich nicht als größten Anhänger des Valentinstag-Getues bezeichnen. Wobei natürlich nichts gegen kollektive romantische Impulse zu sagen ist. Wäre ich jedoch Musiker, würde ich rund um den 14. Februar ein tieftrauriges Liebeslied platzieren. Als Kontrapunkt, als Trost für all die Verschmähten und Alleingelassenen. Doch solange ich mich nicht unter die Musiker begebe, muss jemand anders den Job machen. 2016 tut dies das schwedisch-amerikanische Duo Flora Cash mit seiner bezaubernden Ballade For Someone. Bereits im Zuge unseres Weihnachtsspecials 2015 haben wir voll Genuss dem Lied Snow, Lights gelauscht, schon damals beschlossen, ein Auge auf das Duo zu haben. Nun gibt es Neuigkeiten zu verkünden, für Mitte März ist das Debüt Can Summer Love Last Forever terminiert. Die nun erscheinende Single For Someone beschert uns sehr bittersüße, sachte Folk-Pop-Klänge als Vorgeschmack. Der Song berichtet vom Ende einer so sehr herbeigesehnten, so seligmachenden Liebe.  Weiterlesen

Schlaglicht 40: Lily & Madeleine

Im Herbst 2014 habe ich folgende Zeilen über ein Schwesternpaar aus Indianapolis geschrieben: „Lily & Madeleine erstrahlen als Perfektion in Mädchengestalt, taugen als Projektionsfläche für keineswegs unanständige Träume männlicher Musikfans. Sie repräsentieren das Ende der Unschuld, den Moment, wo eine jugendliche Unsicherheit in heranreifendes Wissen übergeht. Sie betören mit juveniler Nachdenklichkeit, kichern nie, schwärmen nicht, sie wirken wie eine auf Ästhetik und Anstand getrimmte Fantasie, die den Hirnen kultivierter, älterer Herren entsprungen ist. Das Geschwisterpärchen bildet somit die völlige Antithese zu forsch-naivem Backfischtum. Und natürlich scheint es auch meilenweit von einer Jeunesse dorée oder jeglicher Emo-Miesepetrigkeit entfernt.“

Einem Song wie The Wolf Is Free habe ich damals attestiert, dass das Feuer der Jugend nicht nur gemütlich vor sich hin flackert, sondern durchaus auch bedrohliche Flammen produziert. Dass nicht nur sittsames Sehnen durch die Szenerie schleicht, sondern auch gefährliche Wünsche herumspuken, die zwischen den Frustrationen der Adoleszenz lauern. Lily & Madeleine haben mit ihrem Album Fumes fraglos mehr Entwicklungsroman als Teenie-Träumchen vorgelegt. Aus diesem Grund habe ich schon mit Spannung auf neue Klänge des Duos gewartet. Für 26. Februar ist nun das dritte Studioalbum namens Keep It Together angekündigt.  Weiterlesen

Free Mp3: Sofia Talvik – Cold Cold Feet

Die von uns sehr geschätzte schwedische Singer-Songwriterin Sofia Talvik hat es sich zur Tradition gemacht, jedes Jahr ein eigens komponiertes Weihnachtslied aufzunehmen und ihren Fans anzubieten. Diese können es ihr mit einer kleinen Spende danken, müssen jedoch nicht. Talvik ist bei ihren Weihnachtsliedern sowohl vom musikalischen Stil als auch von der Themenwahl her immer für eine Überraschung gut. Was die Lieder über die Jahre ausgezeichnet hat, ist der Umstand, dass die Schwedin keinerlei althergebrachten Stereotype bemüht. Vielmehr benutzt sie die weihnachtliche Szenerie und Stimmung, um sehr nachdenkliche Geschichten fernab von Klischees zu erzählen. Auch ihr diesjähriger Song Cold Cold Feet macht da keine Ausnahme, wenn er von einer alleinerziehenden Mutter berichtet, die zusätzliche Schichten einlegen muss, um ihren Kindern überhaupt ein Weihnachten zu ermöglichen. Zeilen wie „Tomorrow’s Christmas morning/ She wishes she could be around/ To see their smiles as they are opening their presents/ That she got at lost and found“ oder „And though she takes those extra shifts/ There never seems to be enough to warm those/ Cold cold feet“ machen Armut sehr anschaulich, rühren ungemein. Eine Armut, die sich inmitten der Fülle von Weihnachten wohl noch deprimierender anfühlt. Dieser Track führt uns vor Augen, dass die Zeit, die für viele Menschen wohl die schönste im Jahr ist, anderen Menschen jedoch schwer auf die Seele drückt.  Weiterlesen

Fight dragons and spells, survive through the storm – JP Hoe

Heute möchte ich dem werten Leser eine Platte vorstellen, die sich in den letzten Wochen zu einem meiner absoluten Lieblingsalben des Jahres 2015 gemausert hat. Ich will mich sogar zu der Aussage versteigen, dass in einer besseren Welt Menschen in Scharen zusammenkommen, sich an den Händen fassen und die Folk-Pop-Rock-Hymnen des im kanadischen Winnipeg beheimateten Singer-Songwriter JP Hoe singen würden. Das im Oktober hierzulande erschienene Album Hideaway hat für mich im positivsten Sinne Mainstream-Appeal. Es offenbart einen Sänger mit einer kräftigen, lebendigen Stimme, der Schicksale nicht nur besingt, vielmehr mit der richtigen Dosis lebt. Hideaway ist auf eingängige Weise ergreifend, ohne es mit Drama oder Pathos je zu übertreiben. Die Melodien der Platte zünden die gerade in den Refrains üppige Instrumentierung lenkt die Emotion stets in die richtigen Bahnen. Das Album macht es Hörern eigentlich leicht, es durch und durch zu mögen.

Schauen wir uns eine Handvoll Songs kurz näher an. Spätestens dann sollte deutlich werden, warum ich von der Scheibe so angetan bin. Beim Opener Beautifully Crazy etwa ist der Titel bereits Programm. Er beschreibt Menschen mit all ihren Marotten. Etwa das alte Mädchen von gegenüber, das behauptet Elvis gekannt zu haben und sich darum jedes Jahr seit seinem Tode eine Träne tätowieren hat lassen. Oder diesen schrägen Jesus, der den Leuten die Seelenrettung an einer Bushaltestelle anbietet. Gegen ein wenig Kleingeld natürlich.  Weiterlesen

Mal bitter, mal zärtlich, ein kompliziertes Ich und Du – Mo Kenney

Vor einem Jahr habe ich die kanadische Singer-Songwriter Mo Kenney erstmals auf diesem Blog gewürdigt, von einem burschikosen Wesen gesprochen, das  jugendlichen Schalk mit flügger Nachdenklichkeit und großer Direktheit vermengt. Ihr Album als fröhlichen bis gedankenvollen Indie-Folk-Pop mit einigen Ausflügen in Folk-Rock-Gefilde beschrieben. Bereits jenes gleichnamiges Debüt war bemerkenswert, mit In My Dreams folgt nun eine noch smartere, facettenreichere Platte. Welch Leistung! Denn obwohl es zwar immer heißt, dass aller Anfang schwer sei, gilt in der Musik das eherne Gesetz, dass man nach einem guten, unbekümmerten Debüt erst einmal ein mindestens ebenbürtiges zweites Werk zustande bringen muss. Kenney hat ihre Anfänge konsequent fortgesetzt. Ihre Texte sind sogar eindringlicher geworden, handeln vor allem von Abschieden aus längst gescheiterten Beziehungen und Affären, manchmal allerdings auch von Hoffnungen und Wünschen. Kenneys Lyrics funktionieren deshalb so gut, weil sie auf einer intimen Ebene des Ich und Du ablaufen. Die Worte gleichen manchmal einer Beichte, ab und an einem bitteren Resümee und gegen Ende liebevollen Komplimenten. Zu Beginn jedoch wird mit Schonungslosigkeit der Status quo seziert, für unbefriedigend befunden. Diesen Inhalten steht eine durchaus liebliche Melodik gegenüber, die für Verdaulichkeit sorgt.

Mo-Kenney-photo-by-Paul-Wright_279

Photo Credit: Paul Wright

 Weiterlesen

Schlaglicht 29: the innocence mission

Die Kunst des Folk-Pop-Lullabys beherrscht niemand besser als the innocence mission. Seit einer kleinen Ewigkeit schon offeriert das Ehepaar Karen und Don Peris zusammen mit Bassist Mike Bitts kleine Schlummerhilfen. Denn all ihren Alben und EPs ist eine schlichte Seligkeit gemein, eine große Entschleunigung, eine Kontemplation und Friedlichkeit. Man muss sich nur die Titel vergangener Platten auf der Zunge zergehen lassen: Now the Day Is Over (2004), We Walked in Song (2007), My Room in the Trees (2010). the innocence mission haben sich eine eigene kleine, behütete Welt gezimmert, die die laute, wilde Realität auf gebührenden Abstand hält.

 Weiterlesen

Schlaglicht 27: Frøkedal

So eine EP ist eine feine Sache. Denn eine EP bekommt in der Regel eine geringere Aufmerksamkeit als ein Album. Man kann somit etwas ausprobieren. Wenn es sich dann sogar noch um eine Debüt-EP handelt, sind Experiment und Versuch geradezu Pflicht. Das hat sich wohl auf die Norwegerin Frøkedal bei ihrer EP I See You gedacht. Der Titeltrack und auch der Songs Surfers bieten zunächst noch Folk-Pop mit kammermusikalischem Charme und Hippie-Harmonien. Mit Silhouettes ist weiters eine schwermütige, dennoch glockenklar leidende Ballade an Bord. Die ersten drei Titel wirken stimmig, fraglos sehr vielversprechend. Und dann kommt mit dem letzten Lied First Friend ein völliger Stilbruch. Der Track wartet mit Electro-Pop skandinavischer Prägung auf, gibt sich abgründig. Unvermittelt wird der Hörer mit den zwei Gesichtern von Frøkedal konfrontiert. Man kratzt sich anschließend am Kopf, vom Eindruck erfasst, dass dieser Spagat ein bisschen zu heftig ausfällt. Was nur darf man sich von Anne Lise Frøkedal also erhoffen?  Weiterlesen

Regional ist besser 5: Bukahara

Ich will kein Loblied auf Multikulti singen. Denn Realitäten würdigt man dadurch am besten, indem man sie als Normalität wahrnimmt. Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen funktioniert hierzulande im urbanen Raum vielfach gut, es ist doch vor allem die verstockte, von Ängsten zerfressene Provinz, die jede andere Hautfarbe oder andere Religion als Anschlag auf das eigene Selbstverständnis betrachtet. Wenn ich also heute eine Band vorstelle, deren Mitglieder das komplette Spektrum deutscher Lebenswirklichkeiten abdeckt, dann möchte ich die Regionalität dieser Band nochmals hervorstreichen. Diese Formation ist deutsch, nicht trotz des vorhandenen Migrationshintergrundes, sondern weil sie in Deutschland wirkt und werkt. Bukahara besteht aus Soufian Zoghlami, einem Halbtunesier, der die Hauptstimme stellt und Gitarre spielt, Ahmed Eid aus Palästina am Kontrabass, Daniel Avi Schneider mit schweizerisch-jüdischen Background an der Violine und dem für Tuba und Posaune zuständigen Max von Einem. Die Mitglieder von Bukahara sind in Köln und Berlin angesiedelt. Und so bunt wie man sich diese Truppe wohl vorstellen darf, ebenso bunt mutet die Musik an, die das im Mai veröffentlichte Album Strange Delight vorzuweisen hat. Ob Folk-Pop, Klänge vom Balkon oder eben auch orientalische Einflüsse, vielfältige Traditionen greifen wunderbar ineinander. Sind nie Gegensatz, vielmehr stets Ergänzung. Nicht zuletzt darum kann Kunst, in jenem Falle Musik, als Vorbild für ein gesellschaftliches Miteinander funktionieren.

Doch sehen wir uns Strange Delight ein wenig näher an. Der Opener Biography ist Steinchen für Steinchen ein Konglomerat aus Balkan-Swing, Dreißigerjahre-Cabaret-Flair und dem charismatischen, rauen Gesang Zoghlamis. Wer hier bereits ein Leuchten in den Augen entwickelt und die Hüften im Takt kreisen lässt, wird den Rest der Platte lieben.  Weiterlesen

Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte!  Weiterlesen