Schlaglicht 47: Great Lake Swimmers

Tony Dekker und seine Great Lake Swimmers brauche ich regelmäßigen Lesern dieses Blogs wohl nicht länger vorzustellen. Stattdessen will ich aus meinen Posts der letzten Jahre zitieren, um die Qualitäten der Formation nochmals aufzufächern.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Inmitten einer turbulent lautstarken Welt bilden die Kompositionen Tony Dekkers einen meditativen Zufluchtsort, den Liebhaber modernen Folks nicht missen möchten.[1] Die stoische, zeitlos gültige Art der Lieder kratzt ein kontemplatives Element hervor, fokussiert sich auf eine Grundsätzlichkeit, die durch den entspannt-gelösten Vortrag noch verstärkt wird. Jene innere Ruhe bietet Hörern Halt, gerät zum Gegenstück einer mit jeder Faser wuselnden Gesellschaft. Dekker wirkt wie ein Eremit, der sich durch Abschottung eine Reinheit und Ernsthaftigkeit bewahrt. Er teilt sich mit, liefert Einblicke und wahrt doch Distanz.[2] Nachdenklichkeit und Tiefgang berührt das Herz, erzeugt eine Stimmung des Sehnens, die nicht die üblichen Befindlichkeiten abspult.[3] Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen.[4]

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Schlaglicht 45: Mairearad Green

Der schottische Singer-Songwriter King Creosote hat sich vor 2 Jahren mit seinem Album From Scotland With Love in die Riege meiner Lieblinge gehievt. Er besitzt eine Stimme, die sich schwer beschreiben lässt. Da ist natürlich der unüberhörbare schottische Akzent, der dem Timbre eine gewisse Kernigkeit gibt. Dazu gesellt sich noch ein von Understatement beseelter Vortrag, dessen angenehme Nachdenklichkeit verfängt. From Scotland With Love hat mich 2014 wirklich entzückt. Und über eben jenen King Creosote bin ich auf seine Landsfrau Mairearad Green gestoßen. Die Folkmusikerin Green nimmt sich der großen regionalen Traditionen an, modernisiert sie mit Bedacht. Ihr dieser Tage erscheinendes Album Summer Isles verweist auf eine Inselgruppe in den schottischen Highlands. Die Pianoballade Blessing on Tanera ist eine poetisch-tagträumerische Hommage an Tanera Mòr, einer unbewohnten Insel, die zu den Inneren Hebriden gezählt wird. Eine friedliche, selige Entrücktheit kennzeichnet auch das Lied  A Tanera Talisman. Dessen kontemplative Atmosphäre wird von dezenter Streicher-Instrumentierung ausgestaltet. In einem gewissen Kontrast dazu steht Star of Hope, das der Ausgangspunkt meiner Entdeckung dieser Platte war. Hier gastiert King Creosote hinter dem Mikro, drückt dem Song im positivsten Sinne seinen Stempel auf. Star of Hope, das seinen Titel von einem zwischen den Inseln verkehrenden Handelsschiff bezieht, kommt dank Schlagzeug und Bass dynamischer rüber. Dieses Stück wäre in dieser quirlig-zärtlichen Weise auch auf einem Album King Creosotes sehr gut aufgehoben. Nicht umsonst scherzt er: „I feel as though I answered a personal ad that read: ‚Virtuoso bagpiper/accordionist from the Summer Isles seeks middle-aged alt. folk singer to collaborate on an original song that he might well wish he could poach for his own album.'“

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Erinnerungen aus dem Schatzkästchen der Selbstfindung – Kesang Marstrand

Speziell im Singer-Songwriter-Metier bescheinigt man Musik gerne Nachdenklichkeit. Aber was meint dies überhaupt? Grüblerei allein ist doch kein Wert an sich. Gedanken können sich auch so lange im Kreise drehen, bis sie völlig in sich zusammenfallen. Für mich bedeutet Nachdenklichkeit im musikalischen Sinne, dass man die Stimmung und Emotion eines Augenblicks einfängt, dessen Flüchtigkeit konserviert, seine Wahrhaftigkeit prüft. Dazu muss der Verstand in Bauchgefühle und Herzensangelegenheiten tauchen, mittels Sprache Schmetterlinge im Bauch einfangen und manch Sprünge im Herzen kitten. Nachdenklichkeit ist dann angesagt, wenn Gefühle und Situationen eine Erforschung lohnen. Wenn man sie sich auf der Zunge zergehen lassen möchte. Nachdenklichkeit bedeutet keinen Stresstest fürs Gehirn, Nachdenklichkeit stellt eher eine Form von Genuss dar. Die Singer-Songwriterin, die ich den werten Lesern heute begeistert vorstellen will, scheint eine sehr zärtliche, versonnene Art der Reflexion zu beherrschen. Die in New York lebende US-Amerikanierin Kesang Marstrand verfügt über eine angenehm unaufgeregte, gedankenverlorene Erzählweise, die sie von vielen ihrer verhärmt tönenden, des Seins müden Kolleginnen unterscheidet. Ihr Album For My Love hält Gemütslagen fest, knipst zur Erinnerung Polaroids. Marstrands Folk tönt dabei wunderbar austariert, plustert Gefühle nicht auf, streichelt die Empfindung vielmehr liebevoll. So wie man sacht über ein Foto streicht, sich die Umstände der Entstehung vergegenwärtigt.

For My Love zeichnet sich durch Ungekünsteltheit aus, durch entzücktes Staunen, wenn Verliebtheit das Innerste erfüllt, durch eine neugierige Sorgenfalte, wenn Enttäuschungen anstehen. Marstrands Timbre strotzt vor liebenswürdiger Wärme, und natürlich auch vor Langmut, mit der durchs Leben geschritten wird. Skyrocket kommt mit der irritierten Feststellung „You walk right through/ Taking over my imagination“ daher, lässt sich verwundern und beeindrucken, ohne dabei die Fassung zu verlieren.  Weiterlesen

Triumph der Lyrik – Kinbom & Kessner

Ein verhuschtes Chanson, ein folkiges Liedermacherwerk, ein der Poesie huldigendes Kunstlied, von derlei Dingen kann ich nie genug bekommen! Wenn die Chose dann noch in deutscher Sprache dargeboten wird, ist meine Freude groß. Lieder von Liebe und Krieg als Albumtitel stapelt allerdings nicht eben tief. Deutet er doch die Durchdringung der einschneidendsten Erfahrungen an, die Menschsein zu bieten hat. Niveauvolle deutsche Texte sind in der Musik unserer Tage allerdings Mangelware. Das Duo Kinbom & Kessner hat sich mit dieser gegen den Strich gebürsteten Platte also einiges vorgenommen. Die Arbeitsteilung wurde dabei klar umrissen. Der schwedische Gitarrist und Songwriter Fredrik Kinbom ist für die Musik verantwortlich, die deutschen Theatermacherin Sonja Kessner für Texte. Das Ergebnis fällt beachtenswert aus, weil man ihm anmerkt, dass es einer Gedankenwelt mit ausgeprägtem Kunstverständnis entstammt. Lyrik, ein bisschen markiger Brecht und ein Ausbrechen aus Zeitgeistigkeit lassen solch Lieder von Liebe und Krieg besonders wirken.

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Photo Credit: Anton Pohle

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Befreiung des Selbst – Amy Antin

In der Musik geschieht es oft, dass Mittzwanziger etwas über gescheiterte Lebensentwürfe erzählen. Als könnte man in diesem Alter bei aller Empathie tatsächlich verspüren, wie jedes gelebte Jahr die Seele ein wenig wunder scheuert. Leben nämlich ist ein stetiger Abnützungskampf. Eine mit Ende Zwanzig zur Schau getragene Ausweglosigkeit basiert vor allem auf viel melodramatischer Attitüde, während mangelnde Optionen in den Sechzigern schmerzliche Realität werden. In der Musik lassen wir uns zu oft auf schlecht gealterte Jugendlichkeit ein, während wir im Bereich der Literatur weitaus weniger Berührungsängste mit Weisheit und Alter haben. Eine steile These? Dann nehme man einfach die letzten 3 gehörten Singer-Songwriter-Platten und die letzten 3 gelesenen Bücher aus dem Regal, vergleiche das Alter der Musiker mit jenem der Schriftsteller. Das Resultat wird mir vermutlich recht geben. Doch zurück zum heutigen Thema, ich möchte nämlich meine Bewunderung für eine Platte äußern, die mir tatsächlich viel über manch Lebensentwürfe erzählt. Einen Monat schon höre ich Already Spring, das aus der Feder der in Köln lebenden US-Amerikanerin Amy Antin stammt. Ihrer Biografie entnehme ich, dass sie soeben 60 Jahre alt geworden. Reife und auch Temperament dieses Werks haben mich überaus beeindruckt. Antin braucht nicht mehr als eine akustische Gitarre, um Beobachtungen und Empfindungen in Musik zu meißeln.

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Schatzkästchen 37: Andrew Butler – Mainour

Ich mag Stimmen, die aus der Reihe tanzen, ein wenig danach klingen, als würde während des Singens die Zunge in den Zahnzwischenräumen nach den Resten des Mittagessens tasten. Ich schätze vor allem charakteristischen Folkgesang. Und genau diesen hat der in London ansässige Singer-Songwriter Andrew Butler zu bieten. Zärtlich in den hohen Lagen, sonst gern nachdenklich knödelig, so präsentiert sich eine Stimme, wie gemacht für erzählerischen Folk, der die essentiellen Dinge (Leben, Liebe, Tod) behandelt. Der wunderbar knorrig-elegante Song Mainour kündigt das im Frühjahr 2016 erscheinende Debüt Chalk an. Mainour steht für archetypischen, britischen Folk, der sich der Tradition entsprechend stark auf Gitarre und Vocals fokussiert, im Hintergrund jedoch exzellent und stimmungsvoll mit Bratsche instrumentiert ist.  Weiterlesen

Schlaglicht 33: Phaedra

James Bond meets Twin Peaks. Elfe trifft auf Nachtclubsängerin. Oder: Björk goes Opera! So ungefähr möchte ich Phaedra, das Projekt der in Oslo beheimateten Sängerin Ingvlid Langgård, beschreiben. Das vor Kurzem erschienene Album Blackwinged Night vereint sinistre Eleganz mit exzentrischer Folklore. Als Hörer ist man zwischen Anbetung und Irritation hin- und hergerissen. Ein größeres Kompliment könnte man einer Platte kaum machen. Die Faszination noch besser auf den Punkt hat die werte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog gebracht, wenn sie Phaedra als „Macbeths Hexe im Feen-Gewand“ bezeichnet. Damit verweist sie auf eine archaische Dunkelheit, die das Album zweifelsohne umfängt. Langgård ist ein atmosphärisch originäres Werk gelungen, dessen fraglos interessantes Songwriting von orchestraler Instrumentation und einer überragenden, facettenreichen Stimme gestützt wird. Nehmen wir doch etwa Too Much Sugar, welches wie eine Synthie-Tribal-Inkarnation eines Bond-Titelsongs anmutet. Oder Lightbeam, das dem durchaus populären, keltisch-nordischer Mythologie frönenden Folklore-Genre eine sehr seltene künstlerische Tiefe verleiht. Die Vielfalt von Blackwinged Night zeigt sich in der Folge beim von R&B und Art-Pop geprägten The Void. Episch wird das fast 11 Minuten dauernde Mend Me inszeniert, bei dem Langgård mit divaresker Souveränität intensive Minidramen und mit perfekt dosiertem Pathos dargebrachte Sehnsucht durchlebt.  Weiterlesen

Ätherische Süße und Blöße – Kodiak Deathbeds

Schleppendes Flüstern, fragiles Trällern, bedauerndes Seufzen, samtenes Hauchen und sehnsüchtige Klarheit! Amber Webbers außergewöhnliche Stimme hat das süße Timbre einer Countrysängerin, die intensive Blöße einer Folksängerin sowie die ätherische Verlorenheit einer Vertreterin des Dream-Pop. Zusammen mit dem Gitarristen Derek Fudesco bildet Webber das Duo Kodiak Deathbeds. Beide waren schon in verschiedenen Bands aktiv, sind sozusagen alte Hasen. Und vielleicht braucht es diese gewisse Abgeklärtheit, um ein Album aufzunehmen, welches voll und ganz auf das Zusammenwirken von Gitarre und Gesang vertraut. Dem selbstbetitelten Debüt steht diese karge Schlichtheit vorzüglich zu Gesicht.

Schon die ersten Akkorde von Never Change machen das Herz schwer. Der Vergleich mit den oft als Referenz beschworenen Mazzy Star schien noch selten angebrachter, vor allem wenn man an Songs des Debüts She Hangs Brightly denkt. Schwermut und Weltflucht lasten gleich einem Fluch auf dem Lied und dessen resignativem Seufzer „We’ve got our histories to blame/ But they never change„. Webbers melodischer Gesang wird an manchen Stellen in mehreren Schichten auf das Lied aufgetragen, sodass in den dramatischen Momenten chorhafte Fülle entsteht.  Weiterlesen

Ein Ringen um Orientierung – Kalle Mattson

Das Format EP wird ja oft ein wenig despektierlich behandelt. Im besten Fall beinhaltet es eine Handvoll Tracks, die entweder die Wartezeit zum nächsten Album überbrücken sollen oder aber thematisch nicht recht zur anstehenden Platte passen und deshalb als EP das Licht der Welt erblicken. Am lautersten wirkt das Format, wenn aufstrebende Musiker EPs als Lernprozess auf dem Weg hin zum Debütalbum verstehen. 2015 hat schon die eine oder andere wunderbare EP gesehen, das Konzept in meinen Augen sogar rehabilitiert. Dazu zählt fraglos auch das sechs Tracks umfassende Werk Avalanche des kanadischen Singer-Songwriters Kalle Mattson. Vor anderthalb Jahren hat er mit Someday, The Moon Will Be Gold eine großartige Platte vorgelegt, die ich mit viel Lob bedacht habe. Er weiß also, wie ein Album geht, und hat sich dennoch für die komprimierte Form entschieden.

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Ein Hauch von Ewigkeit – Great Lake Swimmers

Tony Dekker ist ein Folk-Barde, wie er im Buche steht. Reflektiert, naturverbunden, mit viel Authentizität gesegnet. Zugleich beschränkt er sein musikalisches Schaffen keineswegs auf Gitarre und eremitische Abgeschiedenheit. Jener in bedächtiger Manier vollführte Folk-Rock und dieses Faible für lebendige Rhythmik ergänzen den gedankenversunken, warmen Vortrag perfekt. Mit seinen Great Lake Swimmers schlägt er seit über 10 Jahren die Brücke zwischen Erbaulichkeit und unprätentiösem Fühlen. Auch das jüngste, im Frühjahr 2015 erschienene A Forest of Arms bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

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Photo Credit: Marina Manushenko

Es ist ein Werk, das vereinzelt ein wenig quirliger auftritt, stellenweise hemdsärmeligen Rock sehr betont, sogar mit Refrains aufwartet, die zum Mitsingen einladen. Der Country-Rocker I Must Have Some Else’s Blues ist nicht eben typisch für die Band. Auch das zünftige One More Charge at the Red Cape fällt ein wenig aus der Rolle. Dieser Song wagt es, einen straighten Bandsound mit Dekkers manchmal fast schüchternen Gesang zu kombinieren. Das hat seinen Reiz, allerdings kommt sein Vortrag bei akustischeren, gedämpfteren Nummern besser zur Geltung.  Weiterlesen