Ein Hippie-Western – The Limiñanas

Warum existiert eigentlich der Spaghetti-Western, nicht aber der Croissant-Western? Auf musikalische Weise hat das französische Duo The Limiñanas einen eben solchen, ein lecker Croissant mit Hanffüllung sogar, ersonnen. Das mittlerweile fünftes Studioalbum trägt den Namen Shadow People, verbindet psychedelischen Garage mit ganz viel Western-Flair. Fast könnte man meinen, eine Hippie-Kommune auf LSD hätte sich irgendwo in den Pyrenäen verabredet, um einen auf Winnetou zu machen. Bei dieser Chose funktioniert schlicht alles, die Atmosphäre ist luftig, der Rhythmus ansteckend, Sechziger-Chic trifft auf den Geist eines Gainsbourg.

Photo Credit: Emmanuel Fontanesi

Das herrlich stimmige Retro-Flair ist ein Pfund der Platte. Die Vielfalt der Ideen mindestens ein ebenso großes. Sortieren wir die Einfälle zunächst ein wenig. Drei instrumentale Stücke, namentlich der Opener Ouverture, das im Verlauf wunderbare Motorizatti Marie sowie zu guter Letzt De la part des copains bescheren dem Werk den Charakter eines Soundtracks. Ersterer Track rockt mit psychedelischer Sohle übers Parkett, pfiffig wird ein kleines Westernmotiv reingeschummelt. Bei Motorizatti Marie mag man sich einen niedlichen Citroën 2CV über Gebirgsserpentinen sausend ausmalen, den Abschluss des Albums bildet dagegen ein wohliger Ritt in einen goldenen Sonnenuntergang. So viel zu den Tracks, die die Fantasie einladen, Purzelbäume zu schlagen. Wenden wir uns nun den Liedern mit Sprechgesang zu. Le Premier Jour strotzt vor beschwörerisch-sinnlicher Tiefentspannung, hier wird das Andenken an Serge Gainsbourg fraglos gepflegt. Noch besser fällt Trois Bancs aus, das ein wenig nach Charles Bukowski in einem werwolfhaften Albtraum klingt. Das Resultat ist ein Stück voll hypnotischer Eleganz, bei dem sich eine mit ordentlich Fuzz belegte Gitarre in einen verqueren Rausch spielt. Dimanche (feat. Bertrand Belin) schießt endgültig den Vogel ab. Der bewusst dröge gehaltene, fast befehlstonhafte Sprechgesang kommt gerade so daher, als wäre er einem jener Fernsehsprachkurse früherer Zeiten entsprungen. Musikalisch wird diese Wirkung sogar durch einen monotonen, psychedelischen Westernsound noch verstärkt. Vielleicht zündet der Track gerade deshalb. Die illustre Gästeschar sorgt für weitere Knaller. Bei The Gift holt man Urgestein Peter Hook, seines Zeichens Bassist bei Joy Division und New Order, dazu. Zumindest auf mich wirken The Limiñanas und Hook ein bisschen wie die französische Inkarnation von The Cure zu Zeiten von Kiss me Kiss me Kiss me. Getoppt wird dies nur noch vom Titeltrack Shadow People mit der unvergleichlichen Emmanuelle Seigner. Bereits Ende 2017 wurde das Lied hier schon gewürdigt. Seitdem ist kaum ein Tag vergangen, an dem die Ode an Schattenmenschen nicht durch meine Boxen erschallt ist. Der lakonisch-schöne Vortrag Seigners entzückt ungemein! Eine für dieses Album geradezu überraschungsarme Nummer ist Istanbul Is Sleepy (feat. Anton Newcombe). Der Frontmann von The Brian Jonestown Massacre kann der Nummer vielleicht nicht so sehr seinen Stempel aufdrücken, wie dies die anderen Gäste tun, zugleich glänzt der bereits letzten Herbst erschienene Song als angenehm eingängiger Garage-Pop. Last, but not least sei das bislang einzig unerwähnten Stück Pink Flamingo angepriesen. Wer bei diesem luftigen Pop genau hinhört, sieht relaxte Hippies süßester Entrücktheit frönen und ringelreihend schunkeln.

Wenn man beim Album Shadow People von einem Hippie-Western sprechen will, dann stellt sich natürlich die Frage, ob die Ideale des Hippietums und das Wesen des Western irgendwie in Einklang zu bringen sind. Können drogeninduzierte Tragträumerei und mit allen Wassern gewaschene Coolness überhaupt zusammen funktionieren? In musikalischer Hinsicht aber so was von garantiert! The Limiñanas versehen den Retro-Liebreiz mit ein wenig herber Nonchalance. Dem Duo gelingt ein mit scheinbar leichter Hand und ohne abgestandene Nostalgie ersonnenes Meisterwerk, das ungemein zu unterhalten weiß und die Imagination des Hörers beflügelt. Mehr kann man sich als Hörer nun wirklich nicht wünschen!

Shadow People ist am 19.01.2018 auf Because Music erschienen.

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SomeVapourTrails

Schatzkästchen 69: The Regrettes – Hey Now

TheRegrettes

Photo Credit: Jen Rosenstein

Ein vorwitzig aus der Wäsche schauendes, ein bisschen auf zerzaust gestyltes Quartett aus Kalifornien sei den Lesern heute mit gleich mehreren Ausrufezeichen empfohlen!!! The Regrettes machen eingängigen Garage-Pop mit viel Sixties-Charme und einer kräftigen Prise verspielten Punks. Diese Attitüde beschert uns den Ohrwurm Hey Now, der das Zeug zum Indie-Sommerhit hat. Der freche, lärmige Appeal und flapsige Pfiff von Hey Now strotzt vor guter Laune. Mit solch einem Lied auf den Kopfhörern lässt sich beschwingt durch Straßen laufen und den grimmigen Mienen der Mitmenschen die Zunge entgegenstrecken. Wer also ein Faible für melodieverliebten Retro hat, wer die rohe Energie des Punk schätzt, wer einen Song zum Immer-wieder-Hören sucht, ist mit The Regrettes wirklich bestens bedient! (via Nicorola)

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