Schlaglicht 58: Basement Revolver

Basement-Revolver

Wow! Es gibt Klänge, die mir nur ein schlichtes Wow entlocken. Das kanadische Trio Basement Revolver fabriziert solche tollen Klänge. Morgen veröffentlicht die Band ihre vier Titel umfassende, selbstbenannte Debüt-EP, die mit einem Ausruf der Begeisterung vielleicht doch nicht ausreichend gewürdigt scheint. Schauen wir uns also die Qualitäten der Formation näher an. Die Basis dieser Musik bildet ein ausgesprochen introspektiver Indie-Rock. Dabei allein bleibt es aber nicht. Der balladeske Song Lake, Steel, Oil etwa vermischt einen beschaulich-nachdenklichen, glockenklaren Gesang in der Manier von the innocence mission mit verzerrtem, mächtigem Shoegaze. Mit regelrechtem Staunen wird im Refrain die Erkenntnis „These days are numbered/ So don’t waste them on slumber“ kundgetan, so als wäre das Wissen um Vergänglichkeit gerade eben geschaut worden. Dieser Song zählt für mich bereits zu einem Highlight des Musikjahres 2016. Doch halt, die EP hat noch mehr Pfeile im Köcher. Zum Beispiel den Indie-Pop von Johnny, mit kräftigen Drums aufgefettet und mit ein wenig Twee-Süße veredelt. Wenn man im Indie-Bereich von einem Ohrwurm sprechen möchte, dann kommt dieser Song dem Begriff verdammt nahe. Die Sängerin Chrisy Hurn entzückt mit einer Stimme, die in sich gekehrt, unprätentiös wie inbrünstig wirkt, zugleich auch eine getrocknete Träne im Augenwinkel trägt. Auch Words kommt mit einem gewissen Maß an Beiläufigkeit daher, der Refrain „Words are just words are words are words“ mutet dabei als leiser Seufzer an.

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Poesie abseits von Je t’aime – Radio Elvis

Wenn sich eine Band nach EPs, die ich freudig goutiert habe, endlich an ein Debütalbum wagt, bange ich manchmal ein wenig, ob es denn auch klappt. Eine EP mit ungefähr 15 Minuten Spielzeit ist leichter zu fabrizieren als eine Platte, die schon auf 45 Minuten und mehr kommen sollte. Nun könnte man natürlich auf die grandiose Idee kommen, den Erstling als Best-of bereits veröffentlichter EPs zu konzipieren. Ob man damit allerdings Fans der bisherigen EPs einen großen Gefallen tut? Vielleicht haben solche Gedanken die Entstehung des Albums Les Conquêtes geprägt. Für die französische Formation Radio Elvis habe in den vergangenen 12 Monaten nur Lobeshymnen übrig gehabt und den Song Goliath sogar zu meinem Lieblingslied des Jahres 2015 gekürt. Gerade deshalb war ich doch einigermaßen überrascht, dass sich besagtes Goliath nun nicht auf dem Debütalbum wiederfindet. Vermutlich wollte die Band das Best-of-Szenario vermeiden. Les Conquêtes offeriert stattdessen überwiegend neue, unverbrauchte Lieder. Und tut dies verblüffend unaufgeregt. Man kennt das ja, dass die Ambition, die sich bei einem Debüt aufgestaut hat, oft nur bedingt mit dem Resultat korreliert. Nicht so bei diesen doch sehr abgeklärt wirkenden Franzosen! Ich zumindest habe bei dieser Platte nie das Gefühl, dass Radio Elvis Hits mit der Brechstange fabrizieren wollen. Eher neigen sie zu Understatement, sofern dies bei diesem in Sound, Darbietung und Optik markanten Mix aus Chanson, Pop und Indie-Rock denn möglich ist.

Schon im Februar habe ich bei der Ankündigung des Albums die Qualitäten der Formation herausgearbeitet. Der Sänger Pierre Guénard sieht dank Brille und Ohrring wie ein Nerd aus der Provinz aus, den nur die Gnade der späten Geburt von seiner Aufmachung freispricht. Seine Visage hat noch dazu etwas milchbubihaftes. Doch spätestens wenn er zu singen beginnt, weichen äußerliche Irritationen. Weil dann gesangliche beginnen. Denn diese Stimme scheint zunächst zu fein für Pop, zu weich für Indie-Rock und zu jugendlich für das große Chanson.  Weiterlesen

Schlaglicht 48: Moonface & Siinai

Ist es wirklich schon vier Jahre her, dass Spencer Krug als Moonface zusammen mit der finnischen Formation Siinai das tolle Album Heartbreaking Bravery veröffentlicht hat? Der Song Teary Eyes And Bloody Lips war nicht zuletzt wegen des Refrains „Teary eyes and bloody lips/ Make you look like Stevie Nicks“ eines meiner Lieblingsstücke des Jahres 2012. Umso mehr freut es mich, dass dieser Tage das Nachfolgealbum My Best Human Face für Juni angekündigt wurde. Ein Großteil der Aufnahmen stammt noch aus dem Jahre 2014, als der Kanadier Krug seine Zelte in Finnland aufgeschlagen hatte. Mittlerweile lebt er wieder in Kanada, bastelt an einem Comeback seiner Band Wolf Parade. Gut möglich also, dass My Best Human Face die auf absehbare Zeit letzte Kooperation mit Siinai bleibt, wie er selbst auf der Labelseite einräumt. Dem ersten Vorgeschmack Risto’s Riff nach zu schließen, knüpfen die Aufnahmen an das Temperament und die Spielfreude an, die bereits den besagten Track Teary Eyes And Bloody Lips ausgezeichnet hat. Stereogum, bei dem Risto’s Riff soeben seine Premiere gefeiert hat, notiert dazu: „It rocks harder than anything Krug has ever recorded under the Moonface name, riding a crisp motorik groove straight into an explosive chorus. And honestly, it’s exhilarating just to hear that voice fronting an actual rock band again.“

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Hauruck des Jahres – Wintersleep

Ich kann mir die Szenerie richtiggehend ausmalen. Der Abends ist bereits fortgeschritten genug, um es für dieses Mal gut sein zu lassen. Eine der talentiersten Bands Kanadas sitzt ein wenig ausgelaugt im Proberaum bei einem Bierchen zusammen, die Aufnahmen zum nächsten Album wollen nicht recht von der Hand gehen. Mehr aus Zufall denn aus heftiger Grüblerei heraus steht mit einem Mal die Frage im Raum, warum es bei den bisherigen Platten eigentlich nie für die Top 10 der hiesigen Charts gereicht hat. An der Eingängigkeit des angebotenen Indie-Rocks kann es kaum liegen, dieser Konsens wird sofort einstimmig erzielt. Dennoch werden die Gesichter immer nachdenklicher, bis irgendjemand einen weiteren Makel anspricht. Weshalb nur geht den doofen Amis die angebotene Mucke so richtig am Arsch vorbei? Nichts gegen die Fanbase im eigenen Land, aber die USA liegen quasi vor der Haustür. Dennoch bekommt man dort keinen Fuß in die Charts. Die Runde übt sich zwischen zwei Nucklern an den Bierflaschen längst im Ziehen von Grimassen. Irgendwann siegt der Trotz. Man beschließt eine oberaffengeile Single aufzunehmen, eine von der ganz denkwürdigen Sorte, die jeden Ami vor Neid erblassen lassen würde. Nun werden die Herrschaften sogar dreist, ein bierschwangerer Einfall explodiert in ihren Hirnen. Nennen wir das Stück doch Amerika, feixen sie einander zu. So in etwa stelle ich mir die ersten Geburtswehen des Album The Great Detachment vor. Was immer sich die Band im heimischen Nova Scotia auch gedacht hat, Wintersleep ist mit diesem Werk ein großer Wurf gelungen.

Ja, The Great Detachment begeistert als sympathisches Stück Musik. Und doch würde es mit dem grandiosen, leider unterschätzten Vorgängeralbum Hello Hum wohl nur mit Mühe mithalten können, wenn Wintersleep nicht den einen, für die Annalen bestimmten Knaller auspacken würden. Für die bereits angesprochene Single Amerika scheint kein Stadion überdimensioniert, keine ekstatische Kulisse zu enthusiasmiert.  Weiterlesen

Schlaglicht 43: Radio Elvis

Im Jahr 2015 war meine größte musikalische Inspiration zweifelsohne die französische Formation Radio Elvis. Als logische Konsequenz stand der Song Goliath dann am Ende des Jahres auch an der Spitze meiner Liste mit Lieblingsliedern. Die drei jungen Herren kreieren einen in Sound, Darbietung und Optik singulären Mix aus Chanson, Pop und Indie-Rock. Das beginnt beim Habitus des Sängers Pierre Guénard, der unter anderem dank Brille und Ohrring wie ein um mindestens 25 Jahre zu spät geborener Nerd aus der Provinz wirkt. Und dieses Milchbubi, dessen Gesicht man reflexhaft nach Pickeln als den letzten Überresten der Pubertät absucht, soll tatsächlich das Zeug besitzen, einem der besten neuen Acts aus Frankreich vorzustehen? Er tut es, mit Bravour! Mit einem Hauch von Rebellion! Mit einer ganz speziellen exzentrischen Coolness! Mit einer Stimme, die zu fein für Pop, zu weich für Indie-Rock und noch einen Tick zu jugendlich für die große Tradition des Chansons anmutet. Zusammen mit Manu Ralambo (Bass, Gitarre) und Colin Russeil (Schlagzeug) bildet Guénard ein Trio, das in seiner gesamten Konzeption aus der musikalischen Masse heraussticht.  Weiterlesen

Schatzkästchen 47: The Jezabels – Come Alive

Dieser heutige Post kommt mit leisem Grummeln in der Magengegend daher. Denn leider hat es sich derzeit eingebürgert, dass ein Album immer öfter mit einem Stück Schicksal angeteasert wird. Kaum ein Pressetext kommt ohne mehr oder weniger dramatische Hintergrundinformation aus, die das künstlerische Werk in einen gewissen Kontext setzen und dadurch auch eine Art Deutungshoheit erlangen möchte. Die Biografie eines Sängers oder einer Band wird auf schicksalhafte Erlebnisse abgeklopft, deren Verarbeitung dann das Werk dominieren. Selbstverständlich ist ein Werk immer auch Produkt der Umstände, die zu seiner Entstehung geführt haben. Aber ein Album muss sich zunächst durch die eigene Qualität legitimieren, ehe das Wie und das Warum für tieferes Verständnis sorgen können. Ein mittelmäßiges Lied wird nicht besser, wenn der Hörer darum weiß, dass während der Aufnahme der Schwippschwager des Tontechnikers über den Jordan gegangen ist. Ein starker Song gewinnt freilich dazu, wenn man die Hintergründe kennt. Als bestes Beispiel dient ein Lied der Tindersticks, über das ich vor wenigen Tagen geschrieben habe.

Heute möchte ich den Song Come Alive der australischen Formation The Jezabels ans Herz legen. Die Band ist aufmerksamen Lesern dieses Blogs fraglos vertraut, bereits mehrfach habe ich in der Vergangenheit über sie geschrieben. Den neuen Track, im November 2015 als Vorgeschmack auf das kommende Album vorgestellt, hatte ich freilich völlig übersehen. Und vielleicht wäre in der überbordenden Newsletterflut auch das für Februar angekündigte Album Synthia untergegangen, wenn nicht eine Promo-Mail die Absage einer für März angekündigten Tour durch Deutschland verlautbar hätte.  Weiterlesen

Schatzkästchen 44: Wintersleep – Amerika

Die in den letzten Jahren zu einer meiner absoluten Lieblingsbands aufgestiegenen Kanadier Wintersleep melden sich mit einem neuen Song zurück! 2012 haben sie mir mit dem Album Hello Hum den Kopf verdreht, für März ist nun endlich die neue Platte The Great Detachment angekündigt. Ich schätze die Band für einen intensiven Indie-Rock, dessen Melodien und Texte haften bleiben. Viele ihrer Lieder haben diese eine Zeile, die sich derart einprägt, dass man sie in den summt und singt, wenn das Lied schon längst verklungen ist. Den Refrain „Nothing is anything without you, babe“ des Songs Nothing Is Anything (Without You) trällere ich seit Jahren immer wieder mal dahin. Solch dauerhafte Wirkung haben nicht eben viele Indie-Rock-Bands auf mich. Der erste Vorbote des neuen Werk ist auch schon zu vernehmen, der Track Amerika gerät zur Hymne mit mächtigen Gitarrenriffs. Man darf von der Nummer freilich kein Loblied auf Amerika erwarten, Amerika ist eher Sehnsucht nach einem Ideal, nämlich der beständigen Verbindung von Erde, Freiheit, Liebe und Gesetz und Leben zu sehen.  Weiterlesen

Großes Glück im Unglück – Library Voices

Eine meiner Lieblingsplatten des Jahres habe ich bisher noch mit keiner einzigen Silbe erwähnt. Das soll sich heute schleunigst ändern. Lovish hat mich bereits mit den ersten Takten ganz und völlig eingefangen, noch ehe ich die Hintergrundgeschichte des Werks kannte. Die kanadische Formation Library Voices hat sich seit 2008 mit Indie-Pop einen guten Namen gemacht, dieses Album freilich markiert eine Neuausrichtung ihres Tuns. Lovish glänzt mit Indie-Rock, der durch Garage und psychedelische Elementen verfeinert wird. Vielleicht erklärt sich der Aufbruch zu neuen musikalischen Gefilden auch durch einen Schicksalschlag, den der Gitarrist und Sänger Carl Johnson erlitten hat. Er wurde nämlich Zufallsopfer eines Gewaltexzesses, erlitt dabei eine Hirnblutung, von welcher er sich immer noch erholen muss. Die Platte ist dennoch keine düstere Angelegenheit, sie ist durchaus melodisch gehalten, zugleich jedoch oft druckvoll und kompakt im Sound.

© Chris Graham Photo 2015

© Chris Graham Photo 2015

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Stream: Palma Violets – Last Christmas on Planet Earth

Mit einiger Verwunderung habe ich festgestellt, dass wir die Indie-Rock-Formation Palma Violets auf diesem Blog noch gar nie erwähnt haben. Dann holen wir das jetzt schleunigst nach, indem wir auf die Weihnachtssingle der Briten verweisen, die den bedeutsamen Titel Last Christmas on Planet Earth trägt. Man darf sich den Song als rockige Suff-Hymne vorstellen, als einen Gegenentwurf zu all der geheuchelten Besinnlichkeit. Last Christmas on Planet Earth fällt so inbrünstig wie verkracht aus, torkelt dahin. Wer einen abgefuckten, völlig dichten Santa erleben und dazu einer unter Drogen stehende Sekte beim Tanzen zusehen möchte, wird auch am Musikclip zum Lied schiere Freude haben.  Weiterlesen

Wie begossene Pudel – A Tale Of Golden Keys

Es gibt Tage, an denen man mit einer blümeranten Stimmung aufwacht, die man sich nicht so einfach aus den Augenwinkeln reiben kann. An solch Tagen fühlt man einen bitteren Geschmack im Mund, den kein Wässerchen und nicht einmal Kaffee vertreiben kann. Alles wird von der Melancholie dominiert, durch die beschlagene Brille ungebremster Wehmut wahrgenommen. Das Hier und Jetzt ist  irgendwo zwischen Kapitulation und Frustration angesiedelt. Was auch gedacht wird, denkt sich verkehrt. Genau für jene Tage scheint das Album Everything Went Down As Planned gemacht. Der deutschen Formation A Tale Of Golden Keys glückt eine nachdenkliche, mit Verlorenheit hadernde Platte, die wir uns ohne Umschweife kurz näher ansehen wollen.

Bereits der Opener All Of This zählt zu den stärksten Stücken des Werks. Einem zarten, empathischen Gesang steht ein edles Klavier zur Seite, das sehr in den Vordergrund gerückte Schlagzeug gibt dem Stück Lebendigkeit, stößt auch die mit Streichern forcierte Aufbruchstimmung an, die allen Fragen einen kleinen musikalischen Hoffnungsschimmer entgegensetzt. Der Titeltrack Everything Went Down As Planned wiederum wirkt seltsam getrieben, nervös, geradezu auf der Flucht. In dieser Hektik ist es Hannes Neunhoeffer, der mit der Gewissheit einer selbsterfüllende Prophezeiung gelassen den Abgesang anstimmt, während der Song zur Gitarrenhymne ausholt.  Weiterlesen