Hängt den Sündenbock

Jede Katastrophe und Tragödie führt zu einem gesellschaftlichen Rumoren und dem Ruf nach Konsequenzen. So auch der gestrige Amoklauf von Winnenden. Trauer und Sensationslust sind erst befriedigt, wenn man das trügerische Gefühl der Sicherheit zurückerlangt hat. Dazu freilich bedarf es zweiferlei: Das Dingfestmachen von Sündenböcken und die Ankündigung von Maßnahmen, die eine Wiederholung der Ereignisse erschweren sollen. Zumindest die Sündenböcke wurden im Zuge der gestrigen Bestandsaufnahme in der Sendung Hart aber fair bereits eruiert. Neben dem Computerspiel Counter-Strike sollen  es auch gewaltverherrlichende Lieder und Videos sein. So zum Beispiel wurde das Album Amokzahltag des Rappers KAAS als Verherrlichung eines Amoklaufs bewertet. Prompt wurde das gleichnamige Video von diversen Plattformen wie YouTube gelöscht. Eine offizielle Stellungnahme des Rappers oder seines Labels Chimperator steht noch aus. Ist damit die Jugend Deutschlands vor weiteren Amokläufen geschützt? Man darf dies bezweifeln. Drei Aspekte sollten wir uns kurz vergegenwärtigen.

1.)  Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein schlecht gerappter Track generiert noch keine Armee von amokwütigen Zombies. Menschen am Abgrund werden immer einen Auslöser für den finalen Schritt finden. Ob es vor über 200 Jahren Goethes Werther war, der suizidgefährdete Menschen in den Selbstmord trieb, oder Marilyn Manson ist, den die Amokläufer in der Columbine High School angeblich gerne hörten. Labile Menschen werden immer eine Möglichkeit finden aus der Ohnmacht heraus Allmachtsfantasien zu entwickeln und diese dann auszuleben. Ob dies nun das Ende des eigenen Lebens bedeutet oder ein Massaker an Mitmenschen, in keinem Fall sollte man das Augenmerk auf den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, fokussieren.

2.) Jugendschutz ist eine wichtige Sache. Aber mehr noch als Altersbeschränkungen schützt soziale Wärme Menschen vor dem Abdriften in den Wahnsinn. Und diese fehlende Nestwärme – ob im Elternhaus oder in der Schule – mündet in Gewaltbereitschaft und Verrohung. Und bei Einzelnen dann in der Katastrophe. Nicht ein Rapper mit frauenfeindlichen Plattitüden (Bushido) verdirbt die Jugend, kein Liedtext über das Gefühlsleben eines Amokläufers (KAAS) wird einem gefestigten Charakter verderben. Dies sind lediglich Indikatoren, die eine orientierungslose Zielgruppe ansprechen und deren Innenleben auf den Punkt bringen. Insofern wird in dem gestrigen Lynchgeheul der Überbringer der schlechten Nachricht als Täter gegeißelt.

3.) Das Entfernen eines Videos oder das Verbot eines Videospiels wird Menschen, die sich durch die Thematik angesprochen fühlen, von gar nichts abhalten. Im Gegenteil. Warum wird eigentlich selten gefragt, wie oft solch Musik oder PC-Game schon erfolgreich für Aggressionsbewältigung gesorgt haben? Und warum werfen wir alle Konsumenten dieser angeblich „bösen“ Machwerke in einen Topf? Wenn jeder Hörer oder Spieler potentieller Killer wäre, dann könnte man sich nicht mehr auf die Straße wagen.

Die Sündenböcke sind wir alle. Eine grausame Gesellschaft, die Werte nur mehr durch Verbote vermittelt und egoistischen Individualimus als oberste Prämisse hat. Wenn die Verlierer des Systems austicken, sind sie von satanischen Mächten beseelt, denken wir. Dass es mangelnde Hilfe, Solidarität und Einfühlungsvermögen sein könnte, wird ausgeblendet. Da hängt man doch bevorzugt den Sündenbock in Form des zugegeben unbedarften Rappers KAAS.

Achja, noch ein Gedanke. Naziaufmärsche lässt man zu, obzwar jeder Bürger sich im Klaren ist, wofür diese Ideologie steht. Aber wehe, wenn auf fikitonale Weise Gewalt thematisiert wird. Dann spricht fast jedermann von Gewaltverherrlichung und schreit nach Verboten. Viel zu simpel gedacht.

SomeVapourTrails