Release Gestöber 44 (200, Land of Kush, PINS)

200

Natürlich darf man Kuriositäten mild belächeln. Was wäre die Welt ohne Exoten, etwa einen kenianischen Skirennläufer oder einen guatemaltekischen Oktoberfestbesucher. Derart kurios mutet freilich auch eine Punk-Rock-Band von den Färöer Inseln an. Was verbindet man mit dieser knapp 50000 Einwohner zählenden Inselgruppe? Doch wohl das ausgiebige Fischerdasein und eine eigene Fußballnationalmannschaft, die es vor über 20 Jahren einmal geschafft hat, in einer EM-Qualifikation der Fußballmacht Österreich eine historische Blamage zuzufügen. Als musikalischer Hotspot sind die Färöer Inseln – im Gegensatz zu Island – bisher nicht in Erscheinung getreten. Wenn ich jedoch das Rambazamba der Formation 200 anhöre, dann mag zwar die Herkunft der Band ungewöhnlich sein, musikalische Hinterwäldler sind die Musiker keineswegs. Das Album Vendetta! gönnt sich ordentliche nordische Härte, die jenseits aller Textlichkeit Schweiß, Rotz und Renitenz versprüht. Zu den Grundpfeilern leidenschaftlicher Authentizität zählen die unter einer Minute angesiedelten Tracks Punkurin frá helviti, Hakka blokkin und Miðfingurin til miðflokkin. Sie geben die Attitüde vor, die bei Titel wie Makka rætt brachial hard-rockig ausgestaltet wird. Eher schon in Richtung Southern Rock geht Við love skuldu vit land byggja, das Highlight dieser Platte. Als ähnlich gut entpuppt sich das düster-psychedelisch veranlagte Brúka tína makt. 200 sind auf Vendetta immer auch für eine Überraschung gut, so lässt der auf Bossa Nova getrimmte, ramschige Heimorgelsound von B-A-D-H durchaus ein Stirnrunzeln zu. Solch Moment verrät dann doch ein musikalisches Exotentum. In der Summe freilich ist diese Platte vom Jux weit entfernt, mehrheitlich ungezügelt und voll Passion. Schon deshalb sollte man Vendetta! ein Ohr leihen.

Vendetta! erscheint am 23.08.2013 auf TUTL.

Land of Kush

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Stippvisite 11/07/10

Hörtipp:

Es gibt Alben, die einfach unter den Tisch fallen. Zumindest unter meinen. Wenn ich da nicht ab und an zufällig hinunter spähe, dann würde sie dort wohl auch dauerhaft dahinsiechen. Schade, dass der Fortpflanzungstrieb von CDs sich bestenfalls auf Selbstreproduktion beschränkt, auch dies nur unter brennender Mithilfe. Was sich sonst unter meinem Tisch paaren würde, das könnte schon eine schräge Brut hervorbringen. Doch zurück zu einem im Mai auf dem renommierten Label Constellation erschienen Werk namens Monogamy. Das Land Of Kush’s Egyptian Light Orchestra massierte bereits 2009 – damals noch als Land Of Kush firmierend – mit der Platte Against The Day mein Verlangen nach exotischen, schwer in Genre-Schubladen zu verfrachtenden Klängen, die von der Plattenfirma mit „psych-arabic jazz orchestra“ charakterisiert werden. Wer hochgradig experimentellem Sound aus Prinzip nicht die nackte Schulter zeigt, der darf sich nach Erlauschen von Monogamy auf selbige klopfen. Geschmackssicheren Connaisseuren sollte besonders Fisherman Wonne bereiten.

Land Of Kush – Monogamy – PREVIEW by Constellation Records

Sommertipp:

Ich gehöre ja zur Spezies der Label-Fetischisten. Wenn ich von der grundsätzlichen musikalischen Ausrichtung eines Labels überzeugt bin, will ich es nach Kräften unterstützen. In diese Kategorie fällt analogsoul, das von Leipzig aus gehaltvolle Kost für Schleckermäuler serviert. Und als es mir diese Woche einen Dub-Remix des Tracks Dünner Tag der Singer-Songwriterin illute als Sommersong 2010 anpries, habe ich das auch mit einem gewissen Vertrauensvorschuss registriert. In der Tat entwickelt der Song schöne Entspanntheit samt feiner Textlichkeit. Die Dame kann etwas, da bin ich weiteren Hörproben nicht abgeneigt. Der kostenlosen Download ist hier erhältlich und allen Hitzegeschädigten dringend angeraten.

Konzerttermine:

14.07.10 Berlin – L.U.X
16.07.10 Leipzig – KUB

Entdeckertipp:

Eigentlich kaufe ich das klienicum fast alles ab. Was dort an Indie-Musik erwähnt wird, strotzt vor Klasse und Stil. Besonders beeindruckt hat mich unlängst an dieser Stelle erwähnter Charles Burst, der in die Kategorie derjenigen Singer-Songwriter gehört, die mit einer ungemein schönen Stimme auch eine Bestellung beim lokalen Pizza-Service vorträllern könnten, mir dabei Begeisterung entlocken würden. Auf der MySpace-Seite des Künstlers bitte einfach einmal Nights Out oder Blow The Fire Out anhören. Danke! (Einen kostenlosen Download findet man auf der Seite der Plattenfirma Ernest Jenning Record Co.)

Bimssteintipp:

Man kann die Schrunden des Sommers gut abrubbeln, indem man die Hitze mit Kälte abschmirgelt. Dazu würde sich zwecks Kalauerei eine kühle Blonde aus Schweden anbieten. Schade, dass die dunkelhaarige Emilie Lund nicht das Klischee erfüllt. Eine gerüttelt Maß an nordischer Kühle darf man der folkig aufgelegten Dame aber auf alle Fälle attestieren. Und freilich haben die Kollegen bereits da und dort im letzten Herbst darüber berichtet, aber mir sitzt halt der Schalk im Nacken. Samba-Klänge hebe ich mir für den Weihnachtsbaum auf und Schwermütigkeit gerne auch mal für das schweißtreibende Jetzt. Die selbstbetitelte EP ist als kostenloser Download verfügbar.

Videotipp:

Die Kanadierin Hannah Georgas hatte ich schon im Rahmen einer früheren Stippvisite erwähnt. Nun sei nochmals auf sie verwiesen und das nette Video zu dem wirklich quirligen Song Bang Bang You’re Dead gepostet. Bleibt aber so was von hammergeil im Ohr hängen, ey!

Diskussionstipp:

Ich kann es nicht mehr hören, dass Musiker selbst schuld sind, wenn sie keine vernünftigen Geschäftsmodelle entwickeln, um mit ihrer Musik auch Geld zu verdienen. Dazu werde ich in den nächsten Tagen noch einmal ein paar Gedanken beisteuern. Für heute soll auf folgenden Meldung verwiesen werden: Study: Less Than 5% Of Indie Artists Make A Living. Nun könnte man das als schiere Propaganda der Musikindustrie abtun. Ob das die musikalischen Hungerkünstler auch so sehen?

Das soll es heute wieder gewesen sein. Viel Vergnügen mit den Empfehlungen.

SomeVapourTrails

Begeisterungsstürme, los!

Manch Label bringt einfach nur gute Musik hervor. Ohne viel Tamtam, ohne schielenden Blick auf irgendwelche Charts. Einige kleine Plattenfirmen sehen in Musik eine Kunstform. In diesem Fall geht es um mehr als nur Berieselung, hier geraten Töne, Klänge und Harmonien zur essentiellen Nahrung für Geist und Gefühl.

Das kanadische Label Constellation gehört in oben beschriebene Kategorie. Die bei Constellation veröffentlichenden Künstler entsprechen der Crème de la Crème des Post-Rocks. Namen wie Silver Mt. Zion oder Godspeed You! Black Emperor sind Kult und stilprägend. Und demnächst werden wir von Constellation mit einem weiteren Sahnehäubchen beehrt.

Land Of Kush

Land Of Kush

Unter dem Namen Land Of Kush versammelt der Komponist und Musiker Sam Shalabi ein dreißigköpfiges Ensembles, welches zwei Dutzend Instrumente beherrscht. Against The Day nennt sich das im März erscheinende Album. Der bereits jetzt als kostenloser Download veröffentlichte Titel-Track Against The Day offenbart einen ersten Vorgeschmack. Und trifft mit der Mischung aus Post-Rock-Elementen und nahöstlichen Einflüssen voll ins Schwarze. Die sich episch entwickelnden, wiederkehrenden Klangmuster entfalten sich durch die breit angelegte Orchestrierung wunderbar und regen den Hörer zu Begeisterungsstürmen an. Trotz (oder vielleicht wegen) aller chaotischen, wild verwobenen Strukturen erzeugt die Kraft der Komposition gleich beim ersten Lauschen einen unvergesslichen Orgasmus. Die Opulenz dieses tönenden Universums ist unvergleichlich, jede Harmonie eine aufreizende Stimulanz unserer musikalischen Klitoris.

Wie immer nun einige Links zur Vertiefung des Gesagten. Selbige sind natürlich brav zu lesen und studieren. Nächstes Mal wird das erworbene Wissen abgeprüft…

Info-Seite auf Constellation Records

Wikipedia-Eintrag zu Constellation Records

Download des Tracks „Against The Day“

SomeVapourTrails