Musikalischer Quartalsbericht 2010 (II)

Ich muss mir heute einmal ein Gähnen aus den verschnarchten Mundwinkel schmieren. Denn irgendwie entsprangen dem zweiten Quartal nur wenige wirklich gelungene Alben.  Doch sollte ich eigentlich mit meinem Geschmack auf Kriegsfuß stehen, würde dieser nämlich nicht mit hündisch flehendem Blick vor MGMT oder Ariel Pink’s Haunted Grafitti zurückweichen, könnte ich dem eben zu Ende gegangen Viertel versöhnter die Pfote reichen. So freilich bleibt Before Today als wirkliches Ärgernis zurück.

Doch genug der  Schreckgespenster, jetzt sollen die famosen Akteure ans Mikro treten. Und dazu gehört zweifelsohne Damien Jurado. Mit Saint Bartlett dribbelte er sich endgültig in die vorderste Reihe der Zunft hervorstechender Singer-Songwriter. Man möchte ihn mit zahlreichen Liebkosungen für eine der ganz großen Scheiben des Jahres danken. Ebenso gewaltig – allerdings auch weitaus weniger beachtet – stellt sich Von Humboldt Picnic der Formation Mardi Gras.bb dar. Auch hier habe ich große Töne vernommen und in meiner Einschätzung auch gespuckt. Wie aus verschiedensten Stilen ein derartig vielgestaltes, dennoch konsistentes Album gefertigt wurde, das verdient ein jubilierendes Chapeau!

Während manche Genres in den letzten 3 Monaten vorbildlich gediehen, herrschte bei anderen doch ab und an Funkstille. In Post-Rock-Breiten zum Beispiel habe ich mir lediglich die Red Sparowes auf meinem Zettelchen notiert – und das deutsche Duo Collapse Under The Empire, deren EP The Sirens Sound in jeglicher Hinsicht vielversprechend geriet. Auch an elektronischen Sahnehäubchen mangelte es ein wenig, was nach den unzähligen tollen Veröffentlichung des ersten Quartals jedoch mit Nachsicht zu bedenken war. Nice Nice lieferten jedoch eine zweifellos gelungene Performance ab. Minimalistische Gemüter wurden von Chapelier Fou bestens bedient. Diese Scheibe dem geneigten Leser näherzubringen, das brennt mir schon länger unter den Nägeln.

Kommen wir nun zu den Ladenhütern, zu grandiosen Werken, denen es nur an einem mangelt: Hörern. Da möchte ich keinesfalls zögern und den werten Reverend Deadeye nennen. Wer nur auf Hochglanz polierte Musik mag, wird jener versifften Dreckigkeit wenig Verständnis entgegenbringen. Allerdings sind die schönsten Dinge der Welt eigentlich doch immer nur dann interessant, wenn sie ein bisschen mit Schmutz behaftet sind: Fußball, Sex – auch Musik. Weshalb die britische Sängerin Daisy Chapman immer noch unbeachtet werkt, vermag ich bei soviel Ausdruckskraft in der Stimme einfach nicht nachvollziehen.

Auch in deutschen Gefilden tat sich so manches. Beginnen wir bei Gisbert zu Knyphausen, dessen Hurra! Hurra! So nicht. die hochtrabenden Erwartung mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit erfüllte. In diesem Zusammenhang sei auch die Schweizer Band Schöftland genannt, die mit der CD Der Schein trügt eine Visitenkarte hinterlassen hat. Die auf den Track Kleinstadt gebannte Kollaboration mit Herrn zu Knyphausen sollte man sich zu Gemüte führen. Mit Nicolas Sturm zeigte sich übrigens ein weiterer deutscher Liedermacher mit Talent. Keinesfalls vergessen will ich jedoch auch die mit englischer Zunge agierenden Hamburger Hundreds. Ihr selbstbetitelte Scheibe erfüllt internationale Standards.

Drei gute Alben sollen noch in diesen Abriss gequetscht werden. Frog Eyes mit Paul’s Tomb: A Triumph etwa, selbstverständlich auch die seit einer Dekade beste Veröffentlichung der Folk-Veteranen Cowboy Junkies, welche auf Renmin Park wirklich glänzen. Singer-Songwriterin Nina Nastasia fügte Outlaster ihrem Schaffen hinzu, auch hierfür gilt großes Lob.

Wenngleich die Fülle und Pracht der Monate Januar, Februar sowie März nicht reproduziert werden konnte, so bleibt unter dem Strich genug in jeder Hinsicht wunderbarer Scheiben, die dem Leser mit gutem Gewissen ans Ohr gelegt werden dürfen.

SomeVapourTrails

Release-Gestöber 2

Heute wollen wir mal wieder kurz und bündig auf die aktuellen Sahnehäubchen unter den Veröffentlichung hinweisen und dieses Urteil gleich mit Clips und Streams untermauern.

Das am 16. April erscheinende Doppel-Album Leave Your Sleep verdeutlicht, dass Natalie Merchant trotz allzu langer Pause nichts von ihrer Intensität eingebüßt hat. Auch wenn mir momentan die Zeit fehlt, mich diesem Werk eingehender zu widmen, komme ich um eine saftige Empfehlung doch nicht umhin. Eine Kostprobe sollte eine etwaige Frage nach dem Warum klären:

Merchant kommt im Rahmen ihrer Tour im Mai auch nach Deutschland.

12.05.10 Köln – Kulturkirche
14.05.10 Hamburg – Uebel & Gefährlich
15.05.10 Berlin – Admiralspalast (Studio)
17.05.10 München – Freiheizhalle
18.05.10 Zürich (CH) – X-TRA

Ich habe mich ja bereits sehr positiv über Nice Nice und das am 09. April veröffentlichte Extra Wow geäußert. Ich will nicht müde werden, die Qualitäten dieses Duos, das wirklich haarscharf zwischen Trash und Ernsthaftigkeit wandelt, zu preisen. Auch wenn der Clip dem Schund huldigt und der Song nicht zu den Highlights des Albums gehört, rate ich dazu, der Scheibe eine Chance zu geben, auch bei Nicht-Gefallen des Videos.

White Hinterland veröffentlichen am 16. April auch in hiesigen Breiten ihre durch und durch anregende Platte Kairos. Dazu werden wir in Kürze einige Worte verlieren, doch vorerst fängt das Video zu Amsterdam den Geist des Werks hervorragend ein, da braucht es keine großen Lobreden.

Wem dieser Vorgeschmack nicht genügt, der sei auf kostenlose Downloads der Songs No Logic und Icarus auf der Label-Seite von Dead Oceans verwiesen.

Xavier Rudd bringt ebenfalls diesen Freitag gemeinsam mit Izintaba die Platte Koonyum Sun raus. Vor allem der über seine Homepage nach kostenloser Registrierung erhältliche Song Love Comes And Goes ist eine edle Singer-Songwriter-Ballade. Und Time To Smile mit offensichtlichem World-Music-Touch und Wohlfühl-Attitüde wirkt Wunder.

Eine verdiente Werkschau einer der unterschätztesten britischen Band, die konsequent ihren Weg ging und sich ein Liebhaber-Publikum erspielte, der jedoch meistens die große Bühne verwehrt blieb, findet sich auf The Places Between: The Best of Doves. Die Doves haben zu Ehren dieser Veröffentlichung auch das neue Lied Andalucia samt Video im Gepäck. Seit 02. April im Handel!

Über die neue Scheibe der Dum Dum Girls hat die werte Co-Bloggerin DifferentStars ja schon Klartext fabuliert. Nun wollen wir euch das Video zum Song Jail La La nicht vorenthalten. Der Longplayer I Will Be ist seit 03. April erhältlich.

Wen Jail La La nun zu Begeisterung hinreißt, dem sei ins Ohr geflüstert, dass es den Track auf der Label-Seite von Sub Pop Records gratis als Download gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen mit unseren Empfehlungen!

SomeVapourTrails

Kakophonischer Futtertrog – Nice Nice

Wenn ein blubberndes Wummern aus psychedelischem Morast zombiehaft die Oberfläche durchboxt, Haudrauf-Rhythmen schaumgekränzte Electronica bestampfen, World Music in einem Anflug rektaler Ironie in die Mixtur eingeführt wird, dann wuselt Acid auf der Suche nach dem Rock. Jason Buehler und Mark Shirazi aus dem nicht eben als musikalischer Nabel der Welt verschrieenen Portland, Oregon nennen sich Nice Nice und haben mit über 10 Jahren Anlauf den Sprung zum vor Renommee strotzenden Label Warp Records geschafft. Das nun vorliegende Album Extra Wow schlägt mehr Haken als jedes Karnickel, hoppelt dabei nur selten vom rechten Weg ab.

Vordergründig schmelztiegelt die Scheibe, wirft alles Verwurstbare in einen Topf und kocht die Chose richtig hoch. Das kakophonische Resultat tingelt irgendwo zwischen hyperlärmigem Rock und piepsigen Electro-Kringeln, nahezu immer mit einer Idee zuviel im Gepäck. So schippert die Platte die Grenze zwischen Hörvergnügen und Ungenießbarkeit auf und ab,  um letztlich den Konsumenten doch an den Futtertrog zu locken.

Das Experiment ist die Mutter der Courage, die zwingende Umsetzung des Vabanquespiels der Vater des Erfolgs. Unter diesem Aspekt können Nice Nice keinen völligen Triumphzug starten, aber jede Menge Eindruck schinden. A Little Love packt die Ethno-Keule aus, flutscht in ein Beat-Mantra, um dann irgendwann in einen genölten 80er-Referenz-Gewimmer-Refrain zu verfallen, dabei noch schnell ein paar Scratches aus den Turntables zu pressen, ehe der Beat gemächlich ins Fade Out schlendert. Bei Big Bounce wird dem Hörer im Pyjama-Party-Proll-Takt-Ambiente ein protziges Humptata, begleitet von sphärisch entfleuchter Stimme,  vor den Latz geknallt. So kindisch und schräg, dass man es sogar ernst nehmen kann und sich im Geiste in die Wohlfühl-Polonaise einreiht. Die flirrenden Percussion-Loops machen See Waves zu einem nervenaufreibenden Track mit nachgerade hypnotischer Sogwirkung, hyperaktiven Zeitgenossen als besonderes Stück Hektik in die innere Unruhe empfohlen. Mit Make It Gold wird dem Psychedelic Rock die beste Aufwartung gemacht, da rieseln halluzinogene Stoffe nur so von den Gitarrensaiten. Auch One Hit wirkt drogenverqualmt, wie die komplette Platte zerfahren und von Gesang untermalt, der aus dem Studio nebenan zu hallen scheint. On And On zelebriert die Art hymnische Ekstase, die große, mit der Peitsche geschwungene Geste und deutet die Qualität der beiden Herren an, auch live eine schweißtreibende Verzückung zu verbreiten, während der verpixelte Sound von Double Head in ein Riverdance für schwererziehbare Disco-Dancer mündet.

Und doch sind auch zwei Stücke vorhanden, die jeglicher Beschreibung spotten, dem Album das Prädikat eines unausgegorenen Meisterwerks verleihen. Der Esoterik-Stuss New Cascade fällt in diese Kategorie, auch das abschließende It’s Here als psychedelische Lärmschleife funktioniert nicht wirklich. Insgesamt dürfen Nice Nice jedoch mit ihrem Einstand bei Warp sehr zufrieden sein. Extra Wow steht für einen kakophonischen Futtertrog, dessen Inhalt von Wildsäuen zubereitet wurde, aber von Gourmets verzehrt werden kann.

Link:

MySpace-Auftritt

Label-Seite mit kostenlosen Downloads

SomeVapourTrails