Lauschrausch III: Sharon Van Etten

Wenn eine überhypte Band ein Lied wie „Alle meine Entchen“ covert, tratschen das das hunderte Online-Magazine und Blogs aufgeregt weiter. Wenn ein im Sinkflug befindlicher Altmeister ein Lied wie „Alle meine Entchen“ covert, tratschen das hunderte Online-Magazine und Blogs aufgeregt weiter. Der werte Leser merkt also schon, dass ich der Überzeugung bin, dass heutzutage natürlich auch im Bereich der Musik der Nachrichtenwert zuallererst darin besteht, dass etwas getan wurde. Warum es gemacht wurde, das wird weniger thematisiert. Ein Paradies für Minderleister! Die Aktion allein rückt in den Vordergrund, die Frage nach der Qualität dackelt weit hinterher. Doch gibt es jedoch Ausnahmen. Coverversionen, die eine breite Berichterstattung rechtfertigen. Ob diese eben darum verbreitet werden oder als eine von unzähligen Nachrichten mal kurz durchs Netz flitzen, das spielt in solch Fällen dann auch keine Rolle. Wenn die begnadetet Singer-Songwriterin Sharon Van Etten im australischen Radio eine Version von Nick Caves People Ain’t No Good darbietet, darf man dieser atemberaubenden Stimme gerne lauschen – und darüber schreiben. Zumal diesem Song die nötige Wertschätzung widerfährt. Gedanken zu dem Lied hatte ich bereits in einem Beitrag zu meinen 100 Songs ausgiebig geäußert. Daher will ich gar keine weiteren Worte verlieren und mich angesichts einer gelungenen Interpretation in den Lauschrausch stürzen.

 Weiterlesen

Unsere musikalische Möbelnomenklatur

Unser Blog ist eine heimelige Rotunde, in der wir unsere Lieblingsmusiker namentlich einkerkern. Mag in der Welt da draußen auch noch so sehr die Post abgehen, wir riskieren nur selten einen aus dem Fenster gerichten Blick, der sich jedoch flugs vor Langeweile abwendet und schnell wieder die edle Inneneinrichtung überschweift. Ab und an klopft es an der gut gepolsterten Tür. Gemächlich kommen wir aus der Verschanzung gekrochen, gehen dem Pochen nach. Entriegeln die Sicherheitsschlösser, öffnen die Tür einen Spalt breit, spähen eher ungnädig über die Türkette hinweg. Wer uns da aller seine Visage entgegen hält! St. Vincent etwa. Rumms! Tür zu. Weiters Portugal. The Man. Denen würde ich zwar Obdach gewähren, jedoch unter der Bedingung, dass sie John Gourley, zweifelsohne mit einer der nervigsten, dünnen Stimmen der Gegenwart geschlagen, in die Wüste schicken. Und den ganzen Chart-Clowns und singenden Sex-Bömbchen wollte ich ohnehin nur mit Elektroschocker in der geballten Faust begegnen. So schnell könnte eine Beyoncé gar nicht die Laufmaschen in ihren Strümpfen zählen, ehe ich sie schon wutschnaubend vom Gelände jagen würde. Rihanna bekäme den geschwungenen Regenschirm zu sehen, verbunden mit der Ermahnung, dass ein einziges nettes Wölkchen noch kein Donnerwetter entfacht.

Im Inneren unseres Häuschens haben wir haben uns längst die eigenen Möbelnomenklatur gezimmert, die Gegenstände nur nach den verehrtesten Bands benannt. So lehnen in einer Ecke des Wohnraums einträchtig zwei wackelige Regale an der Wand, beide schon ein wenig ramponiert. Wenn man aus den Untiefen des einen etwas zu Tage befördern möchte, schlingert es, stößt unweigerlich gegen den anderen Schrank. Wir haben sie daher schlicht die Gallaghers getauft. Daneben an der Wand hängt ein Poster, eine mehrfach variierte Pietá in bester Tradition der Pop Art. Es kostete uns nicht einmal einen Gedanken, das Bild Madonna zu widmen. In der Mitte des Raumes steht ein Sofa ausgewähltester Behaglichkeit. Hier lässt es sich gemütlich fläzen, ein gutes Buch in den Händen oder einfach nur tagträumend den eigenen Gedanken hinterhergleiten. Solch wohliger Hort wurde von uns Mazzy Star tituliert.  Davor lümmelt ein Couch-Tischchen. Es neigt zu Eskapaden, steht umfallenden Weingläsern aufgeschlossen gegenüber. Seit eine gewisse britische Sängerin im Sommer verstorben ist, harrt das Tischchen einer abermaligen Namensgebung. Sollte wir uns doch noch zum Konsum von Kokain durchringen, wäre Doherty die erste Wahl. Der sich auf der einen Wand des Zimmers mächtig ausbreitende Schreibtisch schrie regelrecht danach, einem Singer-Songwriter die Reverenz zu erweisen. Der Poeten und Dichterinnen gibt es viele, aber Joni ragt hervor. Habe ich schon unseren überbunten Teppich gewürdigt? Sicher man tritt ihn Tag für Tag mit Füßen, doch lässt sich darauf auch abhotten, was das Zeug hält. Ähnlich ergeht es Moby. Mögen ihn Kritiker auch in Grund und Boden reden, für tänzerische Leibesertüchtigung hat der werte Herr einiges im Köcher. Selbst der übliche Nippes im Raum ist samt und sonders mit Namen versehen: Ob Placebo, Goldfrapp oder Travis, sie alle lächeln von Regalen und Kommoden herüber. Der kleine verschrumpelte Zinngartenzwerg mit dem langen Bart etwa, der auf dem Schreibtisch thront, was streichle ich Mr. E von den Eels nicht oft liebevoll über den Kopf.

Ein Modell, das - wie ich meine - nur The Boss heißen kann. (Photo Credit: Uwe Besendörfer aus de.wikipedia.org / Lizenz: CC-BY-SA-3.0 von Wikimedia Commons)

Natürlich existiert auch problematischeres Mobiliar. Welcher Künstler möchte etwa seinen Namen mit einem Bücherschrank assoziiert sehen, wenn darin Kaliber vom Schlage eines Kafka oder Rilke die Feder schwingen? Welchen Liederschreiber überfällt dann nicht das Muffensausen? Ich habe den Bücherschrank guten Gewissens Nick Cave verehrt. Oder der chromglänzende, filigran von der Decke baumelnde Kronleuchter. Den will man nur einer wahren Lichtgestalt zuschreiben. Keinesfalls einem sinister gestimmten Persönchen. Darf man solch einen Leuchter mit dem Etikett Röyksopp behängen, ohne dass Ikea sein Monopol auf skandinavisch klingende Einrichungsgegenstände gefährdet sieht? Zu guter Letzt, der Papierkorb. Ein unverzichtbares Accessoire, zweifelsohne. Zugleich aber kaum zu Ehrungen taugend. Eben jene hätten die Papercuts freilich mehr als verdient.

Was fühlt man sich den Möbeln nicht gleich inniger verbunden, wenn sie weder Billy, Ivar noch Klippan heißen. Würde man eine mit verträumtem Motive versehene Vase namens Sigur Rós jemals versehentlich vom Tisch fegen? Niemals, das würde sich nicht mal die ungeschickte Co-Bloggerin trauen.

SomeVapourTrails

Heathen Child – Ein Vorgeschmack auf Grinderman 2

Wer noch immer die Dreckigkeit des Debüts von Grinderman, dieser aus Nick Cave, Warren Ellis, Martin Casey und Jim Sclavunos bestehenden Clique,  aus den Boxen kratzt, darf das Schrubben getrost beenden. Mit der am 10. September erscheinenden Scheibe Grinderman 2 wird wohl abermals eine Ruppigkeit und Rohheit Einzug halten, die dieses grimmige Nebenprojekt bereits bei ihrem Erstling geadelt haben. Der erste Vorbote des neuen Albums nennt sich Heathen Child – und erfüllt etwaige hochgeschraubte Erwartungshaltungen. Düster und kräftig wummert es hier – und wem dies noch kein Schaudern über den Rücken zaubert, der sollte einen Blick auf das Cover der Single werfen, dessen unschuldsvoll-bedrohlicher Blick albträumerisch gerät.

Und hier ist der Stream von Heathen Child:

Heathen Child by MuteRecords

Update: Zur schlauen Besprechung des Album (samt Video und Download) geht es hier.

Link:

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

Becircender Parforceritt – Soulsavers

Arrivederci, sommerliche Veröffentlichungsflaute. Ein erster musikalischer Knallfrosch lässt uns vom Dösen unter sengender Sonne hochschrecken und aus dem Brackwasser sommerlichen Seins in die lichten Höhen absoluter Tiefgründigkeit tauchen. Mit dem Album Broken hat das unter dem Namen Soulsavers agierende Produzenten-Duo Ian Glover und Rich Machin einen nahezu perfekten, erbaulich-eleganten Parforceritt auf CD gestemmt, dessen Aushängeschild die in Mark und Knochen fahrende Stimme Mark Lanegans ist. Die vielfältig gestalten Lieder gemahnen im Ausdruck an einen in Höchstform agierenden Nick Cave, schallen predigend und nie penetrant, atmen Düsterkeit und schönste Traurigkeit.

soulsavers570x574

Das für die Ewigkeit gemeißelte Highlight der Platte mag die von Will Oldham geschriebene Ballade You Will Miss Me When I Burn mit sehr reduziertem Klavierspiel, dezentem Streichereinsatz und einem völlig unhysterisch flehenden Lanegan sein. Hier tritt ein, was alle Jubeljahre einmal geschieht: Eine Cover-Version tilgt die Erinnerung an ein bereits im Original famoses Lied komplett, macht es sich ganz und gar zu eigen. Doch becircen weitere Leckerbissen den Hörer. Als Beispiel wäre ein in bester Tom-Waits-Manier dargebrachtes Hobo-Lied namens Can’t Catch The Train, dessen sehnsüchtiges Bedauern herzbrecherisch gelingt, zu nennen. Oder das mit Western-Flair punktende Pharaoh’s Chariot, welches als schwermütiger Abgesang flirrt und textlich eben an die Wortgewalt des oben erwähnten Herrn Cave heranreicht. Nur selten wird das Mikro weitergereicht, darf Frau Rosa Agostino als Red Ghost leidend durch verhallte Kulissen stapfen. Was auf Praying Ground nur bedingt funktioniert, fasziniert mit Lanegans Unterstützung auf dem von schrägem Saxophon malträtierten Rolling Sky. Dunkel ummantelt seine Stimme die helle Agostino, behübscht mit einer jazzigen Trip-Hop-Prise.

soulsaverscover

Glover und Machin haben in Broken zahlreiche Stile verwurstelt – vom souligen All The Way Down bis hin zum sinister-psychodelischen Rock von Death Bells. Und trotzdem ergibt dies in der Summe ein überaus stimmiges Album, dessen erhabene Wucht und leiser Schmerz den audiophilen Schöngeist in den Bann ziehen. Für solch geniale Düsterkeit lohnt sich der Abschied von jeglichem sommerlichen Gute-Laune-Gejaule allemal.

Link:

MySpace-Auftritt mit Hörproben

SomeVapourTrails

Am Firmament: Die männliche Jungfrau

Wenn Astrologie auch nur ein Fünkchen Wahrheit innewohnt, dann sind Jungfrauen ja die Crème de la Crème aller Sternzeichen. Sollte dies jedoch bloß Hokuspokus sein, dann hatte der Erfinder selbigen ein Faible für Jungfrauen. Nachvollziehbar, oder?

Unsere heute geborene Virgo ist ein besonderes Prachtexemplar. Es handelt sich um den Ausnahmekönner Nick Cave.

Egal ob wuchtige Rock-Songs oder sachte Balladen, wiederkehrende Motive in seinem Schaffen sind Transzendenz, Verdammnis und romantische Liebe, welche in poetischen Bildern vorgetragen werden. Caves Authentizität erlaubt ihm den Spagat zwischen Mainstream-Erfolgen und kultischer Verehrung in der Alternative-Szene.

Egal ob mit seiner neuesten Band Grinderman oder mit den legendären The Bad Seeds, Cave hat es immer verstanden, sich mit einem Kollektiv großartiger Musiker zu umgeben. Blixa Bargeld, Mick Harvey oder Warren Ellis seien an dieser Stelle besonders erwähnt.

Seine mittlerweile 30 Jahre andauernde Karriere ist beispielhaft für künstlerische Integrität und ungebrochene Schaffenskraft. Anlässlich seines heutigen 51. Geburtstag seien ihm noch mindestens weitere 3 Dekaden intensivster Kreativität gegönnt. Happy Birthday, Mister Cave!

Links:

YouTube-Channel des Labels Mute

MySpace-Auftritt

SomeVapourTrails

ANTI Digital Sampler

…nicht ganz neu dieser Tipp…aber immer noch sehr gut – und wert, weitergegeben zu werden – finden wir! Das famose Anti Label – seines Zeichens Heimat von Nick Cave und Tom Waits – bietet auf seinem Blog einen kompletten Sampler kostenlos zum Downloaden an.

Tracklist:

  1. Before The Money Came (The Battle) – Bettye LaVette
  2. Big Mistake 1 – Tim Fite
  3. DIG, LAZARUS, DIG!!! – Nick Cave & The Bad Seeds
  4. El Arbol – Ersi Arvizu
  5. Everyone Derves Music – Michael Franti
  6. Falling Slowly – The Frames
  7. From The Corner To The Bloc – Galatic
  8. Keep Faith – Billy Bragg
  9. I like It, I Love It – Lyrics Born
  10. Night Windows – The Weakerthans
  11. Our Song – Joe Henry
  12. Real Estate – Candence Weapon
  13. The Arm 1 – Islands
  14. The Silence Between Us – Bob Mould
  15. Top Drawer – Man Man
  16. Transliterator – DeVotchKa

Hier kann man sich den Sampler gratis als zip Datei runterladen:
http://www.antilabelblog.com/