Eine Frage der Treue – Editors

Man kennt das ja aus Beziehungen. Der anfänglich tolle Prinz entpuppt sich schon bald als Frosch. Oder der heiße Feger wird rasch zur nörgeligen Alten, die man am liebsten auf den Mond schießen möchte. Dann wieder gibt es Verbindungen, die über die Zeit allmählich gewinnen. Wenn klammheimlich aus Freundschaft echte, wahre Liebe wird. Was für zwischenmenschliche Beziehungen gilt, kann auch auf das Verhältnis des Musikfans zu Bands und Musikern angewendet werden. Ich habe die Editors nie schlecht gefunden, aber mit der Zeit haben sich die Mannen um Tom Smith zu echten Lieblingen gemausert. Ich würde sogar so weit gehen, dass das neue Album In Dream eine der Platten des Jahres 2015 ist, die ich noch viele Jahre gerne und oft hören werde. Solch einen wohlüberlegten Treueschwur gibt man in schnelllebigen Zeiten wie diesen eher selten, zumindest ich nicht.

Bei den Editors ging es seit ihrem fraglos gelobten Debüt The Back Room (2005) in der Kritikergunst deutlich nach unten. Und auch Fans der ersten Stunde verloren spätestens bei The Weight of Your Love (2013) die Geduld. Als jemand, der die Band besser denn je findet, kommt man sich geradezu bescheuert vor. Denn wo alle längst neuere, coolere Act mit Rosen bedenken, steht man mit diesen abgehalfterten Helden von früher fast alleine da. Der Rest stürzt sich auf jüngere Semester.  Weiterlesen

Beklemmung auch bei Sonnenschein – Vlimmer

Vielleicht gibt es ja für jede Musik einen ganz bestimmten Ort, an dem sie gehört werden sollte. Ein folkig-erhabenes Plädoyer für ein Zurück-zur-Natur könnte sich etwa als Kulisse einen plätschernden Gletscherbach verdienen, ein Industrial-Abgesang dagegen wäre auf einer Brache in einem aufgegebenen Industriekomplex gut angesiedelt. Wo also dürfte man Vlimmer, ein Projekt des im Berliner Speckgürtel beheimateten Musikers Alexander Leonard Donat, verorten? Da sich die EPs I und II als Mischung aus Krautrock, Wave und Shoegaze entpuppen, würde mir spontan der Berliner Untergrund in den Sinn kommen. Steigen wir also hinab in die Kanalisation und Schächte, in all die Katakomben und Kloaken dieser Stadt. Denn die dunkle, hoffnungsarme, einsame Enge der EP wird dieser Szenerie durchaus gerecht.

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Schatzkästchen 36: HAWK – Once Told

Ich schätze Musik mit starkem gesellschaftlichem Fokus. Genau diesen möchte die in London ansässige Formation HAWK bieten, wenn man den Ausführungen Glauben schenken mag, die die Band gegenüber The Line of Best Fit getätigt hat. Dort wird zum Song Once Told folgendes bemerkt: „‚Once Told‘ was written about the Irish law around abortion. Abortion is still illegal in Ireland, and wider issues around pregnancy, sexuality, contraception, and sexual education are still seen as taboo, and shrouded in religious undercurrent. At the root of it, the song is about archaic mindsets and processes which systemically let down women, especially those in more vulnerable circumstances. All of it seems to stem from a lack separation between church and state and in most modern societies this isn’t accepted. We hoped to draw some attention and create some debate around the issue.“. Ich schaffe es zwar akustisch nicht, die Lyrics zu verstehen, aber ich nehme der Formation rund um Frontfrau Julie Hawk gerne den Debattenbeitrag zum Thema Abtreibung ab. Und selbstredend bewundere ich die Courage, nicht einfach über Luft und Liebe zu singen, sondern ein heißes Eisen anzufassen. Wobei Abtreibung vielleicht noch in Irland ein heißes Eisen ist, generell in Westeuropa längst gesellschaftlich akzeptiert ist. Doch ist das eine Errungenschaft ohne jegliches Wenn und Aber? Der Schwangerschaftsabbruch wird heute gern als Indiz dafür gewertet, dass Frauen über ihren Körper selbst bestimmen dürfen. Aber greift diese Selbstbestimmung nicht schon bei Verhütungsmitteln? Und hört die Selbstbestimmung nicht auch in dem Moment auf, wo die Verantwortung für ein heranwachsendes Leben beginnt? Ich will keinesfalls reaktionär sein, denn natürlich gibt es triftige Umstände, die Abtreibungen notwendig machen. Wenn die Kirche auch dem Embryo ein Recht auf Leben zubilligt, hat das aber nichts mehr mit der hartherzigen Rückständigkeit zu tun, die früher Gesellschaften durchzog und Frauen für ungewünschte Schwangerschaften bestraften wollte. Wenn man das Thema Abtreibung als gesellschaftliche Emanzipation von religiösen Zwängen versteht, ist man meiner Meinung nach auf dem Holzweg.

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Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Post-Punk meets Indie-Pop meets Kafka meets Sci-Fi-Tristesse meets The Catcher in the Rye. So möchte ich ein ehrgeiziges wie interessantes Projekt zusammenfassen, über das ich heute einige Worte verlieren will. Die Platte Jagmoor Cynewulf hat nämlich einen Zwilling in Buchform. Alexander L. Donat, seines Zeichens Kopf des Duos Leonard Las Vegas, hat sich somit nicht einfach auf das Ertüfteln eines Konzeptalbums beschränkt, sondern seinem Protagonisten auch gleich noch eine hochgradig verstörende Erzählung spendiert. Es ist der mutige Versuch, eine Figur mit vielfältigen künstlerischen Mitteln Gestalt werden zu lassen. Wobei diese Figur äußerlich schemenhaft bleibt, wir werden vielmehr mit einem Innersten ohne Haut konfrontiert. Jagmoor Cynewulf fokussiert sich voll und ganz auf aufgewühlte Gefühlswelten, auf eine desillusionierte Wahrnehmung der Realität, auf einem albtraumhaften Schleier über den Gedanken.

Ich will mich in der Betrachtung des Album-Buch-Projekts für heute zunächst auf die Platte beschränken. Diese ist in ihrer Darreichungsform wohl verdaulicher. Mit Where To Go? wird gleich zu Beginn Verweigerung dargeboten. Es sieht absolut keinen Sinn mehr im Wettbewerb, will kein Ziel mehr vor Augen haben. Diese Orientierungslosigkeit gleicht einem Aufatmen. In der Melodik des Refrains findet man Anklänge bei The Smiths, was angesichts der Thematik wenig überraschend scheint.  Weiterlesen

Falsche Bescheidenheit einer stupenden Band – Maff

Wenn man über die Band Maff etwas weniger Schmeichelhaftes sagen will, dann dass die Formation aus der chilenischen Hauptstadt Santiago wohl nicht den formidabelsten Bandnamen ersonnen hat. An der stupenden Musik der gleichnamigen, vor wenigen Wochen veröffentlichten EP lässt sich dagegen kein Makel finden. Als ich über diese EP beim Kollegen Nicorola gestolpert bin, war es sofort um mich geschehen. Maff stehen für eine vielfältige Mischung aus Shoegaze, Post-Punk, Indie-Rock und Post-Rock. Bei praktisch jedem Track wird ein anderer Akzent gesetzt. Das acht Songs und einen Radio Edit umfassende Werk als EP zu bezeichnen, scheint ohnehin falsche Bescheidenheit zu sein.

Doch sehen wir uns die Stücke ganz kurz näher an. Beim grandiosen, majestätischen Walking On Fire etwa dominiert Post-Rock, der wie eine Mixtur aus And So I Watch You From Afar und Explosion In The Sky und einer sehr melodisch gestimmten Alternative-Rock-Kapelle klingt. Someday dagegen mutet nach einer shoegazigen Nummer aus den Neunzigern an, ein Konglomerat aus Low, Yo La Tengo und His Name Is Alive vielleicht.  Weiterlesen

Schlaglicht 17: Programm

Shoegaze, Dream-Pop, gerne auch mit psychedelischer Note – was habe ich das lange, lange Zeit gern gehört. Irgendwie scheinen diese Genres jedoch in letzter Zeit auf diesem Blog weniger vertreten. Liegt es an veränderten Hörgewohnheiten oder vielmehr daran, dass eben nicht jede Woche eine so feine EP wie Like The Sun der kanadischen Band Programm erscheint? Mir geht wirklich das Herz auf! Speziell der Titeltrack dieser vier Songs umfassenden EP ist ganz großes Genre-Kino: Säuselnder weiblicher Gesang, Synthie-Schwaden, verhallte Gitarren. Die Chose wird mit viel Verve und Wave dargeboten. Der Song Like The Sun eignet sich zum Niederknien. We Barely Escaped wiederum funktioniert über den Kontrast von Gitarre und Drumcomputer, hier wird zunächst verschnickschnackter Post-Punk mit männlich-larmoyantem Vortrag dargeboten, ehe Sängerin Jackie Game für ein betörendes shoegaziges Intermezzo sorgt. Das Prinzip Wow! setzt sich fort, sogar bei einem vermeintlichen Lückenfüller wie dem verschwurbeltem Coldwave von Soft Shadows. Zuletzt wird mit ZeroZeroZero die Auflösung zelebriert. Knister-Drums, Piano und eine metzgernde Gitarre untermalen den kontemplativen bis bedrückenden Vortrag Jacob Somas, ehe nach und nach alles auf Synthie-Wogen gen Unendlichkeit schwebt.  Weiterlesen

Regional ist besser 3: Isolation Berlin

Als wären die goldenen Hausbesetzerzeiten nur einen Steinwurf entfernt, derart tönt die Formation Isolation Berlin. Die Band kitzelt die Großstadttristesse aus der Hauptstadt heraus, sie suhlt sich im Siechtum Berlins, zerknüllt den völlig verkritzelten alternativen Entwurf dieser gerade hochgradig angesagten Sehnsuchtsmetropole. Die EP Körper gibt sich marode, am Zahnfleisch kriechend und hat mit hippem Hipstertum rein gar nicht gemein. Isolation Berlin sind mit einer Lebensgier der Verzweiflung gesegnet, Berghain-Party-People kennen sie wohl nur vom Hörensagen. In jener rüden, rumpeligen, schlicht kompromisslosen Poesie lauert eine Schonungslosigkeit, wie man sie in Berlin Tag für Tag um die Ohren gehauen bekommt. Die Musik mutet so an, als würden Zigarettenkippen an alten Narben ausgetötet. In Isolation Berlin steckt verdammt viel von einem Berlin, das sich nicht mittels Bilder romantischen Verfalls transportieren lässt. Hier prügeln Emotionen auf nackte Körper ein, dagegen wirkt Sadomaso wie ein Kindergeburtstag.

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Schatzkästchen 10: PINS – Too Little Too Late

Sie stammen aus Manchester, sie sind 4 Frauen mit Hang zum Post-Punk. Und man nehme sich besser vor ihnen in Acht! Wie die PINS in ihrem jüngsten Video zu Too Little Too Late unter Beweis stellen, ist ihnen Übellaunigkeit nicht fremd. Ob dies an den Fummeln aus der Kollektion von Saint Laurent liegt? Denkbar. Die PINS charakterisieren dieses Lied als „a middle-finger-to-the-world kind of song“.  Danach klingt es denn auch, trotzig und ganz schön lärmig. Too Little Too Late ist Musik für Tage, an denen das Huhn in der Pfanne verrückt wird. An denen man ausschließlich Idioten begegnet, an denen sich alles gegen einen verschworen hat. Dieser Song ist ausgesprochen gereizt. Schon ihr Albumdebüt Girls Like Us (2013) hat manch Haken in die Magengrube versetzt, dass man Blut gleich Konfetti spucken musste. Am auf Attacke getrimmten Sound hat sich erfreulicherweise nichts geändert. So wie Too Little Too Late auf Krawall gebürstet scheint, darf man vor dem für Anfang Juni angekündigten Album Wild Nights durchaus ein bisschen zittern, ja geradezu bangen, dass sie den Titel nicht überwörtlich nehmen. Bis Juni wandert dieser Track jetzt einmal ins Schatzkästchen. Dort hat man ihn jederzeit griffbereit, wenn es mal eben einer ordentlichen Portion Grummeligkeit bedarf.

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Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Wenn mir eine Sängerin die Worte „You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you“ in die Kopfhörer flüstert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das meine ich jetzt keineswegs flapsig. Natürlich sehe ich mich in der Lage, den Unterschied zwischen textlicher Fiktion und Realität einzuschätzen. Auch ein Autor, der einen Massenmörder nachts durch die Straßen ziehen lässt, greift letztlich nur zur Feder – und nicht zur Machete oder Knarre. An den Lyrics der Französin SoKo habe ich dennoch zu knabbern. In ihren unglücklichen, bisweilen verzweifelt kämpferischen Texten scheint das Leben immer eine Zehenspitze vom Höllenschlund des Todes entfernt. Vielleicht gehört sich das für ein morbides Riot Grrrl mit Psychobilly-Post-Punk-Attitüde auch so. My Dreams Dictate My Reality steckt mir doch tiefer in der Klemme, als dass man hier von einer himmelhoch jauchzenden, zu Tode betrübten Manie sprechen könnte, wie man sie bei der sensiblen Jugend öfter mal antrifft. Es ist ein fraglos ein fiebriges Dunkel, in das SoKo unseren entsetzt geweiteten Pupillen Einblicke gewährt.

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Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK

Im Frühjahr habe ich das Album Two des Hamburger Duos TWISK an dieser Stelle als konsequent trostlos angepriesen. Und weiters festgehalten: „Hier kann Musik nicht zum Aufhellen der Stimmung dienen. Eher schon sind Lieder ein Stachel im Fleisch, verströmen Unbehagen, bieten nie die reinigende Katharsis großer Gefühle.“. Mir hat jene spröde Verweigerungshaltung durchaus imponiert, eben weil sie sich als „Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock“ versteht. Dieser Tage nun erscheint mit Odd Lots eine abermals subversive EP, die den Tonfall von Two fortführt, phasenweise vielleicht sogar noch verschärft. Auch wenn Verweigerung meist mit viel Pathos und Aktionismus zelebriert wird, so besteht die wahre Verweigerung doch eigentlich in einem nüchternen Pokerface samt resignierendem Schulterzucken. Lennart Thiem und Martina Lenzin spüren als TWISK stiefmütterlich behandelten Daseinszuständen nach: Langeweile, Verlorenheit und Trägheit. All dies abzubilden und zugleich einem Impuls hin zu radikaler Veränderung zu widerstehen, solch Gemütsregungen aufzugreifen und dabei nicht in einen hysterischen Betätigungsdrang zu verfallen, exakt diese penetrante Verweigerung verdient Anerkennung. Die Trostlosigkeit des Seins wird heute gern mit dem Ruf nach einem Karrierecoach oder Psychotherapeuten beantwortet.  Weiterlesen