Der kleine, große Klacks – Postcards

Nein, früher war nicht alles besser. Ein bisschen vermisse ich jedoch die Zeiten, als man eine neue musikalische Entdeckung mit fast zitternder Stimme jenen Freunde weitererzählte, die man auch für würdig hielt, solch Klänge schätzen zu können. Als man Musik zunächst auf Kassetten überspielte und später auf CDs brannte, um sie Gleichgesinnten stolz zu überreichen und mit lässiger Beiläufigkeit den Satz „Hör dir das mal an. Ist echt dufte!“ zu äußern. 2018 ist alles anders, will man Musik empfehlen, postet man einfach einen Link in sozialen Netzwerken. Dabei steckt gerade hinter dem mit gewissem Aufwand verbundenen Entdeckerstolz die zutiefst soziale Geste des Teilens. Dieser Tage stellt meiner Meinung nach das Bloggen über Musik die größte Entsprechung zu all den beschriebenen Anstrengungen dar. Deshalb wünsche ich mir auch, dass die Band, die ich heute empfehlen möchte, auf zunächst gespitzte und im weiteren Verlauf gebannte Ohren trifft. Und ich hoffe, dass meinen Worten etwas vom Frohlocken von einst innewohnt. Die Formation Postcards habe ich in den vergangenen Monaten mehrfach mit Lob bedacht, heute darf nun endlich die Veröffentlichung des Albumdebüts I’ll be here in the morning bejubelt werden. Dream-Pop war für mich schon immer eine schicksalshafte Herzensangelegenheit. Seit ich letzten Frühsommer zum ersten Mal Klänge der Postcards vernommen habe, war mir sofort klar, dass für diese Musik fortan ein Winkel in meinem Herzen reserviert sein würde. Das mag arg gefühlig klingen, aber Dream-Pop in all seiner Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit verlangt eben danach.

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Schlaglicht 83: Postcards

Als ich in der vergangenen Woche unsere Lieblingstracks und -alben des Jahres 2017 zusammengestellt habe, kam ich an einer Band einfach nicht vorbei. Für die aus dem Libanon stammende Band Postcards hatte ich 2017 wirklich nur Lobeshymnen übrig. Ich möchte sogar so weit gehen, dass es so etwas wie Liebe ist. In all den Jahren, die ich Musik zunächst gehört und später dann auch hier auf dem Blog – hoffentlich – ein klein wenig vermittelt habe, habe ich zu gewissen Musikern und Bands gewisse Formen von Beziehungen aufgebaut. Da wären speziell die weisen, viel vom Leben lehrenden Väter und Mütter in Gestalt von Johnny Cash, Bruce Springsteen, Nina Simone und natürlich Joni Mitchell zu nennen, da gibt es die ewigen Jugendfreunde wie etwa The Cure und später auch Studienkollegen wie beispielsweise Radiohead. Diese Bande vervollständigen Frauenstimmen, in die mich für den Rest meines Lebens verliebt habe. Mazzy Star mit der sagenhaften Hope Sandoval oder Trespassers William mit der unvergleichlichen Anna-Lynne Williams kommen mir hier sofort in den Sinn. Dass es sich dabei um Dream-Pop-Bands handelt, ist alles andere als ein Zufall. Die Postcards um die Sängerin Julia Sabra besitzen eine ähnliche Qualität. Die letztes Frühjahr erschienene EP Here Before hat einen prägenden Eindruck hinterlassen. Die EP ist auch der Kern des Ende Januar erscheinenden Albumdebüts I’ll be here in the morning, welches ich bereits anhören durfte. Und gerne möchte ich bereits verraten, dass es dieses Erstlingswerk in sich hat. Dass es all jene Sehnsucht, Entrücktheit und Weltflüchtigkeit beinhaltet, die guten Dream-Pop auszeichnet. Wer für solch Emotionen und Stimmungen empfänglich ist, wird diese Platte lieben.  Weiterlesen

Unsere 30 Lieblingsalben 2017

Ich muss diese Liste meiner Lieblingsalben mit ein paar Geständnissen einleiten. Da wäre zunächst einmal mehr der Umstand, dass die werte Co-Bloggerin auf die Erstellung fast keinerlei Einfluss hatte, weil sie sich längst kaum mehr Alben in ihrer Gesamtheit anhört. Auch mir fehlt immer mehr die Zeit, Platte um Platte die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Das hat viel mit geänderten Prioritäten zu tun. Ein wenig bin ich freilich ebenfalls Opfer unserer digitalen Zeit, die uns mit Botschaften und Reizen bombardiert. Es geschieht immer wieder, dass ich mir ein Album zum Anhören auserwähle, nur um spätestens nach dem dritten Track abgelenkt zu werden und längst nicht mehr hinzuhören, während die Musik weiter munter vor sich hin spielt. Hier eine WhatsApp-Nachricht, da eine E-Mail oder ein Anruf, dort ein Tweet oder ein Status-Update auf Facebook. Das Album konkurriert zunehmend mit dem Umstand, dass man sich Musik nicht einfach so eine Stunde lang widmen kann – oder will. Was selbst Musikfetischisten plagt, führt bei Durchschnittskonsumenten dazu, dass man Alben nicht mehr die Aufmerksamkeit schenkt, die man noch vor 20 Jahren übrig hatte. Das Album wird nicht aussterben, es wird sich aber vermutlich einem Wandel unterziehen. So könnte es etwa immer mehr zur App mutieren, die neben Musik auch visuelle Inhalte bietet. Das Album als Rundum-sorglos-Paket, das alle Sinne zugleich beschäftigt, würde mich, wäre ich denn Musiker, durchaus reizen. Ein weiterer Ausweg aus der Plattenmisere ist zweifellos die EP, die ob der Kürze größere Chancen hat, in ihrer Gesamtheit Würdigung zu erfahren. Zumindest mir geht es so, dass ich 2017 viele tolle EPs entdeckt habe. Die Zukunft musikalischen Schaffens könnte also durchaus darin bestehen, mit gewisser Regelmäßigkeit EPs zu veröffentlichen. Das wäre aus Künstlersicht sinnvoller, als alle drei Jahre ein Album zu veröffentlichen und in der Zwischenzeit relativ unsichtbar zu sein. Doch genug der Überlegungen. Es wird Zeit für die Liste der 30 Lieblingsalben!

1. Lana Del Rey – Lust For Life

Noch im Jahre 2047 wird man genüsslich im smarten Heim sitzen und die Urenkel Siris oder Alexas bitten, die Erinnerungen an schöne Zeiten mit diesen Klängen zu untermalen. Und wenn man dann in Gedanken schwelgt, dabei eine Epoche hochleben lässt, die längst vergangen scheint, wird man sich vielleicht daran erinnern, dass man dieses Gefühl doch bereits beim Erscheinen des Albums hatte.“ (Review) VÖ: 21.07.2017 (Vertigo Berlin)  Weiterlesen

Unsere 30 Lieblingssongs des Jahres

Mir persönlich sind Bestenlisten mittlerweile hochgradig suspekt, denn was steckt hinter Bestenlisten denn eigentlich? Wenn zu viele darüber abstimmen, was das Beste ist, haben wir es im Grunde mit einem Popularitätscontest zu tun. Wenn eine einzelne Person das Beste des Jahres definiert, steckt dahinter doch nur der Ausdruck eigenen Geschmacks. Nun ist Subjektivität überhaupt kein Verbrechen, wenn man sie klar kennzeichnet. Ich will daher von den Lieblingsliedern des Jahres sprechen. Und ehrlich gesagt tue ich mir auch mit Reihungen schwer. Was qualifiziert einen Song auf Platz 8 und nicht auf Nummer 7 gesetzt zu werden? Zugegeben, das Erstellen von Listen ist ein netter Zeitvertreib, sofern man Reihungen nicht tierisch ernst nimmt. Hier nun also jene 30 Songs, die uns 2017 auf die eine oder andere Weise ganz besonders erfreut haben. Um eine gewisse Vielfalt abzubilden, habe ich mich mit einer Ausnahme auf einen Track pro Musiker(in) oder Band beschränkt. Es wäre sonst eine Liste, bei der Lana Del Rey zu sehr dominieren würde…

1. Lana Del Rey – God Bless America – And All The Beautiful Women In It (Review) [USA]

2. Principe Valiente – Wildest Flowers (Review) [Schweden]

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Liebe auf den ersten Blick – Postcards

Aus welchem pittoresken US-College-Städtchen ist im Twee und Dream-Pop angesiedelte Musik der Band Postcards ausgebüxt? Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das Quartett im Mittleren Westen oder irgendwo in New England lokalisieren. Weit gefehlt! Sehr weit. Die Postcards kommen aus dem Libanon. Genauer gesagt aus Beirut, einer der spannendsten Metropolen des Nahen Ostens. Songwriting und Vortrag lassen das jedoch in keinster Weise erkennen. Vielleicht unterschätze ich ja, wie sehr die Generation der Millennials – nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit dem Internet – bereits jedwede bemühte Nachahmung abgelegt hat. Musikalische Genres haben längst schon nationale Grenzen, Kulturräume oder Stereotype wie den Begriff der westlichen Welt überwunden, sprießen überall. Mal mit lokalen Einflüssen gespickt, mal völlig ohne geographische Verortung.

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