Schatzkästchen 106: Jonas Carping – Redemption Road

Redemption, zu Deutsch Erlösung, ist ein mächtiges Wort, das existenzielle Geschütze auffährt. Es setzt ein Ringen mit inneren Dämonen voraus, widmet sich einer von Umwegen und Sackgassen geprägten Suche nach Wahrhaftigkeit. Wer für sich in Anspruch nimmt, nach Erlösung zu trachten, sollte schon die eine oder andere Schramme im Leben vorzuweisen haben. Kurzum, man braucht eine gewisse Statur, dieses Wort glaubwürdig in den Mund zu nehmen. Dem schwedischen Charakterkopf Jonas Carping freilich nehme ich einen Song namens Redemption Road ohne mit der Wimper zu zucken ab. Sein wirklich überwältigendes Cocktails & Gasoline war für mich eines der besten Alben des Jahres 2015. „Carping schlüpft in die Rolle gescheiterter Existenzen, belässt diesen aber nicht nur die Würde, er pocht sogar auf selbige, während sie letztlich am Abgrund stehen.“ habe ich das Werk damals zusammengefasst. Und genau am tiefsten Punkt jener Abgründen kommt Erlösung zu Tragen, steigt sie gleich einem Phönix aus der Asche der Seelenpein.  Weiterlesen

Buch der Erinnerungen – Manic Street Preachers

Anfang letzten Monats hatte ich mit den unverwüstlichen James über eine jener Bands geschrieben, die in Großbritannien lange schon auch kommerziell erfolgreich sind und auch nach Dekaden im Musikgeschäft noch immer künstlerisch wertvolle Musik machen. Das Gleiche lässt sich auch über die Manic Street Preachers sagen. Selbst zu ihren Glanzzeiten, in denen sie sowohl bei den Singles als auch bei den Alben die britischen Charts anführten, waren James Dean Bradfield, Nicky Wire und Sean Moore in Deutschland unter ferner liefen. Selbst einer der ganz großen Songs des Britpop, If You Tolerate This Your Children Will Be Next aus dem Jahre 1998, war in Deutschland nie ein Gassenhauer. In Deutschland, so das Fazit, werden die Manic Street Preachers mit ihren fast fünzig Lenzen wohl nicht mehr in den Olymp der Stars aufsteigen. Auch nicht mit ihrem jüngsten Werk Resistance Is Futile. Das ist so bedauerlich wie wohl unabänderlich. An der Güte der Musik liegt es nicht. Das neue Album entpuppt sich als klassisches, fein melodisches Rockalbum. Bradfield und Konsorten versuchen erst gar nicht, den neuesten Trends im Indie-Rock hinterherzuhecheln, sie verlassen sich schlicht darauf, dass ihr kräftiger Vortrag und kompakter Sound auch 2018 ein Publikum finden. Zu Recht!

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Schlaglicht 87: Scenic Route to Alaska

Was wurde eigentlich aus Brian Molkos jüngerem Bruder, nachdem er vor Jahren irgendwo in der nordamerikanischen Prärie ausgesetzt wurde? Er wuchs unter dem Namen Trevor Mann auf, hat sich letztlich auch der Musik verschrieben und ist Sänger des Trios Scenic Route to Alaska. Die Band aus dem kanadischen Edmonton hat vor wenigen Wochen mit Tough Luck ein gelungenes Album voll hemdsärmeligem Indie-Rock in bester Siebziger-Manier veröffentlicht. Das kanadische Magazin Exclaim! trifft mit seiner Einschätzung „catchy riffs cascade across its runtime without relent, erupting out of rustic pop-stompers and rock sing-alongs with equal aplomb“ den Nagel auf den Kopf. Tough Luck tönt ungemein eingängig und mitreißend, klingt oft eher nach einem gut abgehangenem Stück Musikgeschichte als nach einer nostalgischer Hommage. Die zehn Tracks sind wie aus einem Guss, textlich geht es vielfach um das unstete Leben auf Tour. Die Zeilen „Starting to pass me by/ Early mornings, sleepless nights and red-eye flights/ Only thing changing, where I sleep at night/ Starting to pass me by/ And all the lonely hearts/ Gather ‚round and start joining hands/ The cards get dealt out and I’m all in/ Is this how it is?“ fangen das Dasein on the road hervorragend ein. Besagte Lyrics sind dem Opener How It Feels entnommen, in knapp vier Minuten verdichtet sich der gesamte Charme des Album. Manns charismatischer Gesang ist dem Southern Rock verbunden, auch ein wenig Glam-Rock-Flair schimmert durch, dazu gesellen sich schmissige Riffs. Der robuste, kernige Sound der Strophen geht in einem melodisch-schwelgerischen Refrain auf, den Mann mit viel Schmelz darreicht. Was am Opener imponiert, gilt natürlich auch für die nachfolgenden Tracks. Ghost Of Love etwa ist ein weiteres Highlight, bei dem es fast unmöglich fällt, nicht aus vollster Kehle mitzuträllern. Solch rustikalen Hymnen entkommt man nicht! Auch das getragenere Lonely Nights und das herb-rockige Slow Down gehören zu den besonderen Momenten des Werks. Spätestens bei We Don’t Let It ist man aber endgültig versucht, das Album als Best-of einer bereits einige Jahre auf dem Buckel zählenden Bandkarriere zu werten. We Don’t Let It entpuppt sich als Song für die ganz große Bühne, bei dem die Zuhörer vor lauter Schunkeln und geschwenkten Smartphones in Verzückung vergehen. Angesichts solcher Tracks verwundert es einigermaßen, dass Scenic Route to Alaska nicht schon längst die Charts stürmen.

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ITEOTWAWKI (II): She Keeps Bees – Head Of Steak

Eigentlich wollte ich gerade 2017 gesellschaftlich und politisch relevante Klänge unter dem Motto „It’s the end of the world as we know it“ ausgiebig beleuchten. Aber so sehr ich mir auch künstlerische Aufarbeitung des gegenwärtigen Irrsinns wünsche, so denke ich mir zugleich, dass es Momente braucht, in denen Terror, Krieg und Trump keine Rolle spielen. Können wir uns jedoch in Zukunft noch einen gesunden Eskapismus leisten? Wenn der ansteigende Meeresspiegel Küsten unbewohnbar macht, wenn vermüllte Ozeane und anhaltende Luftverschmutzung alles Leben bedrohen, kaum wiedergutzumachende Eingriffe in die Natur unsere Lebensqualität massiv beeinträchtigen? Und da wären wir wieder bei Trump und seinem Irrsinn, ein ohnehin dürftiges Klimaabkommen aus purem Trotz aufzukündigen. Musik und das, was uns die Nachrichten tagtäglich präsentieren, finden nicht in Paralleluniversen statt. Und deshalb möchte ich heute den Track Head Of Steak von She Keeps Bees vorstellen. Mastermind Jessica Larrabee hat bereits mit dem 2014 veröffentlichten Album Eight Houses zu imponieren gewusst, eine neue Platte soll Anfang nächsten Jahres erscheinen. Aber anscheinend brennen ihr die Vorgänge in den USA momentan gewaltig auf der Seele, weshalb es im August eine Charity-Single geben wird, deren Erlöse den Organisationen Planned Parenthood und Earth Justice gespendet werden. Angesichts von Trumps Plänen, die Gesundheitsversorgung für Millionen von US-BürgerInnen zu kappen und fossile Energie wieder zu fördern, braucht es NGOs, die diesem Irrsinn etwas entgegensetzen. Die B-Seite der besagten Single ist dieser Tage bereits streambar und nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit Zeilen wie“It’s not a joke/ He aims to knock us over/ With his gall, his girth, his greed, his lawyers/ Lay it out, wrinkled suit, long ass tie/ Scotch tape on both sides/ Nowhere to hide/ From the emperor with no clothes on/ Walking around, bare ass in a crown/ Head of steak, you deal in snake oil/ Poison our water for a fucking dollar“ wird Trump heftig und deftig attackiert. So tönt der Zorn einer Gerechten, die sich mit einer skrupellosen und liederlichen Politik schlicht nicht abfinden will. Die es einfach nicht erträgt, dass Wahrheit relativiert und ideologisch gesponnen wird. Kritik an Trump und seinen windigen Spießgesellen richtet sich nicht bloß gegen eine Weltanschauung, sie ist das verzweifelte Pochen auf Gesetz und Moral. Es geht längst nicht mehr um das ewige Katz-und-Maus-Spiel zwischen konservativen und progressiven Kräften, es dreht sich vielmehr um die Verteidigung eines Mindestmaßes an Redlichkeit.

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Musikvideo: Kasabian – You’re In Love With A Psycho

Dank sozialer Netzwerke kann man heutzutage Launen und Gemütslagen jederzeit mit der ganzen Welt teilen. Daran ist nichts weiter auszusetzen. Problematisch jedoch wird es, wenn die eigene Befindlichkeit zur alleinigen Argumentationsgrundlage wird. Wenn man also etwas furchtbar findet, weil man sich beleidigt sieht. Es wird in diesem Fall nicht nach der Intention des Tuns geforscht, es zählt ausschließlich die Wirkung am eigenen Leib. Das zeugt schon von Empathielosigkeit. Dass viele Menschen sich daraus einen Sport machen, die Weiten des Internets nach vermeintlich anstößigen Dingen zu durchforsten, die sie zusammen mit Gleichgesinnten als verletzend wahrnehmen können, schlägt dem Fass den Boden aus. Einen solchen Shitstorm hat vergangene Woche auch die britische Formation Kasabian erlebt, als sie das Video zum Song You’re In Love With A Psycho präsentierte. Ein britischer Interessenverband namens Time to Change stieß sich nicht nur an der Verwendung des Wortes Psycho, darüber hinaus fand man auch den Inhalt des Clips äußerst unpassend. Time to Change möchte der Diskriminierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen den Kampf ansagen, versucht die öffentliche Wahrnehmung zu verändern. Prinzipiell löblich, aber nicht wirklich zielführend, wenn man vor lauter Verbissenheit jeglichen Sinn für Humor verliert. Denn Kasabians Parodie auf den Alltag in einer Irrenanstalt steht fraglos in der Tradition von Einer flog übers Kuckucksnest. Die Albernheit, die dem Schaffen der Jungs aus Leicester oft innewohnt, ist selbstironisch zu verstehen. Kasabian persiflieren gekonnt ihr Rockstar-Image. Ihr Faible für sehr schräge Inszenierung macht sie zu absoluten Sympathieträgern.

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Schatzkästchen 64: Manic Street Preachers – Together Stronger (C’mon Wales)

Fußballhymnen, da müssen wir nicht drüber diskutieren, sind überwiegend nur mit einem gewissen Alkoholpegel zu ertragen. Warum der Fußball sich so oft mit Tussis aus dem Pop oder Fuzzis des Schlagers zusammentut, bleibt ein ewiges Geheimnis. So wird ja der deutsche WM-Triumph 2014 bis heute davon überschattet, dass auf der Siegesfeier Helene Fischer durch die Landschaft hopste. Mit dem mit Makel behafteten Geschmack der breiten Masse sind mickrige Fußballlieder nicht völlig zu erklären, denn es gäbe genug erstklassige Musiker, die auch die Charts anführen. Das kleine, kleine Wales jedenfalls geht mit gutem Beispiel voran! Die großen Manic Street Preachers haben ihrer Heimat mit Together Stronger (C’mon Wales) einen WM-Song spendiert, dessen Refrain sich nicht erst nach einigen Pints zum Mitsingen eignet. Die Hymne lässt das knappe Scheitern in vergangenen EM-Qualifikationen Revue passieren, Fernsehkommentare früherer Tage vermitteln einstige Enttäuschungen. Gerade aus solch herzzerreißender Erinnerung erwächst aber eine ausgesprochen liebenswerte Euphorie über die erstmalige Teilnahme an einer Europameisterschaft. Der Song gerät zu einer rührenden Liebeserklärung ans Team rund um seinen Superstar Gareth Bale. Together Stronger (C’mon Wales) wirkt so selbstverständlich eingängig und sympathisch, dass man sich am Kopf kratzt und darüber wundert, warum nicht mehr Länder ihren Teams eine tolle Hymne spendieren. Die Antwort ist einfach.  Weiterlesen

Stream: The Cave Singers – Christmas Night

Eines der höchst gelungenen Folkalben des Jahres 2015 war das Debüt des Duos Kodiak Deathbeds, über das ich hier bereits schon einiges zu sagen hatte. Derek Fudesco, seines Zeichens umtriebiger Gitarrist, ist aber auch bei The Cave Singers mit von der Partie. Die in der Indie-Szene gut beleumundete Band aus Seattle hat vor einigen Wochen ein neues Album names Banshee angekündigt, das für Februar 2016 avisiert ist. Und eine Kostprobe davon ist mit dem Song Christmas Night bereits als Stream erhältlich. Das Lied erfreut als mit Garage-Elementen und Americana durchsetzter Rock. Auch wenn ich beim Gesang mit gewissen Verständnisproblemen zu kämpfen habe, scheint der Christmas Night vor allem mit dem Versuch beschäftigt, das Leben zu verändern, ja gar umzukrempeln. Ob aber ausgerechnet Weihnachten dazu taugt, wage ich freilich zu bezweifeln.  Weiterlesen

Stream: The Drabs – Here Comes the Joy

Die im sonnigen Kalifornien beheimatete Band The Drabs hat sich laut Eigendefinition dem Slack Rock verschrieben. Und tatsächlich bietet die weihnachtliche EP Here Comes the Joy lässigen, den Siebzigern und Achtzigern verschriebenen Rock. Das auffälligste Merkmal ist der öfters fast ins Sprechen abgleitende Gesang von Frontmann David Bernat. Here Comes the Joy bezieht seinen Charme aus seinem bewusst altmodischen, straighten Zuschnitt. Da wäre beispielsweise das schmissige Santa’s Got Toys, welches ausgiebig darüber lamentiert, dass sämtliche Spielzeuge kaputt oder verloren gegangen sind („That kite just vanished in the air/ I checked the bag but there’s no marbles in there/ My superball bounced right outta town/ None of these hula hoops are still round„), sodass kein Zweifel daran besteht, dass Santa tief in seinen Sack greifen muss.  Weiterlesen

Ein Album, mit dem man Pferde stehlen kann – Stereophonics

Kritikerlieblinge werden die Stereophonics in diesem Leben wohl nicht mehr. Aber auf diese Rolle schielen sie sicher auch nicht. Die Stereophonics machen Pop-Rock für die Massen, bescheren launige Alben, mit denen sich gut Pferde stehlen lassen. Die Waliser pflegen ohnehin nie das typische Stargehabe, sie gleichen mehr Kumpels von nebenan, die oft eine gute Idee, eine Aufmunterung im Köcher haben. Zugegeben, Frontmann Kelly Jones ist kein musikalisches Genie vom Schlage eines Noel Gallaghers, kein Posterboy des Alternativen wie Thom Yorke, kein Charismatiker im Stile eines Brian Molko und schon gar keine einschüchternde, exzentrische Erscheinung wie etwa Sergio Pizzorno. Und trotz dieser vermeintlichen Eigenschaftslosigkeit sind die Stereophonics eine feste Größe – vor allem auf der Insel. Auch beim neuen Album Keep The Village Alive müsste es eigentlich mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht den einen oder anderen Song darauf findet, der in Alltag oder Freizeit das Herz höherschlagen lässt.

Als heißer Anwärter auf hunderte Hördurchläufe erweist sich die Pub-Rock-Hymne C’est la Vie. Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! Launigeres als C’est la Vie wird man 2015 kaum finden. Auch wenn Drowned In Sound es mit den Worten „It’s crap. Really crap.“ bedenkt. Mindestens ebenso erfreulich erschallt in meinen Ohren White Lies, über dessen unverwüstlichen Charme ich ein wenig gegrübelt habe, ehe ich vom Clash Magazine endlich erleuchtet wurde. Selbiges versucht sich mit dem Vergleich „Bon Jovi covering U2“ an der Lästerei – und trifft dabei versehentlich den Nagel auf den Kopf. Und zwar im positiven Sinne.  Weiterlesen

Famose griechische Slacker-Hippie-Rebellen – The Noise Figures

Es gibt nichts, was es nicht gibt! Beispielsweise famosen psychedelischen Desert-Garage aus Griechenland! Das Duo The Noise Figures macht ihren abgetakelten Van startklar, klappert und holpert über die sandigen bis schottrigen Nebenstraßen dieser Welt, nimmt uns mit auf eine dreckige Zeitreise durch die späten Sechziger und frühen Siebziger. Aphelion ist ein Album, das die Vergangenheit nicht einfach imitiert, sondern sie ohne spleenige Verklärungen oder ironische Brechungen beinahe wiederauferstehen lässt. Wer der urtümlichen Kraft von Rock verfallen ist, wird von Aphelion schlicht begeistert sein! Allerdings sorgt die Herkunft des Duos für im Rock eher ungewöhnliche Untertöne.

2012 haben sich die Jugendfreude George Nikas und Stamos Bamparis zusammengetan und in der Musik ein Mittel zur Bewältigung der tristen Krise im Lande gefunden. Dennoch frönt die Platte keinem reinen Eskapismus zu. Das in Musik und Text gewählte Außenseitertum bietet sowohl die Scheißegal-Attitüde von Slacker-Hippies als auch reichlich rebellisches Außenseitertum.  Weiterlesen