Wundertüte von einer Rockoper – His Name Is Alive

Wenn ich den Inhalt von Tecuciztecatl richtig begriffen habe, dreht sich die Geschichte um eine junge Frau, der bei einer Ultraschall-Untersuchung mitgeteilt wird, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Statt Freude kommt jedoch Entsetzen auf, weil ein Zwilling wohl abgrundtief böse scheint. Die Frau wendet sich daraufhin an einen Bibliothekar, der sich nebenbei als Dämonenjäger verdingt. Zusammen mit ihm versucht sie, den bösen Embryo in ihrem Bauch zu töten, ohne dabei dem anderen Kind Schaden zuzufügen. Klingt wie aus einem billigen Horror-Trash-Movie entsprungen? Das ist zweifelsohne so beabsichtigt. Tecuciztecatl will eine psychedelische Rockoper sein, die den Hörer irritiert und fesselt. His Name Is Alive, das schon seit 25 Jahren bestehende Projekt von Mastermind Warren Defever, hat sich in all den Jahren vorwiegend in der Indie-Nische versteckt und der Unberechenbarkeit gefrönt. His Name Is Alive ist eigentlich eine Misserfolgsgeschichte, weil die unzähligen Sängerinnen der Band, die immer wechselnden stilistischen Ausrichtungen jedwede Wiedererkennung stets torpedierten. Defever war und ist ein einfallsreicher Kopf, der seinem Schaffen jedoch nie ein Mindestmaß an Kohärenz einzuhauchen vermochte.

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Geerdeter Nonkonformismus – Federal Lights

Heute sei der kanadischen Formation Federal Lights ein Ohr geliehen, die Roots Music mal mit Pop und dann wieder mit Rock verquickt und daraus ein ansehnliches Debüt namens We Were Found In The Fog strickt. Bei Folk und Americana existieren ja unter anderem zwei sehr beliebte Zugänge. Entweder man zieht sich in die Einöde zurück, um im Schoß der Wildnis über das Sein der Dinge zu grübeln. Dann klingt der Folk getragen und der Selbsterkenntnis verpflichtet. Oder aber man fabriziert Wohlfühlklänge, die zum Schunkeln einladen und das Flanell gehörig ins Schwitzen bringen. Die Federal Lights rund um Mastermind Jean-Guy Roy versuchen das Beste aus beiden Temperamenten mit angenehm eingängigen Pop-Rock zu kombinieren. Als Resultat steht eine radiowonnige Platte mit ungewohnter Authentizität zu Buche.

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Wie Phönix aus der Asche – Strand of Oaks

Wenn ich die Biografie Timothy Showalters richtig deute, hat er unter dem Projektnamen Strand of Oaks bereits so manche in den Genres Folk und Americana beheimatete Platten veröffentlicht. Und dann kam eine persönliche Lebenskrise, eine Phase der Unzufriedenheit. Das Schreiben von Songs geriet zur Ka­thar­sis, an deren Ende nun die Veröffentlichung eines sinnigerweise HEAL benannten Werks steht. Dieses offenbart sich als Vintage-Rock-Album, das in vielerlei Hinsicht an das vor wenigen Monaten veröffentlichte, famose Lost In The Dream von The War On Drugs erinnert. Beide Platten sind bei verschwisterten Labels (Dead Oceans und Secretly Canadian) erschienen, das jedoch mag Zufall sein. HEAL stellt sich als kraftvolle musikalische Neuorientierung dar, welche von Stadion-Rock bis hin zu balladeskem Rock reicht. Mal dominiert ein kerniger, urtümlicher Gitarrensound, dann wieder Synthies samt Flair der Achtziger. Der Pressetext fasst die Chose folgerichtig so zusammen: „HEAL is a bold new beginning, with a thrilling full-tilt sound that draws on Showalter’s love of ’70s, ’80s and ’90s rock and pop, with the singer and guitarist playing the intense valedictory confessor.“

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Photo Credit: Dusdin Condren

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Die Jungs aus Leicester – Kasabian

Es existiert diese Demut und Bescheidenheit vorgaukelnde Phrase, wonach man sich noch ganz genau entsinnen könne, woher man komme. Das sagen gerne diejenigen, die bescheidenen Verhältnissen entstammen und es zu Ruhm und Ehre in der großen weiten Welt gebracht haben. Solch Menschen wollen zum Ausdruck bringen, dass sie den Aufstieg in elitäre Sphären aus eigener Kraft geschafft haben. Die britische Formation Kasabian kann sich nicht mit solch Worten schmücken. Sie ist noch immer die Band aus Leicester, einer nicht eben als musikalisches Zentrum verschrienen Stadt in Mittelengland. Die Mitglieder von Kasabian sind bei ihren Wurzeln geblieben, müssen somit nicht im Gedächtnis kramen, um sich ihre Ursprünge zu vergegenwärtigen. Die Gruppe um Sänger Tom Meighan und Songwriter Sergio Pizzorno ist auf der Insel mittlerweile eine feste Größe, besitzt Headliner-Qualitäten bei den größten Festivals. Kasabian hat in den vergangenen 10 Jahren von Leicester aus das Rockstartum kultiviert. Doch so erfolgreich sich die Formation auch in Großbritannien präsentiert, so wenig wird sie in Deutschland wahrgenommen. Hierzulande denkt man noch immer an permanente Minderleister wie Coldplay, wenn man erfolgreiche britische Acts nennen soll. Dabei ist Kasabian eine Entdeckung wert, weil mit jedem Album neue Qualitäten lässig unters Volk gestreut werden, während Coldplay der Arsch doch längst auf Grundeis gegangen ist und sich Chris Martin und Co. nur noch als Besitzstandswahrer verdingen. Meighan, Pizzorno und Konsorten dagegen sind die mit den Eiern in der Hose, wie auch die neue Platte 48:13 belegt.

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Photo Credit: Charlie Gray

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Kaffeekränzchen im inneren Ich – The War On Drugs

Wenn man ganz tief in sich geht und dort Besuch vorfindet, darf man zunächst vielleicht durchaus mit der Wimper zucken. Wenn das innere Ich jedoch gerade ein Kaffeekränzchen mit den Lichtgestalten der Musikgeschichte abhält, dann sollte man sich unbedingt hinzugesellen und staunenden Ohrs das Notizbuch zücken. So zumindest hat es Adam Granduciel gemacht. Der Kopf der US-Band The War On Drugs hat wohl seit Jahr und Tag den einen oder anderen Gast, der ihm so durchs Hirn geistert. Ein Bruce Springsteen scheint mittlerweile bereits zum Inventar zu gehören. Dass sich nun aber auch ein Mark Knopfler, Tom Petty und – weltexklusiv – die Dylansche Artikulationslegasthenie zu Kaffee und Kuchen einfinden, mag Granduciel vielleicht überrascht, sicher aber inspiriert haben. Das neue Album Lost In The Dream fegt das wirklich gute Vorgängerwerk Slave Ambient völlig vom Tapet, Lost In The Dream gerät dank all der Einflüsterungen besagter Heroen zur famosen, erinnerungswürdigen Platte. Denn Granduciel kennt zwar seine Pappenheimer, ein schnöder Kopist ist er freilich nie.

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Photo Credit: Dusdin Condren

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Lauschrausch LI: Tiny Fingers

Heute möchte ich ohne Umschweife einen deftigen Track empfehlen, der uns dieser Tage ins E-Mail-Postfach gerauscht ist. Nachdem wir in letzter Zeit viele Singer-Songwriter und auch die eine oder andere gehobene Pop-Kapelle auf dem Blog erwähnt haben, tut es auch mal gut, kernig jaulenden Rock um die Ohren gehauen zu bekommen. Die mir bislang unbekannte Formation Tiny Fingers stammt aus dem in musikalischer Hinsicht durchaus exotischen Israel, Ende April wird ihr Album Megafauna hierzulande veröffentlicht. Der Vorgeschmack Demands verspricht in seiner Wuchtigkeit so einiges. Laut Pressetext kombiniert die Band „die ungezügelte Intensität von Rockmusik mit dem Rausch von Electro-Raves“. Tja, wenn Raves tatsächlich dermaßen herb ablaufen, dann würde ich mich doch glatt noch auf selbige verirren. Doch mit welchen Genreetikett soll man nun Demands schmücken? Tiny Fingers nennen ihren Sound „Atomic Rock“. Verbirgt sich dahinter vielleicht Post-Rock? Trifft es psychedelischer Rock mit Verve besser?  Weiterlesen

Lauschrausch XXXVII: Hailer

Als ich unlängst über die australische Band Hailer gestolpert bin, wurde ich ein bisschen nostalgisch. Wo ist er hin, der gute alte Alternative Rock á la R.E.M.? Warum ist die Unmittelbarkeit des College Rocks heutzutage aus der Mode gekommen? Mir fehlt oft ein verkrachter, zugleich herzlicher Gitarrensound, der sympathisch-hymnisch durch die Boxen schwappt. Wenn ich mir das Hailers Album Another Way so anhöre, dann erinnert die Band in ihren stärksten Momenten durchaus an diese gute alte Zeit. Der (in obigem Widget als kostenloser Download erhältliche) Track Postcard etwa ist richtiggehend mitreißend, unbeschwert rockend, Spooky Claims dagegen wirkt düster, flackert wie Rauchschwaden durch eine verratzte Bar. Auch Holding Hands ist ein Song, der gute Laune macht. Es sind nur Kleinigkeiten, welche den guten Eindruck von Another Way trüben. Produktionstechnisch wirkt die Platte ein wenig sehr DIY, fast schon ins Mono abgleitend. Bisweilen streuen Hailer auch eher unauffällige Tracks mit ordentlich Luft nach oben ein, ein wenig mehr Konsistenz hätte dem Album nicht geschadet. Doch je öfter man sich den Song Postcard anhört, desto eher ist man gewillt, den Australiern sehr ordentliches Potential zu bescheinigen. Dieses Lied taugt definitiv für eine Lauschrausch!

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Kein Rückzug aufs Altenteil – Beady Eye

Oasis haben immer und stets an einem Minderwertigkeitskomplex gelitten. Die Gebrüder Gallagher konnten es selbst am Höhepunkt des Erfolges nicht verwinden, dass nicht sie die Musik erfunden haben und es Jahrzehnte zuvor bereits eine Band namens The Beatles gegeben hat. Aus dieser Mulmigkeit heraus mussten sich Oasis immer größer als das Leben geben, Gigantomanie mit flegelhafter Rockstarattitüde unterstreichen. Im Rückblick blieb daher oft der Eindruck hängen, dass die Gallaghers in ihrer kranken zwischenbrüderlichen Chemie eher legitime Erben von The Three Stooges waren, sich nur ab und an nebenberuflich als Beatles-Epigonen betätigten. Derart haben es sich Oasis über kurz oder lang mit Presse, Fans und der ganzen Welt verscherzt. Ihr mit Methode vorgebrachter Wahn hat den Fokus von ihren Songs genommen. Dabei haben Oasis Lieder aufgenommen, die in ihrer Genialität keinen Vergleich scheuen müssen. Keinen. Nun sind Oasis (vorerst) Geschichte und Liam Gallagher versucht mit seiner Band Beady Eye einen neuen Mythos zu kreieren. Sein Album BE verkennt somit einmal mehr Realitäten – und wird vielleicht deshalb auch verkannt.

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Free Christmas Compilation: PASTE HOLIDAY SAMPLER 2012

Es ist mir eine besonders große Freude, diese kostenlose Christmas Songs Compilation vorzustellen, sind doch unsere Lieblinge die Great Lake Swimmers mit dabei. Viele der Künstler, die ihr auf dem Holiday Sampler findet, waren schon in den Vorjahren in unserem Klingenden Adventskalender vertreten. Wie ihr wisst, dreht sich im Dezember hier auf unserem Musikblog (fast) alles um die schönsten neuen Weihnachtslieder, die die Pop/Rock-und Folk-Musiker und Labels gratis verteilen, das jährliche Geschenk des Paste Magazins ist uns immer eine ganz besondere Freude.

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Hier wird wahrhaftig Dreck gefressen – We Are Augustines

Wenn sich Außenseiter gegen ihr Scheitern aufbäumen, zählt das fraglos zu den spannenderen, mitfühlenden Geschichten, die es zu erzählen lohnt. Vor allem wenn man es nicht mit in philosophischen Elfenbeitürmen eingekerkerten Eremiten zu tun hat. Existenzialisitsches Nasebohren wirkt langweilig. Oft werden Eigenbrötler zu unverstandenen Heiligen verklärt, ein verkitschtes Paradies in all die vermeintlich tristen Unterschichtsgefilde platziert. Die New Yorker Band We Are Augustines stilisiert ihre Schicksalsträger nicht zu besseren Menschen hoch, macht aus an der Welt verzagten Zeitgenossen keine mitleidheischenden Opfer oder gar verkannte Genies. Das Album Rise Ye Sunken Ships hegt und pflegt einen Attitüde, die auf Schöngeistereien verzichtet, eher im Blue-Collar-Millieu angesiedelt ist. Bruce Springsteen lässt grüßen.

Wo Rockmusik den Ausgestoßenen in die große Freiheit fortschickt, sind Springsteen’sche Protagonisten meist auf der Flucht – vor den eigenen Träumen, vor allerlei desillusionierenden Alltäglichkeiten, vor dem eigenen Untergang. We Are Augustines fehlt es manchmal an lyrischer Wucht, ihr Ringen und Sehnen entwickelt jedoch oft eine lebensnahe Dynamik, von der sich viele College-Bubi-Bands mehr als nur eine Scheibe abschneiden sollten. Könnte die Bitterkeit des Verlierers tatenloser ausfallen als in der Szenerie von Chapel Song, wenn er während einer Hochzeitszeremonie sein Mädchen mit einem Anderen vor den Altar treten sieht? Headlong Into the Abyss beschreibt die Spritztour in einem gestohlenen Auto, den Nervenkitzel und Kick, der jegliche Konsequenzen negiert. Freiheit und Ekstase auf Zeit. Mit Book Of James erreicht die Band ihren Zenit. In diesem Song erzählt Sänger Bill McCarthy von der psychischen Erkrankung seines Bruders, die letztlich zu dessen Freitod führte. Zeilen wie “Guess you’re either headin’ somewhere or endin’ up somewhere/ I tried the bible, I tried the bottle, I tried the needle, I tried to love people/ In the end there ain’t nothing to say” sind ein galliger Drops, an dem man sich verschluckt, der im Halse stecken bleibt. Hier fehlt jegliche Paria-Romantik, das Lied mündet schließlich in unpathetisch lapidarer Vergebung. Juarez ist aus ähnlichem Holz geschnitzt, eine im salbungsvollen Refrain aufschwellende Hymne des Aufbruchs, welche die verbrannte Erde hinter sich lässt. We Are Augustines packen die Schicksale mit Vorliebe in einen kräftigen Rock-Sound, der sich schiere Betroffenheit verbietet, dennoch zu Emotionen drängt. Dessen Beschaffenheit vorwiegend ohne ausladende Gesten für große Bühnen taugt (New Drink For The Old Drunk).

Wie McCarthy seinem Bruder im Song Patton State Hospital die helfende Hand hinstreckt, solch ein Augenblick beinhaltet eine kämpferische und zugleich ohnmächtige Komponente. We Are Augustines lassen ihre Anti-Helden nie an den Banalitäten des Seins scheitern. Hier wird wahrhaftig Dreck gefressen, schwer bezwingbaren Dämonen getrotzt, Elend nie schöngefärbt. Dadurch gerät Rise Ye Sunken Ships zu einem konsequenten wie dezenten Befreiungsschlag, der sich nicht gegen den Hörer wendet, ihn keineswegs in eine Finsternis boxt. Die Platte versinkt nie in einem Tal der Tränen, obwohl sie tief in Abgründe blickt. Die geschilderten Außenseiter wirken vielleicht sogar vertrauter, als wir uns das wünschen würden.  Nicht zuletzt deshalb sollte man an dem Album nicht vorbeigehen.

Rise Ye Sunken Ships erscheint am 05.03.2012 auf Oxcart.

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